Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Nun wies er auf den jungen Mann an seiner Seite.
Er hatte glänzend schwarze Haare, die in vielen Zöpfen sein Gesicht umrahmten, eine etwas lange Nase und einen Hauch festere Züge als der Prinz. Vielleicht schien das aber auch nur so, weil seine Miene reglos und verschlossen war. »Dies ist der Ritter Erijel, mein Cousin und treuester Freund. Er hat mich schon aus mancher schlimmen Lage befreit.«
»Was diesmal ja nicht geklappt hat«, zischte Erijel ihm zu. Kaveh schenkte ihm einen glühenden Blick.
Erijel stieß scharf die Luft durch die Nase, wandte sich aber dann an Nill und neigte ein wenig den Kopf. »Sei gegrüßt, Mädchen der Hykaden.«
»Und diese beiden«, fuhr Kaveh fort, wobei er auf die anderen zwei Gestalten wies, »sind mir ebenso teuer wie Brüder. Sein Name ist Arjas, und seiner Mareju, beide Ritter der Freien Elfen.«
Der Junge, den Kaveh als Arjas vorgestellt hatte, nickte Nill zu. Sie fühlte sich ein bisschen flau beim Anblick seiner Haare, von denen nur zwei vordere Strähnen in Holzperlen gedreht waren und die so grün schimmerten wie ihre. Seine Augen waren groß und grün, die breiten Lippen waren zu einem freundlichen Lächeln verzogen. Der andere Junge, Mareju, sah genauso aus. Verdutzt stellte Nill fest, dass die beiden wie Spiegelbilder nebeneinander saßen. Es mussten Zwillinge sein.
»Du schuldest uns einen Namen«, erinnerte sie Erijel. »Willst du dich nicht auch vorstellen?«
Fragend ruhten die Blicke der Elfen auf Nill. Kavehs Augen verschmälerten sich. »Du ... bist du wirklich ein Mensch? Ich meine, bist du wirklich ein Hykadenmädchen? Deine Haare und auch deine Augen ...«
»Ihre Ohren«, flüsterte Mareju. Hastig befühlte Nill ihr linkes Ohr und strich die feuchten Haare darüber. Ihr Herz hämmerte noch immer heftig. Elfen, bei allen Göttern – sie saß hier Elfen gegenüber!
Schreckliche Geschichten und Erzählungen stoben ihr durch den Kopf: Was das Elfenvolk mit Menschen anstellte, die ihm in die Fänge kamen, was Elfen mit Kindern taten, die sich im Wald verirrten, wie sie Jungen und Mädchen zum Spaß in den Irrsinn trieben ...
»Bist du eine Tochter der Hykaden?«, wiederholte der schwarzhaarige Ritter betont deutlich und lehnte sich sogar ein Stück vor, damit Nill ihn besser verstand.
»Nein. Nein, ich –«
»Ich wusste es!«, rief Kaveh und erhob sich sogleich, um auf sie zuzukommen. Erijels Hand schloss sich um Kavehs Gürtel und zog ihn unsanft auf den Boden zurück. Das Gesicht des Prinzen begann zu glühen. Er machte sich vom Griff seines Cousins los, blieb aber nun sitzen und blickte Nill fröhlich an. »Ich wusste es. Yen sûr mearél liurjas?«
Nill erwiderte seinen Blick mit der Verständnislosigkeit eines Karpfens. Einige schreckliche Augenblicke lang erwarteten die Elfen eine Antwort, die Nill natürlich nicht geben konnte. Das Zirpen der Grillen schien plötzlich sehr laut zu werden.
»Das Mädchen ist ein Mensch«, raunte Erijel Kaveh zu. »Oder sie ist, was fast genauso bedauerlich wäre, schwachsinnig.«
Ein wenig enttäuscht sah Kaveh über das Feuer hinweg. Nill beschloss die Stille mit einer Frage zu vertreiben: »Was ist passiert? Was wollt ihr von mir?«
Bevor Erijel etwas erklären konnte, hielt Kaveh ihm in einer gebieterischen Geste den Arm vor die Brust (wobei er nicht ausließ, ihm auch noch einen kräftigen Ellbogenstoß zu verpassen). »Wir sind zufällig an deinem Lager am Fluss vorbeigekommen, wie es scheint. Du musst uns gehört haben und hast Steine geworfen.« Kaveh lachte kurz. »Bei allen guten Baumgeistern, wirklich, du hättest mir fast den Schädel eingehauen.«
»Du bist auch geflohen«, fügte Erijel trocken hinzu. »Und hätte Kaveh« – dabei warf er ihm einen Blick zu – »dich nicht aus dem Wasser gefischt, hätte die Strömung dich ans nächste Ufer gespült. Mausetot.«
Nill versuchte, die Zunge vom Gaumen zu lösen.
