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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Nach Kaisarow traten noch andere Bekannte auf Pierre zu, und er konnte kaum auf alle die Fragen nach Moskau antworten, mit denen man ihn überschüttete, konnte kaum auf alles hören, was man ihm berichtete. Auf allen Gesichtern lag derselbe Ausdruck von Erregung und Unruhe. Aber es kam Pierre vor, als sei der Grund jener Erregung, die sich auf diesen Gesichtern ausprägte, nur in der Frage des persönlichen Erfolges zu suchen, und immer wieder mußte er an jenen anderen Ausdruck innerer Erregung denken, den er heute auf anderen Gesichtern gesehen hatte und der nicht von persönlichen, sondern von allgemeinen Interessen, vom Leben und vom Tod, sprach. – Kutusow hatte Pierre und die Gruppe, die sich um ihn gebildet hatte, bemerkt.

»Rufen Sie ihn her zu mir«, sagte er.

Ein Adjutant übermittelte Pierre den Wunsch des Durchlauchtigen, und Pierre ging auf die Bank zu. Doch noch vor ihm trat ein Landwehrsoldat an Kutusow heran. Es war Dolochow.

»Wie kommt denn der hierher?« fragte Pierre.

»Das ist so’n Sapperlotskerl … der schlägt sich überall durch!« gab man Pierre zur Antwort. »Er ist nämlich degradiert worden. Jetzt möchte er gern wieder hochkommen. Er hat irgendwelche Pläne eingereicht und sich in der Nacht in die feindliche Vorpostenkette geschlichen … Einen Schneid hat der Kerl! …«

Pierre zog den Hut und verbeugte sich ehrerbietig vor Kutusow.

»Ich bin mir darüber klar, daß, wenn ich diese Meldung mache, Durchlaucht mich fortjagen oder sagen können, daß alles, was ich berichte, bereits bekannt sei, aber das würde meinen eignen und den Wert dessen, was ich zu sagen habe, nicht vermindern …« sagte Dolochow.

»So, so.«

»Habe ich aber recht, so wird das meinem Vaterland, für das ich zu sterben bereit bin, von großem Nutzen sein.«

»So … so …«

»Und wenn Durchlaucht einen Mann brauchen, dem es um sein Fell nicht leid ist, so bitte ich, an mich zu denken … Vielleicht kann ich Euer Durchlaucht noch einmal nützlich sein.«

»So … so …« wiederholte Kutusow lächelnd und blickte Pierre mit zusammengekniffenem Auge an.

Unterdessen hatte sich auch Boris mit der ihm eigenen höfischen Gewandtheit in die Nähe des Oberkommandierenden bis dicht neben Pierre herangeschlängelt und sagte in gedämpftem Ton mit der natürlichsten Miene der Welt, als ob er ein begonnenes Gespräch fortsetze, zu Pierre: »Die Landwehr hat heute eigens reine, weiße Hemden angezogen, um sich für den Tod vorzubereiten. Welch ein Heldenmut, Graf!«

Offenbar sagte Boris dies nur zu Pierre, damit der Durchlauchtige es hören solle. Er wußte, daß er mit diesen Worten die Aufmerksamkeit Kutusows auf sich ziehen werde, und wirklich wandte sich der Durchlauchtige auch ihm zu.

»Was sagst du da von der Landwehr?« fragte er Boris.

»Sie haben weiße Hemden angezogen, um sich für den morgigen Tag, für den Tod, vorzubereiten, Durchlaucht.«

»Ah! … Ein wunderbares, unvergleichliches Volk!« sagte Kutusow, schloß die Augen und nickte. »Ein unvergleichliches Volk!« wiederholte er mit einem Seufzer.

»Sie wollen wohl Pulver riechen?« sagte er dann zu Pierre. »Ja, ja, das ist ein angenehmer Duft. Ich habe die Ehre, ein Anbeter Ihrer Frau Gemahlin zu sein. Geht es ihr gut? Mein Quartier steht Ihnen zu Diensten.«

Und wie es alten Leuten oft geht, fing Kutusow an, sich zerstreut umzusehen, als hätte er alles vergessen, was er sagen und tun wollte.

Da fiel ihm offenbar ein, nach was er gesucht hatte, und er winkte Andrej Sergejewitsch Kaisarow, den Bruder seines Adjutanten, zu sich heran.

»Wie … wie sind doch gleich die Verse Marins[168]? Die Verse, wissen Sie, die er auf Gerakow[169] gemacht hat: ›Du wirst vom Korps der Lehrer werden.‹ Sagen Sie sie doch mal her«, rief Kutusow, der offenbar gern einmal lachen wollte.

Kaisarow sagte die Verse auf, und Kutusow nickte lächelnd im Takt.

Als Pierre wieder von Kutusow wegging, trat Dolochow auf ihn zu und nahm seine Hand.

