Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Die Herrschaft wird nichts dagegen haben …« meinte sie.
Doch den Schwerkranken eine Treppe hinaufzutragen, mußte umgangen werden, und deshalb schaffte man ihn in den Seitenflügel und legte ihn in das ehemalige Zimmer der Madame Schoß.
Es war Fürst Andrej Bolkonskij.
15
Moskaus letzter Tag brach an. Es war ein Sonntag und klares, heiteres Herbstwetter. Wie alle Sonntage, so läuteten auch heute alle Kirchen zur Messe. Es schien, als könne noch niemand begreifen, welches Schicksal der Stadt drohte. Nur zwei Anzeichen im öffentlichen Leben kündeten die Lage, in der sich Moskau befand: die Zusammenrottung der ärmeren Bevölkerung und die Preise verschiedener Gegenstände.
Gewaltige Scharen von Arbeitern, Hofleuten und Bauern, unter die sich Beamte, Seminaristen und Adlige mischten, waren frühmorgens auf die Drei Berge gestiegen. Nachdem sie eine Weile dort gestanden und auf Rastoptschin gewartet hatten, waren sie zu der Überzeugung gelangt, daß Moskau doch kapitulieren werde, und hatten sich in den Speisehäusern und Gaststätten Moskaus zerstreut.
Das zweite Anzeichen, das an diesem Tag auf die Lage der Dinge hinwies, war der veränderte Wert aller Gegenstände. Die Preise für Waffen, Gold, Wagen und Pferde stiegen immer höher, während der Wert des Papiergeldes und aller Luxusgegenstände immer mehr sank, so daß gegen Mittag Fälle eintraten, wo Fuhrleute, die kostbare Waren, wie Tuche, aus der Stadt hinausfuhren, mit der Hälfte des Wertes ihrer Ladung bezahlt wurden, und man für ein Bauernpferd fünfhundert Rubel bot, während man Möbel, Spiegel und Bronzen umsonst hingab.
In dem alten, stillen Rostowschen Hause trat dieser Zerfall der bisherigen Lebensbedingungen nur sehr schwach zutage: bei den Leuten nur darin, daß von dem gewaltigen Bedientenheer in der Nacht drei Mann verschwanden, ohne jedoch etwas gestohlen zu haben, bei den Preisen darin, daß die von den Gütern eingetroffenen dreißig Fuhren einen gewaltigen Reichtum darstellten, um den viele die Rostows beneideten. Und nicht nur, daß man ihnen enorme Summen dafür bot, es kamen auch bereits am Abend und dann am 1. September in aller Frühe die von den verwundeten Offizieren abgesandten Burschen und Diener auf den Rostowschen Hof, oder die in den Nachbarhäusern untergebrachten Verwundeten schleppten sich gar selber herbei und bestürmten die Rostowsche Dienerschaft, ein Wort für sie einzulegen, damit ihnen die Rostows einen Wagen zum Wegfahren aus Moskau überließen. Der Haushofmeister, an den man sich mit solchen Bitten wandte, schlug dies allen rundweg ab, obgleich ihm die Verwundeten leid taten, und sagte, er wage nicht einmal, dies dem Grafen zu melden. Wie sehr er auch die zurückbleibenden Verwundeten bedauerte, so war es doch klar, daß, wenn er einem eine Fuhre hingab, er die zweite einem andern nicht verweigern konnte, und auf diese Art schließlich alle, auch die Equipagen der Herrschaft, hätte hingeben müssen. Mit dreißig Fuhren konnten aber unmöglich alle Verwundeten in Sicherheit gebracht werden, und in der allgemeinen Not mußte man doch auch an sich und seine Familie denken. So dachte der Haushofmeister für seinen Herrn.
Als Graf Ilja Andrejewitsch am Morgen des 1. September aufwachte, schlich er leise aus dem Schlafzimmer, um die Gräfin, die erst gegen Morgen eingeschlummert war, nicht zu wecken, und trat in seinem lilaseidenen Schlafrock auf die Freitreppe hinaus. Die verschnürten Fuhren standen auf dem Hof; vor der Freitreppe hielten die Equipagen. Am Torweg stand der Haushofmeister und sprach mit einem alten Burschen und einem jungen, bleichen Offizier, der den Arm in der Binde trug. Als der Haushofmeister den Grafen sah, machte er dem Offizier und dem Burschen ein bedeutsames, strenges Zeichen, damit sie sich entfernen sollten.
»Nun, wie steht’s? Ist alles bereit, Wassiljewitsch?« fragte der Graf, fuhr sich mit der Hand über die Glatze, sah den Offizier und den Burschen gutmütig an und nickte ihnen zu. Fremde Gesichter mochte der Graf immer gern.
»Es kann sofort angespannt werden, Euer Erlaucht.«
»Nun schön, ausgezeichnet! Sobald die Gräfin aufwacht, dann mit Gott! Was wünschen Sie denn, mein Herr?« wandte er sich an den Offizier. »Wohnen Sie bei mir im Hause?«
Der Offizier trat näher heran. Über sein bleiches Gesicht flammte plötzlich eine grelle Röte.
