Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Mit diesen Argumenten bewaffnet, die ihr unwiderleglich schienen, fuhr die Fürstin frühmorgens, um Helene allein anzutreffen, zu ihrer Tochter.
Helene hörte die Einwände ihrer Mutter ruhig mit an und lächelte sanft und spöttisch.
»Es steht hier ausdrücklich geschrieben: Wer eine Abgeschiedene freiet …« fing die alte Fürstin an.
»Ah, maman, ne dites pas de bêtises. Das verstehen Sie nicht. Ich in meiner Stellung habe Pflichten«, fiel Helene ein und ging dabei vom Russischen ins Französische über, weil es ihr, wenn sie russisch sprach, immer schien, als läge ihre Sache doch nicht so ganz klar.
»Aber meine liebe …«
»Ah, maman, verstehen Sie denn nicht, daß der Heilige Vater, der das Recht hat, Dispens zu erteilen …«
In diesem Augenblick trat die Gesellschaftsdame, die bei Helene lebte, ein und meldete ihr, daß Seine Hoheit im Saal nebenan sei und sie zu sehen wünsche.
»Nein, sagen Sie ihm, daß ich ihn nicht sehen will, daß ich wütend auf ihn bin, weil er sein Wort nicht gehalten hat.«
»Komtesse, für jede Sünde gibt es Vergebung«, sagte eintretend ein junger blonder Mensch mit langem Gesicht und langer Nase.
Die alte Fürstin erhob sich ehrerbietig und knickste. Der eintretende junge Mann schenkte ihr keine Beachtung. Die Fürstin nickte ihrer Tochter zu und schwebte zur Tür hinaus.
Nein, sie hat recht, dachte sie; alle ihre Argumente waren beim Erscheinen Seiner Hoheit in nichts zerflossen. Sie hat recht, aber warum haben wir dies in unserer unwiederbringlich verlorenen Jugend nicht ebenfalls gewußt? Und es wäre doch so einfach gewesen, dachte die alte Fürstin, während sie in ihren Wagen stieg.
Anfang August war Helenes Angelegenheit vollkommen entschieden, und sie schrieb ihrem Mann, der sie, wie sie glaubte, so sehr liebte, einen Brief, in dem sie ihn von ihrer Absicht, Herrn N.N. zu heiraten, in Kenntnis setzte, ihm mitteilte, daß sie zur alleinseligmachenden Religion übergetreten sei, und ihn bat, alle jene zur Scheidung unumgänglichen Formalitäten zu erfüllen, die ihm der Überbringer dieses Briefes noch näher bezeichnen werde.
»Sur ce je prie Dieu, mon ami, de vous avoir sous Sa sainte et puissante garde. Votre amie Hélène.«
Dieser Brief wurde Pierre gerade zu der Zeit ins Haus gebracht, als er sich auf dem Schlachtfeld bei Borodino befand.
8
Nachdem Pierre gegen Ende der Schlacht bei Borodino zum zweitenmal von der Rajewskijbatterie hinuntergeeilt war, begab er sich mit einem Trupp Soldaten durch die Talenge nach Knjaskowo. Als er am Verbandsplatze vorbeikam, das Blut sah und das Schreien und Stöhnen hörte, mischte er sich unter die Soldaten und schritt eilig weiter.
Das einzige, was Pierre jetzt von ganzem Herzen wünschte, war, so bald wie nur möglich aus diesen furchtbaren Eindrücken, unter denen er den ganzen Tag über gestanden hatte, herauszukommen, zu seinen gewohnten Lebensbedingungen zurückzukehren und sich zu Hause ruhig in sein Bett zu legen. Nur unter den gewohnten Lebensbedingungen, das fühlte er, würde er imstande sein, sich selbst und das, was er gesehen und empfunden hatte, zu begreifen. Aber diese gewohnten Lebensbedingungen waren nicht mehr vorhanden.
Obgleich auf dem Weg, den er eingeschlagen hatte, keine Geschosse und Kanonenkugeln mehr pfiffen, so bot sich ihm doch hier auf allen Seiten dasselbe Bild, das er auf dem Schlachtfeld gesehen hatte. Überall fand er dieselben leidenden, erschöpften und manchmal merkwürdig gleichgültigen Gesichter, dasselbe Blut, dieselben Soldatenmäntel, dasselbe Donnern der Geschütze, das zwar ferner ertönte, aber immer noch Grauen erregte. Es war staubig und schwül.
Nachdem Pierre auf der großen Straße nach Moshaisk gegen drei Werst zurückgelegt hatte, setzte er sich am Rande des Weges nieder.
