Mephisto
- Автор: Mann Klaus
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Mephisto». Краткое содержание книги:
Barbara, die ihren Tag mit Sport, Lektre, Zeichnen, Korrespondenz oder in den Hrslen der Universitt verbrachte, erschien manchmal gegen Abend im Theater, um Hendrik von der Probe abzuholen. Zuweilen verbrachte sie auch eine Stunde in den Garderoben- oder im H. K. - was brigens von Hendrik nicht gerne gesehen wurde. Da er argwhnte, da seine Frau die Kollegen gegen ihn aufzuhetzen versuche, wollte er keineswegs, da der Kontakt zwischen ihr und dem Ensemble des Knstlertheaters ein gar zu enger werde. Vergeblich bemhte Barbara sich darum, fr eine der vielen Neuinszenierungen, die im Laufe des Winters herauskamen, die Dekorationen entwerfen zu drfen. Immer wieder versprach Hendrik ihr, er werde sich bei der Direktion dafr einsetzen, da sie einen Auftrag erhalte; immer wieder kam er mit dem Bescheid zurck, die Direktoren Schmilz und Kroge wren dieser Idee gar nicht abgeneigt, aber alles scheitere am Widerstand der Frau von Herzfeld.
Diese Behauptung war nicht vllig aus der Luft gegriffen. In der Tat wurde Heclda migelaunt und ablehnend, wenn von Barbara die Rede war. Leidvolle Eifersucht machte die kluge Frau bse und ungerecht. Sie konnte es dieser Barbara nicht verzeihen, da Hendrik sie geheiratet hatte. Sicher war Frau von Herzfeld niemals so venvegen gewesen, sich ihrerseits ernste Hoffnungen auf Hfgen zu machen. Sie wute um den speziellen Geschmack des geliebten Mannes, in das dstere und peinliche Geheimnis seiner Beziehung zur Prinzessin Tebab war sie eingeweiht. Die Rolle, mit der sie sich zufriedengeben mute - und jahrelang zufriedengegeben hatte -, war die der schwesterlichen Freundin und Vertrauten. Gerade diese Rolle war es, die Barbara ihr nun streitig machte.
Die kleine Siebert litt, aber sie hate nicht. Der Gattin Hfgens, Barbara, begegnete sie mit einem scheuen Respekt. Wenn die Beneidete ein Taschentuch fallen lie, huckte Angelika sich geschwind, um es aufzuheben. Dann bedankte Barbara sich nicht ohne Erstaunen, whrend die kleine Siebert rot wurde, hilflos lchelte und die kurzsichtigen Augen ngstlich zusammenkniff.
Wenn Barbaras Beziehung zu Frau von Herzfeld und Angelika, den beiden hoffnungslos Liebenden, kompliziert und belastet war, so gestaltete sich um so herzlicher ihr Verhltnis zu den anderen Damen des Ensembles.
Sowohl Petersen als auch Rolf Bonetti nannten Hendriks junge Gattin einen feinen Kerl; Vater Hansemann hatte ein brummiges Wohlwollen fr sie, weil sie ihre Kon-sumationen pnktlich bezahlte; Bhnenportier Knurr begrte sie militrisch, da er wte, da sie die Tochter eines Geheimrats war; die Direktoren Schmilz und Kroge unterhielten sich gerne mit ihr. Schmilz begngte sich zunchst mit onkelhaft-koketten Scherzen, bekam aber bald heraus, da er bei ihr ein sachliches und kluges Interesse fr die finanziellen Sorgen des Theaters finden konnte, und zog sie nun in lange Gesprche ber dieses immer aktuelle, immer besorgniserregende Thema. Oskar H. Kroge seinerseits entdeckte ihr seinen Kummer ber das fragwrdige Repertoire des Knstlertheaters. Der alte Vorkmpfer einer geistigen Bhne mute es gramvoll mit ansehen, da in seinem Hause Schwanke und Operetten das ernste Stck zu verdrngen begannen. An so bedauerlicher Entwicklung hatte die Schuld nicht nur Schmilz, welcher die Stcke nach der Kasse beurteilen mute, die sie voraussichtlich machen wrden; fr diese Senkung des literarischen Niveaus verantwortlich war auch Hfgen - so paradox es erschien. Er sprach vom Revolutionren Theater - und inszenierte alberne Konversationsstcke. Das Revoolutionare Theater - welches nicht erffnet wurde - mute als Begrndung herhalten fr die Annahme der Reier; Kroge, trotz seiner prinzipiellen Bedenken gegen den Kommunismus, war nun schon so weit, sich die Erffnung des geplanten Studios, welches nicht nur revolutionren, sondern auch literarischen Geist in sein Theater bringen sollte, dringlich zu wnschen. Hendrik aber behauptete mit schner Beredsamkeit, es sei absolut notwendig, da er sich durch die leichteren und geflligen Darbietungen beim Publikum und bei der Presse zum Liebling mache, ehe er sich mit dem Revolutionren Theater hervorwagen knne. Vielleicht glaubte Otlo Ulrichs - ebenso geduldig wie enthusiastisch - diesen Argumenten seines guten Freundes. Skeptischer und nervser war Barbara.
