Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
«Was flüstert ihr da?» rief Pietro Bocco ungehalten. «Bring ihn zu mir!»
Der Diener ging voraus und beleuchtete den Pfad zwischen den links und rechts des Flurganges stehenden Säcken. Es roch nach Lederwaren, Gewürzen, Lebensmitteln, Tuchen und Pelzwerk — eine seltsame Mischung, die dem Händler lieblich in die Nase steigt, wenn er einsam in seinem Lager wühlt, hier ein Stück Tuch von einem Stoffballen zurückschlägt, da über einen Stapel Felle streicht und dort mit dem Fuß spielerisch gegen einen Sack Mehl stößt; die in ihm das Gefühl wachruft, Herr über die Erzeuger all dieser Produkte von fern und nah zu sein.
Paolo tat, als stolpere er und umarmte im Fallen einen Sack. Seine Hände krallten sich hinein. War das nicht Salz?
Schweißtropfen traten auf seine Stirn.
«Nimm dich doch in acht!» hörte er, jetzt schon ganz nah, die harte Stimme.
Bevor er einen Gedanken fassen konnte, stand er vor Pietro Bocco. Der Lichtschein der Kerzen fiel auf das schmale Gesicht mit den leicht aus den Höhlen tretenden, fiebrig glänzenden Augen. Messer Bocco stand im Eingang des Lagers, das sich hinter seinem Rücken wie ein schwarzer Schlund öffnete.
«Mein Herr schickt mich zu Euch», sagte Paolo.
«Gern bist du wohl nicht gekommen?» fragte Pietro Bocco. Und zum anderen Diener gewandt: «Stell den Leuchter nieder und geh!»
Er sah auf das Stundenglas und fuhr sich mit einer fahrigen Bewegung über das Haar. Da hörte er draußen das vertraute, schnarrende Geräusch einer anlegenden Barke.
«Endlich», murmelte er und sagte dann, freundlicher als zuvor: «Du wirst mit Kapitän Matteo nach San Nicolo fahren. Morgen früh bist du wieder zurück.»
Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er zum Haustor und öffnete es. Ein Windzug wehte feuchte Luft herein und brachte den eigentümlichen Geruch nach Schlamm, Wasser und Abfällen verschiedenster Art mit sich. Vor dem Haus lag eine hochbordige Barke, deren Umrisse sich nur undeutlich im abendlichen Dunkel abhoben. Man hörte leise Kommandorufe.
Aus dem Laderaum wurde ein Brett geschoben, das die Verbindung zu der Fondamente herstellte.
Kapitän Matteo erschien in der Tür und füllte sie mit seiner breiten, klobigen Gestalt fast aus.
Paolo stand noch immer auf dem gleichen Platz. Nach San Nicolo sollten sie fahren? Der Hafen lag innerhalb des venezianischen Zollgebietes, keiner konnte Pietro Bocco verwehren, die bereitstehenden Säcke, die nach Paolos Schätzung Salz enthielten, nach San Nicolo befördern zu lassen.
Aber warum nur nachts, und warum so geheimnisvoll? fragte sich Paolo zum hundertstenmal. Er wußte wohl, wie gefährlich es war, sich an solchen Unternehmen zu beteiligen. Da fragte nachher keiner: Bist du freiwillig mitgefahren, oder hat man dich gezwungen dazu?
Die erste Amtshandlung der Signoria unter dem Vorsitz des neuen Dogen Lorenzo Tiepolo war gewesen, die Salzausfuhr nach den oberitalienischen Nachbarstädten zu verbieten. Es war eine Vergeltungsmaßnahme gegen die Weigerung der Städte, den venezianischen Einkäufern Getreide für die Republik zu verkaufen. Sizilien und Süditalien, die Lieferanten von Getreide, waren in diesem Jahr von Mißernten heimgesucht worden, während die oberitalienischen Städte gute, die Lombardei sogar glänzende Ernten eingebracht hatten. Um einer Hungersnot vorzubeugen, mußte Venedig Getreide von dalmatinischen Händlern kaufen, die natürlich die Notlage der Republik ausnutzten und hohe Preise verlangten.
Das Verbot der Salzausfuhr traf die oberitalienischen Städte so empfindlich, daß sie sich unter der Führung Bolognas vereinigten, um mit Gewalt die Aufhebung des Verbotes zu erzwingen. Der Salzmangel trieb indes die Preise in phantastische Höhen und verlockte gewissenlose Kaufleute zum Schmuggel mit der kostbaren Ware.
Paolo versuchte vergeblich, die lästigen Gedanken abzuschütteln. Die offensichtliche Erregung Pietro Boccos, das unruhige Spiel der Wellen und die flüsternd geführte Unterhaltung der beiden Männer waren nicht geeignet, seinen Argwohn und eine ihm sonst unbekannte Furcht zu beseitigen. Er wußte genau, daß er der Willkür Pietro Boccos ausgeliefert sein würde, wenn er an einer Schmuggelfahrt teilnahm.
