Mephisto
- Автор: Mann Klaus
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Mephisto». Краткое содержание книги:
Unberufen, toi toi toi - aber mir scheint, wir werden das Stck mindestens dreiigmal hintereinander geben knnen, schmunzelte Schmitz, wobei er mehrfach aberglubisch auf Holz klopfte. - Der Vorhang war gefallen, der Beifall tobte durchs Haus. Die Niebuhr wurde immer wieder gerufen.
Die Kritiken am nchsten Tage waren ein Chorus der Begeisterung. Alle Zeitungen schienen sich darin einig, da Nicolettas Leistung von ungewhnlichem Rang sei. Nicoletta von Niebuhr am Beginn einer groen Laufbahn, stand als berschrift auf der ersten Seite der Mittagszeitung, die am meisten gelesen wurde. In diesem Sinne wurde auch an die Berliner Bltter depeschiert. Vor der Kasse des Knstlertheaters standen die Menschen schon am Vormittag Schlange, was seit Jahren nicht mehr vorgekommen war. Die nchsten fnf Vorstellungen des effektvollen Dirnendramas waren ausverkauft.
Nicoletta aber hatte am Mittag nach der Premiere von Theophil Marder folgendes Telegramm bekommen: Verlange von dir, da sofort zu mir kommst stop verbiete da dich lnger als Schauspielerin prostituierst stop mnnliches Ehrgefhl in mir protestiert gegen deine Erniedrigung stop disziplinierte Frau hat bedingungslos total genialem Mann zu gehren der sie zu sich hinaufziehen will stop erwarte dich morgen am Bahnhof stop falls in entscheidender Situation versagst und Ankunft unter welchem Vorwand auch immer verzgerst betrachte dich als definitiv verworfen von mir, dem Weltgewissen, Theophil.
Nicoletta entlie herrisch einige Ballettmdchen und Eintnzer, die sich eingefunden hatten, um ihr zum Erfolg zu gratulieren. Sie rief Hfgen an und erklrte ihm mit drren Worten, da sie in einer Stunde nach Sddeutschland abzureisen gedenke. Hendrik erkundigte sich, ob sie witzig sein wolle oder irrsinnig geworden sei.
Sie erklrte trocken: keines von beiden. Vielmehr verzichte sie auf ihr Engagement und auf ihre Karriere als Schauspielerin berhaupt. Die Rolle in dem franzsischen Dirnenstck knne man ohne viel Schwierigkeit umbesetzen. Rahel Mohrenwitz habe sich gewi schon vorbereitet. Ihr, Nicoletta, aber sei auf der Welt nur noch eines wichtig: Theophil Marders Liebe. Die disziplinierte Frau gehre bedingungslos total an die Seite des genialen Mannes, der sie zu sich hinaufziehen wolle - behauptete Frulein von Niebuhr, zu Hfgens berraschung, am Telefon.
Hendrik, dem das Entsetzen fast die Stimme raubte, murmelte: Du bist krank. Ich nehme mir ein Taxi und komme zu dir. Zehn Minuten spter stand er mit Barbara im Zimmer Nicolettas, die beim Kofferpacken war. Das edle und empfindliche Oval von Barbaras Gesicht war wei wie die Wand, an die sie den Rcken lehnte. Barbara schwieg; Nicoletta schwieg; Hendrik redete. Erst spottete er, um dann zu flehen, schlielich zu drohen und zu toben. Du hast einen Vertrag! Es gibt Konventionalstrafen! Nicoletta erwiderte leise, aber immer noch mit schrfster Deutlichkeit: Herr Kroge drfte kaum Lust haben, mit Theophil Marder um den Besitz meiner Person zu prozessieren. Hendrik gab zu bedenken: Deine Karriere ist ruiniert. Kein Theater der Welt engagiert dich mehr. Darauf Nicoletta: Ich habe dir gesagt, da ich mit tausend Freuden auf diese Karriere verzichte. Was ich gegen sie eintausche, ist unvergleichlich kostbarer, wesentlicher und schner. Nun war ihre Stimme nicht mehr scharf, sondern sang vor verhaltenem Jubel. Hendrik konnte seine Erschtterung kaum verbergen. Dieses Mdchen begann, ihm rtselhaft zu werden. Wie, es gab Leidenschaften, die den Menschen so gewaltig ergriffen, da man fr sie eine Karriere hinwarf, die eben vielversprechend begann? Hendriks Phantasie war nicht dazu imstande, sich Gefhle vorzustellen, denen sein Herz kaum gewachsen gewesen wre. Die Passionen, auf die er sich einlie, pflegten Konsequenzen zu haben, die seiner Karriere eher zutrglich waren; keinesfalls wurde ihnen gestattet, diese zu gefhrden oder gar zu zerstren. - Und all das um des schnoddrigen' Propheten willen, sagte er schlielich. Da richtete sich Nicoletta ganz gerade auf, hackte mit der Nase in die Luft und zischte: Ich verbiete dir, von meinem Brutigam, dem grten lebenden Menschen, so zu sprechen. Hendrik lchelte erschpft und wischte sich den Schwei von der Stirne. Na, sagte er, dann mu ich es ja wohl mal dem armen Kroge
erzhlen.
