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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Mamachen, das geht doch nicht. Sehen Sie nur, was auf dem Hof vorgeht!« rief sie. »Sie sollen hier bleiben!«

»Was hast du denn? Wer soll denn hier bleiben? Was willst du?«

»Die Verwundeten meine ich! Das geht nicht, Mamachen, das wäre unerhört … Nein, liebste, beste Mama, das ist unmöglich … seien Sie mir nicht böse, bitte, beste Mama … Was haben wir davon, wenn wir den Plunder mitnehmen? Sehen Sie nur, wie sie auf dem Hof … Mamachen … Das kann nicht sein!«

Der Graf stand am Fenster und hörte, ohne das Gesicht umzuwenden, Nataschas Worten zu. Plötzlich schnaufte er durch die Nase und drehte sein Gesicht ganz dem Fenster zu.

Die Gräfin warf einen Blick auf ihre Tochter, sah, wie sich diese für ihre Mutter schämte, sah ihre Aufregung und verstand, warum ihr Mann sie jetzt nicht anblickte. Mit verlegener Miene schaute sie sich um.

»Ach, so macht doch, was ihr wollt! Habe ich vielleicht jemand gehindert?« sagte sie, um doch nicht gleich klein beizugeben.

»Mamachen, liebstes, bestes Mamachen, verzeihen Sie mir!«

Aber die Gräfin stieß die Tochter zurück und ging auf den Grafen zu.

»Mon cher, ordne du an, was nötig ist … Ich verstehe das doch nicht …« sagte sie und schlug schuldbewußt die Augen nieder.

»Das Ei … das Ei ist klüger als die Henne«, murmelte der Graf unter Freudentränen und umarmte seine Frau, die froh war, ihr beschämtes Gesicht an seiner Brust verbergen zu können.

»Papachen, Mamachen! Darf ich die Anordnungen treffen? Darf ich?« fragte Natascha. »Wir werden trotzdem alles Nötige mitnehmen«, fügte sie hinzu.

Der Graf nickte zustimmend, und Natascha rannte ebenso leichtfüßig, wie sie früher beim Haschenspielen gelaufen war, durch den Saal ins Vorzimmer und die Treppe hinab in den Hof.

Die Leute scharten sich um Natascha, wollten aber dem sonderbaren Befehl, den sie übermittelte, so lange keinen Glauben schenken, bis ihn der Graf selber im Namen seiner Frau bestätigte: nämlich daß alle Fuhren den Verwundeten überlassen und alle Kisten wieder in die Vorratsräume geschafft werden sollten. Doch als sie dann den Befehl verstanden hatten, machten sich die Leute doppelt freudig und eifrig an die neue Arbeit. Der Dienerschaft kam dies durchaus nicht seltsam vor, sondern ihr schien sogar, als müsse das so sein, genauso, wie es ihr vor einer Viertelstunde durchaus nicht seltsam vorgekommen war, daß die Verwundeten zurückbleiben und die Sachen mitgenommen werden sollten, und es allen geschienen hätte, als könne dies gar nicht anders sein.

Wie um wieder gutzumachen, daß dies alles nicht schon früher unternommen worden war, machten sich jetzt alle Hausgenossen eifrig an die neue Aufgabe, die Verwundeten unterzubringen. Die Offiziere und Soldaten schleppten sich aus ihren Zimmern und scharten sich mit glücklichen, bleichen Gesichtern um die Bauernwagen. Auch in den Nachbarhäusern hatte sich das Gerücht verbreitet, daß im Rostowschen Hofe Fuhren bereit ständen, und so kamen auch aus den anderen Häusern Verwundete auf den Hof. Viele von ihnen baten darum, daß man die Sachen nicht ablade und ihnen nur erlaube, oben aufzusitzen. Aber das einmal begonnene Werk des Abladens war nicht mehr aufzuhalten. Es war ja nun auch gleichgültig, ob alles oder nur die Hälfte zurückblieb. Auf dem Hof standen die Kisten mit Bronzen, Geschirr, Bildern und Spiegeln, die man in der vergangenen Nacht so sorgsam eingepackt hatte, wild durcheinander, und immer suchte und fand man noch etwas, das man auch noch abladen und dalassen konnte, um immer noch mehr und mehr Fuhren freimachen zu können.

»Vier Mann können wir noch mitnehmen«, sagte der Verwalter. »Ich gebe meinen eignen Wagen noch her. Aber wohin mit den anderen?«

»Gebt ihnen nur meinen Garderobewagen«, sagte die Gräfin. »Dunjascha kann sich zu mir in die Kutsche setzen.«

Man machte auch noch den Garderobewagen frei und schickte ihn den Verwundeten im Nachbarhaus. Alle Hausgenossen und Dienstleute befanden sich in froher Erregung. Natascha war so feierlich glücklich und aufgeregt, wie sie lange nicht gewesen war.

»Wo sollen wir die festbinden?« fragten ein paar Diener, die eine Kiste auf dem schmalen Wagentritt einer Kutsche zu befestigen suchten. »Einen Bauernwagen hätten wir wenigstens behalten müssen.«

»Was ist denn drin?« fragte Natascha.

