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Fahrstuhl zu den Sternen

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Fahrstuhl zu den Sternen
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Plötzlich rissen die Trägerkabel und schossen wie tödliche Stahlpeitschen in die Höhe. Sich windend und drehend stürzte die Fahrstraße in den Fluss hinab, Bruchstücke flogen nach allen Richtungen davon. Selbst wenn das Ende der Katastrophe in normaler Vorführgeschwindigkeit betrachtet wurde, wirkte es, als sei es in Zeitlupe gedreht. Der Maßstab war so gewaltig, dass dem menschlichen Bewusstsein der geeignete Vergleichsmaßstab fehlte. In Wirklichkeit hatte das Ende ungefähr fünf Sekunden gedauert. Am Ende dieser fünf Sekunden war das Unglück der Tacoma-Narrows-Brücke unauslöschlich in die Annalen der Ingenieurgeschichte eingeprägt. Zweihundert Jahre später hing eine Fotografie, aufgenommen während der letzten Sekunden der Brücke, an Morgans Bürowand. Sie trug die Unterschrift »Eines unserer weniger erfolgreichen Produkte«.

Für Morgan war das kein Spaß, sondern eine stetige Erinnerung, dass das Unerwartete jederzeit aus dem Hinterhalt zuschlagen konnte. Während des Entwurfs der Gibraltar-Brücke hatte er von Karmans klassische Analyse des Tacoma-Narrows-Unglücks sorgfältig studiert und sich alles eingeprägt, was aus einem der teuersten Fehler der Vergangenheit zu lernen war. Es hatte bei seiner Brücke keine ernsthaften Schwingungsprobleme gegeben — nicht einmal bei den wildesten Böen, die vom Atlantik hereinbrausten. Natürlich hatte sich die Fahrstraße einhundert Meter aus ihrer Ruhelage bewegt — aber genauso war es vorherberechnet worden.

Auf der anderen Seite stellte der Fahrstuhl zu den Sternen einen derart weiten Vorwärtssprung dar, dass mit unangenehmen Überraschungen so gut wie sicher zu rechnen war. Windkräfte auf dem durch die Atmosphäre führenden Abschnitt ließen sich leicht abschätzen. Aber man musste auch die Schwingungen, die durch das Beschleunigen und Abbremsen der Transportladungen entstanden, in Rechnung stellen — und bei einer derart riesigen Struktur sogar die Gezeitenkräfte der Sonne und des Mondes. Nicht nur jeden Einfluss für sich musste man bedenken, sondern alle zusammen, hinzugerechnet womöglich noch ein gelegentliches Erdbeben, so dass die Analyse wirklich den schlimmsten denkbaren Fall erfasste.

»Alle Simulationen führen zu demselben Ergebnis. Die Schwingungen werden immer stärker und bewirken schließlich einen Bruch in rund fünfhundert Kilometern Höhe. Wir müssen die Dämpfung drastisch erhöhen.«

»Ich hatte so etwas befürchtet. Wie viel brauchen wir?«

»Weitere zehn Megatonnen.«

Die Zahl bereitete Morgan eine Art düsterer Genugtuung. So viel ungefähr hatte er geschätzt, mit technischer Intuition und aufgrund von Eindrücken, die in seinem Unterbewusstsein gespeichert waren. Der Rechner hatte seine Schätzung bestätigt. Die Masse, an der das obere Ende des Turmes verankert wurde, musste um zehn Millionen Tonnen erhöht werden.

Selbst auf der Erdoberfläche wäre das Bewegen einer derartigen Masse alles andere als trivial gewesen. Zehn Millionen Tonnen — das war eine Felskugel mit zweihundert Meter Durchmesser. Das Bild des Felsens Jakkagala erschien plötzlich in Morgans Bewusstsein, wie er ihn zuletzt gesehen hatte, ein Turm vor dem blauen Himmel von Taprobane. Man stelle sich vor, diesen Koloss vierzigtausend Kilometer in den Weltraum hinaufzuheben! Glücklicherweise würde das wohl nicht notwendig sein; es gab mindestens zwei Alternativen.

Morgan hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, seine Mitarbeiter für sich selbst denken zu lassen. Auf diese Weise verstärkte er ihr Verantwortungsbewusstsein, er machte sich selbst das Leben ein wenig leichter — und in vielen Fällen hatten seine Leute eine Lösung gefunden, die ihm womöglich entgangen wäre.

»Was schlägst du vor, Warren?«, fragte er ruhig.

