Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Die Eintretenden gingen einer nach dem andern zum Feldmarschall hin; einigen reichte er die Hand, anderen nickte er zu. Der Adjutant Kaisarow wollte den Vorhang an dem Fenster, das Kutusow gegenüberlag, zurückziehen, aber Kutusow winkte ihm ärgerlich mit der Hand ab, und Kaisarow verstand: der Durchlauchtige wünschte nicht, daß alle sein Gesicht sahen.
Um den Bauerntisch aus Tannenholz, auf dem Karten, Pläne, Bleistifte und Zettel lagen, hatten sich so viele Personen versammelt, daß die Burschen noch eine Bank hereinbringen und an den Tisch stellen mußten. Auf diese Bank setzten sich die zuletzt Eingetroffenen: Jermolow, Kaisarow und Toll. Auf dem Ehrenplatz, gerade unter den Heiligenbildern, saß, mit dem Georgskreuz am Hals, mit seinem blassen, kränklichen Gesicht und seiner hohen Stirn, die in eine Glatze überging, Barclay de Tolly. Er quälte sich schon seit zwei Tagen mit einer Fieberkrankheit herum, die ihn gerade jetzt wieder packte und schüttelte. Neben ihm saß Uwarow, der mit leiser Stimme, wie auch alle anderen sprachen, Barclay unter lebhaften Gebärden etwas auseinandersetzte. Der kleine, kugelrunde Dochturow, der die Brauen hochgezogen und die Hände über dem Bauch gefaltet hatte, hörte aufmerksam zu.
Auf der anderen Seite saß, den breiten Kopf mit den verwegenen Zügen und leuchtenden Augen auf die Hand gestützt, Graf Ostermann-Tolstoi und schien in Gedanken versunken. Rajewskij, der mit gewohnter Gebärde sein schwarzes Haar an den Schläfen zu Locken ringelte, blickte mit einem Ausdruck der Ungeduld bald auf Kutusow, bald auf die Eingangstür. Auf dem hübschen, gutmütigen und bestimmten Gesicht Konownizyns strahlte ein liebevolles und verschmitztes Lächeln; er begegnete Malaschas Blicken und machte ihr mit den Augen Zeichen, die das kleine Mädchen zum Lachen brachten.
Alle warteten auf Bennigsen, der unter dem Vorwand einer erneuten Besichtigung unserer Stellung erst sein leckeres Mittagsmahl in Ruhe zu Ende aß. Man wartete von vier bis sechs auf ihn und ging während dieser ganzen Zeit nicht zu den Beratungen über, sondern führte mit gedämpfter Stimme Gespräche über nebensächlichere Dinge.
Erst als Bennigsen in die Hütte eintrat, kam Kutusow aus seiner Ecke heraus und an den Tisch heran, aber nur so weit, daß sein Gesicht nicht von den Kerzen auf dem Tisch beleuchtet wurde.
Bennigsen eröffnete den Kriegsrat mit der Frage: Sollen wir die alte, heilige Hauptstadt Rußlands ohne Kampf überliefern oder sollen wir sie verteidigen? Ein langes und allgemeines Schweigen folgte. Alle Gesichter wurden finster, und durch die Stille klang nur das zornige Hüsteln und Krächzen Kutusows. Aller Augen wandten sich ihm zu. Selbst Malascha blickte Großväterchen an. Sie war ihm näher als alle andern und konnte sehen, wie sich sein Gesicht in Falten zog, als wolle er weinen. Doch das dauerte nur einen Augenblick.
»Die alte, heilige Hauptstadt Rußlands«, fing er, mit zorniger Stimme Bennigsens Worte wiederholend, plötzlich an und deckte damit den hinterlistigen Beiklang dieser Worte auf. »Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, Erlaucht, daß eine solche Frage für einen Russen keinen Sinn hat.« Dabei wälzte er seinen schweren Körper nach vorn. »Eine solche Frage darf man nicht stellen, eine solche Frage hat keinen Sinn. Die Frage, um derentwillen ich die Herren gebeten habe, sich hier zu versammeln, ist eine militärische. Es ist folgende Frage: Rußlands Rettung beruht auf seiner Armee; ist es nun vorteilhafter, den Verlust dieser Armee und auch Moskaus zu riskieren, indem wir eine Schlacht annehmen, oder Moskau ohne Kampf zu übergeben? Über diese Frage wünsche ich Ihre Ansichten zu hören.« Darauf sank er an die Lehne seines Sessels zurück.
Die Debatte begann.
Bennigsen hielt das Spiel noch nicht für verloren. Zwar stimmte er nun der Ansicht Barclays und anderer bei, daß es unmöglich sei, eine Verteidigungsschlacht bei Fili anzunehmen, aber er machte, durchdrungen von russischem Patriotismus und der Liebe zu Moskau, den Vorschlag, die Truppen in der Nacht vom rechten auf den linken Flügel hinüberzuführen und am nächsten Tag gegen den rechten Flügel der Franzosen vorzustoßen.
