Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
In der Nacht vom 1. zum 2. September erteilte Kutusow den russischen Truppen den Befehl zum Rückzuge durch Moskau bis auf die Straße nach Rjasan.
Noch in derselben Nacht setzten sich die ersten Regimenter in Bewegung. Diese ersten Truppenteile hatten es nicht allzu eilig und marschierten langsam und gemessen vorwärts, aber diejenigen, die erst beim Morgengrauen aufgebrochen waren, hatten vor sich, als sie sich der Dorogomilowbrücke näherten, die über die Brücke drängenden und hastenden Scharen, die auf der anderen Seite wieder aufstiegen und alle Straßen und Gassen verstopften, und hinter sich die unendliche Masse nachflutender Truppenteile. Da überkam die Soldaten plötzlich eine grundlose Hast und Unruhe. Alle stürzten auf die Brücke zu, über die Brücke, in die Furten und Kähne. Kutusow ließ sich durch Seitenstraßen führen und gelangte so auf die andere Seite Moskaus.
Am 2. September um zehn Uhr früh waren auf den freien Plätzen der Dorogomilowvorstadt nur noch die Regimenter der Nachhut zurückgeblieben. Die übrige Armee befand sich schon jenseits der Moskwa und hinter der Stadt.
Gerade um diese Zeit, also am 2. September gegen zehn Uhr morgens, stand Napoleon inmitten seiner Truppen auf dem Poklonberg und betrachtete das Bild, das sich seinen Augen darbot. Vom 26. August bis zum 2. September, von der Schlacht bei Borodino bis zum Einzug des Feindes in Moskau, also während dieser ganzen bewegten, denkwürdigen Woche, hatte jenes außerordentlich schöne, alle Menschen begeisternde Herbstwetter angehalten, wo die niedrig stehende Sonne heißer brennt als im Frühling, wo in der dünnen, reinen Luft alles so gleißt und schimmert, daß es dem Auge weh tut, wo die Brust beim Einatmen der würzigen Herbstluft gestärkt und erfrischt wird, wo sogar die Nächte noch warm sind und es vom dunklen, warmen Himmel, dem stummen Betrachter zum Schreck und zur Freude, unaufhörlich goldene Sterne regnet.
Auch am 2. September um zehn Uhr früh war solches Wetter. Zauberhaft strahlte der Morgen. Vor dem Poklonberg dehnte sich Moskau mit seinem Fluß, seinen Gärten und Kirchen weithin aus. Ein eignes Leben schien in dieser Stadt zu wohnen, während ihre Kuppeln wie Sterne in der Sonne funkelten.
Beim Anblick dieser eigentümlichen Stadt mit den noch nie gesehenen Formen einer fremden Architektur empfand Napoleon etwas wie Neid und jene unruhige Neugier, die alle Menschen beim Anblick ihnen unbekannter, fremdartiger Lebensformen ergreift. Es war offensichtlich, daß diese Stadt mit allen Fasern ihres Seins ein anderes, nur ihr eigenes Leben lebte. Aus jenen unbestimmten Anzeichen, an denen man schon von weitem einen lebenden Körper von einem toten unterscheidet, erkannte Napoleon vom Poklonberg aus das Pulsieren des Lebens in dieser Stadt und spürte den Hauch dieses großen, schönen Körpers.
Jeder Russe, der auf Moskau hinblickt, fühlt das Mütterliche, das in dieser Stadt liegt; jeder Fremde, der die Stadt betrachtet, muß, wenn er auch ihre mütterliche Bedeutung nicht verstehen kann, doch auf jeden Fall den weiblichen Charakter dieser Stadt herausfühlen. Und diese Empfindung hatte auch Napoleon.
»Cette ville asiatique aux innombrables églises, Moscou la sainte! La voilà donc enfin, cette fameuse ville! Il est temps«, rief Napoleon aus, stieg vom Pferd, ließ einen Plan der Stadt vor sich ausbreiten und rief seinen Dolmetscher Lelorme d’Ideville.
Une ville occupée par l’ennemi ressemble à une fille, qui a perdu son honneur, dachte er, wie er schon bei Smolensk zu Tutschkow gesagt hatte. Und von diesem Gesichtspunkt aus betrachtete er die vor ihm liegende, noch nie gesehene orientalische Schönheit. Es kam ihm selber merkwürdig vor, daß sich sein lang gehegter Wunsch, der ihm fast unerfüllbar erschienen war, nun doch verwirklichen sollte. Im grellen Morgenlicht blickte er bald auf die Stadt, bald auf den Plan, prüfte alle Einzelheiten nach, und die Gewißheit, sich dieser Stadt bemächtigt zu haben, regte ihn auf und ängstigte ihn.
