Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
Gleich darauf glitt die Barke, von vier Ruderern bewegt, durch die Nacht.
Sie bogen in den Canal Grande ein. Im Schein der Fackeln vorbeifahrender Boote bemerkte Paolo, der auf der Ruderbank saß, daß die Barke schwarz gestrichen war. Er fuhr auf einer schwarzen Barke mit dunkelroten Segeln. Diese Feststellung verstärkte seine innere Unruhe. Er zog das Ruder mit der linken Hand durch und fühlte mit der rechten nach dem Dolch, den er unter seinem Wams trug.
Es war der Dolch, den der schwarze Giorgio bei dem Überfall auf Marco verloren hatte.
Die Berührung mit dem Griff der scharf geschliffenen Waffe erinnerte ihn an Giovannis Worte, als sie nach langem Suchen endlich Giannina auf der Landstraße nach Aquileja getroffen hatten: «Ich habe jetzt einen Dolch, eine Vogelfeder kannst du im Fluge damit zerschneiden. Sieh ihn dir an, Giannina. Du brauchst nun wirklich keine Angst mehr zu haben…»
Der Wind wehte stärker und spielte mit dem Tauwerk und den gerefften Segeln. Links und rechts des Kanals standen ältere und neue Paläste der vornehmsten Familien neben schlichten Holzbauten. Vorsichtig manövrierte der krummbeinige Steuermann die Barke durch den Bogen der Ponte della moneta.
Kapitän Matteo stand auf der geschlossenen Ladeluke und sah über die gebeugten Körper der Ruderer hinweg. Hin und wieder glitten seine Blicke zu Paolo, der ohne große Mühe das Ruder durchzog.
Während eines Besuches auf der Insel Murano, als Paolo eine Botschaft Marco Polos überbrachte, hatte ihm Giovanni den Dolch geschenkt. Man merkte ihm an, daß er das Beutestück nur schweren Herzens hergab. Aber er sagte sich wohl, daß die Waffe bei Paolo in den besten Händen wäre. «Vielleicht brauchst du ihn einmal. Paß nur gut auf, damit Marco nichts geschieht. Und auch auf Giannina mußt du achten.» «Ruder einziehen!» kommandierte Kapitän Matteo.
Ein Schiff fuhr dicht an ihnen vorbei, die Bordwand war nur wenige Fuß entfernt.
Mit lautem Geschrei priesen Nudelmacher, Obst- und Kräuterhändler, Fischverkäufer und Kastanienbrater auf flachen Booten ihre Waren an.
Am Fenster eines zweistöckigen Hauses erschien der Kopf eines Mädchens und schrie mit schriller Stimme etwas hinunter. Drei Händler ruderten eilig zur Anlegestelle und sahen erwartungsvoll nach oben. Ein weißer Arm ließ an einem Strick den Einholekorb hinab und zog ihn, nachdem der Kampf zwischen den Händlern endlich nach vielen Schimpfworten beendet war, mit rotbäckigen Äpfeln gefüllt wieder herauf.
Auf dem Canal Grande ruhte das bunte Leben auch in den Abendstunden nicht. Erst um Mitternacht, wenn das fahle Mondlicht in den Canal fiel, schliefen die Häuser und Brücken, die Schiffe und Kanäle, träumten Reiche und Arme, die einen wohlig sich streckend unter seidenen Decken, die anderen frierend, die Knie anziehend, unter Lumpen und Säcken.
Matteo hatte den Abend mit klugem Vorbedacht für den Beginn ihrer Fahrt gewählt. Der lebhafte Verkehr erleichterte es, durch die Kontrolle zu schlüpfen.
Aber selbst wenn die Schergen ihn bei der Einfahrt in den Canal della Guidecca anhielten, konnte er Papiere vorweisen, die bestätigten, daß er seine Fracht zu einem Geschäftsfreund Pietro Boccos nach San Nicolo zu befördern hätte.
Messer Pietro Bocco hatte sich das Unternehmen gut ausgedacht. Sollte die Barke auf ihrer gefährlichen Fahrt von den Schergen aufgebracht werden, konnte er nachweisen, daß er den Auftrag gegeben hatte, die Fracht nach San Nicolo zu bringen. Er würde dann sagen, daß Kapitän Matteo, der ja nicht im besten Rufe stand, auf eigene Faust gehandelt hätte.
Paolo bemerkte nichts von dem vielfältigen Leben auf dem Canal Grande. Er suchte die Entscheidung, die sich ihm aufdrängte, so lange wie möglich hinauszuschieben. Während er ruderte, erwachten in ihm immer stärker die Bilder der Vergangenheit. Und das Merkwürdige war, daß er dabei wie gebannt Kapitän Matteos Gesicht beobachtete und sich jede Falte, jede Linie fest einprägte. So liefen zwei Empfindungen, die scheinbar keine Beziehungen zueinander hatten, nebeneinander her und erzeugten einen beklemmenden Wechsel in seinen Gedanken.
