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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Als man mit dem Bild die Höhe erreicht hatte, machte man halt. Diejenigen, die es bis hierher auf Handtüchern getragen hatten, wurden abgelöst, die Kirchendiener zündeten die Weihrauchfässer an, der Bittgottesdienst nahm seinen Anfang.

Die heißen Strahlen der Sonne brannten fast senkrecht nieder. Ein leichter frischer Wind spielte mit den Haaren der entblößten Köpfe und mit den Bändern, die das Heiligenbild schmückten. Das Singen klang unter dem freien Himmel fast leise. Eine gewaltige Menge von Offizieren, Soldaten und Landwehrleuten, alle mit entblößten Köpfen, umgaben das heilige Bild. Hinter dem Geistlichen und dem Küster standen auf einem sauber gemachten Platz alle Persönlichkeiten höheren Rangs. Ein alter General mit einer Glatze und dem Georgskreuz am Hals stand dicht hinter dem Rücken des Priesters und wartete, ohne sich zu bekreuzigen – offenbar war er ein Deutscher –, geduldig das Ende des Gottesdienstes ab, dem beizuwohnen er für notwendig erachtet hatte, wahrscheinlich um den Patriotismus des russischen Volkes zu erhöhen. Ein andrer General stand in militärischer Haltung da, schlug sich mit der Hand vor die Brust und sah sich um.

Pierre, der zwischen dem Schwarm der Bauern stand, hatte in diesem Kreis der Hochgestellten ein paar Bekannte entdeckt, aber er sah sie nicht an: seine ganze Aufmerksamkeit wurde durch den ernsten Ausdruck gefesselt, den die Gesichter der ganzen Masse von Soldaten und Landwehrleuten zeigten, die alle mit der gleichen heißen Gier das Heiligenbild anschauten. Und sobald die schon müde gewordenen Küster – sie sangen bereits das zwanzigste Gebet – träge und gewohnheitsmäßig zu singen anfingen: »Errette deine Knechte aus ihrer Not, Gottesgebärerin!« und der Priester und der Diakonus einfielen: »Denn zu dir nehmen wir unsere Zuflucht, du unsere feste Burg und unsere Fürbitterin«, flammte auf allen Gesichtern wieder jenes Bewußtsein der Feierlichkeit des kommenden Augenblicks auf, ein Gesichtsausdruck, den Pierre schon am Berg von Moshaisk und dann immer wieder auf den vielen, vielen Gesichtern gesehen hatte, die ihm an jenem Morgen begegnet waren. Und immer tiefer senkten sich die Köpfe, das Haar wurde zurückgeworfen und immer häufiger hörte man, wie die sich Bekreuzigenden seufzten und sich vor die Brust schlugen.

Plötzlich teilte sich die Menge, die das Heiligenbild umgab, und drängte Pierre beiseite. Irgendeine wahrscheinlich sehr hohe Persönlichkeit – nach der Eilfertigkeit zu urteilen, mit der alle Platz machten – trat auf das Bild zu.

Es war Kutusow, der die Stellung abgeritten hatte. Auf dem Rückweg nach Tatarinowa war er an dem Bittgottesdienst vorübergekommen. Pierre erkannte ihn sogleich an seiner eigentümlichen Gestalt, die ihn von allen unterschied.

Einen langen Überrock auf seinem gewaltig dicken Körper, mit krummem Rücken und bloßem weißem Kopf, mit dem ausgelaufenen, weißen Auge in dem aufgeschwemmten Gesicht trat Kutusow mit seinem schwimmenden, schwankenden Gang in den Kreis und blieb hinter dem Priester stehen. Mit gewohnter Gebärde bekreuzigte er sich, führte die Hand bis zur Erde und senkte, tief seufzend, den grauen Kopf. Hinter Kutusow stand Bennigsen und das Gefolge. Trotz der Anwesenheit des Oberkommandierenden, der die Aufmerksamkeit aller Persönlichkeiten höheren Rangs auf sich lenkte, beteten Soldaten und Landwehrleute, ohne ihn anzusehen, ruhig weiter.

Als der Gottesdienst zu Ende war, trat Kutusow auf das heilige Bild zu, ließ sich schwer auf die Knie nieder, verbeugte sich bis zur Erde und konnte dann aus Schwerfälligkeit und Schwäche lange nicht wieder aufstehen, obgleich er es immer wieder versuchte. Sein grauer Kopf zuckte vor Anstrengung. Endlich richtete er sich auf, streckte kindlich naiv die Lippen vor, um das heilige Bild zu küssen, und verbeugte sich abermals, indem er mit der Hand die Erde berührte. Die Generäle folgten seinem Beispiel, dann auch die übrigen Offiziere, und nach ihnen traten, sich drängend und stoßend, keuchend und mit erregten Gesichtern die Soldaten und Landwehrleute heran.

22

Pierre schwankte in dem Gedränge, das ihn erfaßt hatte, hin und her und sah sich um.

»Graf, Pjotr Kirillytsch! Was machen Sie denn hier?« rief ihm plötzlich eine Stimme zu.

