Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Während er dies erzählte, betrachtete die Gräfin mit scheuem Entsetzen das heitere, begeisterte Gesicht ihres Sohnes. Sie wußte, daß, wenn sie nur ein Wort verlauten ließe, um Petja zu bitten, nicht in diese Schlacht zu ziehen – sie sah ja, wie er sich auf den bevorstehenden Kampf freute –, er etwas von Mannesehre oder Vaterland erwidern werde, etwas Sinnloses, Männliches, Widerspenstiges, auf das sie nichts entgegnen könnte, und daß dann die ganze Sache verfahren wäre. Und deshalb sagte sie in der Hoffnung, es so einrichten zu können, daß sie noch vorher abführen und Petja als Schützer und Begleiter mitnähmen, kein Wort zu ihm, ließ aber nach Tisch den Grafen zu sich rufen und beschwor ihn unter Tränen, sie so bald wie möglich von hier fortzuführen, noch diese Nacht, wenn es irgend ginge. Mit jener unwillkürlichen List, die die Liebe den Frauen eingibt, behauptete sie, die bis jetzt nie Furcht an den Tag gelegt hatte, daß sie vor Angst umkommen werde, wenn sie nicht noch heute nacht abführen. Und wirklich fürchtete sie jetzt, ohne zu übertreiben, das Schlimmste.
14
Madame Schoß, die ihre Tochter besucht hatte, vermehrte die Angst der Gräfin noch dadurch, daß sie erzählte, was sie bei einem Branntweinladen in der Mjasnizkaja mit angesehen hatte. Als sie nämlich auf dem Rückweg durch diese Straße gekommen war, hatte sie wegen einer betrunkenen Volksmenge, die vor dem Laden herumkrakeelte, nicht an dem Haus vorbeigehen können. Sie hatte einen Wagen genommen und war durch ein Nebengäßchen nach Hause gefahren, und der Kutscher hatte ihr erzählt, das Volk habe in dem Branntweinladen die Fässer zerschlagen, dies sei so befohlen worden.
Nach dem Mittagessen machten sich alle im Hause Rostow mit hastigem Eifer daran, die Sachen einzupacken und alle Vorbereitungen zur Reise zu treffen. Der alte Graf nahm sich auf einmal der Sache an, lief nach dem Mittagessen ununterbrochen vom Haus in den Hof und vom Hof wieder ins Haus zurück und schrie wie ein Wahnsinniger auf die hastenden Leute ein, um sie zu noch größerer Eile anzutreiben. Petja kommandierte auf dem Hof. Sonja wußte unter der Auswirkung der sich widersprechenden Befehle des Grafen gar nicht mehr, was sie tun sollte, und hatte ganz und gar den Kopf verloren. Schreiend, zankend und lärmend liefen die Leute durch die Zimmer und den Hof.
Natascha hatte sich mit der ihr eigenen Leidenschaftlichkeit plötzlich an die Arbeit gemacht. Anfangs kam man ihrer Einmischung in die Geschäfte des Einpackens mit einigem Mißtrauen entgegen. Jeder glaubte, daß sie Spaß mache, und keiner wollte auf sie hören, aber sie erzwang sich den Gehorsam mit Hartnäckigkeit und Leidenschaftlichkeit, wurde böse, fing beinahe an zu weinen, wenn man ihr nicht gehorchte, und erreichte dadurch, daß man sie ernst nahm.
Ihre erste Heldentat, die sie große Mühe kostete, aber auch den Grund zu ihrem Ansehen und ihrer Macht legte, war das Einpacken der Teppiche. Der Graf hatte in seinem Haus kostbare Gobelins und Perserteppiche. Als sich Natascha an die Arbeit machte, standen im Saal zwei offene Kisten: die eine war fast bis oben mit Porzellan vollgepackt, die andere mit Teppichen. Rings auf den Tischen stand noch viel Porzellan herum, und aus den Vorratskammern schleppte man immer noch mehr herbei. Man mußte mit einer neuen, dritten Kiste anfangen, und um diese zu holen, waren die Leute hinausgegangen.
»Warte mal, Sonja, vielleicht bekommen wir es auch so hinein«, sagte Natascha.
»Unmöglich, gnädiges Fräulein, wir haben es schon versucht«, entgegnete der Büfettdiener.
»Nein, wartet mal, bitte!«
Und Natascha fing an, die in Papier gewickelten Schüsseln und Teller aus der Kiste herauszuziehen.
»Die Schüsseln kommen hierhin, zwischen die Teppiche«, sagte sie.
»Wir wollen Gott danken, wenn wir nur die Teppiche allein in drei Kisten unterbringen«, meinte der Büfettdiener.
»Halt, wartet mal, bitte!« Natascha traf rasch und geschickt eine Auswahl. »Die brauchen nicht mit«, sagte sie von den Kiewer Tellern.
