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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Aber ich bin doch der Ansicht«, unterbrach ihn plötzlich Helene, der die Sache langweilig zu werden anfing, mit ihrem bezaubernden Lächeln, »daß ich, nachdem ich zur alleinseligmachenden Religion übergetreten bin, nicht mehr an etwas gefesselt sein kann, was mir eine falsche Religion auferlegt hat.«

Der directeur de conscience staunte über dieses Ei des Kolumbus, das da plötzlich so einfach vor ihm aufgestellt wurde. Er war entzückt, welch unerwartet schnelle Fortschritte seine Schülerin machte, wollte aber dem klugen, mühselig errichteten Gebäude seiner eignen Beweisführung dennoch nicht entsagen.

»Entendons-nous, comtesse«, sagte er lächelnd und fing an, dieses Argument seines Beichtkindes zu widerlegen.

7

Helene merkte, daß vom geistlichen Standpunkt aus ihr Fall ganz einfach und leicht war, und daß ihre Seelsorger nur deshalb Schwierigkeiten machten, weil sie Angst hatten und nicht wußten, wie die weltliche Macht die Sache ansehen werde.

Demzufolge kam Helene zu dem Entschluß, daß sie in der Gesellschaft ihre Angelegenheit vorbereiten müsse. Sie entfachte in dem alten Würdenträger die Eifersucht und sagte ihm dasselbe, was sie ihrem anderen Liebhaber mitgeteilt hatte, das heißt sie löste die Frage so: der einzige Weg, ein Recht über sie zu erlangen, sei eine Heirat mit ihr. Der alte ehrenwerte Herr war im ersten Augenblick über den Vorschlag, die Frau eines noch lebenden Mannes zu heiraten, ebenso überrascht wie der junge Prinz. Aber Helenes unwandelbare Überzeugung, daß dies etwas ebenso Einfaches und Natürliches sei, wie wenn ein junges Mädchen heirate, verfehlte schließlich auch auf ihn ihre Wirkung nicht. Wäre bei Helene selber nur das geringste Anzeichen von Unsicherheit, Scham oder Verstellung zu merken gewesen, so hätte sie zweifellos verlorenes Spiel gehabt, aber diese Anzeichen von Verstellung und Scham fehlten nicht nur gänzlich bei ihr, sondern sie erzählte sogar ihren intimsten Freunden – und das war so ziemlich ganz Petersburg – in gutmütiger Harmlosigkeit, daß sowohl der Prinz als auch der hohe Würdenträger um ihre Hand angehalten hätten, daß sie beide liebe und nur die eine Angst habe, einen von ihnen zu bekümmern.

Augenblicklich verbreitete sich in ganz Petersburg ein Gerücht nicht etwa darüber, daß sich Helene von ihrem Mann scheiden lassen wolle – hätte man sich so etwas erzählt, so hätten sich viele gegen ein solch ungesetzliches Verhalten aufgelehnt –, sondern es ging ganz einfach das Gerücht, daß die unglückliche, interessante Helene sich nicht darüber schlüssig werden könne, welchen von beiden Bewerbern sie heiraten solle. Und die Frage war bereits nicht mehr die, ob dies überhaupt möglich sei, sondern nur noch, welche Partie vorteilhafter sei und wie der Hof sich dazu stellen werde. Zwar gab es auch ein paar verstockte Leute, die sich nicht bis zur Höhe der Frage aufschwingen konnten und in diesem Vorhaben nur eine Entweihung des Sakramentes der Ehe sahen, aber deren waren nicht viele, und sie schwiegen sich aus, während sich bei weitem die meisten mit der Frage befaßten, ob von dem Glück, das Helene in den Schoß falle, diese oder jene Wahl die bessere sei. Darüber, ob es gut oder schlecht sei, sich von einem noch lebenden Gatten zu trennen, wurde nicht gesprochen, weil diese Frage offenbar von Leuten, die klüger waren als andere Sterbliche, bereits gelöst war, und man durch einen Zweifel an der Richtigkeit dieser Lösung nur riskiert hätte, seine eigne Dummheit zu verraten und die Unfähigkeit, in der großen Welt zu leben.

Nur Marja Dmitrijewna Achrosimowa, die in diesem Sommer nach Petersburg gekommen war, um einen ihrer Söhne wiederzusehen, erlaubte sich, ihre Ansicht geradeheraus zu sagen, die der Meinung der Gesellschaft zuwiderlief. Als sie Helene auf einem Ball traf, hielt sie sie mitten im Saal an und sagte, während alle schwiegen, mit ihrer derben Stimme zu ihr: »Also bei euch heiratet man jetzt wieder, auch wenn der erste Mann noch lebt? Du denkst wohl, daß du damit etwas Neues aufgebracht hast? Da kommst du einen Posttag zu spät, meine Werteste. Die Erfindung hat man schon lange gemacht. Bei allen – ein nicht ganz salonmäßiger Ausdruck fiel – geht es so her.« Während sie dies sagte, streifte Marja Dmitrijewna mit gewohnter, drohender Gebärde ihre weiten Ärmel auf, sah sich streng um und schritt weiter durch den Saal.