Whrend er mit dem Knstlertheater telefonierte, lie Barbara zum erstenmal ihre Stimme vernehmen, vor der es wie ein Schleier von Traurigkeit hing. Du willst ihn also heiraten? fragte Barbara.
Wenn er mich nimmt! versetzte mit einer schaurigen Frhlichkeit Nicoletta, wobei sie es vermied, die Freundin anzusehen.
Barbara sagte: Er ist dreiig Jahre lter als du. Er knnte dein Vater sein.
Ganz recht, sagte Nicoletta, und aus ihren schnen Augen schlug die Flamme des Wahnsinns. Er ist wie mein Vater. In ihm habe ich den Verlorenen wiedergefunden. Wunderbar erneuert sich die alte Bindung. Barbara sagte beschwrend: Er ist krank. Jedoch die Verblendete sprach erhobenen Hauptes: Er hat die hhere Gesundheit des Genies.
Da sthnte Barbara nur noch: Mein Gott, mein Gott, und legte das Gesicht in die Hnde. -
Als eine Viertelstunde spter Oskar H. Kroge, Direktor Schmilz und Frau von Herzfeld eintrafen, hatte Nicoletta ihre zahlreichen Koffer schon gepackt und stand in der Hotelhalle, den Wagen erwartend, der sie zur Bahn bringen sollte.
Schmilz, der pltzlich gar keine weiche Stimme mehr hatte, sondern einfach schrie, drohte mit Polizei und Verhaftung; Oskar H. Kroge fauchte wie ein alter Kater, whrend Nicoletta wie ein Raubvogel zurckhackte; Frau von Herzfeld versuchte es mit vernnftigem Zureden, aber sie verstummte vor Nicolettas schrillem Hohn und eisigem Pathos. Alle redeten durcheinander: Schmitz beklagte die ausverkauften Huser, Kroge sprach von Mangel an knstlerischem Verantwortungsgefhl und an menschlichem Anstand, und die Herzfeld bezeichnete Nicolettas Betragen als den Akt einer verspteten und degoutanten Puberttshysterie. Barbara inzwischen hatte unbemerkt das Hotel verlassen. Nicoletta reiste ab, ohne sich von Barbara verabschiedet zu haben.
Nicolettas jhes Verschwinden bedeutete fr Barbara nicht nur Schmerz, sondern auch beinah etwas wie Erleichterung. Die Nachricht von der Hochzeit, die in aller Stille von Nicoletta und Theophil Marder gefeiert worden war, empfing sie ohne groe Bewegtheit.,Arme Nicoletta', war eigentlich alles, was sie noch dachte. Ihr Herz begann schon, auf den problematischen Genu einer Freundschaft zu verzichten, von der es so viele Jahre lang beschftigt, beglckt und geqult, worden war. An eine Zukunft mit Nicoletta konnte Barbara nicht mehr denken; indessen liebte sie es, sich der gemeinsamen Vergangenheit zu erinnern und sich selber die Geschichte einer Freundschaft zu erzhlen, die durch so phantastisch-sinnvolle Umstnde zustande gekommen war und sich nach so wunderlichen Gesetzen entwickelt hatte.
Willy von Niebuhr, der Vater, dessen Leben unruhvoll verlaufen war - wenn auch vielleicht nicht ganz so abenteuerlich, wie seine Tochter es darzustellen pflegte -, hatte sich niemals viel um Nicoletta gekmmert. Als er in China starb, war das Mdchen dreizehn Jahre alt. Damals war sie eben aus einem Internat in Lausanne mit erheblichem Skandal entlassen worden. Niebuhr, der wute, da er nicht mehr lange zu leben halte, schrieb aus Schanghai1 an Bruckner, mit dem er als Studenl befreundet gewesen war: Kmmere dich um das Kind! Der Geheimrat beschlo, das Mdchen fr ein paar Wochen als Logierbesuch1 in sein Haus zu nehmen, bis ein neues geeignetes Internat oder eine andere Mglichkeit der Unterbringung fr sie ausfindig gemacht sein wrde. So erschien Nicoletta im Hause Bruckner: ein gravittischernsthaftes, kluges und eigensinniges junges Geschpf mit groer gebogener Nase, leuchtenden Katzenaugen, einem mageren, biegsamen Krper und der stolzen, siegesgewissen Haltung des Kopfes. Dem Geheimrat war an seinem jungen Gast alles unheimlich: der verlockende und drohende Blick, die bermig deutliche, schneidend akzentuierte Sprechweise, die diabolische Korrektheit des Betragens. Er fand es fesselnd, aber auch etwas peinlich, die sonderbare Tochter eines interessanten Freundes so nahe bei sich zu haben und den ganzen Tag beobachten zu mssen.