Sie unterhielt sich gerne mit Ulrichs; die Unbedingtheit und Einfachheit seiner Gesinnung imponierten ihr.
Sie selbst blieb zu Zweifeln geneigt; brigens pflegte sie zu erklren, da sie von Politik nichts verstehe - was ihr von Hendrik hhnisch besttigt wurde. Du hast keine Ahnung von dem wirklichen Ernst dieser Dinge, sagte er ihr und machte sein tyrannisches Gouvernantengesicht. An alles gehst du spielerisch und mit khler Neugier heran. Der revolutionre Glaube ist. fr dich ein interessantes psychologisches Phnomen. Fr uns aber ist er heiligster Lebensinhalt. So sprach Hendrik. Otto Ulrichs, der die Hlfte seiner Zeit und seines Einkommens der politischen Arbeit opferte, schien viel weniger streng. Sein Ton, Barbara gegenber, war etwas vterlich, belehrend, aber voll Sympathie. Sie werden den Weg zu uns finden, Barbara - das wei ich, sagte er, freundlich und zuversichtlich. Sie wissen ja heute schon, da bei uns die Wahrheit ist und die Zukunft. Sie haben nur noch ein bichen Angst, es zuzugeben und alle Konsequenzen zu ziehen.
Vielleicht habe ich wirklich nur ein bichen Angst, lchelte Barbara.
Indessen konnte sie sich nicht genug wundern ber die geduldige Gutmtigkeit, mit der Ulrichs in der Angelegenheit Revolutionres Theater sich von Hfgen hinhalten lie. Sie ihrerseits drngte - wozu sie brigens auch noch ihren privaten, egoistischen kleinen Grund hatte: denn sie wollte die Dekorationen fr die erste Inszenierung des revolutionren Zyklus entwerfen. Meine Angelegenheit ist es ja nicht, sagle sie beinah tglich zu Hendrik, und nicht ich bin es, fr die der Glaube an die Weltrevolution den Lebensinhalt bedeutet. Aber ich schme mich fr dich, Hendrik. Wenn du nicht bald Ernst machst in dieser Sache, wirst du lcherlich. Daraufhin bekam Hendrik eine fahle, zugeriegelte Miene. Nun schielten seine Augen nicht vor Koketterie, sondern vor rger. Er antwortete mit ungeheurem Hochmut: Das sind dilettantische Redensarten. Deine Ahnungslosigkeit in den Fragen revolutionrer Taktik ist komplett.
Seine revolutionre Taktik bestand darin, da er tglich neue Ausflchte ersann, um mit den Proben fr das Revolutionre Theater nicht beginnen zu mssen. Damit aber doch irgendeine Tat im Interesse der Weltrevolution geschhe, entschlo er sich pltzlich dazu, einen Vortrag ber Das Zeittheater und seine moralischen Pflichten zu halten. Kroge, der fr dieses Thema eine immer neue Begeisterung aufbrachte, stellte Hfgen fr einen Sonntagvormittag das Knstlertheater zur Verfgung. Hendriks Vortrag war teils aus dem Vokabular seines enthusiastischen Direktors, teils aus dem Wortschatz Otto Ulrichs' recht wirkungsvoll zusammengestellt: eine pathetische und unverbindliche Ansprache, in der sowohl die liberal gesinnten als auch die marxistisch-revolutionren jungen Leute im Parkett viele ihrer Lieblingsschlagworte wiederfanden. Am Schlu klatschten alle Beifall, und beinah alle waren berzeugt von Hendriks redlichem knstlerisch-politischen Willen - der ihm am nchsten Morgen von den Zeitungskritiken ausfhrlich besttigt wurde.
Auf solche Besttigung hatte Hendrik Hfgen gewartet. Nun ist die Situation reif, wir knnen handeln, konstatierte er und tauschte Verschwrerblicke mit Ulrichs. Die erste Probe fr das Revolutionre Theater wurde festgesetzt. Freilich war es nicht jenes radikale Stck, welches man im vorigen Jahr ausgesucht hatte, das nun einstudiert werden sollte. Vielmehr hatte sich Hendrik, im letzten Augenblick und aus taktischen Grnden, fr eine Kriegstragdie entschlossen, deren drei dstere Akte das Elend des Winters 1917 in einer deutschen Grostadt schilderten und einen allgemeinen pazifistischen, aber keineswegs deutlich sozialistischen Charakter hatten. Barbara entwarf die Dekorationen: ein finsteres Hinterzimmer, eine graue Gasse, in der die Frauen um Brot anstehen. Otto Ulrichs und Hedda von Herzfeld sollten die Hauptrollen spielen.