»Freue mich sehr, Sie hier zu treffen, Graf«, sagte er laut und mit besonders fester und feierlicher Stimme zu ihm, ohne sich durch die Anwesenheit Fremder stören zu lassen.

»Gott weiß, wem von uns es beschieden sein wird, den morgigen Tag zu überleben, und da freue ich mich doppelt über die Gelegenheit, Ihnen noch sagen zu können, daß ich jene Mißverständnisse, die zwischen uns lagen, sehr bedaure und wünschen würde, daß auch Sie nichts mehr gegen mich haben. Ich bitte Sie, mir zu verzeihen.«

Pierre sah Dolochow lächelnd an und wußte nicht, was er ihm sagen sollte. Dolochow traten die Tränen in die Augen; er umarmte und küßte Pierre.

Boris sagte etwas zu seinem General, und Graf Bennigsen wandte sich an Pierre und schlug ihm vor, mit ihm zusammen die Front abzureiten.

»Das wird Sie interessieren«, sagte er.

»Ja, das ist sehr interessant«, erwiderte Pierre.

Nach einer halben Stunde begab sich Kutusow nach Tatarinowa, und Bennigsen ritt mit seinem Gefolge, unter dem sich auch Pierre befand, die Stellungslinie ab.

23

Bennigsen ritt von Gorki aus die Landstraße nach jener Brücke hinunter, neben der das frischgemähte, duftende Gras in Reihen lag und die der Offizier Pierre vom Hügel aus als den Mittelpunkt der Stellung bezeichnet hatte. Sie ritten über die Brücke hinweg in das Dorf Borodino hinein, wandten sich hier nach links und begaben sich an einer Unmenge von Truppen und Kanonen vorüber einen hohen Hügel hinan, wo Landwehrleute Erdarbeiten ausführten. Das war eine Schanze, die damals noch keinen Namen hatte, später aber die Bezeichnung Rajewskijschanze oder Hügelbatterie erhielt.

Pierre wandte dieser Schanze keine besondere Aufmerksamkeit zu. Er ahnte nicht, daß dieser Punkt für ihn der denkwürdigste des ganzen Schlachtfeldes von Borodino werden sollte. Dann ritten sie durch eine Talenge nach Semjonowskoje, wo Soldaten die letzten Balken von Hütten und Scheunen fortschleppten, und von hier aus weiter bergauf und bergab durch das niedergetretene, wie vom Hagel zerstörte Korn, den Weg entlang, den sich die Artillerie neu über den Acker gebahnt hatte, und gelangten so zu den Pfeilschanzen, an denen damals ebenfalls noch gegraben wurde.

Bei diesen Pfeilschanzen machte Bennigsen halt und fing an, den gegenüberliegenden Hügel von Schewardino, der gestern noch uns gehört hatte, zu beobachten, auf dem einige Reiter sichtbar wurden. Die Offiziere behaupteten, das müsse Napoleon oder Murat sein. Mit wahrer Gier blickten alle zu diesem Reitertrupp hinüber. Pierre sah auch hin und bemühte sich, herauszubekommen, welcher von diesen kaum sichtbaren Menschen wohl Napoleon sei. Endlich sprengten die Reiter wieder den Hügel hinunter und verschwanden.

Bennigsen wandte sich an einen General, der zu ihm herangeritten war, und fing an, ihm die ganze Aufstellung unserer Truppen zu erklären. Pierre hörte seinen Worten zu und strengte alle seine Geisteskräfte an, um das Wesentliche der bevorstehenden Schlacht zu begreifen, fühlte aber zu seinem Leidwesen, daß seine Fähigkeiten dazu nicht ausreichten. Er verstand nichts. Bennigsen brach seine Ausführungen ab und wandte sich, als er sah, daß Pierre zuhörte, plötzlich an diesen: »Sie wird das wohl nicht allzu sehr interessieren, denke ich?«

»Im Gegenteil, das interessiert mich sehr«, versicherte Pierre nicht ganz wahrheitsgemäß.

Von den Pfeilschanzen aus ritten sie noch weiter links auf einem Weg, der sich durch ein dichtes, niedriges Birkenwäldchen schlängelte. Mitten in diesem Hölzchen sprang plötzlich gerade vor ihnen ein brauner Hase mit weißen Läufen auf den Weg und geriet vor Schrecken über das Getrappel so vieler Pferdehufe dermaßen in Verwirrung, daß er zum allgemeinen Ergötzen und Gelächter lange auf dem Weg vor ihnen herlief, und erst dann, als ein paar Stimmen ihn anschrien, sich zur Seite warf und im Dickicht verschwand.

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168

Die Verse Marins: S. N. Marin (1776-1813), Flügeladjutant Alexanders I., Autor parodistischer Gedichte, unter denen vor allem eines über G.W. Gerakow bekannt wurde, den Geschichtslehrer am Petersburger Kadettenkorps und Verfasser hurrapatriotischer Werke

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169

Gerakow vgl. Anm. 168.

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