Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Später am Abend sangen die Elfen Nill alte Volkslieder vor und erzählten ihr von ihren Festen und Bräuchen, die alles andere als blutrünstig waren und nichts mit den Schauermärchen zu tun hatten, die die Menschen sich ausmalten. Nur manchmal erwähnten die Ritter ein paar Begriffe, die Nill nicht verstand; sie beinhalteten geheimnisvolle Zauber, die Nill nur erahnen konnte.
Eines der Elfenlieder, die die Ritter ihr im Takt klatschend vorsangen, gefiel Nill besonders:
»Feuer der Dämonennacht,
tanz mit dem Lied, das hier erwacht!
Leuchte nun für hundert Jahre,
die eine Nacht nur in dir wahre.
Sollt unser Volk einmal vergehen, wird tief im Schlaf Erinnerung bestehen, die als Legende einst erwacht;
drum tanz für hundert Jahre,
Feuer der Dämonennacht!«
Die Dämonennacht, so erklärte man ihr, war ein Fest, in der die Jungen und Mädchen tanzten, bis die Feuer im Morgengrauen erloschen. Die Ritter baten auch Nill, ihnen ein Lied der Menschen vorzusingen. Und Nills Herz zog sich zusammen.
Nur ein Lied kam ihr in den Sinn. Nur eines, das zu stark in ihrer Erinnerung brannte, um vergessen zu werden: das Lied vom Dornenmädchen!
»Nein«, sagte sie mit leiser Stimme. »Ich kenne keine Lieder.« Als die Elfen sie verwundert ansahen, fügte sie schnell hinzu: »Was aber natürlich nicht heißt, dass es bei den Menschen keine Lieder gibt. Aber ich mochte die gesprochenen Gedichte der Menschen lieber.«
»Gesprochene Gedichte?« Kaveh lächelte. »Willst du uns eins vortragen?«
Nill fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Nie hätte sie gedacht, dass sie mal ein Gedicht aufsagen würde. Doch dann, kaum dass das erste Wort ihr über die Lippen gekommen war, schien das Gedicht wie von selbst zu fließen:
»Dreh dich, dreh dich, Schicksalsrad!
Komm Leben, ungestüm und zart.
Lass mich fliegen auf den Winden, wie ein Lichtstrahl kommen und verschwinden.
Ich will mutig sein und feige wie die Wellen und die Herzen dieser Welt erhellen.
Nur sollst du so wild sein, wie ich bat, und ich dreh mich, dreh mich mit dem Schicksalsrad.«
»Ein schönes Gedicht«, sagte Kaveh und verschränkte nachdenklich die Arme auf den Knien. »Ich wusste, um ehrlich zu sein, nicht, dass die Menschen ... Na ja, bei den Elfen erzählt man sich viel Unfug über sie, glaube ich.«
»Das tut man bei den Menschen auch über euch«, sagte Nill.
»Es ist furchtbar!«, rief Kaveh. »Die Menschen und Elfen hassen sich, obwohl sie im Grunde nichts voneinander wissen! Wenn ich einmal König bin, werde ich etwas daran ändern.«
»Du wirst König? Ich dachte, du hättest einen älteren Bruder.«
»Ja und?«, meldete sich Mareju zu Wort. Seine Augen waren schon schläfrig klein geworden. »Oh ja«, murmelte er. »Ich hab ja vergessen, bei den Menschen erben die ältesten Kinder alles. Bei uns ist das anders ... Kaveh wurde bestimmt, König zu werden und die Krone zu tragen.«
Kaveh lächelte, als sich Marejus Worte in einem schläfrigen Nuscheln verloren. »Es ist schon spät«, sagte der Prinz der Freien Elfen leise. »Wir sollten schlafen.«
Nill nickte. Sie zog sich die Decke über die Schultern und rollte sich nahe dem Lagerfeuer ein.
»Gute Nacht«, flüsterte sie.
»Gute Nacht.«
Sie schloss die Augen und hörte das Knistern der Flammen, das Flussrauschen, das Zirpen der Grillen und das ruhige Atmen der schlafenden Zwillinge.
Bald hing ein Flüstern in der Luft. Es war das Flüstern von Kaveh und Erijel. Nill lauschte ihm, wie man einem Lied lauschen würde. Sie lauschte dem Klang der melodischen Elfensprache und schlief mit dem Gedanken ein, dass sie sehr, sehr hübsch klang ...
Die falsche Fährte
Sie brachen früh morgens auf. Wie am Tag zuvor erklärte Kaveh sich bereit, mit Bruno zu Fuß zu gehen. Nill erschien es mittlerweile gar nicht mehr seltsam, dass des Prinzen Haustier ein Wildschwein war.
