Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
Die schwarze Barke passierte die Durchfahrt zwischen den beiden Inseln. Links lagen die Häuser der Fischer von San Giorgio, um die Kirche geduckt wie kauernde Hunde, rechts, auf der Spitze La Guideccas beleuchtete ein flackerndes Feuer die Gestalten dreier winkender Männer.
«Schneller! Los, beeilt euch!» befahl Kapitän Matteo und lief behende zum Heck. «Gib das Steuer her, Ernesto! Macht die Segel klar!»
Die Barke schwamm im offenen Wasser der Lagune. «Ruder einziehen, Segel klarmachen!» gab der krummbeinige Ernesto den Befehl weiter.
Mit geübten Handgriffen lösten die drei Männer die Leinen und setzten die Segel. Paolo stand ihnen unbeholfen im Wege, bis der Krummbeinige ihm fluchend einen Platz anwies.
Der Wind packte mit starkem Griff die Segel, der Mastbaum stöhnte, und die Barke bewegte sich, dem Steuer gehorchend, gegen Sonnenuntergang. Der langgestreckte Schatten der Insel La Guidecca wurde eins mit dem windgepeitschten Wasser.
Die Haut spannte sich über Matteos Gesicht, seine Augen suchten das Dunkel zu durchdringen. Kein Stern leuchtete am Himmel, der den Weg weisen könnte. Breitbeinig stand der Kapitän auf seinem erhöhten Platz und steuerte an La Gracia und San demente vorbei, so daß man die dunklen Umrisse der Inseln gerade noch ahnen konnte. Der salzige Seegeruch stieg ihm erfrischend in die Nase, und der Wind, vermischt mit feinsten Wasserperlchen, stach prickelnd in sein Gesicht, das einen zufriedenen Ausdruck annahm.
Die Lagune war tückisch, ein Abweichen um ein oder zwei Fuß von der Fahrrinne brachte die Gefahr des Auflaufens mit sich. Es war dann schwer, die Barke wieder flottzukriegen.
Keine Eichen- oder Ulmenpfähle markierten den Weg, tausendfältige Erfahrungen nur waren imstande, den verschlungenen Wasserpfad mit dem sechsten Sinn des Seemannes immer von neuem zu entdecken. Und immer von neuem mußte man Überraschungen vorausahnen, mit spähendem Blick auf jede Veränderung der Wasseroberfläche achten, mit wachem Ohr auf das schürfende Geräusch hören, wenn das Holz den Grund streifte, und im letzten Augenblick mit einer winzigen Bewegung des Steuers den richtigen Kurs einschlagen. Auch wenn das Heulen des Windes und die gegen das Holz klatschenden Wellen alles zu übertönen versuchten.
Kapitän Matteos Herz war von triumphierendem Stolz erfüllt. Das Leben hatte nur Sinn für ihn, wenn er am Steuer stand, von Wind und Dunkel und Feuchtigkeit umweht, und die Schergen, die mit schnellen Booten die Lagune durchstreiften, überlisten konnte.
Die Barke flog wie ein flüchtiger Schatten über das Wasser. Kapitän Matteo hielt auf das Festland zu. Bald waren sie auf der Höhe von San Spirito. Auf San Spirito und der folgenden, in ein Fort verwandelten Insel Poveglia lauerten die Boote der Schergen und liefen in ständigem Wechsel aus. Fast wartete Matteo auf eine Begegnung, um ihnen mit kühnen Manövern wie ein Gespensterschiff entwischen zu können.
Der Wind stand günstig, so daß sie, ohne den Stand der Segel zu verändern, den richtigen Kurs halten konnten. Die vier Männer der Besatzung verrichteten, als seien sie ein Wesen, die notwendigen Handgriffe. Alles vollzog sich schweigend und schnell.
Paolo blieb kaum Zeit zum Nachdenken. Jetzt war es vollkommen klar, daß sie nicht nach San Nicolo segelten, sondern sich auf einer Schmuggelfahrt befanden. Pietro Bocco hatte ihn in eine Falle gelockt.
Ein dumpfer Zorn erwachte in ihm. Vier Männer befanden sich an Bord, dazu der bärenstarke Kapitän. Er versuchte, sich die Gesichter und Gestalten der vier vorzustellen, konnte sich aber nur an den krummbeinigen Ernesto, der ihm kein ernster Gegner zu sein schien, erinnern. Vorhin war Paolo so in seine Gedanken versponnen gewesen, daß er kaum auf die anderen geachtet hatte. Es gab nur eine Möglichkeit, eine Änderung des Kurses zu erzwingen: Er müßte Kapitän Matteo niederschlagen und die anderen mit dem Dolch in Schach halten. Paolo sagte sich selbst, daß dieser Versuch nicht die mindeste Aussicht auf Erfolg haben würde.