Pietro Boccos Risiko dagegen bestand nur darin, die Säcke ungesehen aus dem Hause zu schaffen. Deshalb war er jetzt so unruhig. Selbstverständlich lag ihm viel daran, daß Kapitän Matteos Barke nicht in die Hände der Schergen fiel, aber weniger aus Furcht vor Strafe als des Gewinnes wegen. Er würde sich schon reinwaschen, wenn die Barke erwischt und einer der Schmuggler wider Erwarten nicht dichthalten würde.
«Auf der Lagune weht ein guter Wind», sagte Kapitän Matteo, jetzt auch für Paolo vernehmbar.
«Der wird Euch schnell nach San Nicolo bringen», fügte Pietro Bocco mit ironischem Lachen hinzu.
Nach San Nicolo? fragte sich Paolo und bewegte zweifelnd den Kopf. Was sollte er tun? Konnte er sich weigern, an der Fahrt teilzunehmen?
Drohend ragte die hohe Bordwand der schattenhaften Barke vor dem Hause auf; Holz rieb sich an Holz, und die Planken wiegten sich sanft auf dem dunklen Wasser.
Von der Besatzung war noch keiner zu sehen. Kapitän Matteo trat aus dem Hause und spähte nach rechts und links. Nirgendwo eine Menschenseele! Steil wuchsen die Häusermauern aus dem Wasser, die Fenster waren meist durch Läden verschlossen, nur hier und da blinkte ein einsames Licht. «Avanti! Von Bord! Avanti!» rief Kapitän Matteo.
Lautlos wie Katzen schlichen vier Männer über den Steg und traten ins Haus. Sie füllten den Gang aus, so daß es für Paolo unmöglich wurde, vorbeizusdilüpfen. Im Schein der Kerzen sah er ihre stumpfen Gesichter, die mit leeren Mienen auf weitere Befehle warteten. Ohne sonderliches Interesse musterten ihre Augen die Umgebung.
«Bringt die Säcke an Bord», befahl Kapitän Matteo, «langsam, Ernesto, warte doch, bis der erste hinaus ist!»
Mit geübten Bewegungen luden sie die Säcke auf ihre gebeugten Rücken und trugen sie hinaus. Als der vierte gegangen war, schien sich Pietro Bocco erst wieder Paolos, der am Ende des Ganges stand, zu erinnern.
«Nun los, Paolo!» rief er aufgeregt, «bewege dich! — Oder ist es zu schwer für dich?» fragte er mit merkbarem Spott.
Paolo griff, ohne zu überlegen, nach einem Sack und warf ihn über die Schulter. Kapitän Matteo beobachtete ihn schweigend und ließ ein beifälliges Knurren hören, als Paolo an ihm vorbeiging.
«Ein kräftiger Bursche», sagte er zu Pietro Bocco.
«Ihr müßt auf ihn achtgeben, Kapitän. Wenn er Schwierigkeiten madit- -» Er schwieg eine Weile, als erwarte er, daß Matteo seinen Gedanken fortsetze.
«Nun, Ihr wißt ja selbst!» sagte Pietro Bocco mit bösem Auflachen.
«Ein kräftiger Bursche!» murmelte Matteo. In wenigen Augenblicken waren die Säcke verladen. Pietro Bocco winkte Paolo, der noch einmal zurückgekommen war, zu sich.
«Hier ist Kapitän Matteo. Ihm hast du zu gehorchen!»
«Jawohl, Herr!» Paolo sah dem bärenstarken Matteo, der nur zwei Finger breit kleiner war als er, fest in die Augen. «Geh an Bord!» befahl Matteo. Sein breites, fleischiges Gesicht hatte sich in wohlwollende Falten gelegt. Er verbarg nicht, daß Paolo ihm gefiel.
Kapitän Matteo fürchtete weder Tod noch Teufel, erst recht nicht den aufgeblasenen Pietro Bocco.
Die kraftvolle Bewegung, mit der Paolo den schweren Salzsack über die Schulter geschleudert hatte, hatte Achtung und fast freundschaftliche Gefühle in ihm geweckt.
Gebt mir das Geld, Messer Bocco. Ihr seht, alles ist bereit. Das Gelingen steht in Gottes Hand!» «In Gottes Hand?» fragte Pietro Bocco mit einem Versuch zu scherzen.
Kapitän Matteo sah ihn verständnislos an.
«Hier ist das Geld. Zählt es nach!» Pietro Bocco ging zum Leuchter, der auf der Steinstufe stand.
Doch Kapitän Matteo folgte ihm nicht. Er nahm den Beutel und steckte ihn ein.