Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Nachdem sie etwa zwei Werst durch den Wald geritten waren, kamen sie auf eine Blöße, wo die Truppen des Tutschkowschen Korps standen, das die linke Flanke decken sollte.
Hier auf dem äußersten linken Flügel redete Bennigsen viel und heftig und erteilte einen Befehl, der, wie es Pierre schien, taktisch von großer Wichtigkeit war. Vor der Stellung der Tutschkowschen Truppen befand sich eine Anhöhe, die noch nicht von Soldaten besetzt war. Bennigsen übte an diesem Fehler laute Kritik und sagte, es sei unsinnig, eine das Gelände beherrschende Höhe unbesetzt zu lassen und die Truppen dahinter am Fuß aufzustellen. Einige Generäle vertraten dieselbe Ansicht, wobei sich besonders einer mit kriegerischer Heftigkeit sogar dahin äußerte, die Aufstellung der Truppen hinter dem Berg sei mit einer Schlachtbank zu vergleichen. Bennigsen ordnete auf eigne Faust an, die Truppen bis auf die Höhe vorzuschieben.
Diese auf der linken Flanke getroffenen Anordnungen ließen Pierre noch mehr an seiner Befähigung zweifeln, das Kriegshandwerk zu verstehen. Während er Bennigsen und den Generälen zuhörte, wie sie an der Aufstellung der Truppen hinter dem Berg Kritik übten, verstand er sie vollkommen und teilte ihre Ansichten, aber gerade darum konnte er nicht begreifen, wie derjenige, der diese Regimenter hinter dem Berg aufgestellt hatte, einen so offensichtlichen und schweren Fehler hatte machen können.
Pierre ahnte nicht, daß diese Regimenter nicht zum Schutz der Position, wie Bennigsen dachte, aufgestellt waren, sondern an dieser verborgenen Stelle im Hinterhalt liegen sollten, also zu dem Zweck, unbemerkt zu bleiben, um plötzlich auf den herannahenden Feind loszustürzen. Bennigsen wußte das nicht und ließ die Truppen nach seinem persönlichen Dafürhalten vorrücken, ohne dem Oberkommandierenden etwas davon zu sagen.
24
Fürst Andrej lag an diesem klaren Abend des 25. August, auf den Ellenbogen gestützt, in einem halbzerfallenen Schuppen an der äußersten Grenze des Dorfes Knjaskowo, wo sein Regiment stand. Durch ein Loch der schadhaften Wand blickte er auf eine Reihe dreißigjähriger Birken, die am Zaun entlang standen und deren untere Äste abgehauen waren, blickte auf das Feld mit den zerstörten Hafergarben und auf die Büsche, aus denen der Rauch der Lagerfeuer und Feldküchen aufstieg.
Wie drückend, unnütz und schwer dem Fürsten Andrej auch das Leben schien, so fühlte er sich doch jetzt ebenso unruhig und erregt wie vor sieben Jahren am Vorabend der Schlacht bei Austerlitz.
Die Befehle für die morgige Schlacht hatte er erhalten und weitergegeben. Zu tun war nichts mehr. Aber die Gedanken, höchst einfache, klare und daher schreckliche Gedanken, ließen ihm keine Ruhe. Er wußte, daß die morgige Schlacht die furchtbarste aller werden mußte, an denen er je teilgenommen hatte, und zum erstenmal in seinem Leben trat ihm die Möglichkeit seines Todes mit aller Lebendigkeit, ja fast mit Gewißheit, einfach und furchtbar vor Augen, ohne jeden Zusammenhang mit allem Irdischen, ohne den Gedanken daran, wie sein Tod auf andere wirken werde, sondern nur in Beziehung zu ihm selbst, zu seiner Seele. Und von der Höhe dieser Vorstellung aus wurde plötzlich alles, was ihn früher gequält und beschäftigt hatte, wie mit einem kalten, weißen Licht überflutet, das weder Schatten noch Perspektive kannte und alle Umrisse verschwimmen ließ. Sein ganzes Leben kam ihm wie ein Guckkasten vor, in den er lange durch ein Glas und bei künstlicher Beleuchtung hineingesehen hatte. Jetzt erblickte er auf einmal diese traurig hingeklecksten Bilder ohne Glas und bei grellem Tageslicht.
Ja, ja, da sind sie, jene Trugbilder, die mich erregt, entzückt und gequält haben, sagte er zu sich selbst, während er die Hauptbilder seines Lebensguckkastens an seiner Seele vorüberziehen ließ und sie nun in diesem kalten, weißen Licht, in dem klaren Gedanken an seinen Tod, betrachtete. Da sind sie, diese grobgemalten Gestalten, die sich als etwas so Wunderbares, Geheimnisvolles darstellten. Ruhm, soziale Fürsorge, Frauenliebe, Vaterland – wie groß erschienen mir diese Bilder, und wie tief der Sinn, der sie erfüllte! Und dies alles ist so armselig, blaß und grob bei dem kalten, weißen Licht jener Dämmerung, die jetzt, ich fühle es, für mich anbricht.
