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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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In Petersburg hatte sie sich der Gunst einer hochstehenden Persönlichkeit erfreut, die eine der höchsten Ämter im Reich bekleidete. In Wilna dagegen war sie zu einem jungen ausländischen Prinzen in nähere Beziehungen getreten. Als sie jetzt nach Petersburg zurückkehrte, befanden sich sowohl der Prinz wie auch die hochstehende Persönlichkeit in der Stadt, beide machten ihre Rechte geltend, und so sah sich Helene einer neuen Aufgabe gegenüber: ihr enges Verhältnis zu beiden zu wahren, ohne einen zu verletzen.

Was einer anderen Frau schwierig, ja unmöglich gewesen wäre, darüber zerbrach sich die Gräfin Besuchowa nicht einmal den Kopf: ein neuer Beweis, daß sie sich nicht umsonst des Rufes einer äußerst klugen Frau erfreute. Hätte sie ihre Fehltritte zu verheimlichen und sich mit Schlauheit aus der mißlichen Lage herauszuwinden gesucht, so hätte sie eben dadurch, daß sie ihre Schuld einsah, alles verdorben. Helene aber tat gerade das Gegenteiclass="underline" wie ein wahrhaft großer Mensch, der alles vermag, was er will, stellte sie sich von vornherein so zu der Sache, als ob sie im Recht wäre – woran sie auch aufrichtig glaubte – und alle anderen im Unrecht.

Als sich der junge fremde Prinz erlaubte, ihr zum erstenmal Vorwürfe zu machen, hob sie stolz den schönen Kopf und sagte mit fester Stimme, indem sie sich halb nach ihm umwandte: »Da sieht man wieder mal den Egoismus und die Grausamkeit der Männer! Ich habe gar nichts anderes erwartet. Die Frau opfert sich für sie, leidet, und so wird es ihr gelohnt! Was für ein Recht haben Sie, Monseigneur, von mir über meine Freundschaften, meine Neigungen Rechenschaft zu fordern? Dieser Mann ist mehr für mich gewesen als ein Vater.«

Der Prinz wollte etwas entgegnen, aber Helene schnitt ihm das Wort ab.

»Eh bien, oui«, fuhr sie fort, »vielleicht hat er für mich noch andere Gefühle als väterliche, aber das ist doch kein Grund, ihm meine Tür zu verschließen. Ich müßte ein Mann sein, um mich so undankbar zeigen zu können. Und dann möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, Monseigneur, daß ich über alles, was meine innersten Gefühle angeht, nur Gott und meinem Gewissen Rechenschaft ablege«, schloß sie, legte die Hand auf ihre hochatmende, schöne Brust und warf einen Blick gen Himmel.

»Aber so hören Sie mich doch an, um Gottes willen.«

»Heiraten Sie mich, und ich werde Ihre Sklavin sein.«

»Aber das ist doch unmöglich.«

»Sie halten mich der Ehre nicht für wert, zu mir herabzusteigen. Sie …« erwiderte Helene und weinte.

Der Prinz fing an sie zu trösten. Unter Tränen sagte ihm Helene, wie als vergäße sie alles um sich her, daß nichts sie daran hindern könne, sich wieder zu verheiraten. Es gebe ja Beispiele, – es waren damals allerdings nur wenige, aber sie nannte Napoleon und andere hochstehende Persönlichkeiten. Sie sei niemals die Frau ihres Mannes und stets nur ein Opfer gewesen.

»Aber die Gesetze, die Religion …« warf der Prinz, schon halb besiegt, ein.

»Gesetze, Religion? … Wozu hätte man sie ersonnen, wenn sie dies nicht zustande bringen könnten!« rief Helene.

Der hohe Herr staunte, daß ein so einfacher Gedanke ihm nicht in den Sinn gekommen war, und wandte sich um Rat an die Brüder der Gesellschaft Jesu, zu denen er in engen Beziehungen stand.

Ein paar Tage später wurde der Gräfin Besuchowa bei einem der bezaubernden Feste, die sie auf ihrem Landhaus auf Kamenny Ostrow[186] gab, der nicht mehr junge, aber bestrickende Monsieur de Jobert vorgestellt, un jésuite à robe courte, mit schneeweißem Haar und leuchtenden schwarzen Augen, der beim Schein der Illumination und bei den Klängen der Musik im Garten lang mit Helene plauderte: von der Liebe zu Gott, zu Christus und zum Herzen der Mutter Gottes und von den Tröstungen, die nur die einzig wahre katholische Religion in diesem wie im künftigen Leben dem Menschen zu geben vermag. Helene war gerührt, und mehr als einmal standen sowohl in ihren als auch in Monseigneur de Joberts Augen Tränen, und ihre Stimmen zitterten. Ein Tanz, zu dem ein Partner Helene aufzufordern kam, machte dem Gespräch mit ihrem künftigen directeur de conscience ein Ende, aber am folgenden Tag erschien Monsieur de Jobert allein gegen Abend bei Helene und kam von nun an häufig zu ihr.

