Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
13
Am Sonnabend, dem 31. August, schien im Hause Rostow das Unterste zuoberst gekehrt zu sein. Alle Türen standen weit offen, alle Möbel waren hinausgetragen oder umgestellt und alle Spiegel und Bilder abgenommen. In den Zimmern standen Kisten mit Heu; Packpapier und Bindfaden lagen herum. Bauern und Hausgesinde, die die Sachen hinaustrugen, gingen mit schweren Schritten über das Parkett. Auf dem Hof standen dicht gedrängt die Bauernwagen; einige waren schon hoch beladen und verschnürt, andere noch leer.
Die Stimmen und Schritte der zahlreichen Dienerschaft und der mit den Fuhren in die Stadt gekommenen Bauern, die einander dieses und jenes zuriefen, hallten durch den Hof und das ganze Haus. Der Graf war am frühen Morgen irgendwohin gefahren. Die Gräfin, die vom Trubel und Lärm Kopfschmerzen bekommen hatte, lag, mit Essigumschlägen auf dem Kopf, im neuen Diwanzimmer. Petja war nicht zu Hause; er war zu einem Kameraden gegangen, mit dem er aus der Landwehr in die aktive Armee überzutreten beabsichtigte. Sonja beaufsichtigte im Saal das Einpacken des Kristalls und Porzellans. Natascha saß in ihrem ausgeräumten Zimmer auf dem Fußboden zwischen durcheinandergeworfenen Kleidern, Bändern und Schärpen und sah starr zu Boden, während sie ein altes Ballkleid in Händen hielt, dasselbe nun schon unmodern gewordene Kleid, in dem sie zum erstenmal in Petersburg auf dem Ball gewesen war.
Sie schämte sich ein bißchen, nichts im Hause zu tun, während alle so beschäftigt waren. Schon vom frühen Morgen an hatte sie versucht, sich an die Arbeit zu machen, aber diese Art der Beschäftigung lag ihr nicht. Sie vermochte und verstand nichts zu unternehmen, wo sie nicht mit ganzem Herzen und allen ihren Kräften dabei war. Sie hatte beim Einpacken des Porzellans hinter Sonja gestanden und ihr helfen wollen, hatte es aber dann bald wieder aufgegeben und war auf ihr Zimmer gegangen, um ihre eignen Sachen in Ordnung zu bringen. Anfänglich hatte es ihr Spaß gemacht, ihre Kleider und Bänder unter die Zimmermädchen zu verteilen, dann aber, als der Rest nun wirklich eingepackt werden mußte, war ihr die Sache wieder langweilig geworden.
»Dunjascha, liebste, beste Dunjascha, du packst doch die Sachen ein, nicht wahr, nicht wahr?« Und als ihr Dunjascha versprochen hatte, alles zu besorgen, hatte sich Natascha auf den Fußboden gesetzt, ihr altes Ballkleid in die Hand genommen und durchaus nicht mehr an das gedacht, was jetzt ihre Gedanken hätte beschäftigen müssen.
Ein plötzliches, lebhaftes Schwatzen der Zofen im anstoßenden Mädchenzimmer und das Geräusch eiliger Schritte nach der Hintertreppe zu weckten Natascha aus ihrer Versunkenheit. Sie stand auf und sah zum Fenster hinaus. Auf der Straße stand ein langer Wagenzug mit Verwundeten.
Die Zofen, die Diener, die Haushälterin, die Kinderfrau, die Köche, die Kutscher, die Reitknechte, die Küchenjungen – sie alle standen am Tor und betrachteten die Verwundeten.
Natascha legte ein weißes Taschentuch übers Haar, hielt es an beiden Zipfeln fest und lief ebenfalls auf die Straße hinunter.
Die frühere Wirtschafterin der Rostows, die alte Mawra Kusminitsdma, trat aus der Menge, die vor dem Tor stand, ging auf einen Bauernwagen mit einer Matte als Verdeck zu und sprach mit dem jungen, bleichen Offizier, der darin lag. Natascha lief ein paar Schritte näher, blieb aber dann schüchtern stehen, indem sie immer noch das Taschentuch über den Kopf hielt, und lauschte auf das, was die Wirtschafterin sagte.
»Sie haben also niemanden hier in Moskau?« fragte Mawra Kusminitschna. »Aber es wäre doch ruhiger für Sie in einem Privathaus … Bleiben Sie doch gleich hier bei uns. Die Herrschaft reist ab.«
»Ich weiß nicht, ob das erlaubt ist«, erwiderte der Offizier mit schwacher Stimme. »Dort ist der Leiter des Transportes, fragen Sie den.« Und er zeigte auf einen dicken Major, der am Zug der Wagen entlang von unten die Straße zurückkam.
Natascha blickte dem verwundeten Offizier mit erschrockenen Augen ins Gesicht und lief gleich auf den Major zu.
