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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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21

Pierre stieg aus seinem Wagen und ging an den arbeitenden Landwehrmännern vorüber, jene Anhöhe hinan, von der aus, wie ihm der Oberarzt gesagt hatte, das ganze Schlachtfeld zu überblicken sein sollte.

Es war elf Uhr morgens. Die Sonne stand etwas links hinter Pierre und beleuchtete grell das gewaltige Panorama, das sich mit seinen ansteigenden Höhen in der reinen, dünnen Luft wie ein Amphitheater vor ihm aufbaute.

Bis in die Höhe dieses Amphitheaters schlängelte sich, es durchschneidend, links die große Smolensker Landstraße hinauf, die sich durch ein Dorf mit weißer Kirche wand, das etwa fünfhundert Schritt vor und unter dem Hügel lag. Dies war Borodino. Die Landstraße führte unterhalb des Dorfes über eine Brücke und schlängelte sich dann durch Berg und Tal immer höher und höher nach dem Dorf Walujewo, dem Standquartiere Napoleons, hinauf, das in einer Entfernung von etwa sechs Werst zu sehen war. Hinter Walujewo verlor sich der Weg am Horizont in dem gelb werdenden Wald. Aus diesem Birken- und Tannenwald glänzte in der Sonne etwas rechts vom Weg ganz fern das Kreuz und der Glockenturm des KolozkoiKlosters.

Überall in dieser blauen Ferne, rechts und links vom Wald und von der Straße, sah man hier und dort rauchende Wachtfeuer und verschwommene Truppenmassen auf unserer Seite und auf der feindlichen. Zur Rechten, dort, wo die Kolotscha und die Moskwa floß, war das Gelände von Schluchten und Bergen durchzogen. Zwischen diesen Schluchten hindurch sah man in der Ferne die Dörfer Bessubowo und Sacharjino. Zur Linken war das Gelände flacher, dort dehnten sich Getreidefelder aus, und man sah ein eingeäschertes, rauchendes Dorf – Semjonowskoje.

Alles, was Pierre zur Rechten und Linken sah, war so verschwommen, daß er sich weder von der einen noch von der anderen Seite ein klares Bild machen konnte. Nirgends war etwas von einem Schlachtfeld zu sehen, wie er erwartet hatte, sondern überall nur Getreidefelder, Wiesen, Truppenmassen, Wälder, Rauchwolken von Wachtfeuern, Dörfer, Hügel und Bäche, und so scharf er auch zu unterscheiden versuchte, nirgends konnte er in diesem belebten Gelände eine Stellung herausfinden, ja, er vermochte nicht einmal unsere Truppen von denen des Feindes zu unterscheiden.

Ich muß einen Kundigen fragen, dachte er und wandte sich an einen der Offiziere, der neugierig Pierres unmilitärische, massige Gestalt betrachtete.

»Darf ich mir die Frage erlauben«, wandte sich Pierre an den Offizier, »was für ein Dorf dort vor uns ist?«

»Burdino oder so ähnlich«, erwiderte der Offizier, indem er sich fragend an seinen Kameraden wandte.

»Borodino«, gab dieser verbessernd zur Antwort.

Der Offizier freute sich offenbar, eine Unterhaltung anknüpfen zu können, und trat auf Pierre zu.

»Sind das dort unsere Truppen?« fragte Pierre.

»Ja, aber dort in der Ferne sieht man auch die Franzosen«, entgegnete der Offizier.

»Dort sind sie, dort kann man sie sehen.«

»Wo? Wo?« fragte Pierre.

»Mit bloßem Auge kann man sie sehen. Dort.«

Der Offizier wies mit der Hand auf die Rauchwolken, die sich links hinter dem Fluß erhoben, und auf seinem Gesicht zeigte sich jener ernste und strenge Ausdruck, den Pierre schon auf vielen Gesichtern, die ihm begegnet waren, beobachtet hatte.

»Das also sind die Franzosen! Aber dort? …« Pierre zeigte auf einen Hügel zur Linken, der von Truppen umgeben war.

»Das sind die Unsrigen.«

»So, so, die Unsrigen. Und dort? …« Pierre wies auf einen anderen, ferner liegenden Hügel mit einem großen Baum hin neben dem in einer Talenge ein Dorf sichtbar war, wo ebenfalls Wachtfeuer rauchten und schwarze Punkte sich bewegten.