»Die Bücher des Grafen.«

»Laßt die nur hier. Wassiljewitsch wird sie wegräumen. Die brauchen wir nicht.«

Auch die Kutsche war voller Menschen, so daß man sich fragte, wo Peter Iljitsch sitzen solle.

»Er setzt sich auf den Bock. Nicht wahr, Petja, du setzt dich auf den Bock«, rief Natascha.

Sonja war ebenfalls ohne Unterlaß beschäftigt, aber sie hatte gerade die entgegengesetzten Sorgen wie Natascha: sie räumte das zusammen, was hier bleiben sollte, schrieb auf Wunsch der Gräfin alles auf und war immer bestrebt, soviel wie möglich mitzunehmen.

17

Um zwei Uhr standen die vier Rostowschen Kutschwagen bespannt und beladen vor der Einfahrt. Die Fuhren mit den Verwundeten verließen eine nach der anderen den Hof.

Die Kalesche, in der Fürst Andrej fortgefahren wurde, fuhr ebenfalls an der Freitreppe vorüber und lenkte die Aufmerksamkeit Sonjas auf sich, die in dem geräumigen, hohen Kutschwagen, der vor der Einfahrt stand, mit einer Zofe zusammen einen Sitz für die Gräfin zurechtmachte.

»Wem gehört denn diese Kalesche?« fragte Sonja und steckte den Kopf aus dem Wagenfenster.

»Ja, wissen Sie denn das noch nicht, gnädiges Fräulein?« erwiderte die Zofe. »Das ist doch der verwundete Fürst; er hat die Nacht bei uns verbracht und fährt nun auch mit uns weg.«

»Ja wer denn? Wie heißt er denn?«

»Unser gewesener Bräutigam, Fürst Bolkonskij«, sagte die Zofe und seufzte. »Er soll tödlich verwundet sein!«

Sonja sprang aus der Kutsche und lief zur Gräfin. Diese ging, schon reisefertig angezogen, mit Hut und Schal müde im Zimmer auf und ab und wartete auf ihre Hausgenossen, um sich mit ihnen vor der Abreise hinter geschlossenen Türen noch einmal hinzusetzen und zu beten. Natascha war nicht im Zimmer.

»Maman«, rief Sonja. »Fürst Andrej ist hier, tödlich verwundet. Er fährt mit uns.«

Die Gräfin riß erschrocken die Augen auf, faßte Sonjas Hand und starrte sie an.

»Und Natascha?« stammelte sie.

Sowohl für Sonja als auch für die Gräfin hatte diese Nachricht im ersten Augenblick nur die eine Bedeutung. Sie kannten ihre Natascha; und die Angst, wie sie diese Nachricht ertragen werde, erstickte im ersten Augenblick jedes Mitgefühl für diesen Mann, den sie doch beide liebten.

»Natascha weiß es noch nicht, aber er fährt mit uns«, sagte Sonja.

»Tödlich verwundet, sagst du?«

Sonja nickte.

Die Gräfin schloß Sonja in ihre Arme und fing an zu weinen.

Gottes Wege sind unerforschlich, dachte sie und fühlte, daß sich in allem, was jetzt geschah, die sonst den Blicken der Menschheit verborgene Hand des Allmächtigen zu offenbaren begann.

»Nun, Mama, es ist alles bereit. Aber was habt ihr denn?« fragte Natascha, die mit erregtem Gesicht ins Zimmer gelaufen kam.

»O, nichts«, sagte die Gräfin. »Wenn alles fertig ist, können wir abfahren.«

Sie beugte sich über ihren Ridikül, um ihr verlegenes Gesicht zu verbergen.

Sonja umarmte Natascha und küßte sie.

Natascha sah sie fragend an.

»Was hast du denn? Was ist geschehen?«

»Nichts … wirklich nichts …«

»Etwas sehr Schlimmes für mich? Was nur?« fragte Natascha feinfühlig.

Sonja seufzte und gab keine Antwort. Der Graf, Petja, Madame Schoß, Mawra Kusminitschna und Wassiljewitsch traten ins Zimmer. Man schloß die Türen, alle nahmen schweigend, ohne einander anzusehen, Platz und blieben so ein paar Augenblicke sitzen.

Der Graf erhob sich als erster, seufzte tief und fing an, sich vor dem Heiligenbild zu bekreuzigen. Alle folgten seinem Beispiel. Dann umarmte der Graf Mawra Kusminitschna und Wassiljewitsch, die in Moskau zurückblieben, klopfte ihnen, während sie nach seiner Hand haschten und ihn auf die Schulter küßten, leicht auf den Rücken und redete unklar und freundlich beruhigend auf sie ein. Die Gräfin begab sich in das Zimmer, wo die Heiligenbilder hingen, und Sonja fand sie dort vor den vereinzelt an den Wänden zurückgebliebenen Bildern auf den Knien. Die durch Familientradition kostbarsten Gemälde hatte man mitgenommen.

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