Drei schmerzliche Ereignisse seines Lebens fesselten seine Aufmerksamkeit ganz besonders: seine Liebe, der Tod seines Vaters und das Eindringen der Franzosen, die schon von halb Rußland Besitz ergriffen hatten.
Liebe! … Jenes Mädchen, das mir so viele geheimnisvolle Kräfte zu haben schien! Wie kam es nur? Ich liebte sie und umrankte ihre Liebe, das Glück an ihrer Seite, mit poetischen Plänen. Braver Knabe, der ich war, murmelte er laut und grimmig vor sich hin. Wie kam es nur? Ich glaubte an eine ideale Liebe, die mir ihre Treue während des ganzen Jahres meiner Abwesenheit bewahren helfen sollte. Wie das zärtliche Täubchen in der Fabel sollte sie, von mir getrennt, schmachten. Und dabei ist das alles bei weitem nüchterner … furchtbar nüchtern ist dies alles und ekelhaft.
Und so auch mein Vater: er hat sich Lysyja-Gory erbaut und gedacht, das sei seine Heimat, sein Land, seine Luft, seine Bauern – und da kommt Napoleon, stößt ihn, ohne von der Existenz meines Vaters zu wissen, aus dem Weg wie ein Stück Holz und richtet sein ganzes Leben und sein Lysyja-Gory zugrunde. Prinzessin Marja aber sagt, das sei eine Prüfung, von oben gesandt. Wozu aber eine Prüfung, wenn er nicht mehr ist und nie mehr sein wird? Er ist nicht mehr. Wem also sollte diese Prüfung gelten?
Das Vaterland … der Untergang Moskaus! Mich aber wird man morgen totschießen, und vielleicht nicht einmal ein Franzose, sondern einer der Unsrigen, wie schon gestern ein Soldat seine Flinte dicht an meinem Ohr abschoß. Und dann werden die Franzosen kommen, werden mich an den Beinen und am Kopf nehmen und in eine Grube werfen, damit ich ihnen nicht die Luft verpeste. Und dann werden neue Lebensbedingungen entstehen, an die sich andere Menschen wieder ebenso gewöhnen werden, wie wir uns an die bisherigen, ich aber werde nichts mehr davon erfahren, denn ich werde nicht mehr sein.
Er blickte auf die Birkenreihe mit ihrem regungslosen, gelblichgrünen Laub; die weiße Rinde der Stämme glänzte in der Sonne.
Sterben … mag man mich töten … morgen … daß ich nicht mehr bin … Mag dies alles weiterbestehen … und nur ich nicht mehr sein …
Deutlich stellte er sich das Leben vor, an dem er nicht mehr teilhatte. Und plötzlich wandelten sich die Birken mit ihrem Licht und Schatten, die krausen Wolken und der Rauch des Lagerfeuers, und alles um ihn herum erschien ihm furchtbar und drohend. Ein Schauder lief ihm über den Rücken. Schnell stand er auf, lief aus dem Schuppen und fing an, auf und ab zu gehen.
Hinter dem Schuppen hörte man plötzlich Stimmen.
»Wer da?« rief Fürst Andrej.
Der rotnasige Hauptmann Timochin, der früher Dolochows Kompaniechef gewesen, jetzt aber, bei dem Verlust an Offizieren, zum Battaillonskommandeur ernannt worden war, trat schüchtern in den Schuppen. Ihm folgte ein Adjutant und der Zahlmeister.
Fürst Andrej schritt hastig auf sie zu, hörte an, was die Offiziere ihm dienstlich zu melden hatten, erteilte noch ein paar Befehle und schickte sich eben an, sie wieder zu entlassen, als er vor dem Schuppen eine bekannte, lispelnde Stimme hörte.
»Que diable!« rief dort jemand, der sich anscheinend an etwas gestoßen hatte.
Fürst Andrej blickte aus dem Schuppen und sah Pierre auf sich zukommen, der über eine dort liegende Schanze gestolpert war und beinahe gefallen wäre.
Es war dem Fürsten Andrej immer unangenehm, mit Menschen aus seinen Kreisen zusammenzutreffen, und nun gar noch mit Pierre, der ihn an jene schweren Augenblicke erinnerte, die er bei seinem letzten Aufenthalt in Moskau durchlebt hatte.
»Ah, du bist es!« sagte er. »Welch ein Zusammentreffen! Das hätte ich nicht erwartet.«
Während er dies sagte, zeigte sich in seinen Augen und auf seinem ganzen Gesicht ein mehr als trockener Ausdruck, beinahe etwas wie Feindseligkeit, was Pierre auch sogleich bemerkte. Dieser trat in der angeregtesten Stimmung in den Schuppen, als er aber den Ausdruck auf Fürst Andrejs Gesicht bemerkte, fühlte er sich geniert und unbehaglich.