»Das, ja, das kommt zwischen die Teppiche«, dabei zeigte sie auf das Meißner Porzellan.
»Laß es doch gut sein, Natascha, wir werden es schon einpacken«, sagte Sonja vorwurfsvoll.
»Ja, ja, gnädiges Fräulein«, bestätigte der Haushofmeister.
Aber Natascha gab nicht nach, packte alle Sachen aus und fing dann rasch an, sie wieder einzupacken, wobei sie entschied, daß die schlechten Hausteppiche und das überflüssige Geschirr überhaupt nicht mitgenommen werden sollten. Und tatsächlich, nachdem man fast alle weniger kostbaren Sachen, die gar nicht des Mitnehmens wert waren, beiseitegelegt hatte, fand alles in den beiden Kisten Platz. Nur der Deckel der Teppichkiste wollte nicht zugehen. Man hätte noch etwas herausnehmen können, aber das wollte Natascha nicht. Sie packte noch einmal alles um, preßte es eng zusammen, ließ den Büfettdiener und Petja, den sie zu ihrer Hilfe beim Packen herangezogen hatte, gegen den Deckel drücken und machte selber die verzweifeltsten Anstrengungen.
»Laß es doch gut sein, Natascha«, sagte Sonja zu ihr. »Ich sehe ja, du hast recht, aber nimm doch den obersten heraus.«
»Das will ich eben nicht«, schrie Natascha, mit der einen Hand das aufgelöste Haar aus der schweißbedeckten Stirn streichend und mit der anderen die Teppiche zusammenpressend. »So drücke doch, Petja, drücke doch! Wassiljewitsch, feste drücken!« schrie sie.
Die Teppiche gaben nach, und der Deckel ging zu. Natascha klatschte in die Hände, juchzte vor Freude, und Tränen traten ihr in die Augen. Aber das dauerte nur einen Augenblick. Sogleich machte sie sich an eine andere Arbeit, und nun hatte man volles Vertrauen zu ihr. Der Graf wurde nicht böse, wenn man ihm sagte, daß Natalja Iljinitschna seine Befehle abgeändert habe; und das Hausgesinde kam zu Natascha und fragte, ob sie die Fuhren verschnüren sollten oder nicht, und ob sie hoch genug aufgeladen hätten. Dank Nataschas Anordnungen ging die Arbeit nun endlich vonstatten, alles Überflüssige wurde zurückgelassen und alles Wertvolle möglichst eng zusammengepackt.
Aber so sehr sich auch alle Leute beeilten, so konnte doch bis spät in die Nacht hinein noch nicht alles fertig eingepackt werden. Die Gräfin schlummerte ein, und der Graf verschob die Abreise bis zum nächsten Morgen und ging ebenfalls schlafen.
Sonja und Natascha schliefen, ohne sich ausgekleidet zu haben, im Diwanzimmer.
In der Nacht kam noch ein Verwundeter durch die Powarskaja gefahren, und Mawra Kusminitschna, die am Tor stand, ließ ihn bei den Rostows einbiegen. Dieser Verwundete war, wie Mawra Kusminitschna glaubte, ein Mann von hohem Ansehen. Man fuhr ihn in einer Kalesche mit hochgeschlagenem Verdeck und völlig geschlossenem Vorderleder. Auf dem Bock saß neben dem Kutscher ein alter, würdiger Kammerdiener. Hinter dem Wagen her fuhren ein Arzt und zwei Soldaten.
»Kommen Sie doch bitte zu uns, bitte kommen Sie nur. Die Herrschaft reist ab, das ganze Haus ist leer«, sagte die Wirtschafterin zu dem alten Diener.
»Was tun?« erwiderte der Kammerdiener und seufzte. »Wir werden ihn kaum hinbringen. Wir haben nämlich unser eignes Haus in Moskau, aber das ist noch weit, und es wohnt jetzt auch niemand drin.«
»Aber dann kommen Sie doch bitte zu uns, bei unserer Herrschaft ist alles in Hülle und Fülle. Bitte kommen Sie nur«, sagte Mawra Kusminitschna. »Er ist wohl sehr krank?« fügte sie hinzu.
Der Kammerdiener machte eine trostlose Handbewegung.
»Wir hoffen kaum, ihn noch lebend heimzubringen. Aber ich muß erst den Arzt fragen.«
Der Kammerdiener stieg vom Bock und ging auf den anderen Wagen zu.
»Schön«, sagte der Arzt.
Der Diener ging wieder zu der Kalesche zurück, warf einen Blick hinein, wiegte bedenklich das Haupt, befahl dem Kutscher, in den Hof einzubiegen, und blieb neben Mawra Kusminitschna stehen.
»Herr Jesus Christus!« murmelte sie.
Mawra Kusminitschna schlug vor, den Verwundeten ins Haus zu schaffen.