Der Wind brauste in seinen Ohren, die Barke ächzte und stöhnte, und die aufgewühlten Wellen quirlten über die Reling. Das Deck lag im spitzen Winkel zur Wasserfläche; mit kundiger Hand, alle Sinne angespannt, steuerte Kapitän Matteo durch die Nacht.
Im Laderaum standen gut verstaut die fünfzehn Salzsäcke des Pietro Bocco. Wenn man sie doch ins Wasser werfen könnte!
Uber Paolos Kopf wölbte sich, bis zum Bersten gespannt, das Hauptsegel. Der Zorn weckte blinde Wut, wie sie Paolo nur einmal im Leben empfunden hatte, als der Aufseher des Waisenhauses ihn fast zu Tode geprügelt hatte. Alle vernünftigen Überlegungen waren ausgelöscht.
Mit drei Sprüngen, Hände und Füße benutzend, erreichte er Kapitän Matteo, stieß den Überraschten vor die Brust und schlug ihm mit einem wuchtigen Faustschlag den Steuerknüppel aus der Hand. Die Barke richtete sich auf, beängstigend flatterten die Segel um die Rahen, sie verlor an Fahrt und tanzte ziellos auf den Wellen. Matteo stieß einen Schrei aus, der schaurig das Brausen des Wassers übertönte.
«Bist du wahnsinnig!» knirschte er und warf sich, die mächtigen Arme ausbreitend, auf den Gegner. Trotz der furchtbaren Anstrengung vergaß er nicht die Sorge um seine Barke.
«Nimm das Steuer!» brüllte er Ernesto an, der neben den Kämpfenden aufgetaucht war und auf eine Gelegenheit zum Eingreifen wartete.
«Bleibt auf euren Plätzen!» keuchte er.
Die beiden Männer hielten sich umschlungen, ihre Adern an Hals und Kopf traten fingerdick hervor. Der Krummbeinige legte die Barke vor Wind. Als sich das Deck wieder schräg über die Wasserfläche hob, standen die Kämpfer Augenblicke lang auf ihren linken Beinen und versuchten das Gleichgewicht zu halten. Matteo drückte seine Arme wie eine Zange zusammen, so daß sich der Griff des Dolches unter Paolos Wams gegen die unteren Rippen preßte.
Doch Paolo spürte keinen Schmerz. Es ging jetzt um Tod oder Leben. Kapitän Matteo war bisher noch von keinem Gegner besiegt worden. Ein Schwächerer als Paolo hätte nach dieser gefährlichen Umklammerung mit gebrochenen Rippen am Boden gelegen.
Der Wind steigerte sich zum Sturm. Er spielte eine grausige Melodie zu dem stummen, keuchenden Ringen. Das Schiff neigte sich stärker zur Seite, wurde aber sofort wieder aufgefangen.
Die Kämpfenden verloren das Gleichgewicht und schlugen mit dumpfem Aufprall gegen die Holzplanken. Im Fallen hatte Paolo den Griff seiner Arme gelockert, um mit stärkerem Druck am unteren Teil der Wirbelsäule ansetzen zu können. Matteo nützte die Gelegenheit, drehte sich innerhalb der Umklammerung, zog sich zusammen und schleuderte, mit einem gewaltigen Schwung seines gewölbten Rückens die Umklammerung sprengend, den großen Körper des Gegners durch die Luft.
Paolo flog mit ausgebreiteten Armen und gespreizten Beinen gegen die Reling und schlug mit dem Kopf hart gegen die Kante. Eine Welle spülte über seinen Körper und durchnäßte ihn bis auf die Haut. Instinktiv krallten sich seine Hände um das Holz. So entging er der Gefahr, von dem zurückflutenden Wasser über Bord gespült zu werden.
In diesem Augenblick ließ der krummbeinige Ernesto, der bisher dem Ringen mit starrem Entsetzen zugesehen hatte, den Steuerknüppel fahren. Er wollte sich auf den am Boden Liegenden stürzen, um ihn über Bord zu schleudern. Doch Kapitän Matteo riß ihn am Kragen zurück und stieß ihn mit einer Armbewegung gegen das Heck. «Teufelssohn!» brüllte er mit verzerrtem Gesicht und blutunterlaufenen Augen, «halt den Kurs!»
Paolo war inzwischen, etwas benommen noch, auf die Füße gekommen. Nimm den Dolch! flog es ihm durch den Kopf. Gleichzeitig lähmte eine unerklärliche Sympathie für den Gegner seine Hand. Er griff nicht nach dem Dolch, obwohl er genau wußte, daß der furchtbare Kampf bis zum Ende durchgefochten werden würde, bis einer von ihnen wehrlos am Boden lag.
Vielleicht war es nicht gut, daß sich kein Haß in seinem Herzen regte.