Die Barke glitt, von kräftigen Ruderschlägen bewegt, schnell vorwärts.
Paolo dachte an seine frühe Kindheit, die er nur aus gelegentlichen Äußerungen seines verschollenen Dienstherrn Nicolo Polo kannte, der den vierzehnjährigen kräftigen Knaben einst aus dem Waisenhaus zu sich genommen hatte. Er sah die ersten Monate seines Erdendaseins, als hätte er damals schon alles bewußt aufgenommen und in sein Gedächtnis geschrieben.
Ein Säugling, fest eingewickelt und wie ein Bündel verschnürt, liegt, halb erfroren und kläglich schreiend, auf den kalten Steinen. Boote gleiten schweigend vorbei, die Ruderer wenden mit schlechtem Gewissen den Kopf weg. Es ist nichts Ungewöhnliches in Venedig, ein ausgesetztes Kind zu sehen, aber immer wieder rührt es die Herzen und weckt ein unbehagliches Gefühl. Wenn die unwillkommenen kleinen Erdenbürger eine ganze Nacht gelegen haben, ist ihr Wimmern so kläglich geworden, daß man es nur noch wenige Schritte weit hört.
Eine junge Frau kommt aus einem Haus und nimmt den Säugling zu sich. Sie behält ihn einige Wochen, bis er wieder zu Kräften gekommen ist, und bringt ihn dann in das Hospital della Pieta. Das ist eine lobens-würdige Anstalt der Republik, die angewiesen ist, alle von ihren Eltern verlassenen Kinder aufzunehmen. Der Säugling, von dem man weder Vater noch Mutter kennt, wird auf den Namen Paolo getauft.
Das Wasser rauschte in monotonem Plätschern an der Bootswand vorbei. Kapitän Matteo stand wie festgewachsen auf den Planken. Die gedrungene Gestalt drückte wilde Kraft und Entschlossenheit aus, aber die großen grauen Augen, die Falten, die sich von den Backenknochen zum Kinn hinunterziehen, und die farbige Knollennase zeugten von Verständnis und herablassender Gutmütigkeit. Paolo spürte etwas mit seinem Schicksal Verwandtes und zugleidi Unheildrohendes in dem Gesicht.
Matteo ist mit dem Leben anders fertig geworden als der Diener Paolo.
Was wäre geschehen, wenn Nicolo Polo ihn nicht aus der Finsternis des Waisenhauses herausgeholt hätte?
Träume nicht, Paolo! mahnte eine Stimme in ihm. Du fährst auf einer schwarzen Barke! Du beförderst Messer Pietro Boccos Salz!
Fragen und Erinnerungen flogen wie Fledermäuse über dem Wasser und streiften ihn mit taumelndem Flügelschlag.
Paolo erwachte aus seinen in die Vergangenheit gerichteten Träumen, als die Ufer zu beiden Seiten zurückwidien und der Wasserarm in den Canal della Guidecca einmündete.
Auch Kapitän Matteo schien eine leise Unruhe zu spüren. Er ging an den Ruderern vorbei zum Bug des Schiffes und beobachtete mit zufriedenem Gesicht das dichte Gewimmel der Boote und Barken, die sich links an einer Galeere vorbeischoben, die im gleichmäßigen Takt der sechsundfünfzig Ruderschläge in den Canal Grande einfuhr. Das Wasser schäumte am Bug des stolzen Schiffes. «Backbord, Ernesto!» rief Kapitän Matteo. Knarrend bewegte sich der hölzerne Steuerarm.
Paolo kannte ebenso wie Kapitän Matteo jede Einbuchtung und jede Verästelung der Lagune. Oft war er im Auftrage Nicolo Polos als junger Bursche in die entlegensten Winkel gefahren. Gespannt verfolgte er die Fahrt. Sie hielten auf den engen Durchgang zwischen den Inseln La Guidecca und San Giorgio zu.
Warum fuhr Kapitän Matteo nicht durch den Canal San Marco?
Heftig wehte der Wind! Von Morgen kommend, fegte er in Richtung des Sonnenunterganges durch den Canal della Guidecca.
Kapitän Matteo wählte diesen Weg mit Vorbedacht. Auf dem Canal San Marco, gegenüber der Piazzetta, patrouillierten zu viele Boote der Schergen. Auch fuhr er nicht gern an der roten Verbrechergaleere vorbei.
Paolo fand noch keinen Grund zur Beunruhigung, weil es möglich war, auch auf diesem Wege nach San Nicolo zu kommen. Flüchtig tauchte der Gedanke an Marco auf, der diese Nacht ohne Schutz sein würde. Im Hause selbst konnte ihm ja kaum etwas geschehen, aber er befürchtete, daß Marco ausgehe, zur Piazza oder zum Hafen an der Ponte della moneta. Er hielt sich ja gern in der Nähe der Schiffe auf.