Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Das muß ich durch Moskau wieder gutmachen«, sagte Napoleon. »A tantôt«, fügte er dann hinzu und rief Herrn de Beausset herbei, der inzwischen mit den Vorbereitungen der Überraschung fertig geworden war: er hatte etwas auf zwei Stühle gestellt und mit einem Vorhang verhüllt.
De Beausset neigte sich tief in jener am französischen Hof üblichen Verbeugung, mit der sich nur die alten Diener der Bourbonen zu verneigen verstanden, trat auf den Kaiser zu und überreichte ihm einen Brief.
Napoleon wandte sich wohlgelaunt ihm zu und zupfte ihn am Ohr. »Sie haben schnell gemacht, das freut mich. Na, was sagt Paris?« fragte er, indem er seinen eben noch strengen Ausdruck in einen höchst liebenswürdigen verwandelte.
»Sire, tout Paris regrette votre absence«, erwiderte de Beausset pflichtschuldig.
Doch obgleich Napoleon wußte, daß Beausset dies oder etwas Ähnliches sagen mußte, obgleich er sich in klaren Augenblicken bewußt wurde, daß es nicht wahr sein konnte, war es ihm doch angenehm, solche Worte von Beausset zu hören. Wieder würdigte er ihn eines Zupfens am Ohr.
»Je suis fâché de vous avoir fait faire tant de chemin«, sagte er.
»Sire, je ne m’attendais pas à moins qu’à vous trouver aux portes de Moscou«, erwiderte Beausset.
Napoleon lächelte, hob zerstreut den Kopf und sah nach rechts. Ein Adjutant glitt lautlos mit der goldenen Tabaksdose heran und reichte sie ihm.
»Ja, da haben Sie wieder mal Glück gehabt«, sagte Napoleon, indem er die offene Tabaksdose an die Nase hielt. »Sie reisen doch so gern. In drei Tagen werden Sie Moskau zu sehen bekommen. Das haben Sie sicher nicht erwartet, die asiatische Hauptstadt kennenzulernen. Sie machen da eine nette Reise …«
Beausset verbeugte sich aus Dankbarkeit, daß der Kaiser seiner ihm selber zwar bis auf den heutigen Tag unbekannten Neigung zum Reisen Beachtung geschenkt hatte.
»Aber was ist das?« fragte Napoleon, als er bemerkte, daß alle seine Hofleute nach jenem mit dem Vorhang umhüllten Gegenstand blickten.
Mit höfischer Gewandtheit trat Beausset mit einer halben Wendung, ohne dem Kaiser den Rücken zu zeigen, zwei Schritte beiseite, zog den Vorhang zurück und sagte gleichzeitig: »Ein Geschenk der Kaiserin für Euer Majestät.«
Es war das von Gerard[171] in grellen Farben gemalte Bildnis des Knaben, den die Tochter des Kaisers von Österreich Napoleon geboren hatte und den alle aus nicht recht ersichtlichen Gründen den König von Rom nannten.
Ein allerliebster, lockiger Knabe mit einem Blick wie der des Christuskindes auf dem Bild der Sixtinischen Madonna war dargestellt, wie er Fangball spielt. Der Ball in seiner Hand war die Erde, das Stäbchen in seiner anderen – das Zepter.
Obgleich nicht ganz klar war, was der Künstler eigentlich dadurch hatte zum Ausdruck bringen wollen, indem er den sogenannten König von Rom darstellte, wie er den Erdball mit einem Stäbchen durchbohrt, so schien doch diese Allegorie Napoleon, ebenso wie allen, die das Bild in Paris gesehen hatten, klar zu sein und sehr zu gefallen.
»Roi de Rome«, sagte er und wies mit einer anmutigen Gebärde auf das Bild. »Admirable!«
Mit der allen Italienern[172] eignen Fähigkeit, den Gesichtsausdruck rasch nach Belieben zu verändern, setzte er, während er an das Bild herantrat, eine Miene nachdenklicher Zärtlichkeit auf. Er fühlte, daß das, was er jetzt sagte und tat, ein Stück Geschichte werden würde. Und da deuchte es ihn, das Beste, was er jetzt tun könne, sei, trotz all seiner Größe eine schlichte väterliche Zärtlichkeit zu zeigen, gerade im Gegensatz zu dieser Größe, deren Folge es war, daß sein Sohn mit der Erdkugel Fangball spielte. Seine Augen umflorten sich, er trat näher heran, sah sich nach einem Stuhl um – im Nu war ein solcher zur Stelle – und nahm dem Bild gegenüber Platz. Ein Zeichen – und alle schlichen auf Zehen hinaus und überließen den großen Mann sich selbst und seinen Gefühlen.
Nachdem Napoleon so eine Weile gesessen und, ohne zu wissen warum, die rauhen Flächen des Porträts betastet hatte, stand er auf und rief Beausset und den Offizier vom Dienst wieder herein. Er gab Befehl, das Porträt vor das Zelt zu schaffen, damit seine alte Garde, die um das Zelt herum Wache stand, nicht des Glückes beraubt werde, den König von Rom zu sehen, den Sohn und Nachfolger ihres vergötterten Kaisers.
