Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Ich bin gekommen … nur so … wissen Sie … ich bin gekommen, weil es mir interessant ist«, sagte Pierre, wobei er das Wort »interessant« zum soundsovieltenmal an diesem Tag wiederholte. »Ich wollte gern eine Schlacht sehen.«
»So, so. Was sagen aber die Freimaurerbrüder über den Krieg? Wie ist er zu vermeiden?« fragte Fürst Andrej spöttisch. »Nun, wie steht’s in Moskau? Was machen die Meinen? Sind sie endlich in Moskau angekommen?« fragte er dann ernsthaft weiter.
»Jawohl. Julie Drubezkaja hat es mir erzählt. Ich fuhr zu ihnen, traf sie aber nicht mehr an. Sie waren schon in das Landhaus bei Moskau übersiedelt.«
25
Die Offiziere wollten sich verabschieden, aber Fürst Andrej forderte sie auf, Platz zu nehmen und mit ihm Tee zu trinken, als wünsche er nicht, mit seinem Freund unter vier Augen zu bleiben. Man brachte Tee und Bänke. Nicht ohne Verwunderung betrachteten die Offiziere Pierres gewaltige, dicke Gestalt und hörten seinen Erzählungen von Moskau und von den Stellungen unserer Truppen zu, die er hatte abreiten dürfen. Fürst Andrej schwieg, und sein Gesicht zeigte einen so unangenehmen Ausdruck, daß sich Pierre mehr an den gutmütigen Bataillonskommandeur Timochin wandte als an Bolkonskij.
»So hast du also die ganze Aufstellung unserer Truppen verstanden?« unterbrach ihn Fürst Andrej.
»Ja, das heißt, wie meinst du das?« fragte Pierre. »Als Zivilist kann ich natürlich nicht sagen, daß ich es wirklich ganz verstanden hätte, aber doch immerhin so im allgemeinen.«
»Eh bien, vous êtes plus avancé que qui que cela soit«, erwiderte Fürst Andrej.
»Oh!« rief Pierre erstaunt und sah Bolkonskij durch seine Brille an. »Aber was sagen Sie zu Kutusows Ernennung?« fuhr er dann fort.
»Ich habe mich über diese Ernennung sehr gefreut«, erwiderte Fürst Andrej. »Das ist alles, was ich darüber zu sagen wüßte.«
»Ja, aber sagen Sie bitte, wie denken Sie über Barclay de Tolly? In Moskau wird Gott weiß was alles von ihm erzählt. Wie urteilen Sie über ihn?«
»Frage nur die«, sagte Fürst Andrej und zeigte auf die Offiziere.
Pierre sah Timochin fragend und mit jenem herablassenden Lächeln an, mit dem sich immer alle an diesen wandten.
»Die Sonne ging für uns auf, Euer Durchlaucht, als der Durchlauchtige antrat«, erwiderte schüchtern Timochin, ohne einen Blick von seinem Regimentskommandeur zu verwenden.
»Wieso denn?« fragte Pierre.
»Ja, allein schon wegen Holz und Futter, erlaube ich mir, ihnen anzuführen. Als wir von Swenziany zurückgingen, hieß es: ›Daß ihr euch nicht untersteht, ein Reisigbündel oder Heu oder sonst was anzurühren!‹ Aber wir gingen doch weg, folglich blieb das alles ihm, nicht wahr, Durchlaucht?« wandte er sich an den Fürsten. »Trotzdem aber hieß es: ›Daß ihr euch nicht untersteht!‹ In unserem Regiment sind zwei Offiziere wegen solcher Sachen vor Gericht gestellt worden. Na, als aber nun der Durchlauchtige antrat, da wurde in dieser Beziehung alles viel einfacher. Die Sonne ging für uns auf …«
»Ja, aber warum war denn das verboten worden?«
Timochin blickte sich verlegen um, da er nicht wußte, wie und was er darauf antworten sollte. Pierre wandte sich mit derselben Frage noch einmal an den Fürsten Andrej.
»Um das Land, das wir dem Feind überließen, nicht vorher zu verwüsten«, erwiderte Fürst Andrej mit bitterem Spott. »Der Grund ist doch sehr triftig: man darf den Truppen nicht erlauben, im Lande zu plündern, damit sie sich nicht an das Marodieren gewöhnen. Na, und in Smolensk hatte er auch ganz richtig erwogen, daß die Franzosen uns hätten umzingeln können, und daß sie viel stärkere Streitkräfte besaßen. Aber das eine hat er nicht begreifen können!« rief Fürst Andrej in plötzlich hervorbrechendem Zorn mit scharfer Stimme aus. »Das eine hat er nicht begreifen können, daß wir dort zum erstenmal um russische Erde kämpften, daß in den Truppen ein Geist herrschte, wie ich ihn noch nie gesehen habe, daß wir zwei Tage hintereinander die Franzosen zurückgeschlagen hatten, und daß dieser Erfolg unsere Kräfte verzehnfachte. Da befahl er den Rückzug, und alle unsere Anstrengungen und Verluste waren umsonst. Er dachte nicht an Verrat, gab sich Mühe, alles so gut wie nur möglich zu machen, erwog alles, aber eben deshalb taugte er nicht dazu. Er ist untauglich für den jetzigen Augenblick, gerade weil er alles sehr gründlich und gewissenhaft überlegt, wie das nun mal jedem Deutschen eigen ist. Wie könnte ich dir das nur auseinandersetzen … Stelle dir vor, dein Vater habe einen deutschen Diener, einen trefflichen Diener, der alle Ansprüche deines Vaters besser befriedigt, als du es könntest: du wirst ihn ruhig in seinem Amt lassen; wenn aber dein Vater einmal todkrank ist, wirst du diesen Diener fortjagen und mit deinen eignen wenig geübten, ungeschickten Händen deinen Vater pflegen und ihn besser beruhigen können als ein wenn auch geschickter, aber doch fremder Mensch. So haben sie es auch mit Barclay gemacht. Solang Rußland gesund war, konnte ein Fremder dem Lande dienen – und er ist ein vorzüglicher Minister gewesen; jetzt aber, wo das Vaterland in Gefahr ist, braucht es einen eignen Sohn, der Fleisch ist von seinem Fleisch. Ihr aber in eurem Klub habt euch ausgedacht, er sei ein Verräter. Doch dadurch, daß man ihn verleumdet und zum Verräter stempelt, bewirkt man nur, daß man sich später dieses ungerechten Vorwurfs schämen und aus dem Verräter auf einmal wieder einen Helden oder ein Genie machen wird, was noch unzutreffender wäre. Er ist ein ehrlicher und sehr gewissenhafter Deutscher …«
»Aber man behauptet doch, daß er ein tüchtiger Feldherr sei«, warf Pierre ein.
