Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Nachdem Napoleon das Gelände vor der Schanze von Schewardino besichtigt hatte, dachte er eine Weile schweigend nach und zeigte auf einen Punkt, wo für morgen zwei Batterien errichtet werden sollten, um die feindlichen Befestigungen anzugreifen. Dann bezeichnete er noch eine andere Stelle, wo neben diesen Batterien die Feldartillerie aufgestellt werden sollte.
Nachdem er diese und noch andere Befehle erteilt hatte, kehrte er in sein Quartier zurück und diktierte hier die Disposition der Schlacht.
Diese Disposition, von der französische Geschichtsschreiber mit Begeisterung und die anderen Historiker mit Hochachtung reden, lautete wie folgt:
»Bei Tagesanbruch eröffnen die beiden neuen, in der Nacht errichteten Batterien auf der vom Fürsten von Eckmühl besetzten Ebene das Feuer auf die beiden gegenüberliegenden Batterien des Feindes.
Zur selben Zeit rückt der Chef der Artillerie des ersten Korps, General Pernetti, mit dreißig Kanonen der Division Compan und allen Haubitzen der Division Dessaix und Friant vor, eröffnet das Feuer und überschüttet die feindliche Batterie mit Granaten. Gegen diese Batterie sind somit in Aktion:
24 Geschütze der Gardeartillerie,
30 Geschütze der Division Compan und
8 Geschütze der Division Friant und Dessaix
Summa 62 Geschütze.
Der Chef der Artillerie des dritten Korps, General Foucher, postiert alle Haubitzen des dritten und achten Korps, zusammen sechzehn, auf die Flanken der Batterie, die dazu bestimmt ist, die linken Befestigungen zu beschießen, so daß gegen diese im ganzen vierzig Geschütze operieren werden.
General Sorbier hat bereit zu sein, auf den ersten Befehl mit allen Haubitzen der Gardeartillerie gegen die eine oder die andere Befestigung vorzugehen.
Während der Kanonade wird Fürst Poniatowski durch den Wald die Richtung nach dem Dorf zu nehmen und die feindliche Position umgehen.
General Compan schiebt sich durch den Wald vor, um sich der ersten Befestigung zu bemächtigen.
Nachdem die Schlacht auf diese Weise in die Wege geleitet ist, werden weitere Befehle den Aktionen des Feindes entsprechend gegeben werden.
Auf der linken Flanke setzt die Kanonade ein, sobald vom rechten Flügel die Kanonade gehört wird. Die Schützen der Division Morand und der Division des Vizekönigs eröffnen ein starkes Feuer, wenn sie sehen, daß auf dem rechten Flügel die Attacke begonnen hat.
Der Vizekönig bemächtigt sich des Dorfes (Borodino), rückt über dessen drei Brücken vor und marschiert in gleicher Höhe mit den Divisionen Marand und Gerard, die unter seiner Führung die Richtung gegen die Schanze nehmen und in die Front der übrigen Truppen einrücken.
Dies alles ist ordnungsgemäß und genau auszuführen (Le tout se fera avec ordre et méthode), wobei die Reservetruppen nach Möglichkeit zu schonen sind.
Kaiserliches Lager bei Moshaisk, am 6. September 1812.«
Diese ziemlich unklare und verworrene Disposition – wenn man sich unterstehen darf, ohne heilige Scheu vor Napoleons Genialität seine Anordnungen zu kritisieren – enthielt vier Punkte, vier Anordnungen. Keine davon war auszuführen, keine ist ausgeführt worden.
In der Disposition war erstens gesagt, daß die an dem von Napoleon selbst ausgewählten Punkt errichteten Batterien nebst den bis zu ihnen vorgerückten Kanonen Pernettis und Fouchers – also im ganzen hundertundzwei Geschütze – das Feuer eröffnen und die russischen Pfeilschanzen und Befestigungen mit Geschossen überschütten sollten. Das konnte deshalb nicht ausgeführt werden, weil von jenem von Napoleon bezeichneten Punkt die Geschosse nicht bis an die russischen Befestigungen heranreichten, so daß die hundertundzwei Geschütze so lange ins Leere schossen, bis ein in der Nähe befindlicher Kommandeur sie gegen den Befehl Napoleons vorrücken ließ.
