Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Gib mal deine Hand her«, sagte er dann, und indem er sie so drehte, daß er den Puls fühlen konnte, fuhr er fort: »Du bist krank, mein Täubchen, bedenke doch, was du sprichst!«
Kutusow konnte die Möglichkeit, sich ohne Schlacht hinter Moskau zurückzuziehen, gar nicht fassen.
Auf dem Poklonberg, sechs Werst vom Dorogomilowtor in Moskau entfernt, stieg Kutusow aus seinem Wagen und setzte sich auf eine Bank am Rand des Weges. Eine große Anzahl Generäle scharte sich um ihn. Graf Rastoptschin, der aus Moskau gekommen war, gesellte sich zu ihnen. Diese ganze glänzende Gesellschaft, die sich in mehrere Gruppen gegliedert hatte, unterhielt sich über die Vorteile und Nachteile der Stellung, über die Lage des Heeres, die vorliegenden Pläne, den Zustand Moskaus und überhaupt über Fragen, die den Krieg betrafen. Sie alle fühlten, daß sie, obgleich sie nicht dazu berufen und nicht so benannt waren, doch einen Kriegsrat bildeten. Alle Gespräche beschränkten sich auf das Gebiet allgemeiner Fragen. Wenn auch jemand einmal eine persönliche Neuigkeit mitteilte oder erfuhr, so wurde davon doch nur im Flüsterton gesprochen, und gleich ging man wieder auf allgemeine Fragen über. Weder Scherzen noch Lachen, ja nicht einmal ein Lächeln war bei diesen Männern zu sehen. Alle waren offenbar bemüht, sich mit Anstrengung auf der Höhe der Situation zu halten. Jede Gruppe suchte, während sie ihre Gespräche führte, sich möglichst in der Nähe des Oberkommandierenden zu behaupten, dessen Bank im Mittelpunkt aller Kreise stand, und alle sprachen so laut, daß er sie hören konnte.
Der Oberkommandierende hörte zu, warf manchmal eine Frage zwischen das, was um ihn herum gesprochen wurde, beteiligte sich aber selber nicht an der Unterhaltung und verlieh keinerlei Ansicht Ausdruck. Meistenteils wandte er sich, nachdem er eine Weile den Gesprächen irgendeines Kreises gelauscht hatte, mit enttäuschter Miene, als wären ihre Worte ganz und gar nicht das, was er wissen wolle, wieder von ihnen ab.
Die einen unterhielten sich über die ausgewählte Stellung, wobei sie nicht nur die Stellung selbst kritisierten, sondern auch die geistigen Fähigkeiten derjenigen, die diese Wahl getroffen hatten. Andere bewiesen, daß der Fehler schon früher gemacht worden sei: man hätte die Schlacht bereits vorgestern annehmen müssen. Ein dritter Kreis unterhielt sich über die Schlacht bei Salamanka[182], von welcher der soeben bei der Armee eingetroffene Franzose Crossard, der spanische Uniform trug, erzählte. Dieser Franzose setzte einem der deutschen Prinzen, die in der russischen Armee dienten, die Belagerung von Saragossa[183] auseinander und erwog die Möglichkeit, Moskau in der gleichen Weise zu verteidigen. In einer vierten Gruppe sprach Graf Rastoptschin davon, daß er bereit sei, mit der Moskauer Stadtwache vor den Mauern der Residenz zugrunde zu gehen, dabei aber nicht umhin könne, sein Bedauern darüber zu äußern, daß man ihn solange in Unkenntnis gelassen habe, denn wenn er das früher gewußt hätte, so stünde manches anders … Eine fünfte Gruppe sprach von der Richtung, die unsere Truppen einschlagen müßten, wobei alle die ganze Tiefe ihrer strategischen Kenntnisse offenbarten, während in einer sechsten Gruppe nichts als Blödsinn zusammengeredet wurde.
Kutusows Miene wurde immer sorgenvoller und bekümmerter. Aus all diesen Gesprächen ersah er nur das eine: Moskau zu verteidigen war physisch unmöglich, und zwar in der vollen Bedeutung dieses Wortes, das heißt bis zu einem solchen Grad unmöglich, daß, wenn wirklich ein toller Oberkommandierender den Befehl erteilt hätte, eine Schlacht zu liefern, es nur zu einem kopflosen Durcheinander und trotz alledem zu keiner Schlacht gekommen wäre, schon allein deshalb, weil alle höheren Offiziere diese Stellung nicht nur für unmöglich hielten, sondern sogar schon in ihren Gesprächen immer nur das in Erwägung zogen, was nach dem zweifellosen Verlassen dieser Stellung geschehen werde. Wie hätten Kommandeure ihre Truppen auf ein Schlachtfeld führen können, das sie für unmöglich hielten? Auch die unter ihnen stehenden Offiziere und sogar die Soldaten, die sich doch auch ein Urteil bildeten, hätten ebenfalls die Unmöglichkeit einer solchen Stellung erkannt und deshalb nicht mit Zuversicht in die Schlacht ziehen können. Wenn Bennigsen auf der Verteidigung dieser Stellung bestand, und andere ihre Vorteile und Nachteile noch abwogen, so hatte diese Frage doch an und für sich keine Bedeutung mehr, höchstens noch als Vorwand für Streit und Intrigen. Das sah Kutusow ein.
