Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Denn wenn es von Napoleons Willen abgehangen hätte, die Schlacht von Borodino zu schlagen oder nicht, wenn es von seinem Willen abgehangen hätte, diese oder jene Anordnung zu treffen, so wäre es offensichtlich, daß ein Schnupfen, der auf die Entwicklung seines Willens von Einfluß war, der Grund zu Rußlands Rettung hätte sein können, und jener Kammerdiener, der vergessen hatte, Napoleon am 24. August die wasserdichten Stiefel zu reichen, wäre folglich der Retter Rußlands gewesen. Bei einem solchen Gedankengang ist dieser Schluß zweifellos richtig, ebenso richtig wie die Folgerung Voltaires, der im Scherz – obgleich er selber nicht wußte, worüber er sich lustig machte – die Behauptung aufstellte, es sei nur infolge einer Magenverstimmung Karls IX. zur Bartholomäusnacht[174] gekommen.
Doch für Menschen, die nicht zugeben, daß Rußland durch den Willen eines einzigen Menschen, Peters I. gestaltet und herangebildet und Frankreich durch den Willen eines einzigen Mensehen zum Kaiserreich geworden sei und den Krieg mit Rußland begonnen habe, – für diese Menschen ist eine solche Schlußfolgerung nicht nur falsch und unvernünftig, sondern läuft auch dem Wesen alles Menschlichen zuwider. Auf die Frage aber, was die Ursache historischer Ereignisse sei, bietet sich eine andre Antwort dar: der Gang der Weltbegebenheiten ist von oben her bestimmt und hängt von einem Zusammentreffen all jener willkürlichen Handlungen der Leute ab, die an den Ereignissen teilnehmen, so daß der Einfluß, den ein Napoleon auf den Gang dieser Ereignisse haben könnte, nur äußerlich und fiktiv sein kann.
Wie sonderbar auch auf den ersten Blick die Annahme erscheinen mag, daß die Bartholomäusnacht, zu der Karl IX. den Befehl erteilte, nicht aus seinem Willen geboren wurde, sondern es für ihn nur den Anschein hatte, als habe er sie befohlen, und daß das blutige Hinschlachten von achtzigtausend Mann bei Borodino nicht durch den Willen Napoleons geschah, obgleich er zum Anfang und zum weiteren Gang der Schlacht die Befehle erteilte – wie sonderbar auch diese Annahme erscheinen mag, so gebietet doch die Menschenwürde, die mir sagt, daß jeder von uns, wenn nicht mehr, so doch keinesfalls weniger ein Mensch ist als Napoleon, für eine solche Lösung der Frage einzutreten, und auch die Geschichtsforschung hat diese Annahme reichlich bestätigt.
In der Schlacht bei Borodino hat Napoleon auf keinen geschossen und keinen getötet. Das alles haben die Soldaten getan. Folglich war er es nicht, der die Menschen getötet hat.
Die Soldaten der französischen Armee zogen in die Schlacht bei Borodino, um ihresgleichen totzuschlagen, nicht infolge des Befehles Napoleons, sondern aus eignem Verlangen. Die ganze Armee, Franzosen, Italiener, Deutsche und Polacken, die durch den langen Feldzug ausgehungert, zerlumpt und erschöpft war, fühlte angesichts des Heeres, das ihnen den Weg nach Moskau versperrte, que le vin est tiré et qu’il faut le boire. Wenn Napoleon sie jetzt daran gehindert hätte, sich mit den Russen zu schlagen, so hätten sie ihn umgebracht und auf eigne Faust mit den Russen gekämpft, weil dies für sie eine unumgängliche Notwendigkeit war.
Als sie den Befehl Napoleons hörten, der ihnen zum Trost für Verstümmelung und Tod die Anerkennung der Nachwelt versprach, daß auch sie bei dem Kampf vor Moskau dabeigewesen seien, schrien sie: »Vive l’empereur!«, ebenso wie sie beim Anblick des Bildnisses jenes Knaben, der den Erdball mit einem Fangstäbchen durchbohrte: »Vive l’empereur!« geschrien hatten, und ebenso, wie sie es bei jedem sinnlosen Wort getan hätten, das er zu ihnen gesagt hätte. Ihnen blieb gar nichts anderes übrig, als »Vive l’empereur« zu rufen und in die Schlacht zu ziehen, um als Sieger in Moskau Lebensmittel und Ruhe finden zu können. Demnach haben sie ihresgleichen nicht infolge eines Befehles von Napoleon totgeschlagen.
Und Napoleon hat auch nicht den Gang der Schlacht geleitet, da von seiner Disposition nicht ein Befehl ausgeführt wurde und er während der Schlacht gar nicht wußte, was vorn vor sich ging. Folglich hatte auch Napoleons Wille auf die Art und Weise, wie die Menschen einander töteten, keinen Einfluß, und alles vollzog sich ganz unabhängig von ihm auf Grund des Willens von Hunderttausenden von Menschen, die an dem allgemeinen Kampf beteiligt waren. Napoleon schien es nur, als ob sich alles nach seinem Willen vollzöge. Und deshalb ist die Frage, ob Napoleon damals den Schnupfen gehabt habe oder nicht, für die Geschichte von keiner größeren Bedeutung als die Frage nach dem Schnupfen des letzten Trainsoldaten.
