Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Hör auf, befahl sie sich schließlich. Hör auf, dich wie ein kleines Mädchen zu fürchten. Im Uferschilf war sicher nur ein Tier gewesen; ein Wildschwein wahrscheinlich wegen des Grunzens. Nill legte sich wieder hin. Sie rutschte dicht an die Flammen heran und zog sich den Umhang um die Schultern. Wenigstens die Zeder und ihre Wurzeln schienen Nill vor all den Augen zu schützen, die hinter ihr im Wald lauerten.
Nach einer Weile griff Nill wieder in den Quersack und aß im Liegen ihr Abendbrot. Mittlerweile schimmerte die Mondsichel auf dem Wasser. Doch alles jenseits des Lichtkreises um ihr Feuer verschwamm in der Finsternis. Der Schlaf wogte über sie hinweg. Noch bevor es dämmerte, erwachte Nill durch einen Tautropfen, der ihr auf die Wange fiel. Sie blinzelte und wusste einen kurzen Augenblick nicht, wieso sie nicht ihr gewohntes Bett unter sich fühlte. Der Umhang, in den sie sich gekauert hatte, war von Feuchtigkeit durchzogen. Vom Ufer und aus der Erde stieg wässrige Morgenkälte.
Nill richtete sich auf. Die Kleider und Haare klebten ihr feucht am Körper. Das Feuer der letzten Nacht war niedergebrannt, nur noch ein paar Glutstückchen glommen im Zwielicht. Halbwegs ordnete sie ihre Haare, dann schüttelte sie die Tannennadeln, Erdklumpen und Moosstückchen von ihrer Decke und legte sie gefaltet in den Quersack. Mit den Füßen trat sie die letzten Funken des Feuers aus, dann kletterte sie die Uferböschung runter und kniete sich ans kalte Wasser. In kleinen, silbrigen Wellen schwappte es über die Kieselsteine. Nill tauchte ihre Hände hinein, wusch sich das Gesicht und trank ein paar Schlucke. Dann kletterte sie in die Barke, löste das Seil von der Wurzel und steuerte mit dem Ruder in den offenen Fluss.
Allmählich wurde es heller. Grau wob sich in die Dunkelheit und mit dem anbrechenden Tag stiegen die Nebel. Es schien, als hauchten die Rachen des Waldes einen seidigen Dunstschleier über den Fluss.
Die Welt schlief noch, erst allmählich ein Glied nach dem anderen streckend – hier ein Astknacken, da ein leises Platschen.
Während die Barke durch die Nebel glitt, lauschte Nill dem Erwachen der Wälder. Das Hämmern eines Spechts hallte durch die Baumwipfel. Das Ächzen von jahrhundertealtem Holz hing wie ein Echo in der Ferne.
Sie zog die Knie an den Körper und war erfüllt von der Schönheit der Farben – denn der Wald war nicht nur Grün. Er änderte ständig sein Gesicht, vor allem jetzt, da das Licht aus allen Winkeln zu kriechen schien. Die Baumstämme, vor wenigen Augenblicken noch steingrau, wurden vom Nebel in ein milchiges Blau getaucht. Blau schimmerten auch das Laub, das Wasser, die Luft; bis sich die ersten Sonnenstrahlen durch die Dämmerung zogen und junges kräftiges Grün in die Welt malten. Die Nebelschwaden verdampften im Licht, dessen Fäden immer breiter wurden und sich bald wie Fächer durch das Unterholz spreizten.
Nill aß und trank. Ihr wurde bewusst, dass das letzte menschliche Gesicht, das sie gesehen hatte, das der alten Celdwyn gewesen war. Womöglich würde sie für Tage, ja für Wochen nur noch die tiefen Wälder um sich haben. Sonderbarerweise fühlte sie sich dabei nicht alleine. Im Gegenteil, sie war sogar froh darüber.
Das Brechen eines Astes hallte über den Fluss.
Nill drehte sich um. Plötzlich funkelte ihr etwas Helles aus dem Unterholz entgegen. Ehe sie genauer hinsehen konnte, war das Licht verschwunden. Ihr Herz machte einen jähen Sprung. Nicht nur Wasser konnte so blitzen. Auch Metall. Sie musste an die letzte Nacht denken, an das Rascheln im Uferschilf – war es vielleicht doch kein Tier gewesen? Ein erschreckender Gedanke pochte ihr im Hinterkopf: Sie wurde beobachtet. Sie wurde verfolgt.
Nill duckte sich in die Barke und schielte zum Ufer hinüber. Wer lauerte da in der Finsternis der Wälder? Wusste jemand, dass sie das Messer bei sich hatte?
Wie hatte sie so dumm sein können! Das Feuer letzte Nacht war schließlich nur schwerlich zu übersehen gewesen. Durch den ganzen Wald musste es geleuchtet haben und dann hatte sie auch noch den steinernen Dorn hervorgeholt!
