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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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In den Zimmern der Herberge war kein Platz mehr, alles war besetzt. Pierre ging auf den Hof, legte sich in seinen Wagen und hüllte sich bis über den Kopf in seinen Mantel ein.

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Kaum hatte Pierre seinen Kopf aufs Kissen gelegt, als er auch schon fühlte, daß er einschlief. Plötzlich aber hörte er mit einer fast der Wirklichkeit entsprechenden Deutlichkeit das Bum-bum-bum der Geschütze, hörte das Stöhnen und Schreien der Verwundeten, das Aufklatschen der Geschosse, spürte den Blut- und Pulvergeruch, und ein Gefühl des Entsetzens und der Todesfurcht packte ihn. Erschrocken schlug er die Augen auf und hob den Kopf aus dem Mantel.

Auf dem Hof war alles still. Nur am Tor ging ein Offiziersbursche vorüber, patschte durch den Schmutz und sprach mit dem Hausknecht. Über Pierres Kopf schüttelten sich unter dem dunklen hölzernen Schutzdach die Tauben, die bei dem Geräusch, das er beim Aufrichten gemacht hatte, munter geworden waren. Über dem ganzen Hof lagerte jener friedliche, für Pierre in diesem Augenblick so angenehme, kräftige Herbergsgeruch nach Heu, Stallmist und Teer. Zwischen den beiden dunklen Schuppendächern sah man den klaren, gestirnten Himmel.

Gott sei Dank, daß das nicht mehr ist! dachte Pierre und hüllte seinen Kopf wieder ein. Oh, wie entsetzlich ist die Furcht, und wie schmählich habe ich mich ihr hingegeben! Sie dagegen … sie waren die ganze Zeit über, bis zum Schluß, fest und ruhig … dachte er.

»Sie« waren in Pierres Gedanken die Soldaten, sowohl jene, die auf der Batterie gewesen waren, als auch die, die ihm zu essen gegeben, oder die, die vor dem Heiligenbild gebetet hatten. Sie, diese merkwürdigen, ihm bisher unbekannten Geschöpfe, sie hoben sich jetzt in seinen Gedanken klar und scharf von allen übrigen Menschen ab.

Soldat sein, ein einfacher Soldat, dachte Pierre, indem er wieder einschlummerte. Mit allem, was man ist, eintreten in dieses Gemeinschaftsleben und sich von dem durchdringen lassen, was sie so gemacht hat, wie sie sind. Aber wie soll man all dieses Überflüssige, Teuflische, den ganzen Ballast des äußeren Menschen abwerfen? Früher hätte ich einmal so werden können. Ich hätte vom Vater weglaufen können, wenn ich gewollt hätte. Auch nach dem Duell mit Dolochow hätte man mich unter die Soldaten stecken können. Und vor Pierres Erinnerung tauchte jenes Mittagessen im Klub auf, wo er Dolochow zum Duell herausgefordert hatte, und er mußte an seinen Wohltäter in Torschok denken. Dann sah er auf einmal die feierliche Tafelrunde der Loge. Doch diese Loge befand sich im Englischen Klub. Ein lieber, naher Bekannter saß am Ende der Tafel. Ja, er ist es, mein Wohltäter. Aber ist er denn nicht gestorben? dachte Pierre. Ja, er starb, aber ich wußte nicht, daß er wieder lebt. Wie weh tat es mir, als er starb, und wie freue ich mich jetzt, daß er wieder lebt! An einer Seite der Tafel saßen Anatol, Dolochow, Neswizkij, Denissow und andere dieser Art – die Kategorie dieser Menschen hob sich im Traum in Pierres Seele ebenso scharfumrissen ab wie die Kategorie der Leute, die er mit »sie« bezeichnete. Und alle diese Menschen wie Anatol, Dolochow und so weiter schrien laut und sangen, doch durch ihr Schreien hindurch hörte man die Stimme des Wohltäters, der ununterbrochen sprach, und der Klang seiner Worte war ebenso eindrucksvoll und ausdauernd wie das Donnern der Geschütze auf dem Schlachtfeld, nur klang es angenehm und tröstend. Was der Wohltäter sagte, konnte Pierre nicht verstehen, aber er wußte – denn auch die Kategorien der Gedanken aller waren ihm im Traum ganz klar –, daß der Wohltäter vom Guten sprach, von der Möglichkeit, so zu sein wie »sie«. Und sie, sie mit ihren schlichten, guten, festen Gesichtern umringten von allen Seiten den Wohltäter. Doch obwohl sie so gut waren, sahen sie Pierre doch nicht an, kannten ihn nicht. Pierre wollte ihre Aufmerksamkeit auf sich lenken, wollte etwas sagen. Er stand auf, aber in diesem Augenblick fühlte er, daß seine Beine eiskalt wurden, und merkte, daß sie nackt waren.

