Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Der Adjutant vom Dienst trat in das Zelt.
»Nun, Rapp, glauben Sie, daß wir heute gute Geschäfte machen werden?« wandte sich Napoleon an ihn.
»Ohne Zweifel, Sire«, erwiderte Rapp.
Napoleon sah ihn an.
»Erinnern Sie sich noch, Sire, was Sie vor Smolensk zu mir zu sagen geruhten?« fragte Rapp. »Le vin est tiré, il faut le boire.«
Napoleon zog die Stirn finster zusammen und saß lange schweigend da, den Kopf auf die Hand gestützt.
»Meine arme Armee«, sagte er plötzlich, »sie ist seit Smolensk sehr zusammengeschmolzen. Das Glück ist eine feile Dirne, Rapp, das habe ich schon immer gesagt, jetzt kommt die Reihe an mich, es zu erfahren. Aber die Garde, Rapp, die Garde ist doch unversehrt?« wandte er sich fragend an ihn.
»Ja, Sire«, erwiderte Rapp.
Napoleon nahm eine Pastille, steckte sie in den Mund und sah nach der Uhr. Er hatte keine Lust zu schlafen, aber bis zum Morgen war es noch lang, und Befehle geben, um die Zeit totzuschlagen, konnte er nicht mehr, da schon alles angeordnet war und eben jetzt ausgeführt wurde.
»Ist an die Garderegimenter Zwieback und Reis zur Verteilung gekommen?« fragte er streng.
»Ja, Sire.«
»Aber auch Reis?«
Rapp erwiderte, er habe den Befehl des Kaisers, Reis zu verteilen, weitergegeben, aber Napoleon schüttelte unzufrieden den Kopf, als glaube er nicht, daß sein Befehl ausgeführt worden sei.
Ein Diener trat ein und brachte Punsch. Napoleon ließ sich noch ein zweites Glas für Rapp bringen und trank schweigend ab und zu einen Schluck aus dem seinigen.
»Ich schmecke nichts und rieche nichts«, sagte er und roch in das Glas. »Diesen elenden Schnupfen habe ich wirklich gründlich satt. Da redet und redet man nun von einer Heilkunst! Was ist das für eine Wissenschaft, die nicht einmal mit einem Schnupfen fertig wird? Cervisard hat mir diese Pastillen gegeben, aber sie helfen auch nichts. Und was können sie denn heilen? Heilen ist überhaupt unmöglich. Unser Körper ist eine zum Leben bestimmte Maschine. Zu diesem Zweck ist er organisiert. Das ist seine Natur. Man überlasse das Leben in ihm sich selbst, es wird sich zu verteidigen wissen und mehr fertig bringen als wir, die wir unsern Körper durch Vollstopfen mit Medikamenten nur lähmen. Unser Körper ist wie eine tadellose Uhr, die eine bestimmte Zeit zu gehen hat; der Uhrmacher kann sie nicht öffnen, sondern nur mit verbundenen Augen tastend befühlen … Unser Körper ist eine zum Leben bestimmte Maschine, das ist alles.«
Und als hätte er bei diesen Definitionen, denen Napoleon sich gern hingab, plötzlich unvermittelt eine neue gefunden, sagte er: »Und wissen Sie, Rapp, was Kriegskunst ist? Die Kunst, im gegebenen Augenblick stärker zu sein als der Feind. Voilà tout.«
Rapp gab keine Antwort.
»Morgen werden wir mit Kutusow zu tun haben«, fuhr Napoleon fort. »Wir wollen sehen. Wissen Sie noch, er kommandierte damals die Armee bei Braunau und ist binnen drei Wochen nicht ein einziges Mal aufs Pferd gestiegen, um die Befestigungen zu besichtigen. Nun, wir werden ja sehen!«
Er sah nach der Uhr. Es war erst vier. Schlafen wollte er nicht, der Punsch war ausgetrunken, und zu tun hatte er nichts. Er stand auf, ging eine Weile auf und ab, dann zog er einen warmen Rock an, setzte den Hut auf und trat vor das Zelt.
Die Nacht war dunkel und feucht. Ein kaum merklicher nasser Nebel senkte sich herab. Matt brannten in der Nähe die Lagerfeuer bei der französischen Garde, und in der Ferne schimmerten sie durch den Dunst die russische Front entlang. Ringsum war alles still, nur das Rattern und Getrappel französischer Truppen war hörbar, die sich in Bewegung gesetzt hatten, um ihre Stellungen einzunehmen.
Napoleon ging vor dem Zelt auf und ab, blickte nach den Feuern hin, horchte auf das Getrappel und blieb beim Vorübergehen vor einem langen Gardisten mit zottiger Mütze stehen, der vor seinem Zelt Wache stand und sich, als der Kaiser herankam, wie ein schwarzer Pfahl vor ihm aufreckte.
»Seit welchem Jahr stehst du im Dienst?« fragte er ihn in jenem rauhen, wohlwollend freundlichen Kriegerton, den er den Soldaten gegenüber anzuschlagen pflegte.