Die Meinungen gingen auseinander, eine Debatte für und wider diesen Vorschlag setzte ein. Jermolow, Dochturow und Rajewskij stimmten Bennigsen bei. Wurden diese Generäle von dem Gefühl geleitet, daß es notwendig sei, vor der Preisgabe der Hauptstadt noch ein Opfer zu bringen, oder spornten andere, persönliche Erwägungen sie dazu an – jedenfalls schienen sie nicht einzusehen, daß der gegenwärtige Kriegsrat an dem unabwendbaren Verlauf der Dinge nichts mehr zu ändern vermochte, und daß Moskau schon jetzt preisgegeben war. Die übrigen Generäle begriffen dies, ließen das Problem Moskau ganz beiseite und sprachen nur von der Richtung, die die Truppen bei ihrem Rückzug einzuschlagen hatten.
Malascha, die, ohne ein Auge zu verwenden, alles verfolgte, was sich vor ihr abspielte, faßte die Bedeutung dieses Kriegsrates anders auf. Ihr schien, als handle es sich hier nur um einen persönlichen Streit zwischen Großväterchen und dem Langrock, wie sie Bennigsen nannte. Sie sah, wie beide immer böse wurden, wenn sie miteinander sprachen, und schlug sich im stillen auf Großväterchens Seite. Mitten im Gespräch sah sie, wie Großväterchen dem Langrock einen schnellen, listigen Blick zuwarf, und bemerkte gleich darauf zu ihrer Freude, daß Großväterchen, indem er irgend etwas sagte, es dem Langrock ordentlich gesteckt haben mußte: Bennigsen bekam plötzlich einen roten Kopf und ging wütend in der Hütte auf und ab. Die Worte, die einen solchen Eindruck auf Bennigsen gemacht hatten, waren Kutusows ruhig und leise geäußerte Ansicht über die Vorteile und Nachteile von Bennigsens Vorschlag, die Truppen bei Nacht vom rechten auf den linken Flügel hinüberzuführen, um gegen den rechten Flügel der Franzosen vorzustoßen.
»Ja, meine Herren«, sagte Kutusow, »ich kann dem Plan des Grafen nicht beistimmen. Eine Verschiebung der Truppen in so geringer Entfernung vom Feind pflegt immer gefährlich zu sein, und die Kriegsgeschichte bestätigt diese Erfahrung. So zum Beispiel …« Kutusow sah Bennigsen, als suche er nachdenklich nach einem Beispiel, mit einem hellen, harmlosen Blick an, »so war zum Beispiel gleich die Schlacht bei Friedland, an die sich der Graf, denke ich, noch sehr wohl erinnern wird, nicht ganz … erfolgreich nur deshalb, weil die Truppen in zu geringer Entfernung vom Feind umgruppiert wurden …«
Es trat ein minutenlanges Schweigen ein, das allen sehr lang vorkam.
Dann lebte die Debatte noch einmal auf, aber es traten immer mehr und mehr Pausen ein, und man hatte das Gefühl, daß eigentlich über nichts mehr zu verhandeln war.
Während einer dieser Pausen seufzte Kutusow schwer auf, als wolle er das Wort ergreifen. Alle sahen ihn an.
»Eh bien, messieurs! Je vois que c’est moi qui payerai les pots cassés«, sagte er.
Langsam erhob er sich und trat bis an den Tisch heran.
»Meine Herren«, fuhr er dann fort, »ich habe Ihre Meinungen gehört. Einige von Ihnen werden mir nicht zustimmen. Ich aber« – er hielt inne – »erteile kraft der Gewalt, die der Kaiser und das Vaterland in meine Hände gelegt haben, den Befehl zum Rückzug.«
Nach diesen Worten fingen die Generäle an, sich mit derselben Feierlichkeit und stillen Behutsamkeit zu entfernen, mit der man nach einem Begräbnis auseinandergeht.
Einige von ihnen machten dem Oberkommandierenden noch mit gedämpfter Stimme und in ganz anderem Ton, als sie im Rat gesprochen hatten, verschiedene Mitteilungen.
Auch Malascha, die schon lang zum Abendbrot erwartet wurde, glitt nun mit aller Vorsicht rücklings von ihrer Pritsche herab, indem sie sich mit ihren nackten Füßchen an den Abstufungen des Ofens anklammerte, wand sich zwischen den Beinen der Generäle hindurch und schlüpfte zur Tür hinaus. Nachdem Kutusow die Generäle entlassen hatte, saß er noch lange, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, da und dachte immer wieder über ein und dieselbe schreckliche Frage nach: Wann, wann hat sich das entschieden, daß Moskau preisgegeben werden muß? Wann wurde das getan, was die Entscheidung dieser Frage herbeigeführt hat, und wer ist schuld daran?