Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Das Entscheidende war, dass er ihr nahe war – näher als es vorher möglich gewesen wäre. Er glaubte fast den Atem der Schlafenden in der Luft zu spüren.
Plötzlich raschelte es neben ihm. Ein stämmiges, großes Tier, wie ein einziger Schattenfleck in der Nacht, und ein junger Mann erschienen in der Dunkelheit.
»Erijel – was machst du hier?«, flüsterte er so leise, dass seine Stimme fast vom Zirpen der Grillen verschluckt wurde.
»Was machst du hier?«, entgegnete der Neuankömmling.
»Geh zurück zu den anderen. Bitte.«
Statt Antwort zu geben oder gar der Bitte zu folgen, wandte der Neuankömmling sich der Schlafenden zu. »Du meinst also, das ist sie.«
»Psst! Du redest zu laut.«
Ein warmes Lachen erklang. »Das ist ein Mensch, Kaveh ... Die hören nicht einmal das Brüllen der Bäume im Sturm.«
Später wusste Nill nicht mehr, warum sie erwacht war. Die Geräusche waren sicher nicht laut genug gewesen, um jemanden zu wecken. Und doch – sobald sie aus dem Schlaf glitt, bemerkte sie sie. Die Stimmen. Sie hingen in der Luft wie feines Windrauschen. Jemand war hier.
Nill wagte nicht zu schlucken. Ihre Faust schloss sich um einen Stein. Die absurde Furcht beschlich sie, sie könnte plötzlich die Macht über ihren Körper verlieren und ihre Beine oder Arme könnten mit einem Mal unkontrolliert zucken. Ganz langsam öffnete sie die Augen.
Nichts. Nur das hohe Schilfgras fispelte. Warte, mahnte sie sich. Warte ...
Und wieder waren da Stimmen. So leise, dass sie nur aus weiter Ferne kommen konnten. Gleichzeitig spürte Nill aber, dass sie nah waren, greifbar nah.
Kein Mensch konnte so leise flüstern – das war unmöglich! Nill hörte jetzt die Worte, aber sie machten keinen Sinn. Träumte sie?
Ein warmes Lachen schien über den Geräuschen der Nacht zu schweben, einen kurzen Augenblick lang bloß.
»Nor el Hykaed, Kaveh ... El renya nej khal gryuh sen Brabas vy Urbhel. «
Nills Blick irrte durch die Dunkelheit. Sie strengte die Augen an, suchte nach jedem Lichtschimmer, nach jeder Kontur, etwas, woran sie sich festhalten konnte ... Es dauerte mehrere Herzschläge, in denen sich Nill in der Finsternis verloren glaubte. Und dann, mit einem Mal, löste sich das Gesicht vor ihr aus der Nacht wie ein Muster in einem Bild, das ihre Augen zuvor nicht erkannt hatten. Es harrte reglos zwischen den Schilfrohren und sah sie an. Mehr als die vom Mondlicht nachgezeichneten Lippen, den Nasenrücken und die in Schatten verschwindenden Augen erkannte Nill nicht.
Sie fuhr auf, dass die Decke zurückflog, und warf ihren Stein. Er landete mit einem dumpfen Geräusch im Gras. Das Gesicht war verschwunden. Nein, das Licht war verschwunden: Nill umgab erneut undurchdringliche Finsternis. Sie warf alle Steine, die sie hatte, während ihre Beine und Arme vor Schwäche und Furcht zitterten.
Ein wildes Grunzen erklang. Plötzlich tauchte ein Tier vor Nill auf und preschte geradewegs auf sie zu.
Jetzt gelang es ihr zu schreien. Entsetzt stolperte sie zurück, fiel – und die Knie zitterten ihr so sehr, dass sie erst nicht wieder aufstehen konnte. Ihre Hände gruben sich in feuchte Erde, dann kam sie endlich auf die Füße und rannte los. Hinter ihr erklangen noch immer das tiefe Grunzen, aufgeregte Stimmen und fremde Worte. Blindlings rannte sie in die Finsternis, rannte, rannte –
Und ihr Fuß blieb an etwas hängen. Vielleicht an einer Falle. Vielleicht an einer Hand. Dass es eine Wurzel sein konnte, darauf kam Nill in ihrer Angst nicht. Sie stieß einen entsetzten Laut aus, verlor das Gleichgewicht und stürzte vornüber.
Das Rauschen des Flusses kam Nill entgegen und im selben Augenblick ergriff sie eine Welle aus schäumendem Wasser. Ihr Kopf prallte hart gegen etwas, sie hörte Steine oder Knochen knirschen – aber den Schmerz nahm sie schon nicht mehr wahr. Ihr schwand das Bewusstsein, noch bevor sie die Hände spüren konnte, die sie vor der Strömung retteten.