Er schämte sich und wollte mit der Hand seine Beine zudecken, von denen tatsächlich der Mantel heruntergefallen war. Doch in dem Augenblick, als er den Mantel wieder zurechtschob, schlug Pierre die Augen auf und sah wieder die Schuppen, die Pfosten, den Hof, doch alles dies war jetzt bläulich und hell und mit schimmerndem Tau oder Reif bedeckt.

Der Tag bricht an, dachte Pierre. Aber das ist Nebensache. Ich muß auf die Worte des Wohltäters lauschen und sie erfassen.

Wieder hüllte er sich in seinen Mantel, aber er sah weder die Tafelrunde der Loge noch den Wohltäter mehr. Nur Gedanken schwebten ihm vor, die in Worten klar zum Ausdruck kamen, die jemand zu ihm sagte oder die sich Pierre selber ausdachte.

Wenn sich Pierre später diese Gedanken wieder ins Gedächtnis zurückrief, so war er, obgleich diese Gedanken doch durch die Eindrücke des Tages in ihm hervorgerufen worden waren, dennoch überzeugt, daß irgendein anderer sie vor ihm ausgesprochen haben müsse. Niemals, so schien ihm, wäre er im Wachen dazu imstande gewesen, so zu denken und seine Gedanken so auszudrücken.

Der Krieg ist die schwerste Unterordnung der menschlichen Freiheit unter die Gesetze Gottes, sagte die Stimme zu ihm. Einfalt ist Ergebenheit in Gott, von Ihm kommst du nicht los. Und »sie« sind einfältig. Sie reden nicht, sondern handeln. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Über nichts kann der Mensch Herr werden, solang er den Tod fürchtet. Wer aber den Tod nicht mehr fürchtet, dem gehört alles. Wenn es keine Leiden gäbe, würde der Mensch die Grenzen seiner selbst und sich selber nicht kennen. Das Schwerste, fuhr Pierre im Traum zu denken oder zu hören fort, besteht darin, die Bedeutung aller Dinge im Geist zusammenzufassen. Zusammenzufassen? fragte sich Pierre. Nein, nicht zusammenzufassen. Gedanken kann man nicht zusammenfassen, aneinanderreihen muß man sie, das ist es. Ja, aneinanderreihen, aneinanderreihen! wiederholte Pierre mit innerem Entzücken, weil er fühlte, daß nur so die ganze ihn quälende Frage zu lösen und nur mit diesen Worten das auszudrücken war, was er sagen wollte.

Ja, wir müssen immer und immer fortfahren, aneinanderzureihen, man muß all diese Gedanken verbinden, es ist hohe Zeit, daß wir damit fortfahren …

»Fortfahren, Euer Erlaucht, fortfahren, Euer Erlaucht!« wiederholte irgendeine Stimme. »Wir müssen anspannen, es ist Zeit fortzufahren!«

Es war die Stimme des Reitknechts, der seinen Herrn weckte. Die Sonne schien Pierre gerade ins Gesicht. Er sah sich auf dem schmutzigen Herbergshof um: in der Mitte am Brunnen tränkten ein paar Leute ihre mageren Pferde; aus dem Torweg fuhren Soldatenwagen. Mit Widerwillen wandte sich Pierre ab, schloß die Augen und ließ sich eilig auf dem Sitz des Wagens nieder.

Nein, das will ich nicht sehen noch begreifen. Begreifen will ich nur, was sich mir im Traum geoffenbart hat. Noch einen Augenblick – und ich hätte alles verstanden. Was sollte ich tun? Die Gedanken aneinanderreihen? Aber wie soll ich das machen? Und Pierre fühlte mit Grauen, daß der ganze Sinn dessen, was er im Traum gesehen und gedacht hatte, wieder verwirrt und zerstört war.

Der Reitknecht, der Kutscher und der Hausdiener erzählten Pierre, daß ein Offizier mit der Nachricht gekommen sei, die Franzosen rückten auf Moshaisk vor und die Unsrigen zögen sich zurück.

Pierre erhob sich, befahl anzuspannen und ihm dann nachzukommen, und ging zu Fuß durch die Stadt.

Die Truppen rückten ab und ließen gegen zehntausend Verwundete zurück. Diese Verwundeten sah man in den Höfen und durch die Fenster in den Häusern, auch drängten sie sich auf den Straßen. Rund um die Bauernwagen, die auf den Straßen standen und die Verwundeten wegfahren sollten, hörte man Schreien und Schimpfen, hier und da gab es auch Schlägereien. Pierre überließ einen Teil seines Wagens einem ihm bekannten verwundeten General und fuhr mit ihm zusammen bis Moskau. Unterwegs hörte Pierre, daß sein Schwager und Fürst Andrej gefallen seien.

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