Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Am 30. August kehrte Pierre nach Moskau zurück. Dicht am Schlagbaum begegnete ihm ein Adjutant des Grafen Rastoptschin.
»Und wir suchen Sie überall!« sagte der Adjutant zu Pierre. »Der Graf möchte Sie unbedingt sehen. Er läßt Sie bitten, wegen einer sehr wichtigen Angelegenheit gleich zu ihm zu kommen.«
So fuhr Pierre gar nicht erst nach Hause, sondern nahm einen Wagen und begab sich zum Stadtkommandanten.
Graf Rastoptschin war erst an diesem Morgen aus seinem Landhaus in Sokolniki in die Stadt zurückgekehrt. Das Wartezimmer und der Empfangsraum in seinem Hause waren voll von Beamten, die auf seinen Wunsch oder um Befehle entgegenzunehmen gekommen waren. Wassiltschikow und Platow hatten den Grafen schon gesehen und ihm erklärt, daß es unmöglich sei, die Stadt zu verteidigen, und daß sie übergeben werden müsse. Obgleich diese Nachricht vor den Einwohnern geheimgehalten wurde, wußten doch alle Beamten, alle Chefs der verschiedenen Behörden, daß Moskau in die Hände der Feinde fallen werde, ebenso wie es auch Graf Rastoptschin wußte, und alle kamen nun, bemüht, jede Verantwortung von sich abzuwälzen, zum Stadtkommandanten, um zu fragen, wie sie in dem ihnen anvertrauten Stadtteil zu verfahren hätten.
Als Pierre ins Wartezimmer trat, kam gerade ein Kurier, der eben erst von der Armee eingetroffen war, aus dem Zimmer des Grafen.
Der Kurier beantwortete alle Fragen, die man an ihn richtete, mit einer hoffnungslosen Handbewegung und ging durch den Saal.
Während Pierre im Vorzimmer wartete, betrachtete er mit müden Augen die verschiedenen alten und jungen Militärpersonen und Zivilbeamten, die sich im Zimmer befanden. Sie alle schienen unzufrieden und beunruhigt zu sein. Pierre trat zu einer Gruppe von Beamten, von denen er einen kannte. Nachdem sie ihn begrüßt hatten, fuhren sie in ihrer Unterhaltung fort.
»Wenn wir sie hinausschicken und dann wieder zurückholen, so ist das weiter nicht schlimm. In einer solchen Lage kann man für nichts die Verantwortung übernehmen«, sagte der eine.
»Aber sehen Sie, er schreibt doch …« fiel ein anderer ein und wies auf ein gedrucktes Blatt, das er in der Hand hielt.
»Das ist etwas anderes. Das Volk braucht so etwas«, meinte der erste wieder.
»Was ist das?« fragte Pierre.
»Ein neues Flugblatt.«
Pierre nahm es in die Hand und fing an zu lesen:
»Um sich schneller mit den Truppen zu vereinigen, die zu ihm hinziehen, hat der durchlauchtige Fürst Moshaisk passiert und einen befestigten Punkt aufgesucht, wo ihn der Feind nicht so leicht überfallen wird. Von hier aus sind achtundvierzig Kanonen nebst Munition an ihn abgeschickt worden, und der Durchlauchtige erklärt, daß Moskau bis zum letzten Blutstropfen verteidigt werden soll und daß er bereit ist, auch in seinen Straßen zu kämpfen. Wundert euch nicht, Brüder, daß die Behörden ihre Arbeiten eingestellt haben: wir mußten sie schließen. Aber über die Feinde werden wir schon noch Gericht halten! Wenn es so weit ist, brauche ich kräftige Männer sowohl aus der Stadt als auch vom Lande. Zwei Tage vorher werde ich den Ruf ergehen lassen, jetzt aber ist es noch nicht nötig, darum schweige ich. Gut wird es sein, mit einem Beil zu kommen, ein Spieß ist auch nicht übel, am besten aber ist eine Heugabel mit drei Zinken, denn ein Franzose ist nun einmal nicht schwerer als eine Korngarbe. Morgen nach Tisch lasse ich die Iberische Mutter Gottes zu den Verwundeten in das Jekaterinenhospital tragen. Es wird dort das Wasser gesegnet werden, damit sie schneller gesund werden. Mir geht es wieder gut: das Auge tat mir weh, jetzt aber sehe ich wieder auf beiden.«
»Militärpersonen haben mir aber doch gesagt«, fing Pierre an, »daß man in der Stadt gar nicht kämpfen kann, und daß die Stellung …«
»Nun ja, darüber reden wir ja eben«, meinte der erste Beamte.
»Aber was bedeutet denn das: Mir tat das Auge weh, jetzt aber sehe ich wieder auf beiden?« fragte Pierre.
»Der Graf hatte ein Gerstenkorn«, erwiderte der Adjutant lachend, »und beunruhigte sich sehr, als ich ihm sagte, das Volk werde kommen und fragen, was mit ihm los sei. Aber wie steht’s bei Ihnen, Graf?« wandte sich plötzlich der Adjutant lächelnd an Pierre. »Wie verlautet, soll es ja bei Ihnen Uneinigkeiten in der Familie gegeben haben, die Gräfin, Ihre Frau Gemahlin, soll …«
»Ich weiß von nichts«, erwiderte Pierre gleichgültig. »Was haben Sie denn gehört?«
»Nein, wissen Sie, so etwas wird oft rein aus der Luft gegriffen. Ich sage ja nur, daß ich es gehört habe.«
»Was haben Sie denn gehört?«
»Man erzählt sich«, sagte der Adjutant wieder mit demselben Lächeln, »daß die Gräfin, Ihre Frau Gemahlin, Vorbereitungen trifft, ins Ausland zu reisen. Das ist doch sicher nur Unsinn …«
»Kann sein«, entgegnete Pierre und sah sich zerstreut um. »Wer ist denn das dort?« fragte er dann und wies auf einen kleinen alten Herrn mit schneeweißem Bart, ebensolchen Augenbrauen und frischem Gesicht, der einen langen, sauberen blauen Rock trug.
