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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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In den letzten Tagen des August erhielten die Rostows einen zweiten Brief von Nikolaj. Er schrieb aus dem Gouvernement Woronesch, wohin er geschickt worden war, um Remonten auszuheben. Dieser Brief beruhigte die Gräfin nicht. Wenn sie jetzt auch den einen Sohn außer Gefahr wußte, so zitterte sie nur um so heftiger für Petja.

Obgleich die meisten Bekannten der Familie Rostow die Stadt schon vor dem 20. August verlassen und alle der Gräfin zugeredet hatten, so bald wie möglich abzufahren, so wollte sie doch nichts von einer Abreise hören, solange nicht ihr ein und alles, ihr vergötterter Petja, zurückgekehrt sei.

Am 28. August traf Petja ein. Die krankhaft leidenschaftliche Zärtlichkeit, mit der ihn die Mutter empfing, gefiel dem sechzehnjährigen Offizier ganz und gar nicht. Obgleich sie ihre Absicht, ihn nun nicht wieder aus ihren Fittichen zu lassen, vor ihm geheimhielt, durchschaute Petja ihre Hintergedanken doch und fürchtete instinktiv, daß er durch die Mutter verzärtelt und – wie er es in Gedanken nannte – zum alten Weibe gemacht werde. Deshalb behandelte er sie kühl, wich ihr aus und hielt sich während seines Aufenthaltes in Moskau ausschließlich an Natascha, für die er schon immer eine besondere, fast verliebte brüderliche Zärtlichkeit empfunden hatte.

Infolge der gewohnten Sorglosigkeit des Grafen war am 28. August noch nichts zur Abreise bereit, und die Fuhrwerke aus den Gütern bei Rjasan und bei Moskau, die alle Habe aus dem Haus fortschaffen sollten, trafen erst am 30. ein.

Vom 28. bis zum 30. August befand sich ganz Moskau in Unruhe und geschäftiger Bewegung. Durch das Dorogomilowtor wurden täglich Tausende von Verwundeten aus der Schlacht von Borodino nach Moskau hereingefahren und auf die Häuser verteilt, während aus den anderen Toren Tausende von Fuhren mit Einwohnern und ihrer Habe hinausrollten.

Trotz der Flugblätter Rastoptschins, unabhängig davon oder auch als ihre Folge liefen die sonderbarsten, sich widersprechenden Gerüchte durch die Stadt. Der eine sagte, niemand mehr dürfe wegfahren, ein anderer erzählte, alle Heiligenbilder würden aus den Kirchen getragen und alle Einwohner mit Gewalt zur Abreise gezwungen. Einer wollte wissen, daß nach der Schlacht bei Borodino noch eine zweite Schlacht stattgefunden habe, in der die Franzosen geschlagen worden seien, während ein anderer behauptete, daß die ganze russische Armee vernichtet sei. Dieser sprach vom Moskauer Landsturm, der, die Geistlichkeit voran, auf die Drei Berge ziehen werde, jener erzählte im Flüsterton, daß dem Erzbischof Augustin nicht erlaubt worden sei, abzureisen, daß man Verräter aufgegriffen habe, daß die Bauern revoltierten und alle ausraubten, die wegfuhren, und so weiter und so weiter. Doch das erzählte man sich nur, in Wirklichkeit aber fühlten sowohl diejenigen, die wegfuhren, als auch die, welche dablieben, obgleich der Kriegsrat in Fili, auf dem die Preisgabe Moskaus beschlossen wurde, noch nicht stattgefunden hatte, daß Moskau, wenn man es auch nicht offen aussprach, doch unbedingt kapitulieren werde, und daß es deshalb nötig war, sich selber so bald wie möglich in Sicherheit zu bringen und seine Habe zu retten. Man fühlte, daß alles auf einmal anders werden und in Trümmer gehen mußte, doch bis zum 1. September blieb noch alles beim alten. Wie der Verbrecher, der zur Richtstatt geführt wird, weiß, daß er sogleich sterben muß, aber sich doch noch umschaut und die schief aufgesetzte Mütze geraderückt, so fuhr auch Moskau unwillkürlich in seinem Alltagsleben fort, obgleich es wußte, daß sein Untergang, bei dem alle Lebensbedingungen, an die man sich gewöhnt hatte, zusammenstürzen mußten, in allernächster Zeit bevorstand.