»Graf, seien Sie so gut, erlauben Sie mir … um Gottes willen … irgendwo auf Ihren Fuhren unterzuschlüpfen. Ich habe nichts bei mir … Ich könnte auf irgendeinem Packwagen … das ist ganz gleich …«
Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als sich der Bursche mit derselben Bitte für seinen Herrn an den Grafen wandte.
»Ach ja, ja, ja«, erwiderte der Graf eilig. »Freue mich sehr, freue mich sehr. Wassiljewitsch, du nimmst das wohl in die Hand. Mach dort einen Bauernwagen leer oder auch zwei … nun dort … du wirst schon sehen, was nötig ist …« sagte der Graf, seinen Befehl wie immer höchst unbestimmt ausdrückend.
Aber in diesem Augenblick machte schon der Ausdruck glühender Dankbarkeit auf dem Gesicht des Offiziers das, was der Graf befohlen hatte, unumstößlich. Ilja Andrejewitsch sah sich um: auf dem Hof, im Torweg, an den Fenstern des Seitenflügels, überall sah er Verwundete und Burschen. Sie alle blickten den Grafen an und kamen auf die Freitreppe zu.
»Darf ich Euer Erlaucht auf die Galerie bitten? Wie befehlen Sie dort hinsichtlich der Bilder?« fragte der Haushofmeister.
Der Graf ging mit ihm zusammen ins Haus und wiederholte seinen Befehl, die Verwundeten nicht abzuweisen, die darum bäten, mitfahren zu dürfen.
»Warum auch nicht? Man kann doch etwas abladen«, fügte er mit leiser, geheimnisvoller Stimme hinzu, als fürchte er, daß jemand ihn hören könne.
Gegen neun Uhr wachte die Gräfin auf, und ihre frühere Zofe, Matrona Timofjejewna, die jetzt bei der Gräfin das Amt eines Polizeichefs innehatte, kam, um ihrer ehemaligen Herrin zu melden, daß Marja Karlowna höchst beleidigt sei, und daß man die Sommerkleider der jungen Damen unmöglich hierlassen dürfe. Auf die Kreuzund Querfragen der Gräfin, warum Madame Schoß denn beleidigt sei, kam zutage, daß man ihren Koffer wieder abgeladen und alle Fuhren aufgeschnürt habe, um Sachen herunterzunehmen und Verwundete aufsitzen zu lassen, die der Graf in seiner Gutmütigkeit mitzunehmen befohlen habe.
Die Gräfin ließ ihren Mann zu sich bitten.
»Was soll denn das bedeuten, lieber Freund: soeben höre ich, daß die Sachen wieder abgeladen werden?«
»Siehst du, ma chère, gerade wollte ich es dir sagen … meine liebe kleine Frau … Da kam heute ein Offizier zu mir … sie wollen gern, daß ich ihnen ein paar Fuhren für die Verwundeten gebe. Sieh mal, der Plunder läßt sich doch wieder ersetzen, aber wenn sie nun zurückbleiben müßten, stelle dir das einmal vor …! Wir haben da Offiziere auf unserem Hof, die wir noch dazu selber eingeladen haben … Weißt du, ich glaube wirklich, ma chère … siehst du, ma chère … laß sie doch mitfahren … solche Eile haben wir doch nicht?«
Der Graf sagte dies so schüchtern, wie er immer zu sprechen pflegte, wenn es sich um Geldsachen handelte. Die Gräfin kannte diesen Ton recht gut, der immer den Auftakt zu Sachen bildete, die den Ruin ihrer Kinder herbeiführen mußten: wie zum Bau einer Galerie oder eines Gewächshauses, zur Errichtung eines Haustheaters oder einer Hauskapelle. Sie war schon daran gewöhnt und hielt es für ihre Pflicht, sich stets gegen das aufzulehnen, was ihr in diesem schüchternen Ton vorgebracht wurde.
Sie setzte eine weinerlich ergebene Miene auf und sagte zu ihrem Mann: »Höre, Graf, du hast es schon so weit gebracht, daß wir für unser Haus nichts bekommen, und nun willst du auch noch unsere andere Habe, das Gut unserer Kinder, verschleudern. Du hast doch selber gesagt, daß ein Wert von hunderttausend Rubeln in diesen Sachen steckt. Ich bin damit nicht einverstanden, mein Freund, durchaus nicht. Aber du hast ja zu befehlen! Für die Verwundeten ist die Regierung da. Die wird schon einen Ausweg wissen. Siehst du, drüben bei Lopuchins ist schon vorgestern alles, aber rein alles fortgeschafft worden. So machen es andere Leute. Nur wir sind die Dummen. Wenn du dich meiner nicht erbarmst, so solltest du wenigstens Mitleid mit deinen Kindern haben.«