Hat es denn aber anders kommen können? dachte er. Da liegt sie, diese Hauptstadt, zu meinen Füßen, und wartet auf ihr Schicksal. Wo mag jetzt Alexander sein und was wird er denken? Was für eine seltsame, schöne, majestätische Stadt! Und wie seltsam und majestätisch ist auch dieser Augenblick! In welchem Licht stehe ich nun vor ihnen da, dachte er in bezug auf seine Truppen. Da liegt die Stadt – als Belohnung –, dies allen Kleingläubigen, dachte er und sah sich nach seiner Umgebung und den vorbeiziehenden und sich aufstellenden Truppen um. Ein Wort von mir, eine Bewegung der Hand, und diese alte Hauptstadt der Zaren muß untergehen. Mais ma clémence est toujours prompte à descendre sur les vaincus. Ich muß großmütig sein, wahrhaft majestätisch … Doch nein, es ist wohl gar nicht wahr, daß ich vor Moskau stehe, schoß es ihm plötzlich durch den Kopf. Aber da liegt ja die Stadt zu meinen Füßen, und ihre goldenen Kuppeln und Kreuze glänzen und flimmern im Sonnenlicht. Doch ich werde sie schonen. Auf die alten Denkmäler von Barbarentum und Despotismus werde ich majestätische Worte von Gerechtigkeit und Gnade schreiben … Und dies wird einen peinlicheren Eindruck auf Alexander machen als alles andere, ich kenne ihn doch. Napoleon glaubte, daß die Hauptbedeutung alles dessen, was sich vollzog, in seinem persönlichen Zwist mit Alexander bestand.
Von den Höhen des Kreml – ja, das dort ist der Kreml – werde ich ihnen die Gesetze der Gerechtigkeit vorlesen, werde ihnen den Sinn der wahren Zivilisation offenbaren und die Geschlechter der Bojaren zwingen, in Liebe ihres Eroberers zu gedenken. Ich werde den Abgesandten der Stadt sagen, daß ich den Krieg nicht gewollt habe, auch jetzt nicht will und ihn nur gegen die falsche Politik ihres Hofes geführt habe; daß ich Alexander liebe und achte und auch jetzt in Moskau Friedensbedingungen, die meiner und meiner Völker würdig sind, entgegenzunehmen bereit bin. Ich bin nicht gewillt, mein Kriegsglück auszunutzen, um einen hochgeachteten Kaiser zu demütigen. Bojaren, werde ich zu ihnen sagen, ich will nicht den Krieg, ich will den Frieden und das Wohl meiner Untertanen. Übrigens weiß ich ja, daß ihre Gegenwart mich begeistern wird und ich zu ihnen sprechen werde wie immer: klar, feierlich und majestätisch. Aber ist es denn auch wirklich wahr, daß ich in Moskau bin? Ja, da liegt es ja! »Qu’on m’amène les boyards«, wandte er sich an sein Gefolge.
Ein General mit glänzender Suite sprengte sogleich fort, um die Bojaren zu holen.
Zwei Stunden vergingen. Napoleon hatte sein Frühstück eingenommen und stand nun wieder an derselben Stelle auf dem Poklonberg und wartete auf die Abgesandten. Seine Ansprache an die Bojaren lag schon klipp und klar in seinem Kopf bereit. Diese Rede war voll Würde und Majestät, so wie Napoleon diese Begriffe auffaßte.
Jener großmütige Ton, in dem er mit Moskau verhandeln wollte, riß ihn selber mit fort. Er bestimmte bereits in Gedanken Tage zur Réunion dans le palais des Czars, wo alle hohen russischen Würdenträger mit den Granden des französischen Kaisers zusammenkommen sollten. Auch einen Gouverneur ernannte er in Gedanken, einen Mann, der es verstünde, die Einwohner für den Kaiser der Franzosen einzunehmen. Er hatte erfahren, daß es in Moskau viele Wohltätigkeitsanstalten gebe, und nahm sich nun im stillen vor, alle diese Anstalten mit Gnadenbeweisen zu überhäufen. Wie man in Afrika in einem Burnus in der Moschee sitzen muß, dachte er, so muß man in Moskau freigebig sein wie die Zaren. Und da er sich wie jeder Franzose nichts Herzerweichendes vorstellen konnte, ohne »ma chère, ma tendre, ma pauvre mère« zu erwähnen, beschloß er, über allen diesen Anstalten in großen Lettern anbringen zu lassen: »Etablissement dédié à ma chère Mère«. Oder nein, ganz einfach: Maison de ma Mère, entschied er sich dann im stillen. Aber bin ich denn wirklich in Moskau? Ja, dort liegt es vor mir. Doch warum säumen die Abgesandten der Stadt so lange? dachte er.
Inzwischen fand in den hinteren Reihen des kaiserlichen Gefolges zwischen seinen Generälen und Marschällen im Flüsterton eine erregte Beratung statt. Die berittenen Abgesandten, die die Bojaren hatten herbeiholen sollen, waren mit der Nachricht zurückgekehrt, daß Moskau leer und alle Bewohner fortgefahren oder weggelaufen seien. Die Gesichter der Beratenden waren bleich und erregt. Nicht das schreckte sie, daß Moskau von seinen Bewohnern verlassen worden war – wie wichtig auch dieses Ereignis schien –, sie fürchteten sich vielmehr davor, wie sie dem Kaiser, ohne Seine Majestät in jene furchtbare Lage zu bringen, die die Franzosen mit »ridicule« bezeichnen, klarmachen sollten, daß er umsonst so lange auf die Bojaren gewartet hatte, und daß es in der Stadt nur betrunkene Rotten, aber sonst weiter niemanden gebe. Die einen sagten, man müsse, koste es, was es wolle, eine Deputation zusammenbringen, die anderen zogen gegen diese Ansicht zu Felde und behaupteten, man müsse dem Kaiser klug und behutsam die Wahrheit beibringen.