Während dieser drei Tage, die der Einnahme Moskaus vorangingen, waren alle Glieder der Familie Rostow mit verschiedenen Sorgen und Arbeiten beschäftigt. Das Haupt der Familie, Graf Ilja Andrejewitsch, fuhr dauernd in der Stadt umher, sammelte die von allen Seiten in Umlauf gesetzten Gerüchte und erteilte zu Hause nur allgemeine, oberflächliche und hastige Befehle für die Vorbereitungen zur Abreise.

Die Gräfin kümmerte sich ab und zu um das Einpacken der Sachen, war mit allem unzufrieden, lief beständig hinter Petja her, der vor ihr ausriß, war eifersüchtig auf Natascha, weil Petja die ganze Zeit bei ihr steckte. Sonja war die einzige, die die Sache praktisch in Angriff nahm: sie half beim Einpacken. Aber sie war in letzter Zeit besonders schwermütig und still gewesen. Nicolas’ Brief, in dem von seinem Zusammentreffen mit Prinzessin Marja die Rede war, hatte der Gräfin in ihrer Gegenwart die freudige Bemerkung entlockt: sie sähe in Nicolas’ Begegnung mit Prinzessin Marja eine Fügung des Himmels.

»Als Bolkonskij Nataschas Bräutigam war«, sagte die Gräfin, »habe ich mich nie so recht darüber gefreut; aber ich habe immer gewünscht und habe auch jetzt noch die Ahnung, daß Nikolenka die Prinzessin heiraten wird. Wie herrlich wäre das!«

Sonja fühlte, daß dies richtig war, daß nur Nikolajs Verheiratung mit einer reichen Frau den Rostowschen Finanzen wieder aufhelfen konnte, und wußte, daß Prinzessin Marja eine gute Partie war.

Obgleich ihr infolgedessen das Herz schwer war, oder vielleicht gerade deshalb, hatte sie die schwierige Aufgabe übernommen, die Sachen auszuwählen und einpacken zu lassen, und war von früh bis abends beschäftigt. Der Graf und die Gräfin wandten sich an sie, wenn sie etwas anzuordnen hatten.

Petja und Natascha dagegen brachten ihren Eltern nicht nur keine Hilfe, sondern störten meist nur und waren allen im Hause im Weg. Den ganzen Tag über hörte man ihr Hin- und Herlaufen, ihr Rufen und grundloses Lachen. Sie lachten und freuten sich nicht, weil sie einen Anlaß dazu hatten, sondern es war ihnen bloß froh und heiter zumute, und deshalb bot ihnen alles, was nur geschehen mochte, Veranlassung zu Heiterkeit und Gelächter. Petja war deshalb so heiter, weil er als Knabe vom Vaterhaus fortgegangen und nun – wie ihm alle sagten – als junger Herr zurückgekehrt war, freute sich, weil er zu Hause und Bjelaja Zerkow entronnen war, wo er keine Aussicht gehabt hatte, bald an einer Schlacht teilnehmen zu können, während in Moskau doch in den nächsten Tagen gekämpft werden mußte, und war hauptsächlich auch deshalb so heiter, weil Natascha lustig war, deren Stimmung er sich immer anpaßte.

Natascha aber war deshalb so froh gestimmt, weil sie zu lange Zeit traurig gewesen war, weil sie jetzt durch nichts an den Grund ihres Kummers erinnert wurde und gesund war. Und dann freute sie sich vor allem darüber, daß sie wieder einmal einen Menschen um sich hatte, der von ihr entzückt war – die Bewunderung anderer war das Öl für die Räder, das sie unumgänglich brauchte, damit sich die Maschine ihres Seins frei bewegen konnte. Und Petja war von ihr entzückt. Die Hauptsache aber, weswegen sie sich beide so freuten, war, daß sich der Krieg jetzt dicht vor Moskau abspielte, daß vor den Toren gekämpft werden und Waffen verteilt werden würden, daß alle davonliefen und irgendwohin fuhren, und daß überhaupt etwas Außergewöhnliches vor sich ging, worüber sich der Mensch immer zu freuen pflegt, besonders wenn er noch jung ist.

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