Pierre sah sich um. Boris Drubezkoj trat lächelnd auf ihn zu, indem er sich den Staub vom Knie klopfte, wahrscheinlich war er ebenfalls vor dem heiligen Bild niedergekniet. Boris war sehr elegant gekleidet, mit einem Stich ins Feldzugsmäßige: er trug einen langen Überrock und über der Schulter – ganz ebenso wie Kutusow – eine Peitsche.

Inzwischen hatte sich Kutusow nach dem Dorf begeben und im Schatten des nächsten Hauses auf eine Bank gesetzt, die ein Kosak im Laufschritt herbeigebracht und ein anderer schnell mit einem Teppich bedeckt hatte. Ein zahlreiches, glänzendes Gefolge umgab den Oberbefehlshaber.

Das heilige Bild wurde weitergetragen; die Menge begleitete es. Pierre blieb etwa dreißig Schritte von Kutusow entfernt stehen und unterhielt sich mit Boris. Er setzte ihm seine Absicht auseinander, an der Schlacht teilzunehmen und die Stellung zu besichtigen.

»Machen Sie es so«, sagte Boris. »Je vous ferai les honneurs du camp. Am besten werden Sie alles von dort aus sehen, wo Bennigsen stehen wird. Ich gehöre nämlich zu seinem Gefolge und werde es ihm melden. Wenn Sie aber die Stellung abreiten wollen, so kommen Sie mit uns, wir werden sogleich nach der linken Flanke hinüberreiten. Und wenn wir dann zurückkommen, bitte ich Sie, mir das Vergnügen zu machen, bei mir zu übernachten, abends machen wir dann ein Spielchen. Sie kennen doch Dmitrij Sergejewitsch? Er steht dort.« Boris zeigte auf das dritte Haus in Gorki.

»Aber ich wollte eigentlich auch die rechte Flanke sehen; man sagt, sie soll sehr stark sein«, entgegnete Pierre. »Ich möchte von der Moskwa aus die ganze Stellung abreiten.«

»Nun, das können Sie ja dann noch; die Hauptsache ist doch die linke Flanke …«

»Ja, gewiß. Wo aber steht das Regiment des Fürsten Bolkonskij? Können Sie mir das nicht zeigen?« fragte Pierre.

»Das Regiment Andrej Nikolajewitsch? Da reiten wir vorbei; ich werde Sie zu ihm führen.«

»Wie sieht’s denn auf der linken Flanke aus?« fragte Pierre.

»Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, entre nous, unsere linke Flanke ist in Gott weiß was für einem Zustand«, erwiderte Boris mit vertraulich gedämpfter Stimme. »Graf Bennigsen hatte das durchaus nicht so vorgesehen. Er hatte beabsichtigt, jenen Hügel dort zu befestigen, aber nicht so … jedoch …« Boris zuckte mit den Achseln. »Der Durchlauchtige wollte es nicht, oder man hatte ihm etwas vorgeredet. Nämlich …« Aber Boris sprach nicht zu Ende, da in diesem Augenblick Kaisarow, der Adjutant Kutusows, auf Pierre zutrat.

»Ah! Paisij Sergeitsch«, rief Boris mit ungezwungenem Lächeln aus und wandte sich an Kaisarow. »Soeben bemühe ich mich, dem Grafen unsere Stellung zu erklären. Erstaunlich, wie richtig der Durchlauchtige die Pläne der Franzosen erraten hat.«

»Sie sprechen von der linken Flanke?« fragte Kaisarow.

»Ja, gerade davon. Unsere linke Flanke ist jetzt sehr, sehr stark.«

Obgleich Kutusow alle überflüssigen Offiziere aus dem Stab verjagt hatte, hatte es Boris doch verstanden, sich nach dem Umschwung, der durch Kutusow verursacht worden war, im Hauptquartier zu halten. Er hatte sich an den Grafen Bennigsen herangemacht. Dieser hielt, wie alle Persönlichkeiten, bei denen sich Boris befunden hatte, den jungen Fürsten Drubezkoj für einen unschätzbaren jungen Mann.

In der Oberleitung der Armee gab es zwei scharf getrennte Parteien: die Partei Kutusows und die Partei des Chefs des Generalstabs Bennigsen. Boris gehörte zur zweiten, und niemand verstand es so gut wie er, Kutusow eine knechtische Ehrerbietung zu erweisen und dabei doch durchfühlen zu lassen, daß es mit dem alten Herrn vorbei sei und Bennigsen die ganze Sache leite. Jetzt war die Schlacht und somit der entscheidende Augenblick gekommen: entweder mußte Kutusow vernichtet und die Macht Bennigsen übertragen werden oder – wenn Kutusow wirklich die Schlacht gewann – man mußte allen zu verstehen geben, daß nur Bennigsen dies zustande gebracht habe. Auf jeden Fall sollten am morgigen Tag viele Auszeichnungen verteilt und neue Persönlichkeiten ans Licht gezogen werden, und deshalb befand sich Boris schon den ganzen Tag in fieberhafter Aufregung.

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