»Dürfen von den Verwundeten einige in unserem Hause bleiben?« fragte sie.
Der Major legte lächelnd die Hand an den Mützenschirm.
»Welchen möchten Sie denn gern, Mamsell?« fragte er, kniff die Augen zusammen und lächelte.
Natascha wiederholte ruhig ihre Frage, und ihr Gesicht und ihre ganze Art war, obgleich sie immer noch das Taschentuch an den Zipfeln über ihren Kopf hielt, doch so ernst und bestimmt, daß der Major zu lächeln aufhörte, erst ein wenig nachdachte, als frage er sich, bis zu welchem Grad dies zu ermöglichen sei, ihr aber dann doch eine zustimmende Antwort gab.
»O ja, warum nicht? Das ginge schon«, sagte er.
Natascha nickte leicht und kehrte mit schnellen Schritten zu Mawra Kusminitschna zurück, die neben dem Offizier stehen geblieben war und mit wehleidiger Teilnahme auf ihn einredete.
»Es geht, er hat gesagt, es ginge!« flüsterte Natascha.
Der Offizier in seiner Kibitka bog in den Hof der Rostows ein, und gleich darauf fuhren auf die Einladung der Stadtbewohner hin Dutzende von Wagen mit Verwundeten in die Höfe und Torwege der Nachbarhäuser in der Powarskaja.
Natascha fand an diesen außerhalb der sonstigen Lebensgewohnheiten liegenden Beziehungen zu fremden Menschen sichtliches Vergnügen. Mit Mawra Kusminitschna zusammen bemühte sie sich, möglichst viele Verwundete in ihren Hof aufzunehmen.
»Wir müssen es aber doch dem Papa sagen«, meinte Mawra Kusminitschna.
»Nicht doch, nicht doch. Ist denn nicht alles gleich? Für den einen Tag ziehen wir in den Salon. Unsere Hälfte können wir ihnen überlassen.«
»Aber wo denken Sie hin, gnädiges Fräulein! Auch wenn wir sie im Seitenflügel, in den Fremdenzimmern und Gesindestuben unterbringen, so müssen wir doch auf jeden Fall fragen.«
»Nun, dann frage ich eben.«
Natascha lief ins Haus, schlich auf den Zehen durch die halbgeöffnete Tür ins Diwanzimmer, wo es nach Essig und Hoffmannstropfen roch.
»Schlafen Sie, Mama?«
»Wie könnte ich wohl schlafen?« erwiderte die Gräfin, die soeben eingeschlummert war und nun aufwachte.
»Liebste, beste Mama«, rief Natascha, ließ sich neben der Mutter auf die Knie nieder und näherte ihr Gesicht dem ihrigen. »Seien Sie mir nicht böse, verzeihen Sie, ich will es nicht wieder tun; ich habe Sie geweckt. Mawra Kusminitschna hat mich geschickt, man hat Verwundete gebracht, Offiziere. Sie erlauben es doch? Sie wissen nicht wohin … ich weiß, Sie werden es erlauben …« sagte sie hastig, ohne Atem zu holen.
»Was denn für Offiziere? Wen hat man gebracht? Ich verstehe dich nicht«, sagte die Gräfin.
Natascha lachte, und auch die Gräfin lächelte schwach.
»Ich weiß doch, daß Sie es erlauben … so werde ich es denen auch sagen.«
Und Natascha küßte ihre Mutter, stand auf und lief aus der Tür.
Im Saal stieß sie auf ihren Vater, der mit schlechten Nachrichten nach Hause zurückkehrte.
»Da sind wir nun solange hier sitzengeblieben«, sagte der Graf unwillkürlich ärgerlich. »Und nun ist der Klub geschlossen, und die Polizei rückt ab.«
»Papa, du hast doch nichts dagegen, daß ich Verwundete in unser Haus aufgenommen habe?« fragte ihn Natascha.
»Selbstverständlich, gar nichts«, erwiderte der Graf zerstreut. »Doch das ist Nebensache. Ich bitte mir aus, daß ihr euch jetzt nicht mit solchen Kinkerlitzchen abgebt, sondern beim Einpacken helft, damit wir reisen, reisen, morgen reisen können …«
Denselben Befehl erteilte der Graf dem Haushofmeister und allen seinen Leuten.
Gegen Mittag kehrte auch Petja zurück und erzählte bei Tisch, was er Neues erfahren hatte. Er behauptete, man habe heute im Kreml Waffen an das Volk verteilt, in Rastoptschins Flugblatt sei zwar gesagt, es werde zwei Tage vorher ein Aufruf ergehen, aber es sei doch die feste Bestimmung getroffen worden, daß morgen alles Volk in Waffen auf die Drei Berge ziehen solle, wo dann eine große Schlacht stattfinden werde.