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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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11

Mitten in dieser neuen Geschichte wurde Besuchow zum Stadtkommandanten gerufen.

Pierre trat in das Arbeitszimmer des Grafen Rastoptschin. Dieser machte ein finsteres Gesicht und rieb sich Stirn und Augen mit der Hand. Ein nicht sehr großer Mann verhandelte mit ihm, als aber Pierre eintrat, schwieg er still und ging hinaus.

»Ah, seien Sie mir gegrüßt, Sie großer Kriegsheld«, sagte Rastoptschin, sobald der Mann hinausgegangen war. »Man hat mir von Ihren prouesses erzählt. Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Mon cher, entre nous, sind Sie Freimaurer?« fragte Graf Rastoptschin in strengem Ton, als sei dies etwas Schlimmes, das er jedoch zu verzeihen beabsichtige.

Pierre schwieg.

»Mon cher, je suis bien informé, aber ich weiß auch, daß es zwei Arten von Freimaurern gibt, und hoffe, daß Sie nicht zu denen gehören, die sich den Anschein geben, die Menschheit erretten zu wollen, und dabei Rußland zugrunde richten.«

»Ja, ich bin Freimaurer«, erwiderte Pierre.

»Nun also, sehen Sie, mein Lieber. Es wird Ihnen, glaube ich, nicht unbekannt sein, daß die Herren Speranskij und Magnizkij dorthin ausgewiesen worden sind, wohin sie gehören[188]. So ist es auch Herrn Klutscharew ergangen und ebenso vielen andern, die sich den Anschein gegeben haben, den Tempel Salomonis wieder aufbauen zu wollen, und dabei den Tempel des eignen Vaterlandes zu zerstören suchten. Sie werden einsehen, daß Gründe dazu vorgelegen haben, und daß ich einen hiesigen Postdirektor nicht hätte fortschicken können, wenn er nicht ein schädlicher Mensch gewesen wäre. Nun habe ich erfahren, daß Sie ihm zur Abreise aus der Stadt einen Wagen zur Verfügung gestellt und sogar Papiere von ihm in Verwahrung genommen haben. Ich mag Sie gern und wünsche Ihnen nichts Böses, und da Sie nur halb so alt sind wie ich, darf ich Ihnen wohl den väterlichen Rat erteilen, alle Beziehungen zu derartigen Leuten abzubrechen und selber so bald wie möglich die Stadt zu verlassen.«

»Aber was hat denn Klutscharew verschuldet, Graf?« fragte Pierre.

»Das ist meine Sache, darüber unterrichtet zu sein, und Sie sind nicht befugt, mich danach zu fragen«, schrie Rastoptschin.

»Wenn man ihn etwa beschuldigt hat, daß er Napoleons Proklamationen verteilt habe, so ist das noch gar nicht bewiesen«, sagte Pierre, ohne Rastoptschin anzusehen, »und Wereschtschagin …«

»Nous y voilà«, schrie Rastoptschin, Pierre unterbrechend, noch lauter als vorher und machte plötzlich ein finsteres Gesicht. »Wereschtschagin ist ein Verräter und Aufrührer, der die verdiente Strafe erhalten wird«, fuhr er in jenem Ton heftigen Zorns fort, den man bei der Erinnerung an eine Beleidigung anzuschlagen pflegt. »Aber ich habe Sie nicht rufen lassen, damit Sie über meine Handlungen ein Urteil fällen sollen, sondern um Ihnen einen Rat oder, wenn Sie wollen, einen Befehl zu erteilen. Ich ersuche Sie, Ihre Beziehungen zu solchen Herren wie Klutscharew abzubrechen und die Stadt zu verlassen. Ich werde jedem, wer es auch sei, die Dummheiten auszutreiben wissen.« Da sich Rastoptschin aber wahrscheinlich bewußt wurde, Besuchow, ohne daß dieser etwas verschuldet hatte, angeschrien zu haben, fügte er hinzu, indem er freundschaftlich Pierres Hand faßte: »Nous sommes à la veille d’un désastre public, et je n’ai pas le temps de dire des gentillesses à tous ceux qui ont affaire à. moi. Der Kopf dreht sich mir manchmal im Kreis. Eh bien, mon cher, qu’est-ce que vous faites, vous personnellement?«

»Mais rien«, erwiderte Pierre mit seinem unverändert nachdenklichen Gesichtsausdruck, immer noch ohne die Augen aufzuheben.

Der Graf zog die Stirn kraus.

»Un conseil d’ami, mon cher. Räumen Sie das Feld so schnell wie möglich, das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Leben Sie wohl, mein Lieber. Ach ja«, rief er ihm noch in der Tür nach, »ist es wahr, daß die Gräfin in die Klauen der saints pères de la société de Jesus geraten ist?«

Pierre gab keine Antwort und ging finster und erzürnt, wie man ihn noch nie gesehen hatte, von Rastoptschin weg.

