Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»In einem solchen Augenblick?« fragte Pierre vorwurfsvoll.
»In einem solchen Augenblick«, wiederholte Fürst Andrej. »Für sie ist das nur ein Augenblick, in dem man das Ansehen eines Feindes untergraben und für sich selber ein Kreuz oder Bändchen mehr herausschlagen kann. Ich denke über morgen so: hunderttausend Russen und hunderttausend Franzosen prallen aufeinander, um sich zu schlagen, und es wird zur Tatsache werden, daß diese zweimalhunderttausend Mann miteinander kämpfen. Wer nun am grimmigsten dreinschlägt und sich am wenigsten schont, der wird siegen. Und wenn du willst, werde ich dir sagen, daß wir, komme, was wolle, morgen die Schlacht gewinnen werden, mögen die da oben noch so viel Wirrsal anrichten. Komme, was wolle, morgen werden wir die Schlacht gewinnen!«
»Da haben Euer Durchlaucht wahr gesprochen, das ist die reine Wahrheit«, murmelte Timochin. »Wer wird sich jetzt noch schonen? Die Soldaten von meinem Bataillon, glauben Sie mir, trinken heute keinen Branntwein. ›Es ist nicht der Tag danach‹, sagen sie.«
Alle schwiegen. Die Offiziere erhoben sich. Fürst Andrej trat mit ihnen vor den Schuppen und erteilte seinem Adjutanten die letzten Befehle.
Als die Offiziere fort waren, trat Pierre auf den Fürsten Andrej zu und wollte soeben das Gespräch wieder anfangen, als auf dem Weg unweit des Schuppens der Hufschlag dreier Pferde hörbar wurde. Als Fürst Andrej nach dieser Richtung hinaussah, erkannte er Wolzogen und Clausewitz[170], die von einem Kosaken begleitet waren. Sie ritten im Gespräch ganz dicht vorbei, und Pierre und Fürst Andrej hörten unwillkürlich folgende Worte:
»Der Krieg muß räumlich ausgedehnt werden. Der Ansicht kann ich nicht genug Wert beimessen«, sagte der eine auf deutsch.
»Ja«, erwiderte die andere Stimme, »da der Zweck nur der ist, den Feind zu schwächen, kann auf Verluste, die einzelne dabei erleiden, nicht Rücksicht genommen werden.«
»Ganz recht«, bestätigte die erste Stimme.
»Ja, räumlich ausgedehnt«, wiederholte Fürst Andrej grimmig schnaubend, als sie vorbeigeritten waren. »Das haben mein Vater, mein Sohn und meine Schwester in Lysyja-Gory am eignen Leib erfahren müssen. Denen aber ist das einerlei. Das ist es, was ich dir soeben gesagt habe. Diese Herren Deutschen werden morgen die Schlacht nicht gewinnen, sondern der Sache nur schaden, soviel in ihren Kräften steht, denn in ihren deutschen Köpfen spuken nur immer Theorien, die kein ausgepicktes Ei wert sind, und in ihren Herzen fehlt das, was allein uns morgen von Nutzen sein kann: das, was in Timochin lebt. Ganz Europa haben sie Napoleon hingegeben und kommen nun zu uns, um uns zu lehren. Schöne Lehre das!« Wieder klang seine Stimme schrill.
»Sie glauben also, daß wir die Schlacht morgen gewinnen werden?« fragte Pierre.
»Ja, ja«, antwortete Fürst Andrej zerstreut. »Das einzige, was ich täte, wenn ich die Macht hätte«, fing er wieder an, »ich würde keine Gefangenen machen. Wozu Gefangene? Das ist Ritterlichkeit. Die Franzosen haben mein Haus zerstört und rücken vor, um Moskau zugrunde zu richten. Sie haben mir Schaden zugefügt und tun es jeden Augenblick aufs neue. Sie sind meine Feinde und meinem Dafürhalten nach alle Verbrecher. Und so denkt auch Timochin und die ganze Armee. Man muß sie bestrafen. Wenn sie aber meine Feinde sind, können sie nicht meine Freunde sein, was immer sie in Tilsit auch gesagt haben mögen.«
»Gewiß, gewiß«, bestätigte Pierre und blickte den Fürsten Andrej mit leuchtenden Augen an, »ich bin ganz, ganz mit Ihnen einverstanden.«
Jene Frage, die ihn schon am Abhang von Moshaisk und den ganzen Tag so beunruhigt hatte, schien ihm nun ganz klar und vollständig gelöst zu sein. Er verstand jetzt den ganzen Sinn und die ganze Bedeutung dieses Krieges und der bevorstehenden Schlacht. Alles, was er an diesem Tag gesehen hatte, der bedeutsame, ernste Ausdruck aller Gesichter, die für einen Augenblick vor ihm aufgetaucht waren – dies alles sah er jetzt in einem neuen Licht. Er verstand jene, wie es in der Physik heißt, latente Wärme der Vaterlandsliebe, die alle die Leute, die er gesehen hatte, erfüllte und durch die ihm jetzt klar wurde, warum sich alle diese Menschen so ruhig und gleichsam leichtsinnig zum Tode vorbereiteten.
