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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Die Russen ziehen hundertundzwanzig Werst zurück, noch hinter Moskau, und die Franzosen dringen bis Moskau vor und machen dort halt. Fünf Wochen lang findet nicht ein einziges Gefecht statt. Die Franzosen rühren sich nicht. Wie ein tödlich verwundetes Tier, das verblutend seine Wunden leckt, liegen sie fünf Wochen lang in Moskau still, ohne irgend etwas zu unternehmen. Plötzlich aber weichen sie ohne jeden neuen Grund zurück, eilen nach der Kalugaer Heerstraße und fliehen, selbst nach einem Sieg, da ja das Schlachtfeld bei Malo-Jaroslawez wieder in ihren Händen blieb, ohne sich weiter auf ein ernstes Gefecht einzulassen, immer schneller und schneller bis nach Smolensk zurück, über Smolensk hinaus bis nach Wilna, über die Beresina und immer weiter.

Am 26. August abends war sowohl Kutusow wie auch die ganze russische Armee davon überzeugt, daß die Schlacht bei Borodino gewonnen sei. Kutusow schrieb auch in diesem Sinn an den Kaiser. Den Truppen erteilte er den Befehl, sich auf einen neuen Kampf vorzubereiten, um den Feind endgültig zu schlagen, und er tat das nicht etwa, um jemanden zu täuschen, sondern weil er wie jeder andere Teilnehmer an der Schlacht der Meinung war, daß der Feind besiegt sei.

Aber noch am selben Abend und am anderen Tag liefen, eine nach der anderen, die Nachrichten von unerhörten Verlusten ein, vom Verlust der halben Armee, und so wurde eine neue Schlacht zur physischen Unmöglichkeit.

Man konnte einfach keine neue Schlacht liefern, ehe man nicht Erkundigungen eingezogen, die Verwundeten aufgesammelt, neue Munition herbeigeschafft, die Toten gezählt, neue Führer an Stelle der gefallenen gesetzt, und ehe nicht die Mannschaften sich satt gegessen und ausgeschlafen hatten. So aber drang gleich am Morgen nach der Schlacht das französische Heer infolge jener ungestümen Kraft der Bewegung, die gleichsam im umgekehrten Verhältnis zum Quadrat ihrer Entfernung gewachsen war, wie von selber auf die Russen ein. Kutusow wollte am nächsten Tag angreifen, und die ganze Armee wünschte dasselbe. Aber zum Angreifen genügt nicht nur der Wunsch, dies zu tun, es muß auch die Möglichkeit dazu vorhanden sein. Diese Möglichkeit aber fehlte. Man konnte gar nicht anders, als einen Tagemarsch zurückgehen, dann mußte man noch einen zweiten weichen, und dann noch einen dritten, und endlich, am 1. September, als die Armee bis nach Moskau gekommen war, forderte die Wucht der Tatsachen, daß sich die Truppen bis hinter Moskau zurückzogen, obgleich sich das Gefühl in den Reihen des Heeres mit aller Macht dagegen sträubte. Und so wich unsere Armee noch um einen Tagemarsch, den letzten, zurück und gab Moskau dem Feinde preis.

Jenen Leuten, die zu denken gewohnt sind, daß Kriegs- und Schlachtenpläne von den Feldherren auf dieselbe Weise entworfen werden, wie es jeder von uns in seinem Arbeitszimmer, über die Karte gebeugt, tut, indem er sich ausdenkt, wie er in dieser und in jener Schlacht verfügt hätte – jenen Leuten werden sich mancherlei Fragen aufdrängen: warum Kutusow bei diesem Rückzug nicht so oder so verfahren sei, warum er die Stellung vor Fili nicht eingenommen habe, warum er nicht mit einemmal bis zur Kalugaer Heerstraße zurückgegangen sei und Moskau beiseite gelassen habe, und so weiter. Leute, die so zu denken gewohnt sind, vergessen oder haben keine Ahnung von all den unvermeidlichen Umständen, denen das Handeln jedes Oberkommandierenden unterworfen ist.