Eines Tages führte er die Gräfin in eine katholische Kirche, wo sie vor dem Altar, an den man sie hingeleitete, auf die Knie sank. Der nicht mehr junge, aber bezaubernde Franzose legte ihr die Hände auf den Kopf, und sie empfand, wie sie dann selber erzählte, ein Gefühl, als wehe ihr ein frischer Wind durch die Seele. Das war die Gnade, erklärte man ihr.

Dann schickte man ihr einen Abbé à robe longue, der hörte ihre Beichte an und sprach sie von ihren Sünden frei. Am folgenden Tag brachte man ihr ein Kästchen, in dem eine Hostie lag, und überließ es ihr für den Hausgebrauch. Nach einigen Tagen erhielt Helene zu ihrer Genugtuung die Nachricht, daß sie nun in die alleinseligmachende katholische Kirche eingetreten sei, daß in nächster Zeit auch der Papst dies erfahren und ihr ein gewisses Schreiben zusenden werde.

Alles, was während dieser Zeit um sie herum und mit ihr geschah, die ganze Aufmerksamkeit, die ihr so viele kluge Menschen bezeigten und die in so angenehmen, verfeinerten Formen zum Ausdruck kam, sowie der Zustand täubchenhafter Unschuld, in dem sie sich jetzt befand – sie trug die ganze Zeit über nur weiße Kleider mit weißen Bändern –, dies alles bereitete ihr Vergnügen, aber um dieses Vergnügens willen ließ sie doch ihr wahres Ziel nicht einen Augenblick aus dem Auge. Und wie es immer der Fall zu sein pflegt, daß, wenn es aufs Überlisten ankommt, der Dumme dem Klugen über ist, so bestand auch Helene darauf, daß alle die mannigfaltigen Maßnahmen, die sie von ihrem Mann freimachen sollten, getroffen wurden, ehe sie mit dem Geld herausrückte, da sie durchschaut hatte, daß das Ziel aller dieser Worte und Bemühungen vorzugsweise darin bestand, ihr, sobald man sie zum Katholizismus bekehrt hatte, Geld zum Besten der Jesuitenanstalten abzunehmen, worauf man sie schon durch Anspielungen vorbereitet hatte. Ihrer Auffassung nach bestand die Bedeutung jeder Religion nur darin, bei der Befriedigung menschlicher Wünsche gewisse Anstandsregeln wahren zu helfen. Zu diesem Zweck forderte sie in einem ihrer Gespräche von ihrem Beichtvater dringend Antwort auf die Frage, inwieweit sie jetzt noch durch ihre Ehe gebunden sei.

Sie saßen im Salon am Fenster. Es dämmerte bereits. Blütenduft drang von draußen herein. Helene trug ein weißes Kleid, das Brust und Schultern durchschimmern ließ. Ein wohlgenährter Abbe, mit feistem, glattrasiertem Kinn, hübschem, derbem Mund und weißen Händen, die er sanft über den Knien gefaltet hielt, saß Helene dicht gegenüber, warf mit feinem Lächeln auf den Lippen ab und zu einen über ihre Schönheit still entzückten Blick auf ihr Gesicht und setzte ihr dabei seinen Standpunkt über die sie beschäftigende Frage auseinander. Helene blickte, unruhig lächelnd, auf sein krauses Haar, seine glatt rasierten, schwärzlichen, vollen Backen, und war jeden Augenblick darauf gefaßt, daß das Gespräch eine andere Wendung nehmen werde. Aber der Abbé, obwohl er sich sichtlich an der Schönheit seines Gegenübers ergötzte, ließ sich doch ganz von seiner Meisterschaft als Seelsorger hinreißen.

Der Gang der Erwägungen dieses Gewissenslenkers war folgender: »Ohne die Bedeutung dessen, was Sie taten, zu kennen, haben Sie den Schwur ehelicher Treue einem Mann geleistet, der seinerseits, weil er in die Ehe eintrat, ohne an ihre religiöse Bedeutung zu glauben, einen Frevel beging. Diese Ehe hatte demnach nicht die zwiefältige, gegenseitige Bedeutung, die eine Ehe haben muß. Doch dessenungeachtet waren Sie durch Ihren Schwur gebunden. Nun haben Sie sich von Ihrem Mann getrennt. Was haben Sie damit begangen? Péché véniel oder péché mortel? Péché véniel, denn Sie haben diesen Fehler ohne böse Absicht getan. Wenn Sie jetzt, aus dem Wunsch heraus, Kinder zu haben, eine neue Ehe eingehen, so könnte Ihnen Ihr Fehltritt vergeben werden. Doch dieses Problem zerfällt wiederum in zwei Teile, erstens …«

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186

Kamenny Ostrow: eine der Inseln Petersburgs zwischen Großer und kleiner Newka.

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