Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Doch was ist der Krieg? Was braucht es zum Erfolg bei militärischen Aktionen? Wie sind im Militärstand die Sitten? Das Ziel des Krieges ist der Mord, das Handwerkszeug des Krieges: Spionage, Verrat und Anstiftung dazu, Ruin der Einwohner, ihre Beraubung oder Diebstahl, um die Armee zu versorgen, und Lüge und Betrug, was man Kriegslist nennt. Die Sitten des Militärstandes aber sind: völliger Mangel an Freiheit, was man als Disziplin bezeichnet, Müßiggang, Roheit, Grausamkeit, Unzucht und Unmäßigkeit. Und trotz alledem ist dies der höchste Stand, der von allen geachtet wird. Alle Kaiser, außer dem von China tragen Militäruniformen, und dem, der die meisten Menschen totgeschlagen hat, werden die größten Auszeichnungen zuteil.
Völker stoßen zusammen, wie es morgen der Fall sein wird, um einander zu morden. Sie schlagen sich tot, machen Tausende von Menschen zu Krüppeln, und dann werden Dankgottesdienste abgehalten dafür, daß so viele Menschen erschlagen worden sind, deren Zahl man dabei gern noch übertreibt, und der Sieg wird ausposaunt, und man denkt, je mehr Leute man totgeschlagen habe, um so größer sei das Verdienst. Wie kann nur Gott von dort oben dies alles mit ansehen und mit anhören?« rief Fürst Andrej mit scharfer, schriller Stimme. »Ach, mein Freund, mir ist in letzter Zeit das Leben recht schwer geworden. Ich sehe, daß ich anfange, zu viel zu verstehen. Aber es taugt nicht für den Menschen, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen … Nun, es wird ja nicht mehr lange sein«, fügte er hinzu.
»Aber du bist müde, und auch für mich ist es Zeit. Reite nach Gorki«, sagte Fürst Andrej plötzlich.
»O nein!« antwortete Pierre und sah den Fürsten Andrej mit mitleidigen und erschrockenen Augen an.
»Reite nur, reite nur; vor einer Schlacht muß man ausschlafen«, wiederholte Fürst Andrej.
Schnell trat er auf Pierre zu und umarmte und küßte ihn.
»Leb wohl! Geh!« rief er. »Werden wir uns wiedersehen? Nein …«, und hastig wandte er sich ab und ging aus dem Schuppen.
Es war schon dunkel, und Pierre hatte nicht genau unterscheiden können, ob der Ausdruck, der auf Fürst Andrejs Gesicht gelegen hatte, ein feindseliger oder zärtlicher gewesen war.
Pierre blieb einen Augenblick schweigend stehen und überlegte, ob er ihm nachgehen oder nach Hause reiten sollte.
Nein, er braucht mich nicht, entschloß sich Pierre. Aber ich weiß, daß dies unser letztes Beisammensein gewesen ist.
Er seufzte schwer auf und ritt nach Gorki weiter.
Fürst Andrej kehrte in den Schuppen zurück, legte sich auf seine Decke, konnte aber nicht einschlafen. Er schloß die Augen. In schneller Folge wechselten die Bilder vor seiner Seele. Nur bei dem einen verweilte er lang und freudig. Deutlich stieg ein Abend in Petersburg in seinem Gedächtnis auf: Natascha mit lebhaftem, aufgeregtem Gesicht erzählte ihm, wie sie sich vor einem Jahr im Sommer beim Pilzesuchen in einem großen Wald verirrt habe. Unzusammenhängend schilderte sie ihm bald die unwegsame Stille des Waldes, bald ihre Gefühle, bald ihr Gespräch mit einem Bienenzüchter, den sie dort getroffen hatte, und unterbrach ihre Erzählung jeden Augenblick, indem sie sagte: »Nein, ich kann das nicht so erzählen, Sie werden das nicht verstehen«, obgleich Fürst Andrej sie beruhigte und sagte, er verstehe sie, und tatsächlich auch verstand, was sie ihm sagen wollte. Aber Natascha war mit ihren Worten unzufrieden, sie fühlte, daß jene leidenschaftlich poetische Empfindung, die sie an jenem Tag erfüllt hatte und der sie jetzt Ausdruck verleihen wollte, nicht so herauskam. »Das war so wunderbar, dieser alte Mann … und so dunkel war es im Wald … und er hatte so gute … Nein, ich verstehe das nicht zu schildern!« brach sie erregt ab und wurde rot. Und Fürst Andrej lächelte wieder mit demselben glücklichen Lächeln, wie er es damals getan hatte, als er ihr in die Augen sah. Ich verstand sie, dachte Fürst Andrej. Verstand sie nicht nur, sondern liebte diese Kraft, diese Lauterkeit, diese Offenheit ihrer Seele, denn gerade diese Seele, die gleichsam ihren ganzen Körper zusammenhielt, war es, die ich in ihr liebte … mit einer so starken, so glücklichen Liebe … Und plötzlich dachte er daran, wie diese Liebe ein Ende genommen hatte. Er fragte nicht nach alledem. Er sah dies nicht und verstand es nicht. Er sah in ihr nur ein hübsches, frisches Mädchen, das ihm aber doch nicht wert schien, sein Schicksal zu binden …
Ich aber? Und er lebt noch bis auf den heutigen Tag und freut sich seines Lebens.