»Also ... seid ihr zufällig in der Nähe gewesen?«
Die beiden Zwillinge Mareju und Arjas sahen sich an. Dann wandten sie sich wie Erijel Prinz Kaveh zu.
»Ja«, entfuhr es ihm. »Also ... Ja! Wir sind nämlich ...«
In diesem Augenblick begann es laut hinter Nill zu rascheln. Zweige brachen, dann tauchte etwas hinter den Wurzeln auf. Etwas Großes, Dunkles. Nill stieß einen erstickten Schrei aus und sprang auf die Füße.
Noch bevor sie erkannte, was für ein Tier da hinter ihr aus dem Unterholz gebrochen war, hörte sie Kavehs herzliches Gelächter.
»Bruno! Das ist nur Bruno, der tut dir nichts!«
»Wer ist Bruno?«, entgegnete sie schrill, erkannte aber schon, dass Bruno ein Wildschwein war.
Kaveh breitete die Arme aus und schlang sie um das schwere, schnaubende Tier. Der Keiler mochte so groß wie ein Schaf in voller Wollpracht sein – und genauso breit. Ein Paar mächtiger gelber Hauer ragte neben dem Rüssel hervor, der unaufhörlich schnüffelte und schniefte. Um seinen umfangreichen Bauch waren zwei Taschen geschnürt. Das leise Klirren von Geschirr begleitete jede seiner Bewegungen. Das Wildschwein trappelte einmal um Kaveh herum, stupste dann seinen Arm an und drängelte seine Schnauze unter Kavehs Hand. Nill entschied sich endlich für ein verblüfftes Lachen.
Da stand sie dann mit feuchten Haaren und ein wenig hilflos, während die Blicke von vier Fremden und einem Wildschwein auf ihr ruhten.
Der Geleitschutz
Dichte graue Nebelschwaden zogen sich durch die Wälder und verschluckten die Geräusche des anbrechenden Tages. Die Welt schien wie versunken in einen regungslosen Schlaf. Nill hatte sich zögernd am Feuer der Elfen niedergelassen. Was sollte sie auch anderes tun? Sie war noch kalt und feucht vom Fall ins Wasser, und sie wusste nicht, wo ihre Sachen waren.
Außerdem ging keine Gefahr von den Elfen aus – jedenfalls schien das Gesicht des Prinzen das zu sagen. Seine Worte und Blicke waren so vorsichtig, als wende er sich an ein verletztes Reh.
»Nun weißt du also, wer wir alle sind«, sagte Kaveh, einen Arm noch immer über sein Wildschwein gelegt. »Willst du uns jetzt auch verraten, wie dein Name lautet?«
»Nill«, antwortete Nill scheu.
»Nill?« Die Brauen des Elfen runzelten sich. »Das ist ja elfisch! Das bedeutet ...« Er verstummte.
Nill fühlte einen Kloß im Hals. »Was bedeutet das? Mein Name hat eine Bedeutung?«
Kaveh blickte irritiert zu den Zwillingen hinüber und wieder zu Nill. Er schluckte. »Nun ja ... das heißt ... das bedeutet so etwas wie ... Also, ich meine, bestimmt hat dein Name eine ganz andere Bedeutung, das ist ja sicher ein Zufall«, faselte er und räusperte sich. »Nill, also, bedeutet ... schmutziges ... Blut.«
»Oh«, hauchte sie und senkte den Kopf.
Schmutziges Blut ... Ein bitteres Lächeln grub sich in Nills Züge. Man hatte sie ihr ganzes Leben lang so genannt. Und jetzt erfuhr sie, dass ihr Name selbst nichts anderes bedeutete. Sie schämte sich in Grund und Boden und war gar nicht mehr fähig, irgendetwas zu sagen. Selbst das unsichere Schweigen der Elfen brachte sie vor Scham zum Glühen.
»Wieso heißt du so?«, fragte Kaveh schließlich. Sie wagte einen Blick durch ihre Haare. Aber sie entdeckte nicht den erwarteten Spott. Nicht einmal ein verkniffenes Grinsen. Sie presste die Lippen fest aufeinander. »Oh. Oh ...« Sein Gesicht überschattete Mitgefühl. »Ich verstehe. Du ... du bist keine Elfe. Aber auch kein Mensch.« Erst nachdem Kaveh sie eine Weile gedankenversunken angeblickt hatte, wurde ihm bewusst, was er da gesagt hatte. »Ich meine, du bist natürlich schon ein Mensch und du bist auch eine Elfe, du bist eben ...« Kaveh verstummte.
Nill lächelte, ohne jemanden ansehen zu können.
»Ist schon gut. Ich weiß, was ich bin.«