Die Tätigkeit eines Feldherrn hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem, was wir uns darunter vorstellen, wenn wir in unserem Arbeitszimmer sitzen und irgendeinen Feldzug auf der Karte verfolgen, die Stärke der Streitkräfte sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite und auch das Gelände kennen und mit unseren Kombinationen an irgendeinem bestimmten Zeitpunkt einsetzen. Ein Oberkommandierender wird sich nie unter jenen Anfangsbedingungen eines Ereignisses befinden, unter denen wir die Sache betrachten. Er wird immer inmitten einer fortlaufenden Reihe von Ereignissen stehen, so daß er niemals und nicht einen einzigen Augenblick imstande sein wird, die volle Bedeutung eines sich eben vollziehenden Ereignisses zu überdenken. Unmerklich, von Augenblick zu Augenblick, reift das Ereignis zu seiner eignen Bedeutung aus, und während dieses steten folgerichtigen Ausreifens befindet sich der Oberkommandierende jeden Augenblick im Mittelpunkt eines höchst verwickelten Spiels von Intrigen, Sorgen, Abhängigkeit, Machtbefugnis, Projekten, Ratschlägen, Drohungen und Täuschungen und sieht sich ständig der unumgänglichen Notwendigkeit gegenüber, auf eine Unzahl ihm vorgelegter Fragen zu antworten, die einander stets widersprechen.

Gelehrte Kriegskundige behaupten mit dem größten Ernst, Kutusow habe die Truppen schon lange vor Fili auf die Kalugaer Heerstraße leiten müssen, es habe ihm sogar jemand einen solchen Plan unterbreitet. Aber einem Oberkommandierenden pflegt, besonders in einem schwierigen Augenblick, nicht nur ein einziger Plan vorgelegt zu werden, sondern immer Dutzende auf einmal. Und jeder dieser auf Strategie und Taktik gestützten Pläne widerspricht dem andern. Es könnte scheinen, als habe der Oberkommandierende nun weiter keine Aufgabe, als aus allen diesen Plänen einen auszuwählen. Aber auch das kann er nicht tun. Die Zeit und die Ereignisse warten nicht. Nehmen wir an, man hat ihm am 28. den Vorschlag gemacht, auf die Kalugaer Heerstraße überzugehen, gleichzeitig aber kommt ein Adjutant von Miloradowitsch angesprengt und fragt, ob sich sein General sogleich in ein Gefecht mit den Franzosen einlassen oder zurückgehen soll. Es muß unverzüglich im selben Augenblick ein Befehl erteilt werden. Doch ein solcher Befehl zu einem Rückzug bringt Kutusow dann wieder davon ab, auf die Kalugaer Straße umzuschwenken.

Und nach dem Adjutanten kommt der Intendant und fragt, wohin er den Proviant fahren, und der Chef eines Lazaretts will wissen, wohin er die Verwundeten transportieren lassen soll. Es kommt ein Kurier aus Petersburg und bringt einen Brief vom Kaiser, der von der Möglichkeit, Moskau zu übergeben, nichts wissen will. Und der Nebenbuhler des Oberkommandierenden, der dessen Stellung zu untergraben sucht – solche gibt es immer, und nicht nur einen, sondern mehrere –, schlägt einen neuen Plan vor, der dem Projekt eines Übergangs auf die Kalugaer Straße diametral zuwiderläuft. Die Körperkräfte des Oberkommandierenden selbst fordern Schlaf und Stärkung. Doch da kommt schon wieder ein ehrenwerter General, der bei der Ordensverteilung übergangen worden ist, und beschwert sich. Die Einwohner flehen um Schutz. Ein Offizier, der zur Erkundung des Geländes abgesandt wurde, kommt zurück und meldet gerade das Gegenteil dessen, was ein anderer vor ihm gesagt hat, und ein Kundschafter, ein Gefangener, ein General nach einem Rekognoszierungsritt – jeder entwirft von der Stellung des feindlichen Heeres ein anderes Bild.

Leute, die nicht gewohnt sind, an diese unvermeidlichen Bedingungen für die Tätigkeit jedes Oberkommandierenden zu denken und ihnen Verständnis entgegenzubringen, führen uns zum Beispiel die Stellung unserer Truppen bei Fili vor Augen und nehmen dabei an, der Oberkommandierende habe am 1. September vollkommen frei die Frage einer Preisgabe oder Verteidigung Moskaus entscheiden können, während es bei der Stellung der russischen Armee fünf Werst von Moskau eine solche Frage überhaupt nicht geben konnte.

Wann aber wurde diese Frage entschieden? Schon an der Drissa und bei Smolensk. Am merklichsten aber am 24. bei Schewardino und am 26. bei Borodino und jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick während des Rückzugs von Borodino nach Fili.

3

Als Jermolow, den Kutusow ausgesandt hatte, um die Stellung zu besichtigen, dem Feldmarschall sagte, daß man sich in einer solchen Position vor Moskau unmöglich schlagen könne und zurückgehen müsse, sah ihn Kutusow schweigend an.

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