»Das ist wieder er«, sagte der Offizier. Es war die Schanze von Schewardino. »Gestern war diese Höhe noch unser, heute hat er sie besetzt.«

»Und wie ist nun eigentlich unsere Stellung?«

»Unsere Stellung?« wiederholte der Offizier mit einem Lächeln der Genugtuung. »Das kann ich Ihnen ganz genau erklären, da ich fast alle unsere Befestigungen selber angelegt habe. Also sehen Sie, unser Zentrum ist in Borodino, dort!« Er zeigte auf das Dorf mit der weißen Kirche, das vor ihnen lag. »Da ist der Übergang über die Kolotscha. Dort, sehen Sie, wo in den Niederungen das frisch gemähte Gras in Reihen liegt, dort ist die Brücke. Das ist also unser Zentrum. Unsere rechte Flanke steht da …« Er wies scharf nach rechts, fern nach einer Talenge. »Dort fließt die Moskwa, und da haben wir drei sehr starke Schanzen erbaut. Unsere linke Flanke …« Der Offizier hielt inne. »Sehen Sie, das kann ich Ihnen nur schwer erklären … Gestern stand unsere linke Flanke da, in Schewardino … sehen Sie dort, wo die Eiche steht … Nun aber haben wir den linken Flügel zurückgebogen … er ist jetzt dort … dort, sehen Sie den Rauch und das Dorf? Das ist Semjonowskoje. Ja, da, da …« Er zeigte auf den Rajewskijhügel. »Nur wird die Schlacht schwerlich dort stattfinden. Daß Bonaparte seine Truppen dorthin hat übersetzen lassen, ist nur eine Irreführung, sicherlich wird er mehr rechts der Moskwa vorgehen. Na, wo es nun auch sein möge … jedenfalls werden morgen viele von uns beim Appell fehlen«, sagte der Offizier.

Während dieser Auseinandersetzungen war ein alter Unteroffizier herangetreten und hatte schweigend gewartet, bis sein Vorgesetzter zu Ende gesprochen hatte. An dieser Stelle aber unterbrach er ihn, sichtlich unzufrieden mit diesen letzten Worten des Offiziers.

»Schanzkörbe müssen beschafft werden«, sagte er ernst und streng.

Der Offizier geriet etwas in Verlegenheit, als begriffe er, daß man wohl denken dürfe, daß morgen viele fehlen würden, daß es aber nicht passend sei, davon zu sprechen.

»Nun gut, so schicke doch wieder die dritte Kompanie«, erwiderte er hastig.

»Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf, doch kein Arzt?«

»Nein, ich bin nur so hier hergekommen«, antwortete Pierre.

Darauf stieg er wieder den Hügel hinunter, abermals an den Landwehrleuten vorbei.

»Ach, diese verfluchten Kerle«, murmelte der Offizier, der Pierre folgte, vor sich hin und hielt sich, als er an den Landwehrleuten vorüberging, die Nase zu.

»Da sind sie! … sie bringen sie … sie kommen … da sind sie schon … gleich werden sie hier sein …« hörte man plötzlich Stimmen und Offiziere, Soldaten und Landwehrleute liefen eilig vor auf die Straße.

Den Berg herauf, von Borodino her, stieg eine kirchliche Prozession. Allen voran auf der staubigen Landstraße marschierte Infanterie mit abgenommenen Tschakos und gesenkten Gewehren. Hinter der Infanterie hörte man Kirchengesang.

Soldaten und Landwehrleute in bloßen Köpfen liefen, Pierre überholend, der Prozession entgegen.

»Unser Mütterchen bringen sie! Unsere Fürbitterin! Die Iberische Mutter Gottes!«

»Das Smolensker Mütterchen«, verbesserte ein anderer.

Alle Landwehrleute, sowohl die aus dem Dorf als auch diejenigen, die an der Batterie gearbeitet und nun ihre Grabscheite beiseitegeworfen hatten, liefen der Prozession entgegen.

Dem Bataillon, das die staubige Straße heraufmarschierte, folgten Priester in Meßgewändern, ein alter Mann in einer Mönchskutte, Küster und Sänger. Hinter ihnen her trugen Soldaten und Offiziere ein großes, in Silber und Gold gefaßtes Heiligenbild mit schwarzem Gesicht. Es war dies das Muttergottesbild, das man aus Smolensk mitgenommen hatte und seither bei der Armee mitführte. Vor und hinter dem Bild und auf allen Seiten ringsherum gingen, liefen und verbeugten sich mit entblößten Köpfen Scharen von Soldaten.

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