»Der? Das ist ein Kaufmann, das heißt ein Gastwirt, Wereschtschagin[187]. Die Geschichte von der Proklamation haben Sie doch wohl gehört?«
»Ach, das ist dieser Wereschtschagin!« sagte Pierre und betrachtete das feste, ruhige Gesicht des alten Kaufmanns, um darin einen Ausdruck von Verräterei zu finden.
»Er ist es nicht selbst. Es ist der Vater dessen, der die Proklamation geschrieben hat«, antwortete der Adjutant. »Der junge sitzt im Loch, dem wird es wohl übel ergehen.«
Ein alter Herr mit einem Ordensstern und ein Beamter, ein Deutscher, mit einem Kreuz auf der Brust, traten zu den Sprechenden hinzu.
»Sehen Sie«, erzählte der Adjutant weiter, »das ist eine verwickelte Geschichte. Diese Proklamation erschien damals, so etwa vor acht Wochen. Man meldete das dem Grafen. Er ordnete eine Untersuchung an. Gawrilo Iwanowitsch befaßte sich damit. Die Proklamation war durch dreiundsechzig Hände gegangen. Er kommt zu einem: ›Von wem haben Sie sie?‹ ›Von dem und dem.‹ Nun geht er zu dem: ›Von wem haben Sie sie?‹ und so weiter, bis er schließlich bei Wereschtschagin anlangt … einem Kaufmannssprößling, der noch nicht ausgelernt hat, wissen Sie, so ein nettes Kaufmannsfrüchtchen …« sagte der Adjutant lächelnd. »Man fragt ihn: ›Von wem hast du die Proklamation?‹ Die Hauptsache war, wir wußten nämlich, von wem er sie hatte. Er konnte sie von niemand anderem haben als vom Postdirektor. Aber offenbar hatten sich die beiden vorher verabredet. ›Von niemandem, ich habe sie selbst verfaßt‹, gibt er uns zur Antwort. Und so sehr man ihm auch zusetzt und droht – er bleibt dabei: ›Ich habe sie selbst verfaßt.‹ Das meldet man nun dem Grafen. Der Graf läßt ihn zu sich rufen. ›Von wem hast du die Proklamation?‹ – ›Ich habe sie selbst verfaßt.‹ Na, Sie kennen ja doch unsern Grafen!« fuhr der Adjutant mit stolzem, lustigem Lächeln fort. »Er geriet furchtbar in die Wolle. Stellen Sie sich vor, solch eine freche Lügnerei und Verstocktheit!«
»Ach so. Dem Grafen wäre es lieb gewesen, wenn der Befragte Klutscharew angegeben hätte!« warf Pierre ein.
»Ganz und gar nicht«, erwiderte der Adjutant erschrocken. »Klutscharew hatte ohnedies genug auf dem Kerbholz, weswegen er auch verbannt wurde. Aber die Sache war die: der Graf ist empört. ›Wie kannst du diese Proklamation verfaßt haben?‹ sagt er und nimmt eine Hamburger Zeitung vom Tisch. ›Da steht sie ja. Du hast sie nicht verfaßt, sondern übersetzt, und noch dazu schlecht, weil du nicht ordentlich Französisch kannst, du Dummkopf.‹ Was glauben Sie aber, daß er zur Antwort gibt? ›Nein‹, sagt er, ›ich lese überhaupt keine Zeitungen, ich habe sie selbst verfaßt.‹ – ›Nun, wenn die Sache so liegt, dann bist du ein Verräter; ich werde dich dem Gericht übergeben, und du wirst gehängt werden. Also sag lieber, von wem du die Proklamation erhalten hast.‹ – ›Ich habe keine Zeitungen gesehen und die Proklamation selbst verfaßt.‹ Und dabei bleibt er. Der Graf läßt auch den Vater rufen: der junge Mann besteht auf seiner Aussage. Er ist dem Gericht überliefert worden und, glaube ich, zu Zwangsarbeit verurteilt. Nun kommt der Vater und will Fürbitte für ihn einlegen. So ein windiges Bürschchen! Wissen Sie, das ist so ein Kaufmannssöhnchen, das immer nach der neuesten Mode gekleidet geht, allen Mädchen den Kopf verdreht, ein paar Vorlesungen gehört hat und sich nun einbildet, Gott weiß wer zu sein. Sehen Sie, solch ein Früchtchen ist das: Sein Vater hat eine Gastwirtschaft an der Steinbrücke. Dort hing immer ein großes Bild von Gott als Weltenbeherrscher, wissen Sie, wie er in der einen Hand das Zepter und in der anderen die Erdkugel hält. Dieses Bild nimmt er nun einmal auf ein paar Tage mit nach Hause und was fängt er damit an? Er macht einen Maler ausfindig, einen Schurken …«
187
Wereschtschagin: die Geschichte, wie Rastoptschin den jungen Wereschtschagin dem Moskauer Pöbel zur Lynchjustiz überläßt, ist historisch und wird in vielen Erinnerungen an den Fall Moskaus 1812 berichtet.