»Keine Gefangenen machen!« fuhr Fürst Andrej fort. »Das allein würde den ganzen Krieg ändern und ihn minder grausam gestalten. So aber treiben wir den Krieg immer wie ein Spiel, und das ist ekelhaft. Wir spielen die Großmütigen und so weiter, und so weiter. Das ist dasselbe hochherzige Getue und dieselbe Empfindsamkeit wie bei einer Dame, der übel wird, wenn sie ein Kalb schlachten sieht – sie ist so gut und edel, daß sie kein Blut sehen kann –, ist aber dasselbe Kalb mit einer schönen Sauce zubereitet, so verspeist sie es mit größtem Appetit. Da redet und redet man von einem Recht des Krieges, von Ritterlichkeit, vom Parlamentieren, vom Schonen der Unglücklichen und so weiter … Alles Unsinn! Im Jahre 1805 habe ich diese Ritterlichkeit, dieses Parlamentieren mit eigenen Augen gesehen: man hat uns geprellt, und wir haben es ebenso gemacht. Man plündert fremde Häuser, setzt falsche Banknoten in Umlauf, und was das Schlimmste ist: man bringt meine Kinder und meinen Vater um und redet dabei von Rechten im Krieg und von Großmut gegen den Feind. Keine Gefangenen machen, sondern totschlagen und selber in den Tod gehen! Wer zu einem solchen Resultate gekommen ist wie ich, durch so viele Leiden …«
Fürst Andrej, der gemeint hatte, daß es ihm einerlei wäre, ob der Feind Moskau einnähme oder nicht, wie er auch Smolensk genommen hatte, mußte plötzlich in seiner Rede innehalten, weil ein Krampf ihm unerwartet die Kehle zuschnürte. Er ging ein paar Schritte schweigend auf und ab, aber seine Augen glänzten fieberhaft und seine Lippen zitterten, als er dann weitersprach:
»Wenn es dieses großmütige Getue im Krieg nicht gäbe, zögen wir nur in eine Schlacht, wenn es der Mühe wert wäre, in den sicheren Tod zu gehen, wie eben jetzt. Dann käme es auch nicht gleich zu einem Krieg, bloß weil Pawel Iwanowitsch den Michail Iwanowitsch beleidigt hat. Wenn aber Krieg wäre, wie eben jetzt, so wäre das dann auch ein richtiger Krieg. Und auch die innere Kraft der Truppen wäre eine andere als jetzt. Dann wären alle diese Westfalen und Hessen, die Napoleon anführt, ihm nicht nach Rußland gefolgt, und wir selber wären nicht ausgezogen, um in Österreich oder Preußen zu kämpfen, ohne zu wissen warum. Der Krieg ist keine liebenswürdige Plänkelei, sondern das Scheußlichste, was es im Leben gibt. Das muß man einsehen und darf nicht mit dem Krieg spielen. Ernst und streng müssen wir diese furchtbare Notwendigkeit hinnehmen. Und die Hauptsache ist: der Lüge muß man den Garaus machen und den Krieg wie einen Krieg betreiben, aber nicht wie ein Spiel. Jetzt aber ist er nur ein Lieblingszeitvertreib leichtsinniger Müßiggänger. Kein Stand steht so hoch im Ansehen wie der Militärstand.
170
Clausewitz: Carl von Clausewitz (1780-1831), preußischer General und Philosoph (berühmt vor allem wegen seines postum erschienenen Werkes Vom Kriege 1832). Trat 1812 vorübergehend in russische Dienste (wegen Preußens Bündnis mit Frankreich), wirkte 1815 auf russischer Seite als Verhandlungspartner beim Abschluß der Konvention von Tauroggen mit.