Die Dämmerung senkte sich herab, und das Getöse der Geschütze verstummte. Den Kopf auf die Hand gestützt, legte sich Pierre hin und blieb in dieser Stellung lange liegen. Er blickte auf die in der Dämmerung an ihm vorbeiziehenden Schatten und hatte immer wieder das Gefühl, als flöge eine Kugel mit furchtbarem Pfeifen auf ihn zu. Plötzlich fuhr er zusammen und richtete sich auf.
Wie lange er so zugebracht haben mochte, wußte er nicht. Gegen Mitternacht ließen sich drei Soldaten, die Reisig gesammelt hatten, neben ihm nieder und zündeten ein Feuer an.
Als das Feuer brannte, stellten sie einen Kessel darauf, brockten Zwieback hinein und taten Speck dazu, wobei sie dann und wann zu Pierre hinüberschielten. Der angenehme Geruch des leckeren Mahles vermischte sich mit dem des Rauches. Pierre stand auf und seufzte. Die Soldaten – es waren ihrer drei – beachteten Pierre nicht weiter, aßen und unterhielten sich untereinander.
»Von was für einer Truppe bist du denn?« wandte sich plötzlich einer von ihnen an Pierre. Offenbar wollte er mit dieser Frage noch etwas anderes sagen, woran auch Pierre dachte, nämlich: Wenn du mitessen willst, so wollen wir dir etwas geben, sage aber erst, ob du ein ehrlicher Mensch bist.
»Ich? Ich? …« erwiderte Pierre und fühlte die Notwendigkeit, seine gesellschaftliche Stellung so gering wie nur möglich darzustellen, um den Soldaten näherzukommen und von ihnen verstanden zu werden. »Ich bin eigentlich Landsturmoffizier, aber meine Mannschaft ist nicht hier. Wir kamen ins Gefecht und ich habe sie verloren.«
»So, so«, sagte einer der Soldaten.
Ein anderer wiegte den Kopf.
»He, wenn du willst, so iß von unserm Brei«, sagte der erste wieder und gab Pierre seinen Holzlöffel, nachdem er ihn abgeleckt hatte.
Pierre setzte sich ans Feuer und fing an, von dem Brei aus dem Kessel zu essen, der ihm als das leckerste Gericht erschien, das er jemals gegessen hatte. Während er, über den Kessel gebeugt, gierig große Löffel voll Speise herausschöpfte, einen Bissen nach dem anderen zerkaute und sein Gesicht vom Feuerschein bestrahlt wurde, sahen ihm die Soldaten schweigend zu.
»Wohin mußt du denn nun, sag?« fragte ihn wieder der eine.
»Ich muß nach Moshaisk.«
»Bist wohl ein Herr?«
»Ja.«
»Wie heißt du denn?«
»Pjotr Kirillowitsch.«
»Nun, Pjotr Kirillowitsch, dann komm; wir wollen dich hinführen.«
In tiefster Finsternis marschierten die Soldaten mit Pierre nach Moshaisk.
Die Hähne krähten schon, als sie in Moshaisk ankamen und den steilen Stadtberg hinaufzusteigen begannen. Pierre ging mit den Soldaten zusammen und hatte ganz vergessen, daß seine Herberge am Fuß des Berges lag und er schon daran vorbeigegangen war. Es wäre ihm auch niemals eingefallen – in einem solchen Zustand der Kopflosigkeit befand er sich –, wenn er nicht auf halbem Weg mit seinem Reitknecht zusammengestoßen wäre, der zur Stadt hinaufgestiegen war, um ihn dort zu suchen, und nun in die Herberge zurückkehrte. Der Reitknecht erkannte Pierre an seinem Hut, der weiß durch die Dunkelheit schimmerte.
»Euer Erlaucht, euer Erlaucht«, rief er immer wieder. »Wir waren schon ganz verzweifelt. Und zu Fuß kommen Sie? Wohin gehen Sie denn?«
»Ach so«, sagte Pierre.
Die Soldaten blieben stehen.
»Na, nun hast du wohl die Deinigen gefunden?« fragte einer von ihnen. »Leb wohl, Pjotr Kirillowitsch!«
»Leb wohl, Pjotr Kirillowitsch!« fielen auch die anderen Stimmen ein.
»Lebt wohl«, erwiderte Pierre und wandte sich mit seinem Reitknecht der Herberge zu.
Ich müßte ihnen wohl etwas geben? dachte er bei sich und griff in die Tasche. Nein, das darfst du nicht, flüsterte ihm eine innere Stimme zu.