Doch wenn man auch Marja Dmitrijewna in Petersburg ebenso fürchtete wie in Moskau, so betrachtete man sie hier doch als eine Art komische Alte und merkte sich von dem, was sie gesagt hatte, nur das eine recht kräftige Wort, das einer dem andern im Flüsterton wiederholte, in dem Wahn, daß in diesem Wort die ganze Würze ihres Ausspruchs enthalten sei.

Fürst Wassilij, der in letzter Zeit besonders häufig das, was er sagte, zu vergessen pflegte und hundertmal ein und dasselbe wiederholte, sagte jedesmal, wenn er zufällig seine Tochter sah: »Hélène, j’ai un mot à vous dire«, dabei führte er sie beiseite und zog ihre Hand nach unten. »Ich habe von gewissen Absichten Wind bekommen in bezug auf … na, du weißt schon. Eh bien, ma chère enfant, du weißt, daß mein Vaterherz sich freut … Du hast so viel gelitten … Mais, chère enfant … frage niemanden als dein Herz um Rat. C’est tout ce que je vous dis.«

Und indem er jedesmal die sich immer gleich bleibende Erregung zu verbergen suchte, drückte er seine Wange an die seiner Tochter und entfernte sich.

Bilibin, der immer noch im Ruf eines äußerst geistreichen Menschen stand und ein uneigennütziger Freund Helenes war, einer von jenen Freunden, wie sie immer bei glänzenden Frauen zu finden sind, männlichen Freunden, die niemals in die Rolle eines Liebhabers verfallen, Bilibin setzte einmal en petit comité seiner Freundin Helene seine Ansicht über diese ganze Angelegenheit auseinander.

»Ecoutez, Bilibine« – Helene nannte solche Freunde wie Bilibin stets beim Familiennamen –, sie legte dabei ihre weiße ringgeschmückte Hand auf seinen Frackärmel, »sagen Sie mir wie einer Schwester: was soll ich tun? Welchen von beiden?«

Bilibin zog die Augenbrauen zusammen, während ein Lächeln seine Lippen umspielte, und dachte nach.

»Sie überraschen mich nicht mit dieser Frage, wissen Sie«, sagte er. »Als wahrer Freund habe ich mir Ihre Angelegenheit hin und her überlegt. Sehen Sie«, Bilibin bog einen Finger um, »wenn Sie den Prinzen heiraten« – er war ein noch junger Mann –, »so verlieren Sie auf immer die Chance, noch jemals den anderen zu bekommen, und außerdem erregen Sie die Mißbilligung des Hofes. Sie wissen, es besteht da eine Art von Verwandtschaft. Heiraten Sie aber den alten Grafen, so werden Sie das Glück seiner letzten Tage ausmachen, und wenn Sie erst die Witwe eines so großen Mannes sind … dann begeht der Prinz keine Mesalliance mehr, wenn er Sie heiratet.«

Dabei zog Bilibin die Stirn wieder glatt.

»Voilà un véritable ami!« rief Helene strahlend aus und berührte noch einmal Bilibins Ärmel mit der Hand. »Doch da ich sowohl den einen als auch den anderen liebe, möchte ich keinem weh tun. Mein Leben gäbe ich hin, um sie beide glücklich machen zu können«, sagte sie.

Bilibin zuckte die Achseln, um zum Ausdruck zu bringen, daß er für ein solches Mißgeschick keine Abhilfe wisse.

Une maîtresse-femme. Das nenne ich in scharfen Umrissen ein Problem ins Auge fassen! Am liebsten heiratete sie alle drei auf einmal, dachte Bilibin.

»Aber sagen Sie, wie stellt sich eigentlich Ihr Mann zu dieser Angelegenheit?« fragte er, da er bei der Unerschütterlichkeit seines Rufes als kluger Mann keine Angst zu haben brauchte, sich durch eine so naive Frage zu blamieren. »Ist er einverstanden?«

»Ah! Il m’aime tant!« erwiderte Helene, die aus irgendeinem Grund davon überzeugt war, daß Pierre sie ebenfalls liebe. »Er wird alles für mich tun.«

Bilibin zog die Stirn kraus, um ein »mot« vorzubereiten, und sagte dann: »Sogar sich scheiden lassen.«

Helene lachte.

Unter der Zahl derer, die sich einen Zweifel an der Gesetzmäßigkeit der in Aussicht genommenen neuen Ehe erlaubten, befand sich auch Helenes Mutter, die Fürstin Kuragina. Der Neid auf ihre Tochter hatte sie schon immer gequält, jetzt aber, da ihr der Grund dieses Neides so nahe zu Herzen ging, ließ ihr dieser Gedanke keine Ruhe mehr. Sie beriet sich mit einem russischen Geistlichen darüber, ob überhaupt eine Scheidung und das Eingehen einer neuen Ehe, solange der Mann noch lebe, möglich sei, und der Geistliche sagte ihr, eine solche Möglichkeit bestehe nicht, und zeigte ihr zu ihrer Freude eine Stelle in der Heiligen Schrift, in der die Möglichkeit des Eingehens einer neuen Ehe, solange der erste Mann noch lebe, geradezu verboten wird.

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