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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Dass Chodorkowski zehn Jahre nach seiner Verhaftung und acht Jahre nach dem ersten Urteil immer noch auf der russischen und internationalen Bühne steht, ist das große Verdienst des Häftlings und stellt für den Kreml einen Tiefschlag dar. Deswegen ist Putin auch immer so nervös, wenn er – schon seit mehreren Jahren – auf ein und dieselben Fragen zum Fall JUKOS antworten muss.

Aber es kann auch heute keine Einigung zwischen Chodorkowski und dem Kreml zum gegenseitigen Vorteil geben. Das Wichtigste, was Chodorkowski besaß – JUKOS –, hat man ihm schon weggenommen. Ansonsten verfügt Chodorkowski über nichts, was für den Kreml von Interesse wäre. Eine Entscheidung kann nur von einer Seite kommen – aus dem Kreml. Falls die russische Macht es für politisch vorteilhaft hält.

Welches Verhältnis hatten und haben die russischen Eliten zu Chodorkowski?

Wenn man unter Eliten diejenigen Menschen versteht, die an den wichtigsten Entscheidungen beteiligt sind, dann ist ihr Verhältnis wohl eher negativ. Die Meinung des großen Kapitals über MBCh wurde 2005 recht genau von Alfred Koch formuliert, dem ehemaligen Vorsitzenden des Staatlichen Komitees Russlands zur Verwaltung des staatlichen Vermögens, einem der Ideologen der »großen Privatisierung« der 1990er-Jahre und enger Mitstreiter von Anatoli Tschubais:

»… was Chodorkowski betrifft. Warum die Business-Community ihn verriet. Es ist ja so, dass ein erheblicher Teil des Establishments, insbesondere des intellektuellen Establishments, … erst nach Chodorkowskis Inhaftierung davon erfuhr, dass er Demokrat ist. Davor hatte man ihn (mit verschiedenen Abstufungen von Emotionalität) für einen erfolgreichen Geschäftsmann oder für einen geschickten Schwindler gehalten. Die Formulierungen waren unterschiedlich, aber im Prinzip meinte jeder ein und dasselbe. Deswegen war der Business-Community wohl bekannt, was die Menatep Group darstellte, die sich dann in Rosprom verwandelte und später in JUKOS. Wenn wir, zum Beispiel, mich nehmen, so habe ich zu genau den Genossen gehört, die Chodorkowski mit ihrer Anteilnahme unterstützt haben. Mehr noch, die Zeitschrift Newsweek betrieb eine Art ›Planspiel‹ – ein Prozess gegen Chodorkowski, in dem ich die Rolle des Verteidigers spielte und Michail Jurjew die Rolle des Anklägers. […] Ich kann sagen, dass Chodorkowski immer gegen unsere Mannschaft gekämpft hat. Ein bekanntes Beispiel für diesen Widerstand war das Jahr 1997. Nachdem sie Swjasinwest nicht bekommen hatten, wurde gegen uns eine Hetzjagd ausgerufen, und Chodorkowski ergriff für Beresowski und Gussinski Partei. Und auch später nahm er immer die Position derjenigen ein, die gegen unsere Mannschaft waren. Erst bei den Wahlen 2003 fand er eine Möglichkeit, mit uns zu kooperieren und uns zu unterstützen.

Deswegen hält niemand innerhalb der Business-Community, die zu Chodorkowski als Geschäftsmann ein sehr, sehr schlechtes Verhältnis hat, ihn für einen Menschen, der einer Unterstützung würdig wäre. Chodorkowski riskierte immer zwei Thesen. Die erste These: ›Wenn wir einen Staat hätten, säße ich schon längst hinter Gittern.‹ Und die zweite: ›Was mir gehört, das gehört mir, und was dir gehört, darüber ist noch zu reden.‹ Wir als Business-Community wollen jetzt nicht unsere schmutzige Wäsche vor anderen Leuten waschen – das sind unsere internen Querelen –, und vor allem wollen wir nicht über jemanden herfallen, der im Gefängnis sitzt. Die Russische Union der Industriellen und Unternehmer hat ihn unterstützt, die Union der rechten Kräfte ebenfalls. Dazu noch Tschubais, Nemzow, Koch und Gaidar persönlich. Er aber schreibt in seinen Briefen, wir hätten die liberale Idee zugrunde gerichtet usw. Wie uns M. B. Chodorkowski lehrt, sollte man sich rational verhalten. Jegliches Gejaule ist sinnlos. Was wäre denn geschehen, wenn die Business-Community ihn unterstützt hätte, woran ich kaum glauben kann? Sowohl aus den von mir aufgezählten Gründen, die meines Erachtens ehrenwert sind, als auch deswegen, weil es sinnlos ist, sich mit der Staatsmacht wegen Chodorkowski zu zerstreiten, der dieser Business-Community nicht nähersteht als irgendjemand sonst.«

Heute meint man üblicherweise, Dmitri Medwedew hätte zur Zeit seiner Präsidentschaft (2008 bis 2011) Chodorkowski auf freien Fuß setzen können, aber der verfluchte und allmächtige Wladimir Putin habe das nicht zugelassen. Ich denke, alles ist viel einfacher und zugleich komplizierter.