Fürst Andrej sprang auf, als habe ihn jemand mit einem glühenden Eisen berührt, und fing wieder an, vor dem Schuppen auf und ab zu gehen.
26
Am 25. August, also am Tag vor der Schlacht bei Borodino, trafen der Haushofmeister des französischen Kaisers, Herr de Beausset, und der Oberst Fabvier in Walujewo, dem Standquartier Kaiser Napoleons, ein. Beausset kam aus Paris, Fabvier aus Madrid.
Nachdem sich Herr de Beausset umgekleidet und seine Hofuniform angelegt hatte, ließ er die Kiste, die er für den Kaiser mitgebracht hatte, vor sich hertragen und begab sich in die erste Abteilung von Napoleons Zelt, wo er von den Adjutanten des Kaisers umringt wurde und in lebhaftem Gespräch mit ihnen anfing die Kiste auszupacken.
Fabvier trat nicht in das Zelt ein, sondern blieb, sich mit einigen ihm bekannten Generälen unterhaltend, am Eingang stehen.
Kaiser Napoleon hatte seine Morgentoilette noch nicht beendet und war noch nicht aus seinem Schlafzimmer herausgekommen. Schnaufend und prustend wand er sich bald mit dem dicken Rücken, bald mit der behaarten, feisten Brust unter der Bürste, mit der ein Kammerdiener ihm den Körper bearbeitete. Ein zweiter Kammerdiener bespritzte den wohlgepflegten Leib des Kaisers mit Eau de Cologne, wobei er das Fläschchen mit dem Finger zuhielt und durch seinen Gesichtsausdruck deutlich zu verstehen gab, daß nur er wisse, wieviel und wohin Eau de Cologne verspritzt werden müsse. Das kurze Haar des Kaisers war naß und hing wirr in die Stirn. Sein Gesicht sah zwar gelb und gedunsen aus, drückte aber physisches Wohlbehagen aus.
»Allez ferme, allez toujours …«, befahl er dem bürstenden Kammerdiener, indem er sich krümmte und stöhnte.
Ein Adjutant trat ins Schlafzimmer, um dem Kaiser zu berichten, wieviel Gefangene bei dem gestrigen Gefecht gemacht worden seien, blieb, nachdem er alles, was nötig war, gemeldet hatte, an der Tür stehen und wartete auf die Erlaubnis hinauszugehen. Napoleon sah den Adjutanten mit gerunzelter Stirn von unten her an.
»Point de prisonniers«, wiederholte er die Worte des Adjutanten. »Ils se font démolir. Tant pis pour l’armée russe«, sagte er. »Allez, toujours, allez ferme«, rief er dann wieder den Kammerdienern zu, indem er sich zusammenbog und seine fetten Schultern hinhielt.
»C’est bien! Faites entrer Monsieur de Beausset, ainsi que Fabvier«, wandte er sich an den Adjutanten und nickte ihm zu.
»Oui, Sire«, und der Adjutant verschwand durch die Tür des Zeltes.
Die beiden Kammerdiener kleideten Seine Majestät eilig an, und Napoleon trat in blauer Gardeuniform mit festen, hastigen Schritten in das Empfangszimmer.
In diesem Augenblick war Beausset gerade dabei, ein Geschenk der Kaiserin, das er mitgebracht hatte, mit geschäftigen Händen noch vor dem Eintreten des Kaisers auf zwei Stühlen aufzustellen. Aber Napoleon war so unerwartet schnell fertig geworden und eingetreten, daß er mit den Vorbereitungen seiner Überraschung noch nicht ganz zu Ende war.
Der Kaiser merkte sogleich, was sie da machten, und erriet, daß sie noch nicht ganz fertig waren. Doch wollte er sie nicht um das Vergnügen, ihm eine Überraschung zu bereiten, bringen. Er stellte sich, als sähe er Herrn von Beausset nicht, und rief Fabvier zu sich heran. Finster, ernst und schweigend hörte er zu, was dieser ihm von der Tapferkeit und Ergebenheit seiner Truppen berichtete, die sich am anderen Ende Europas bei Salamanka geschlagen hatten, nur von dem einen Gedanken beseelt: sich ihres Kaisers würdig zu zeigen, und nur die eine Furcht im Herzen: daß er mit ihnen nicht zufrieden sein könnte. Der Ausgang der Schlacht war ungünstig gewesen. Während des ganzen Berichtes machte Napoleon ununterbrochen ironische Bemerkungen, als habe er gar nicht erwartet, daß die Sache anders verlaufen werde, wenn er nicht dabei war.