»Wir könnten eines der Frachtkatapulte auf dem Mond benützen und zehn Megatonnen Mondgestein in den Raum schießen. Das wäre eine langwierige und teure Angelegenheit. Wir müssten eine Basis zwischen Mond und Erde einrichten, die das Material einfängt und in die gewünschte Umlaufbahn steuert. Dabei gäbe es natürlich ein psychologisches Problem …«

»Ist mir klar. Ein zweites San Luiz Domingo können wir nicht brauchen.«

San Luiz war das — glücklicherweise winzige — südamerikanische Dorf, das eine verirrte Ladung vorverarbeiteten Mondmetalls abbekommen hatte, die ursprünglich für eine Raumstation in niedriger Umlaufbahn bestimmt gewesen war. Die Steuerkontrolle hatte auf dem letzten Abschnitt des Weges versagt und war somit verantwortlich für die Entstehung des ersten von Menschen erschaffenen Meteorkraters — sowie für zweihundertundfünfzig Tote. Seit jener Zeit war die Bevölkerung der Erde stets skeptisch, wenn jemand am Himmel Zielübungen anstellte.

»Weitaus besser wäre es, einen Asteroiden einzufangen. Wir analysieren derzeit diejenigen mit geeigneten Umlaufbahnen und haben bereits drei vielversprechende Kandidaten gefunden. Was wir wirklich brauchen, ist ein Asteroid mit hohem Kohlenstoffgehalt. Wir könnten ihn ausschlachten, sobald wir unsere Fertigungsanlage positioniert haben. Das wären zwei Fliegen mit einer Klappe!«

»Eine teure Klappe, aber es ist wahrscheinlich die beste Idee. Vergiss das Frachtkatapult — mit einer Million Schüssen zu je zehn Tonnen wäre es jahrelang beschäftigt. Und einige davon gingen uns unweigerlich durch die Lappen. Wenn ihr keinen ausreichend massiven Asteroiden findet, könnten wir die fehlende Substanz immer noch mit dem Fahrstuhl selbst nach oben schicken — wenn es mir auch um die viele Energie leidtut, die wir dazu verschwenden müssten.«

»Das mag im Gegenteil die billigste Vorgehensweise sein. Bei dem hohen Wirkungsgrad der modernen Fusionsmeiler verbrauchen wir nicht mehr als zwanzig Dollar Elektrizität, um eine Masse von einer Tonne auf die gewünschte Umlaufbahn zu bringen.«

»Woher hast du diese Zahl?«

»Ein festes Angebot von Central Power.«

Morgan schwieg ein paar Minuten. Dann sagte er: »Die Raumfahrtingenieure werden wirklich einen Narren an mir fressen.«

Sie würden ihn wegen seines Vorprellens hassen. Fast so sehr, fügte er in Gedanken hinzu, wie der Ehrwürdige Parakarma.

Nein — das war nicht fair. Hass war eine Emotion, die ein wahrer Jünger der Doktrin nicht mehr empfand. Was er in den Augen des früheren Dr. Choam Goldberg gesehen hatte, war unversöhnliche Gegnerschaft, aber kein Hass. Immerhin — diese mochte ebenso gefährlich sein.

Das Urteil

Eine von Paul Saraths ärgerlicheren Eigenheiten war der unerwartete Telefonanruf — freudig oder düster, je nach Anlass —, der unweigerlich mit den Worten begann: »Haben Sie das Neueste schon gehört?« Radschasinghe hatte sich oft versucht gefühlt, darauf zu antworten: »Ja — und ich bin keineswegs überrascht.« Aber irgendwie hatte er's bis jetzt noch nicht übers Herz gebracht, Paul den Spaß zu verderben.

»Was ist jetzt schon wieder los?«, reagierte er ohne sonderliche Begeisterung.

»Maxine ist auf Weltkanal zwo und interviewt Senator Collins. Ich fürchte, unser Freund Morgan steckt in Schwierigkeiten. Ich rufe Sie später zurück.«

Pauls aufgeregtes Gesicht verschwand von der Bildfläche und wurde ein paar Sekunden später durch Maxine Duvals Antlitz ersetzt, als Radschasinghe den Hauptnachrichtenkanal einschaltete. Sie saß in ihrem Studio und sprach zu dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Terran Construction Corporation, der sich in einer — wahrscheinlich synthetischen — Stimmung mühsam unterdrückten Zorns zu befinden schien.

»… Senator Collins, jetzt, nachdem der Weltgerichtshof seine Entscheidung getroffen hat …«

Radschasinghe schaltete das Programm auf AUFZEICHNEN und murmelte: »Ich dachte, das sei erst am Freitag fällig.« Er schaltete den Ton ab, und als er daraufhin seine private Verbindung mit ARISTOTELES aktivierte, rief er überrascht aus: »Mein Gott, heute ist Freitag!«

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