Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Der Adjutant wendete sein Pferd und ritt weiter.
»Hier geht es noch, Gott sei Dank«, sagte er, »aber auf der linken Flanke bei Bagration soll es fürchterlich heiß zugehen.«
»Wirklich?« fragte Pierre. »Wo ist das?«
»Reiten Sie mit mir auf jenen Hügel hinauf. Von dort aus werden wir es sehen können. Bei unserer Batterie ist es noch erträglich«, fuhr der Adjutant fort. »Nun, wie denken Sie darüber, kommen Sie mit?«
»Ja, ich reite mit Ihnen«, antwortete Pierre, sah sich um und suchte seinen Reitknecht mit den Augen.
Jetzt sah Pierre zum erstenmal Verwundete, die sich teils zu Fuß mühsam zurückschleppten, teils auf Bahren getragen wurden. Auf derselben kleinen Wiese mit den duftenden Heureihen, über die er gestern geritten war, lag quer über dem Heu starr ein Soldat mit unnatürlich verdrehtem Kopf, von dem der Tschako herabgefallen war.
Warum wird denn der nicht aufgehoben? wollte Pierre fragen, aber er sah das ernste Gesicht des Adjutanten, der ebenfalls nach der Seite hingesehen hatte, und schwieg.
Pierre fand seinen Reitknecht nicht und ritt mit dem Adjutanten unten durch die Talenge und dann den Rajewskij-Hügel hinauf. Sein Pferd blieb hinter dem des Adjutanten zurück und rüttelte ihn im Takt hin und her.
»Sie sind anscheinend nicht ans Reiten gewöhnt, Graf?« fragte der Adjutant.
»Nein, gar nicht. Aber ich weiß nicht, was das Pferd hat, es springt so merkwürdig …« sagte Pierre bedenklich.
»Aber, aber! … Es ist ja verwundet!« rief der Adjutant. »Am rechten Vorderbein … da, über dem Knie … Hat wahrscheinlich eine Kugel abgekriegt. Gratuliere, Graf: le baptême du feu!«
Nachdem sie im Rauch durch das sechste Korps hindurch hinter der Artillerie weitergeritten waren, die sich vorschob und aus ihren Geschützen ein ohrenbetäubendes Feuer eröffnete, gelangten sie zu einem kleinen Gehölz. Hier war es still und kühl; man roch den Herbst. Pierre und der Adjutant stiegen von ihren Pferden und gingen den Berg zu Fuß hinauf.
»Ist der General hier?« fragte der Adjutant, als er bei der Höhe angelangt war.
»Soeben war er hier, er ist dorthin geritten«, gab ihm jemand zur Antwort und zeigte nach rechts.
Der Adjutant sah Pierre an, als wisse er nicht, was er nun mit ihm anfangen solle.
»Kümmern Sie sich nicht um mich«, sagte Pierre. »Ich steige dort auf die Höhe. Darf ich das?«
»Ja, gehen Sie nur. Von dort aus werden Sie alles sehen können, und es ist nicht weiter gefährlich. Ich komme Ihnen dann nach.«
Piere stieg zu der Batterie hinauf, und der Adjutant ritt weiter. Sie sahen sich nicht wieder, und erst viel später erfuhr Pierre, daß dem Adjutanten an diesem Tag der Arm abgerissen worden sei.
Der Hügel, auf den Pierre stieg, war jene berühmte Anhöhe, die später bei den Russen unter dem Namen »Hügelbatterie« oder »Rajewskij-Batterie«, bei den Franzosen »la grande redoute, la fatale redoute« oder »la redoute du centre« bekannt wurde, die von vielen Tausenden von Feinden umstellt war, weil sie die Franzosen für den wichtigsten Punkt der ganzen Stellung hielten.
Diese Schanze bestand aus einer Anhöhe, auf der nach drei Seiten hin Gräben ausgehoben waren. Innerhalb dieser Gräben standen zehn feuernde Geschütze, die bis an die Öffnungen der Wälle herangezogen waren.
In einer Linie mit der Anhöhe standen zu beiden Seiten noch andere Kanonen, die ebenfalls ununterbrochen feuerten. Etwas hinter den Kanonen war Infanterie aufgestellt.
Als Pierre den Hügel hinaufstieg, kam er keineswegs auf den Gedanken, daß dieser von kleinen Gräben begrenzte Raum, auf dem ein paar Kanonen standen und schossen, der wichtigste Punkt des ganzen Schlachtfeldes sein könne. Im Gegenteil, ihm schien, als sei diese Stelle – und vielleicht gerade deshalb, weil er sich dort befand – einer der unbedeutendsten Punkte des ganzen Schlachtfeldes.
Auf der Höhe angelangt, setzte sich Pierre auf das Ende des einen Grabens, der die Batterie einschloß, und schaute mit unbewußt fröhlichem Lächeln zu, was rund um ihn herum vor sich ging. Ab und zu stand er – immer mit demselben Lächeln – auf und wanderte auf der Batterie umher, bemüht, den Soldaten nicht im Wege zu sein, die die Kanonen luden und zurückschoben und fortwährend mit Munitionsbeuteln und Geschossen an ihm vorbei in der Batterie hin und her liefen.