Der Soldat sagte es ihm.
»Ah! un des vieux! Habt ihr bei eurem Regiment Reis bekommen?«
»Zu Befehl, Euer Majestät.«
Napoleon nickte und ging weiter.
Um halb sechs Uhr begab sich Napoleon zu Pferd nach dem Dorf Schewardino.
Es fing an, hell zu werden, der Himmel klärte sich auf, nur im Osten lagerte eine einzige Wolke. Die verlassenen Wachtfeuer erloschen im schwachen Morgenlicht.
Zur Rechten ertönte ein vereinzelter, dumpfer Kanonenschuß, hallte weithin und verklang in der allgemeinen Stille. Ein paar Augenblicke vergingen, dann ertönte ein zweiter, ein dritter Schuß. Ein Zittern machte sich in der Luft bemerkbar. Feierlich donnerte von irgendwoher rechts ein vierter, ein fünfter Schuß.
Noch waren die ersten Schüsse nicht verklungen, als bereits andere ertönten, und immer wieder andere, deren Donnern zusammenfloß und sich zu übertönen suchte.
Napoleon ritt mit seinem Gefolge nach der Schanze von Schewardino und stieg dort vom Pferd. Das Spiel hatte begonnen.
30
Nachdem Pierre vom Fürsten Andrej nach Gorki zurückgekehrt war und seinem Reitknecht befohlen hatte, die Pferde bereit zu halten und ihn frühzeitig zu wecken, schlief er in dem Eckchen hinter der Halbwand, das Boris ihm abgetreten hatte, sogleich ein.
Als Pierre am andern Morgen aufwachte, war bereits niemand mehr in der Hütte. Die Scheiben der kleinen Fensterchen zitterten. Der Reitknecht stand vor ihm und rüttelte ihn.
»Euer Erlaucht, Euer Erlaucht, Euer Erlaucht …« wiederholte der Reitknecht hartnäckig immer wieder und rüttelte Pierre, ohne ihn anzusehen, an der Schulter, offenbar hatte er schon jede Hoffnung, ihn wach zu bekommen, aufgegeben.
»Was ist? Hat’s angefangen? Ist es schon Zeit?« fragte Pierre erwachend.
»Hören Sie doch bitte das Schießen!« sagte der Reitknecht, ein früherer Soldat. »Alle Herren sind schon fort, sogar der Durchlauchtige ist schon längst vorübergeritten.«
Pierre kleidete sich hastig an und lief vor die Tür. Draußen war es frisch und klar, tauig und heiter. Die Sonne, die soeben erst hinter der Wolke, die sie bis jetzt verdeckt hatte, hervorkam, überflutete mit ihren noch halb vom Nebel gebrochenen Strahlen die Dächer auf der andern Seite der Straße, den betauten Staub auf dem Weg, die Mauern der Häuser, die Fenster, die Zäune und die Pferde Pierres, die vor der Hütte standen. Hier hörte man das Donnern der Kanonen deutlicher. Ein Adjutant, von einem Kosaken begleitet, sprengte die Straße entlang.
»Es ist Zeit, Graf, es ist Zeit!« rief ihm der Adjutant zu.
Pierre ging die Straße entlang den Hügel hinauf, von wo aus er gestern das Schlachtfeld überblickt hatte, und ließ die Pferde nachführen. Der Hügel war ganz von Militärpersonen besetzt, man hörte die französische Unterhaltung der Stabsoffiziere und sah schon von weitem Kutusows graues Haupt mit der weißen, rot paspelierten Mütze und dem grauhaarigen, zwischen den Schultern steckenden Nacken. Kutusow betrachtete durch ein Fernrohr die vor ihm liegende große Heerstraße.
Als Pierre die Stufen, die auf den Hügel führten, hinaufgestiegen war, blieb er stehen, starr vor Entzücken über die Schönheit des Schauspiels, das er vor sich sah. Es war dasselbe Panorama, an dem er sich schon gestern von diesem Hügel aus ergötzt hatte, jetzt aber war das ganze Gelände von Truppen und dem Rauch der Geschütze überzogen, und die schrägen Strahlen der hellen Sonne, die links hinter Pierre emporstieg, warfen in der klaren Morgenluft ein scharfes, goldenes, rötlich getöntes Licht und lange dunkle Schatten über das weite Land. Die fernen Wälder, die das Panorama abschlossen, hoben sich mit der gewundenen Linie ihrer Wipfel wie aus kostbarem, gelblichgrünem Stein geschnitten vom Horizont ab und wurden hinter Walujewo von der großen Smolensker Landstraße, die ganz mit Truppen bedeckt war, durchschnitten. Im Vordergrund schimmerten goldene Felder und grünes Buschwerk. Überalclass="underline" vorn, rechts und links sah man Truppen. Alles war belebt und machte einen großartigen, überraschenden Eindruck, was aber Pierre am meisten fesselte, das war der Anblick des Schlachtfeldes selbst: des Dorfes Borodino und der engen Täler zu beiden Seiten der Kolotscha.