»Verfluchte Närrin!«, schalt sie sich selbst.
Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie genau das wiederholte, was Agwin jetzt zu ihr gesagt hätte.
Aber das spielte im Augenblick keine Rolle. Schließlich war es diesmal auch gerechtfertigt.
Nach dem Blitzen im Unterholz machten sich Nills Beobachter nicht mehr bemerkbar. Als es Tag wurde, der Fluss sie durch immer neue Waldabschnitte führte und sich mal schnell und wild, mal träge seinen Weg bahnte, entdeckte Nill nichts Auffälliges mehr. Bis zu den Mittagsstunden hatte sie trotzdem das Gefühl, von fremden Augen beobachtet zu werden; Blicke schienen ihr auf der Haut zu haften wie der kalte Film von Angstschweiß, den sie einfach nicht abstreifen konnte.
Doch als die Stunden vergingen, begannen ihre Befürchtungen an Überzeugung zu verlieren. Die Barke schwamm schnell mit der Strömung des Flusses; ein heimlicher Verfolger würde wahrscheinlich gar nicht mithalten können, noch dazu ohne Geräusche zu verursachen oder sich anderswie zu verraten.
Womöglich hatte sie sich sogar das Aufblitzen eingebildet ... Vielleicht war es nur ein Tautropfen gewesen, in dem sich das Sonnenlicht verfangen hatte.
Nill beschloss, Ruhe zu bewahren und sich nicht schon am zweiten Tag ihrer Reise verfolgt zu fühlen – schließlich war sie hier in den Dunklen Wäldern!
Sie war gewiss der einzige Mensch weit und breit.
Aber trotz allem konnte sie ihr Unwohlsein nicht völlig vertreiben. Es hatte sich kalt und kribbelnd in ihr verankert.
Das Flüstern im Schilf
An diesem Abend beschloss Nill, kein Feuer zu entfachen. Sie wickelte sich dicht in Umhang und Decke, zog die Knie an und machte sich in der Erdmulde, die sie gefunden hatte, so klein wie möglich.
Rings um sie beugte sich das Schilfgras über ihr Schlaflager. Ein paar Schritte weiter, wo die Wurzelarme einer alten Weide ins Wasser griffen, fiel der Boden senkrecht zum Fluss ab. Nill war an den Wurzeln heraufgeklettert, ansonsten konnte man das Ufer kaum erklimmen.
Nun lag sie zusammengerollt wie ein Fuchs in ihrem Versteck und nagte an einem Stück Fladenbrot, während ihr Blick durch das Dunkel streifte. Sie musste die Augen anstrengen, um besser zu sehen.
So nahm sie das Mondlicht auf dem vorbeiströmenden Wasser heller wahr; es rahmte die Baumstämme und die Schilfrohre mit einem bleichen Schein, kaum wahrnehmbar für alle, die nicht wie ein Nachttier sehen konnten – oder wie eine Elfe.
Nill wurde mulmiger zumute, denn jetzt, da es dunkel war, kehrten ihre Befürchtungen zu ihr zurück. Sie war müde, und doch erlaubte ihr der kalte Schauder, der ihr bei jedem Geräusch über den Rücken lief, nicht zu schlafen. Ihre Augen wurden schwer. Die Hände, die sie zu schwitzenden Fäusten geballt hatte, entkrampften sich. Trotzdem blieben ihre Finger um die Steine geschlossen, die sie dicht an ihrer Brust hielt. Falls etwas in dieser Nacht kommen würde – falls – dann würde Nill die Steine werfen, die sie vorher aus dem Wasser gesammelt hatte. Neben ihrer Hüfte lag das Jagdmesser aus ihrem Quersack.
Schließlich übermannte Nill die Müdigkeit. Sie fiel in leichten, traumlosen Schlaf.
Vorsichtig schlich er durch das Schilf. Er schlich auf Händen und Knien, so wie ein Raubtier sich anpirscht. Seine Bewegungen waren geschmeidig wie die eines Wolfs, seine Augen so wachsam wie die einer Eule. Das Schilfgras rauschte wie in einem sachten Wind, als er es zur Seite strich.
Er beobachtete sie einige Atemzüge lang. Im Mondschein schimmerten die Konturen ihrer Gestalt, doch sie war in eine Decke gehüllt, und ein Blick in ihr Gesicht blieb ihm verwehrt.
Auch egal. Er wusste ja, wie sie aussah. Er wusste, wie sie sich bewegte; auf diese scheue, zögernde Art, deren Grund ihm noch ein Rätsel war. Es war nicht wichtig, dass er in diesem Moment kaum mehr von ihr erkennen konnte als ein rundes Knäuel aus Stoff.