Eine nach der anderen schossen die Kanonen dieser Batterie, ohne eine Pause zu machen, mit ohrenbetäubendem Getöse und hüllten die ganze Gegend in dichten Pulverdampf.
Im Gegensatz zu jenem beklemmenden Gefühl, das bei der zur Deckung dienenden Infanterie zu spüren war, herrschte hier auf der Batterie, wo nur eine kleine Anzahl Leute ganz in ihre Arbeit vertieft abgegrenzt und von den andern durch einen Graben getrennt war, eine allen gemeinsame, gleichmäßige, belebte Stimmung wie in einer Familie.
Das Erscheinen von Pierres unmilitärischer Gestalt mit dem weißen Hut machte anfänglich auf diese Menschen einen unangenehmen Eindruck. Die Soldaten, die bei ihm vorbeigingen, schielten ihn erstaunt und fast erschrocken an. Ein älterer großer, pockennarbiger Artillerieoffizier mit langen Beinen trat, als wolle er die Tätigkeit des äußersten Geschützes prüfen, auf Pierre zu und sah ihn neugierig an.
Ein noch sehr junger Offizier mit rundem Gesicht, noch fast ein Kind, der offenbar eben erst aus dem Kadettenkorps gekommen war und mit dem größten Eifer die beiden ihm anvertrauten Kanonen beaufsichtigte, wandte sich an Pierre mit strenger Miene.
»Mein Herr, darf ich Sie bitten, etwas aus dem Weg zu gehen«, sagte er zu ihm. »Hier dürfen Sie nicht stehen bleiben.«
Die Soldaten sahen Pierre an und schüttelten mißbilligend die Köpfe. Doch als sich alle überzeugt hatten, daß dieser Mann mit dem weißen Hut nicht nur nichts Böses tat, sondern entweder friedlich auf dem Rand des Walles saß oder mit schüchternem Lächeln, den Soldaten höflich Platz machend, auf der Batterie im feindlichen Feuer ebenso ruhig auf und ab spazierte wie auf einem Boulevard, ging das Gefühl ärgerlichen Staunens, das sie gegen ihn empfunden hatten, nach und nach in eine freundliche, launige Teilnahme über, ähnlich der, welche alle Soldaten für ihre Tiere empfinden, für die Hunde, Hühner, Ziegen und überhaupt alle Lebewesen, die sich bei den Truppen aufhalten. So nahmen sie Pierre in Gedanken sogleich in ihre Familie auf, zählten ihn zu den Ihrigen und gaben ihm einen Spitznamen. »Unser gnädiger Herr« nannten sie ihn und machten sich untereinander gutmütig über ihn lustig.
Zwei Schritte von Pierre entfernt wühlte eine Kanonenkugel den Boden auf. Pierre klopfte sich die Erde, die sie auf ihn geworfen hatte, vom Anzug ab und sah sich lächelnd um.
»Fürchten Sie sich denn gar nicht, gnädiger Herr, wirklich nicht?« fragte ein dicker Soldat mit rotem Gesicht Pierre und fletschte seine starken, weißen Zähne.
»Fürchtest du dich denn?« fragte Pierre zurück.
»Wie sollte ich nicht?« erwiderte der Soldat. »Die hat nämlich kein Mitleid. Wem die in den Bauch fährt, dem hängen auch schon die Gedärme heraus. Und da soll man sich nicht fürchten?« sagte er und lachte.
Noch andere Soldaten mit heiteren, freundlichen Gesichtern blieben vor Pierre stehen. Als hätten sie bereits erwartet, daß er nicht so reden werde wie andere, machte ihnen diese Entdeckung nun großen Spaß.
»Wir sind ja auch Soldaten. Aber Sie sind doch ein gnädiger Herr, da muß man sich doch wundern. So einen gnädigen Herrn lasse ich mir gefallen!«
»Auf die Plätze!« schrie der junge Offizier den Soldaten zu, die sich um Pierre versammelt hatten.
Offenbar war es das erste- oder zweitemal, daß er seinen Dienst tat, und deshalb zeigte er sich den Soldaten sowie seinen Vorgesetzten gegenüber besonders gewissenhaft und förmlich.
Das rollende Donnern der Geschütze und das Gewehrfeuer verstärkten sich auf der ganzen Ebene, besonders aber zur Linken, dort wo Bagrations Pfeilschanzen waren. Doch an der Stelle, wo Pierre stand, war vor dem Rauch der Geschütze fast nichts zu sehen. Außerdem nahm die Beobachtung dieser wie ein Familienkreis von allen anderen abgetrennten Menschen Pierres ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Die unbewußt freudige Erregung, die der Anblick und das Getöse der Schlacht zuerst in ihm wachgerufen hatten, machte jetzt, besonders bei der Erinnerung an den, einsam auf der Wiese liegenden Soldaten, noch anderen Gefühlen Platz. In diese Gedanken versunken saß Pierre auf dem Rande des Grabens und beobachtete die Menschen, die ihn umgaben.