Und es kam, wie er erwartet hatte: während er mit Herrn de Beausset beim Frühstück saß – er hatte ihn dieser Ehre gewürdigt –, hörte man vor dem Zelt die begeisterten Ausrufe der Offiziere und Soldaten seiner Garde, die zu dem Bild herbeiströmten.
»Vive l’empereur! Vive le roi de Rome! Vive l’empereur!« schrien begeisterte Stimmen.
Nach dem Frühstück diktierte Napoleon im Beisein Beaussets seinen Armeebefehl.
»Courte et énergique!« murmelte Napoleon, nachdem er die ohne Verbesserungen und wie aus einem Guß diktierte Proklamation noch einmal durchgelesen hatte. Der Befehl lautete:
»Soldaten! Die Schlacht, nach der ihr so lange verlangt habt, steht bevor. Von euch hängt der Sieg ab. Er ist nötig, um uns zu verschaffen, was wir brauchen: bequeme Quartiere und baldige Rückkehr in die Heimat. Haltet euch so, wie ihr euch bei Austerlitz, Friedland, Witebsk und Smolensk gehalten habt. Möge noch die fernste Nachwelt mit Stolz eurer Heldentaten von diesem Tag gedenken. Möge man von jedem von euch sagen: ›Er war bei dem großen Kampf vor Moskau dabei!‹«
»Vor Moskau!« wiederholte Napoleon. Dann lud er Herrn de Beausset, der so gern reiste, zu einem Spazierritt ein und trat vor das Zelt zu den gesattelten Pferden.
»Votre Majesté a trop de bonté«, entgegnete Beausset auf die Einladung des Kaisers, ihn zu begleiten. Viel lieber hätte er geschlafen, auch konnte er nicht gut reiten und hatte Angst davor. Doch Napoleon nickte dem »Reisewütigen« zu, und Beausset mußte mitreiten. Als der Kaiser aus dem Zelt trat, wurde das begeisterte Rufen der Garde vor dem Bild seines Sohnes noch stärker. Er runzelte finster die Stirn.
»Nehmt ihn weg!« sagte er und wies mit anmutig erhabener Gebärde auf das Bildnis. »Es ist noch zu früh für ihn, ein Schlachtfeld zu sehen.«
Beausset schloß die Augen, senkte den Kopf und seufzte tief, um dadurch zu zeigen, welch großes Verständnis er für diese Worte des Kaisers hatte und wie hoch er sie schätzte.
27
Den ganzen 25. August verbrachte Napoleon, wie seine Geschichtsschreiber erzählen, zu Pferd: er nahm das Gelände in Augenschein, begutachtete die Pläne, die ihm seine Marschälle vorlegten, und erteilte seinen Generälen die Befehle persönlich.
Die ursprüngliche Aufstellungslinie der russischen Armee an der Kolotscha entlang war gebrochen, und ein Teil dieser Linie, eben die linke russische Flanke, infolge der Einnahme der Schanze von Schewardino am 24. August zurückgezogen worden. Dieser Teil der russischen Front war nun nicht befestigt und auch nicht mehr durch den Fluß geschützt, vor ihm lag offenes, ebenes Gelände. Es war nicht nur für jeden militärisch geschulten, sondern auch für jeden Laien klar, daß die Franzosen diesen Teil der Front angreifen würden. Man sollte meinen, daß es dazu nicht vieler Überlegungen bedurft hätte, daß dazu eine solche Sorgfalt und Geschäftigkeit des Kaisers und seiner Marschälle gar nicht nötig gewesen wäre und noch viel weniger jene besondere, erhabene Eigenschaft, die man Genialität nennt, und die so gern Napoleon zugeschrieben wird. Doch die Geschichtsschreiber, die in der Folgezeit dieses Ereignis beschrieben haben, und die Menschen, die damals Napoleon umgaben, und auch Napoleon selber dachten anders darüber.
Napoleon ritt über das Feld, nahm tiefsinnig das Gelände in Augenschein, machte für sich bald eine zustimmende, bald eine zweifelnde Kopfbewegung, teilte aber den ihn umgebenden Generälen jene tiefsinnigen Gedankengänge, die ihn zu seinen Entschlüssen führten, nicht mit, sondern nur immer das Ergebnis in Form eines Befehls. Davoust, Fürst von Eckmühl, schlug vor, die linke Flanke der Russen zu umgehen; Napoleon hörte ihm zu und sagte, es sei nicht nötig, ließ sich aber nicht weiter darüber aus, warum er dieser Ansicht war. Dem Vorschlag des Generals Compan, der die Pfeilschanzen angreifen sollte: seine Division durch den Wald vorrücken zu lassen, stimmte er bei, obgleich der Herzog von Elchingen, das heißt Ney, sich die Bemerkung erlaubte, daß ein Vorrücken durch den Wald gefährlich sei und die Division auseinanderbringen könne.
171
von Gerard: F. Baron Gerard (1770-1837), Hofmaler Napoleons
172
allen Italienern: der Korse Napoleon wird hier als Italiener bezeichnet, weil Korsika seit dem Mittelalter Genua gehört hatte und erst im Vertrag von Versailles 1768 an Frankreich verkauft worden war.