Napoleons Schnupfen am 26. August ist um so weniger von Bedeutung, als die Behauptung jener Geschichtsschreiber, dieser Schnupfen sei die Ursache gewesen, daß Napoleons Disposition und weitere Anordnungen während der Schlacht nicht so gut wie die früheren ausgearbeitet gewesen seien, durchaus nicht den Tatsachen entspricht.
Die hier wörtlich angeführte Disposition war keineswegs schlechter, sondern sogar besser als alle früheren, auf Grund deren er Schlachten gewonnen hatte. Die angeblichen Befehle während der Schlacht waren ebenfalls nicht schlechter als früher, sondern genauso wie immer. Aber die Disposition und die Anordnungen erscheinen nur deshalb schlechter als die früheren, weil die Schlacht bei Borodino die erste war, die Napoleon verlor. Die prächtigsten und tiefsinnigsten Dispositionen scheinen schlecht und jeder erfahrene Soldat kritisiert sie mit bedeutsamer Miene, wenn die Schlacht durch sie verloren wurde; die schlechtesten Dispositionen und Anordnungen aber erscheinen ausgezeichnet, und ernst zu nehmende Leute beweisen später ihren Wert in ganzen Bänden, sobald eine Schlacht durch sie gewonnen wurde.
Die Disposition, die Weyrother für die Schlacht bei Austerlitz aufgestellt hatte, war ein Muster der Vollkommenheit unter allen Schöpfungen dieser Art, und dennoch wurde sie abfällig beurteilt, und zwar gerade wegen ihrer Vollkommenheit, weil sie alle Einzelheiten zu sehr berücksichtigte.
Napoleon füllte seine Rolle als Machthaber in der Schlacht bei Borodino ebenso gut, ja noch besser aus als in anderen Schlachten. Er tat nichts, was dem Gang der Schlacht hätte schaden können, schloß sich den Ansichten der Vernünftigsten an, brachte nichts in Verwirrung, widersprach sich selber nicht, erschrak nicht und lief nicht vom Schlachtfeld davon, sondern führte mit dem ihm eignen großen Feingefühl und mit aller seiner Kriegserfahrung ruhig und würdig seine Rolle als scheinbarer Führer und Leiter durch.
29
Als Napoleon die Front zum zweitenmal sorgsam abgeritten hatte, sagte er: »Die Schachfiguren sind aufgestellt, morgen kann das Spiel beginnen.«
Er ließ sich Punsch bringen und Beausset herbeirufen und fing an, sich mit ihm über Paris zu unterhalten, über ein paar Veränderungen, die er im Haus der Kaiserin vorzunehmen gedachte, und setzte den Haushofmeister durch sein gutes Gedächtnis für die geringfügigsten Einzelheiten der Hofhaltung in Erstaunen.
Er interessierte sich für die nichtigsten Dinge, scherzte über Beaussets Reiselust und plauderte mit derselben Nachlässigkeit wie ein berühmter, selbstbewußter Operateur, der sein Handwerk versteht, während er sich die Ärmel aufstreift, sich die Schürze umbinden und den Kranken auf seinem Lager festschnallen läßt und denkt: Alles liegt jetzt in meiner Hand, klar und bestimmt habe ich es im Kopf. Wenn es nötig ist, ans Werk zu gehen, werde ich meinen Mann stellen wie kein zweiter, jetzt aber kann ich plaudern und scherzen; und je mehr ich jetzt scherze und ruhig bin, um so sicherer und ruhiger werdet auch ihr sein und um so mehr werdet ihr über mein Genie staunen.
Nachdem Napoleon das zweite Glas Punsch geleert hatte, zog er sich zurück, um sich vor der ernsten Arbeit, die ihm seiner Ansicht nach morgen bevorstand, die nötige Ruhe zu gönnen.
Diese ihm bevorstehende Arbeit beschäftigte ihn so sehr, daß er nicht schlafen konnte und trotz seines Schnupfens, der durch die Feuchtigkeit am Abend noch stärker geworden war, um drei Uhr nachts, sich laut schneuzend, wieder in die große Abteilung seines Zeltes hinüberging. Er erkundigte sich, ob die Russen nicht abgerückt seien. Man meldete ihm, daß sich die feindlichen Feuer immer noch an denselben Stellen befänden. Er nickte befriedigt.
174
Bartholomäusnacht: in der Nacht zum 24 August (Bartholomäustag) 1572 wurde in Paris und in einigen Provinzstädten auf Veranlassung Katharinas von Medici, der Königinmutter, und Königs Karl IX. ein Blutbad unter den Hugenotten angerichtet, dem einige Tausend Hugenotten zum Opfer fielen.