Bennigsen, der diese Stellung ausgewählt hatte, stellte leidenschaftlich seinen russischen Patriotismus zur Schau, was Kutusow nicht ohne Stirnrunzeln anhören konnte, und bestand auf einer Verteidigung Moskaus. Kutusow war Bennigsens Ziel sonnenklar: mißlang die Verteidigung, so wälzte er alle Schuld auf Kutusow, der die Truppen, ohne eine Schlacht zu liefern, bis zu den Sperlingsbergen geführt hatte, war die Verteidigung von Erfolg gekrönt, so nahm er diesen für sich in Anspruch; lehnte man seinen Vorschlag ab, so wusch er sich hinsichtlich des Verbrechens, Moskau preisgegeben zu haben, die Hände in Unschuld.
Aber diese Intrigen waren es nicht, die den alten Feldherrn jetzt beschäftigten. Eine furchtbare Frage stieg vor ihm auf. Und auf diese Frage hörte er von niemandem eine Antwort. Es war die Frage: War ich es, der Napoleon bis Moskau hat vordringen lassen, und wann habe ich das getan? Wann ist es zu einer solchen Entscheidung gekommen? War es gestern, als ich Platow den Rückzugbefehl schickte? Oder vorgestern abend, als ich vor Erschöpfung einschlief und Bennigsen den Oberbefehl überließ? Oder schon früher? … Aber wann, wann hat sich nur dies entsetzliche Ereignis entschieden? Moskau muß preisgegeben werden. Die Truppen müssen zurückgehen, und dieser Befehl muß erteilt werden.
Diesen furchtbaren Befehl zu erteilen erschien ihm ebenso schwer, wie vom Kommando über die Armeen zurückzutreten. Nicht nur weil er die Macht liebte und an sie gewöhnt war – die Ehrungen, die dem Fürsten Prosorowskij erwiesen worden waren, unter dem er in der Türkei gedient hatte, reizten ihn –, er hatte auch die Überzeugung, daß er zum Retter Rußlands vorausbestimmt und nur deshalb gegen den Willen des Kaisers, aber auf Wunsch des Volkes zum Oberbefehlshaber ernannt worden war. Er war überzeugt, daß er allein sich in so schwierigen Verhältnissen an der Spitze der Armee behaupten könne, und daß er allein in der ganzen Welt imstande sei, in dem unbesiegbaren Napoleon furchtlos seinen Gegner zu erkennen. Doch bei dem Gedanken an den Befehl, den er jetzt erteilen mußte, packte ihn das Entsetzen. Aber eine Entscheidung mußte getroffen, und diesen Gesprächen rund um ihn herum, die anfingen, einen zu freien Charakter anzunehmen, mußte ein Ende gemacht werden.
Er rief die ältesten Generäle zu sich heran.
»Ma tête, fût-elle bonne ou mauvaise, n’a qu’à s’aider d’elle même«, sagte er, stand von der Bank auf und fuhr nach Fili, wo seine Equipagen standen.
4
In der besten Stube der geräumigen Hütte des Bauern Andrej Sawostjanow versammelte sich um zwei Uhr der Kriegsrat. Die Männer, Weiber und Kinder der Bauernfamilie drängten über den Flur nach dem dunklen Teil der Hütte hinüber. Nur das Enkelkind Andrejs, die sechsjährige Malascha, die der Durchlauchtigste gestreichelt und beim Tee mit einem Stück Zucker beschenkt hatte, blieb auf dem Ofen in der großen Stube. Lustig und schüchtern betrachtete sie von ihrem Ofenplatz aus die Gesichter, Uniformen und Orden der Generäle, die einer nach dem anderen in die Hütte traten und auf den breiten Bänken unter den Heiligenbildern in der Besuchsecke Platz nahmen. Großväterchen selber – wie Malascha Kutusow in Gedanken nannte – saß von ihnen abgesondert in einer dunklen Ecke hinter dem Ofen. Schwer auf seinem Feldstuhl zusammengesunken, saß er da, hüstelte ununterbrochen und schob immer wieder seinen Uniformkragen zurück, der, obwohl er aufgeknöpft war, ihn doch am Hals zu drücken schien.
182
Schlacht bei Salamanka: im Juni 1812 stürmten die Franzosen die spanische Stadt Salamanca, wurden aber bereits im Juli vom späteren Herzog von Wellington in der Nähe der Stadt wieder geschlagen.
183
Belagerung von Saragossa: spanische Festung, berühmt wegen ihrer Verteidigung gegen die französischen Belagerer 1808-1809 während des spanisch-portugiesischen Krieges.