Als er nach Hause kam, dunkelte es bereits. Gegen acht Personen kamen an diesem Abend noch zu ihm: der Sekretär eines Komitees, der Oberst seines Regiments, der Verwalter, der Haushofmeister und verschiedene Bittsteller. Sie alle trugen Pierre ihre Anliegen vor, die er entscheiden sollte. Pierre begriff nichts von alledem, interessierte sich auch nicht dafür und antwortete allen immer nur, um sie möglichst bald loszuwerden. Endlich war er allein, öffnete den Brief seiner Frau und fing an, ihn zu lesen.

Sie … die Soldaten auf der Batterie … Fürst Andrej tot … der Alte … Einfalt ist Ergebenheit in Gott … Man muß leiden … die Bedeutung aller Dinge … aneinanderreihen … meine Frau will wieder heiraten … man muß vergessen und begreifen … Und er ging zu seinem Bett, warf sich angekleidet darauf und schlief sofort ein.

Als er am nächsten Morgen erwachte, kam sein Haushofmeister, um ihm zu melden, Graf Rastoptschin habe eigens einen Polizeibeamten hergeschickt, um sich zu erkundigen, ob Graf Besuchow abgereist sei oder abreisen werde.

Im Salon wartete etwa ein Dutzend der verschiedensten Leute, die alle etwas von Pierre wollten. Er zog sich eilig an, und statt zu denen hineinzugehen, die auf ihn warteten, stieg er die Hintertreppe hinunter und verließ durch den Torweg das Haus.

Trotz allen Suchens bekam von diesem Augenblick an bis zur Zerstörung Moskaus keiner von den Hausgenossen Besuchow mehr zu sehen, und keiner konnte in Erfahrung bringen, wo er sich befand.

12

Die Rostows waren bis zum 1. September, also bis einen Tag vor dem Einrücken des Feindes, in Moskau geblieben.

Nachdem Petja in das Obolenskijsche Kosakenregiment eingetreten und nach Bjelaja Zerkow, wo dieses Regiment zusammengestellt wurde, abgereist war, kam die Gräfin aus der Angst nicht mehr heraus. Der Gedanke, daß nun ihre beiden Söhne im Feld standen, daß beide ihren Fittichen entschlüpft waren und daß heute oder morgen einer von ihnen fallen könnte, oder womöglich alle beide, wie die drei Söhne einer bekannten Familie – dieser Gedanke ging ihr jetzt in diesem Sommer zum erstenmal in seiner ganzen grausamen Klarheit durch den Kopf. Sie versuchte, Nikolaj zurückrufen zu lassen, wollte selber zu Petja fahren und ihn in Petersburg irgendwo unterbringen, aber weder das eine noch das andere erwies sich als möglich. Petja konnte nicht anders zurückkehren als mit seinem Regiment oder auf Grund einer Versetzung in ein anderes aktives Regiment.

Nikolaj befand sich irgendwo an der Front und hatte seit seinem letzten Brief, in dem er seine Begegnung mit Prinzessin Marja ausführlich geschildert hatte, kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Die Gräfin schlief keine Nacht, und wenn sie wirklich einmal einschlummerte, erblickte sie im Traum ihre beiden gefallenen Söhne.

Nach vielen Beratungen und langem Hinundherreden fand der Graf endlich ein Mittel, seine Frau zu beruhigen. Er ließ Petja von den Obolenskijkosaken in das Regiment Besuchows versetzen, das in Petersburg zusammengestellt wurde. Petja blieb auf diese Weise im Militärdienst, und der Gräfin wurde durch diese Versetzung der Trost zuteil, wenigstens den einen ihrer Söhne wieder unter ihren Fittichen zu haben. Sie hoffte, ihren Petja nun nicht mehr fortlassen zu brauchen und ihm immer solche Posten im Dienst verschaffen zu können, wo er beileibe nicht in eine Schlacht geraten konnte. Solange Nicolas allein in Gefahr gewesen war, hatte es der Gräfin immer geschienen – und sie hatte sich sogar Vorwürfe darüber gemacht –, daß sie den ältesten Sohn lieber habe als ihre übrigen Kinder. Als nun aber ihr Jüngster, dieser Strick, der schlecht lernte und zu Hause immer nur Unfug trieb, so daß es alle oft satt bekamen, als nun dieser Petja mit seiner Stupsnase, seinen lustigen schwarzen Augen, seinem frischen roten Gesicht und dem eben erst aufkeimenden Flaum auf den Wangen auch unter all diese großen, furchtbar grausamen Männer geraten war, die dort irgendwie Krieg führten und daran noch Vergnügen fanden, – da hatte die Mutter wiederum geglaubt, sie liebe diesen Sohn mehr, weit mehr als alle anderen. Je näher die Zeit heranrückte, wo der erwartete Petja nach Moskau zurückkehren mußte, desto größer wurde die Unruhe der Gräfin. Schon glaubte sie, daß sie dieses Glück nimmer erleben werde. Nicht nur Sonjas Gegenwart, sondern auch die ihrer geliebten Natascha und sogar die ihres Mannes reizte sie. Was kümmern sie mich? Ich brauche nur den einen, und das ist Petja! dachte sie.

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188

Speranskij und Magnizkij dorthin ausgewiesen worden sind, wohin sie gehören: 1812 wurde Speranskij nach Sibirien verbannt, ebenso Magnizkij, der mit Speranskij zusammengearbeitet hatte.

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