»Ich verstehe nicht, was das heißen solclass="underline" ein tüchtiger Feldherr«, erwiderte Fürst Andrej spöttisch.
»Ein tüchtiger Feldherr«, sagte Pierre, »nun das ist eben einer, der alle Zufälle voraussieht … die Gedanken des Gegners errät …«
»Das ist unmöglich«, unterbrach ihn Fürst Andrej, als sei dies eine längst entschiedene Sache.
Pierre sah ihn erstaunt an.
»Man sagt doch aber«, meinte er dann, »daß der Krieg Ähnlichkeit mit dem Schachspiel habe.«
»Gewiß«, erwiderte Fürst Andrej, »nur mit dem kleinen Unterschied, daß du beim Schachspiel über jeden Zug so lange nachdenken kannst, wie du Lust hast, und nicht den Bedingungen unterworfen bist, die die Zeit mit sich bringt. Und dann noch ein zweiter Unterschied: beim Schachspiel ist der Springer immer stärker als der Bauer und zwei Bauern immer stärker als einer, im Krieg dagegen ist ein Bataillon manchmal stärker als eine ganze Division, bisweilen aber auch wieder schwächer als eine Kompanie. Die jeweilige Kraft einer Truppe kann niemand im voraus kennen. Glaube mir«, fuhr er fort, »wenn nur das Geringste von den Dispositionen des Stabes abhinge, wäre ich der erste, der dort wäre und diese Dispositionen träfe, so aber habe ich die Ehre vorgezogen, hier im Regiment zu dienen, mit diesen Herren zusammen, und glaube, daß in Wirklichkeit von uns der morgige Tag abhängen wird und nicht von ihnen … Ein Erfolg hat noch nie von der Stellung abgehangen, auch nicht von der Bewaffnung, ja nicht einmal von der Zahl, am allerwenigsten aber von der Stellung. Und das wird auch nie der Fall sein.«
»Aber wovon soll er denn sonst abhängen?«
»Von dem Geist, der in mir ist und in ihm«, er zeigte auf Timochin, »und in jedem Soldaten.«
Fürst Andrej blickte Timochin an, der erschrocken und erstaunt seinen Kommandeur ansah. Im Gegensatz zu seiner Schweigsamkeit und Zurückhaltung von vorhin schien Fürst Andrej jetzt sehr erregt zu sein. Offenbar konnte er sich nicht enthalten, die Gedanken auszusprechen, die plötzlich über ihn gekommen waren.
»Eine Schlacht gewinnt immer derjenige, der fest dazu entschlossen ist, sie zu gewinnen. Warum haben wir die Schlacht bei Austerlitz verloren? Wir hatten fast dieselben Verluste wie die Franzosen, aber wir sagten uns zu früh, daß wir die Schlacht verloren hätten, und hatten sie somit verloren. Und das sagten wir uns deshalb, weil wir dort eigentlich gar keinen Grund hatten, uns zu schlagen; wir wollten nur so bald wie möglich vom Schlachtfeld fortkommen. ›Die Schlacht ist verloren, also auf zur Flucht!‹ Und so flohen wir. Wenn wir uns das bis zum Abend nicht gesagt hätten, Gott weiß, was dann geworden wäre! Morgen aber werden wir das nicht sagen. Da sprichst du von unserer Stellung: die linke Flanke sei schwach, die rechte zu weit ausgedehnt«, fuhr er fort, »das ist alles Unsinn, nichts von alledem ist von Belang. Denn was steht uns morgen bevor? Millionen und aber Millionen der verschiedenartigsten Zufälligkeiten, die in einem einzigen Augenblick entscheiden werden, ob sie oder wir siegen oder davonlaufen, ob diese oder jene fallen müssen. Das, was jetzt getan wird, ist alles nur zum Zeitvertreib. Die Sache liegt so, daß die, mit denen du die Stellung abgeritten hast, den allgemeinen Gang der Dinge nicht nur nicht fördern, sondern sogar hindern. Sie sind nur mit ihren kleinlichen persönlichen Interessen beschäftigt.«