Ein Feuer knisterte. War Nill zu Hause? Ja, das Knistern und Prasseln klang ganz so wie Agwins Herdfeuer. Vielleicht war Nill bei der Arbeit eingeschlafen, wie es so oft schon geschehen war, weil sie geträumt statt Rüben geschält oder Körner gestampft hatte ... Bestimmt würde Agwin erzürnt sein!
Blinzelnd öffnete Nill die Augen und erkannte einen Moment lang nichts als die lodernden Flammen vor sich. Sie hob den Kopf, wurde aber sofort von Schwindel erfasst. Ihre Kleider und Haare waren feucht.
Wo, wenn nicht im Totenreich, war sie?
Plötzlich glaubte Nill etwas hinter dem Feuer zu erspähen. Sie reckte sich ein wenig und blickte über die Flammen. Ein Gesicht war ihr zugewandt. Zwei Augen erwiderten ihren Blick.
Nill fuhr auf. Mit zitternden Händen wich sie zurück, bis ihr Rücken gegen einen Baumstamm stieß.
Nun, da sie halbwegs aufrecht dasaß, erkannte sie, dass nicht nur ein Gesicht im Feuerschein erstrahlte.
Sondern vier.
»Götter im Himmel und auf der Erde, steht mir bei, die ihr alle Kraft in euren Händen haltet!« Nill hatte nie sonderlich an die Götter geglaubt, die man bei den Hykaden verehrte. Dieser Augenblick schien ihr jedoch wie geschaffen dafür, mit dem Glauben anzufangen.
Einer der Fremden wandte sich an den Jungen, der Nill genau gegenüber saß, und stieß ein Seufzen aus.
»Hykaed, el rynjé khevâs yor!«
Nill starrte den Fremden gegenüber an und konnte den Blick nicht von ihm lösen, da sich auch seine Augen fest auf sie richteten. Es waren zwei helle Augen, deren reines Blau der Feuerschein fast in ein Grün verwandelte. Eine gerade Nase deutete zu den Lippen herab, die wie fein geformte Bogen direkt über dem eckigen Kinn saßen.
Das hellbraune Haar war am Hinterkopf zu einem Knoten gesteckt, die restlichen Strähnen hatte der Fremde zu ungleichmäßigen Zöpfen gedreht, die ihm über den Rücken baumelten und im Nacken noch einmal lose zusammengebunden waren.
»Hab keine Angst«, sagte der Junge.
Nill starrte ihn an, ohne eines Wortes fähig zu sein. Etwas an ihm – an allen vier Fremden – war anders. Merkwürdig. Ihre Gesichter waren normal und doch eine Spur zu fein. Ja, das war es: Sie wirkten wie feine Zeichnungen. Außerdem war ihre Haut blass wie früher Morgennebel, die Schatten um ihre Augen schimmerten bläulich. Mit demselben unbestimmten Gefühl, dass ihr Gegenüber seltsam war, schienen auch die Fremden Nill zu beäugen.
»Bist du ... bist du ein Hykadenmädchen?«, fragte der Braunhaarige zögernd.
War Nill das? Einen Augenblick wusste sie nicht, was sie antworten sollte. Zu den Hykaden hatte sie gehört, wie ein Fuchsjunges zu einem Wolfsrudel gehören konnte; aber wenn sie schon kein Hykade war, was war sie dann? »Wer seid ihr?«, entgegnete sie schließlich, ohne selbst Antwort zu geben.
Ein Lächeln glitt über das Gesicht ihres Gegenübers. Er senkte kaum merklich den Kopf, ohne sie aus den Augen zu lassen, und legte eine Hand auf die Brust: »Mein Name ist Kaveh, zweiter Sohn von König Lorgios, Prinz der Freien Elfen vom Dunklen Waldreich. Und meine Absichten«, setzte er ruhig hinzu, »sind friedlich.«
Nill starrte ihn an. Ihr wurde bewusst, dass sie zum ersten Mal in das Gesicht eines Elfs blickte.
Ein Elf. Er war ein Elf. Und angeblich ein Prinz noch dazu!
»Wieso kannst du so sprechen?« Ihre Stimme war kaum mehr als ein erschrockenes Luftschnappen.
Der Elf tauschte einen flüchtigen Blick mit dem jungen Mann neben sich, dann wandte er sich wieder an Nill. »Mein Vater«, erklärte der Junge lächelnd, »legt viel Wert auf meine Bildung. Ich habe die Sprache der Menschen erlernt, seit ich drei Jahre alt bin. So wie jeder meiner Gefährten.«