Die zweite Anordnung bestand darin, daß Poniatowski durch den Wald die Richtung auf das Dorf zu nehmen und den linken russischen Flügel umgehen sollte. Das konnte nicht so kommen und wurde deshalb nicht getan, weil Poniatowski, als er sich durch den Wald nach dem Dorf begeben wollte, dort auf Tutschkow stieß, der ihm den Weg versperrte, so daß er die russische Stellung nicht umging und nicht umgehen konnte.
Die dritte Anordnung lautete: General Compan rückt durch den Wald vor, um sich der ersten Befestigungen zu bemächtigen. Die Division Compan nahm die ersten Befestigungen nicht, sondern wurde zurückgeschlagen, weil sie sich, als sie aus dem Wald heraustrat, unter Kartätschenfeuer sammeln mußte, was Napoleon nicht vorausgesehen hatte.
Viertens: Der Vizekönig nimmt das Dorf (Borodino), marschiert über dessen drei Brücken und rückt in gleicher Höhe mit den Divisionen Morand und Gerard vor, von denen nicht gesagt war, wann und wohin sie vorzugehen hatten, die unter seiner Führung die Richtung auf die Schanze einschlagen und in die Front der übrigen Truppen einrücken.
Soviel sich ersehen läßt – wenn schon nicht aus diesem sinnlosen Satz, so doch aus den Versuchen des Vizekönigs, die ihm erteilten Befehle auszuführen –, sollte er durch Borodino hindurch von links her auf die Schanze zumarschieren, während die Divisionen Morand und Gerard gleichzeitig von der Front her vorrücken sollten.
Dies alles, wie auch noch andere Punkte der Disposition, wurde nicht ausgeführt und konnte es auch gar nicht werden. Nachdem der Vizekönig durch Borodino marschiert war, wurde er an der Kolotscha zurückgeschlagen, so daß er nicht weiter vordringen konnte, und die Divisionen Morand und Gerard nahmen die Schanze ebenfalls nicht, auch sie wurden zurückgeschlagen, die Schanze aber wurde erst am Ende der Schlacht von der Kavallerie erobert, was Napoleon sicher nicht vorausgesehen hatte, da es etwas ganz Außergewöhnliches war.
So wurde auch nicht eine einzige Anordnung der Disposition ausgeführt und konnte auch keine ausgeführt werden. Ferner war in der Disposition noch gesagt, daß, nachdem die Schlacht auf diese Weise in die Wege geleitet sei, weitere Befehle den Aktionen des Feindes entsprechend gegeben würden, und es könnte demnach den Anschein haben, als ob Napoleon während der Schlacht alle nötigen Anordnungen getroffen habe. Aber das war nicht der Fall und auch ganz unmöglich, weil sich Napoleon während der ganzen Schlacht so weit von ihr befand, daß der Gang der Dinge, wie sich das auch später herausgestellt hat, ihm gar nicht bekannt sein konnte und von seinen Befehlen während der Schlacht kein einziger zur Ausführung gelangte.
28
Viele Historiker behaupten, die Franzosen hätten die Schlacht bei Borodino aus dem Grund nicht gewonnen, weil Napoleon den Schnupfen gehabt habe; hätte er den Schnupfen nicht gehabt, so wären seine Dispositionen vor und während der Schlacht genialer gewesen, Rußland wäre untergegangen, et la face du monde eut été changée. Für Geschichtsschreiber, welche die Ansicht vertreten, Rußland sei durch den Willen eines einzigen Mannes, Peters des Großen[173], gestaltet und herangebildet worden und Frankreich habe sich, ebenfalls durch den Willen eines einzigen Menschen, aus einer Republik in ein Kaiserreich verwandelt und seine Armee in Rußland eindringen lassen – für solche Geschichtsschreiber ist der Schluß, daß Rußland eine Großmacht geblieben ist, weil Napoleon am 26. August den Schnupfen hatte, von einer Folgerichtigkeit, um die keiner herum kann.
173
Peter der Große: (1672-1725), russischer Zar, seit 1718 Kaiser von Rußland, der sein Land nicht nur außenpolitisch, sondern vor allem in seiner inneren Struktur modernisierte und Europa anschloß, mit dem Bau von Sankt Petersburg als neuer Hauptstadt an der Newamündung – dem endlich erkämpften Zugang zur Ostsee – war das »Fenster zum Westen« endgültig geöffnet