Junge und Keiler gingen in äußerster Vertrautheit miteinander um und der eine wich nicht von der Seite des anderen. Später, als sie auf dem Fluss dahinfuhren, fragte Nill Erijel, wie Kaveh zu dem Keiler gekommen sei. Und sie war fast ein bisschen überrascht, dass Erijel ihr nicht nur in einem knappen Satz antwortete.
»Das war eine der wenigen Leichtsinnigkeiten von ihm, die noch mal gut gingen«, erklärte er mit einem kleinen Lächeln. »Als er zehn war, ist Kaveh mal in die Wälder gegangen. Er hat eine Gruppe menschlicher Jäger beobachtet, die ein Wildschwein gejagt haben. Sie erlegten es. Als die Menschen mit ihrer Beute verschwunden waren, war Kaveh den Spuren des Wildschweins zurück zu dem Ort gefolgt, wo es von den Menschen entdeckt worden war. Er hat einen sechsten Sinn dafür, Gefahren auszumachen. Leider fehlen ihm dann die restlichen fünf Sinne, um den Gefahren aus dem Weg zu gehen. Jedenfalls hat er den Unterschlupf des Wildschweins gefunden, obwohl es in den Yen Argwba, den verbotenen Wäldern gewesen ist, wo die Menschen jagen und ein Elf mit Verstand sich besser nicht zeigt. In dem Erdbau war ein einziger Frischling, kaum ein paar Wochen alt. Kaveh hat das Findelschwein mit nach Hause genommen. Das ist Brauch, dass ein Elf ein Tier aufnimmt, das ohne ihn sterben würde. Normalerweise ist es ein verstoßenes Wolfsjunges, ein verletzter Habicht oder Falke oder ein Rabe, manchmal auch ein Fuchs – aber einen Keiler mitzubringen, darauf kann nur Kaveh kommen. Irgendwie hat er es geschafft, mit Bruno die Freundschaft aufzubauen, die Elfen und ihre Tierbrüder verbindet. Auch wenn nur wenige es ihm zugetraut haben.«
Nill blickte in den Wald, der Baum um Baum an ihnen vorbeizog. Irgendwo in seinen Schatten wanderten nun Kaveh und sein Keiler. Nill spürte, wie ihr das Herz schwer wurde, weil die Freundschaft der beiden so innig war – und weil sie so eine Freundschaft nie gehabt hatte. Ein sehnliches Gefühl kam erneut in ihr auf, das sie schon seit dem Auftauchen der Elfen hatte: Wieso war sie bei den Menschen aufgewachsen? Wieso konnte sie nicht zu den Elfen gehören?
Wie gestern blieb der Tag bewölkt und ein wenig kühl. Die Luft hing schwer und still über ihnen und war erfüllt von süßen Sommergerüchen, die sich hier, inmitten der tiefen Wälder, prächtiger entfalteten als irgendwo sonst. Trotzdem mischte sich eine Kühle in den Duft, erwartungsvoll wie ein angehaltener Atem – man konnte es fast schmecken. Nill kannte diesen Geruch sehr gut. Es würde Regen geben. Die Stunden verstrichen. Mittags ruderten sie ans Ufer, Kaveh stieg ins Boot und Erijel ging an Land, um mit Bruno den Fußweg zu nehmen. Nill hatte inzwischen alle Scheu vor den Elfen verloren und wurde nicht mehr unruhig, wenn sie nichts zu besprechen hatten und einfach stillschweigend beieinander saßen. Nur manchmal, wenn sie Kavehs Blick auf sich spürte, wusste sie nicht recht, wie sie sich verhalten sollte.
Abends gingen sie wieder an Land und machten ein Feuer. Sie aßen und erzählten und Nill schloss ein bisschen Freundschaft mit Bruno. Genau genommen beschnupperte er sie und schnaubte sie an, als wollte er sagen, dass sie für ihn schon in Ordnung war. Vielleicht ein wenig uninteressant verglichen mit den Nüssen und Pilzen auf dem Waldboden.
Erst als die Nacht fast vorüber war und die Dämmerung hereinbrach, erfüllte sich Nills Ahnung. Ein leises Grollen rollte durch die Wälder. Bald fielen hier und da Tropfen durch die Baumkronen. Dann trommelte der Regen auf die Blätter. Nill, die Elfen und Bruno erwachten notgedrungen und beschlossen aufzubrechen. Mit hochgezogenen Schultern stiegen sie in die Barke und Kaveh blieb wie gewohnt bei Bruno.