Medwedew hätte MBCh zusammen mit Platon Lebedew vielleicht freigelassen, aber es hätte so aussehen müssen, als ob er sich in nichts eingemischt und keine individuellen Entscheidungen getroffen hätte. Eine Entlassung auf Bewährung oder eine Entscheidung des Höchsten Gerichts über eine Strafverkürzung im zweiten Fall um einige Jahre wären hier denkbar gewesen. Eine direkte Demonstration der politischen Macht des Präsidenten in dieser konkreten Frage nicht.

Man sollte sich jedoch nicht ausschließlich auf Putin versteifen, auch wenn sein Einfluss auf das Schicksal des ehemaligen Oligarchen tatsächlich sehr hoch war. Innerhalb der Elite gibt es einige Leute, die kein besonders hohes Interesse daran haben, Chodorkowski auf freiem Fuß wiederzutreffen. Zu ihnen gehören nach meiner Ansicht die einflussreichsten Geschäftsleute des heutigen Russland und die Stützen der »Familie« von Boris Jelzin: Roman Abramowitsch und Oleg Deripaska. Abramowitsch hat bislang keinen Finger gerührt, um Chodorkowskis Freilassung zu bewirken. Er wollte die strategisch wichtige Freundschaft mit Putin nicht gegen etwas so Unsicheres wie die Freiheit für MBCh tauschen. Wozu auch?

Überdies gibt es da eine sensible finanzielle Frage. Abramowitsch standen mehr als vier Jahre (vom Frühjahr 2003 bis zum Sommer 2007) 3 Milliarden Dollar zur Verfügung, die von JUKOS stammten, als es mit Sibneft fusionierte. Selbst bei einer konservativen Anlage dieser Summe auf dem russischen Finanzmarkt, der sich damals in einer wilden Wachstumsphase befand, muss sich die Summe mindestens verdoppelt haben.

Mitte 2007 wurden diese 3 Milliarden Dollar den anderen Aktiva von JUKOS zugeschlagen und gelangten in den Gemeinschaftstopf von Rosneft. Um diese hohe Summe zu legalisieren, fand ein Deal über eine gewisse LLC Prana statt, bei der das Moskauer Hauptquartier von JUKOS für eine Riesensumme verkauft wurde.

Eine noch dramatischere Rolle hatte auch Deripaska für das Schicksal von JUKOS gespielt. Ausgerechnet zu Beginn des Jahres 2006, als JUKOS unter Beobachtung gestellt wurde, entschied sich Oleg Deripaska, ins Ölgeschäft zu gehen. Er hätte dafür keine besseren Bedingungen haben können, als einen Teil der Aktiva von JUKOS zu übernehmen, an deren baldigem Bankrott kein Zweifel bestehen konnte. Natürlich hielten viele Geschäftsleute ein solches Szenario für übermäßig riskant, nicht jedoch Deripaska. Und dabei lag es nicht nur daran, dass der wichtigste Aluminiummagnat der Russischen ­Föderation an derartige Manöver am Rande eines Fouls und darüber ­hinaus gewöhnt war.

Denn 2001 hatte Deripaska geradezu einen Schutzbrief erhalten, als er die wohl weiseste Geschäftsentscheidung seines Lebens traf: Er heiratete Polina Jumaschewa und wurde auf diese Weise Teil der Familie Jelzin. Und alles, was mit dem ersten Präsidenten der Russischen Föderation zu tun hat, war und bleibt für den Kreml unantastbar – unter Putin, unter Medwedew und dann wieder unter Putin. Deswegen hatte Deripaska nicht die geringste Angst, er könne Verluste erleiden oder müsse gar das Schicksal von Chodorkowski teilen, und er tat recht daran. Die Frage war eine andere: Wie konnte er bei JUKOS einsteigen, um bei der Verteilung der verbleibenden Aktiva Einfluss nehmen zu können?

Es wurde folgender Plan erarbeitet: Man nehme einen ambitionierten Mitarbeiter von JUKOS aus dem oberen bis mittleren Segment, der den Ruf als »Manager eines Pleiteunternehmens« nicht gebrauchen kann und bei dem riskante Unternehmungen einen Adrenalinschub auslösen. Mit dem Versprechen, man werde denen das Leben erleichtern, die wegen des Falls JUKOS bereits einsitzen, wird dieser Mitarbeiter zum Leiter des Unternehmens gemacht, bevor es Bankrott anmeldet. Und dann beginnt der Handel, jedoch nicht zwischen diesem Mitarbeiter und der Staatsmacht, sondern zwischen Deripaska und Setschin. Damit geht JUKOS nicht auf einen über, sondern wird durch zwei geteilt. Ist das etwa ungerecht? Wenn einer der großen Nutznießer des Falls JUKOS ein wahrhaft treuer Putin-Anhänger ist, der zusammen mit dem zweiten Präsidenten aus den Tiefen des Petersburger Erzes stammt, dann muss der zweite logischerweise ein Familienmitglied des ersten Präsidenten sein.

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