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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Pierres Kutscher schrie dem Verwundetentransport ärgerlich zu, er solle sich auf einer Seite halten. Das Kavallerieregiment, das singend den Berg hinuntergeritten war, hatte Pierres Wagen nun eingeholt und den Weg versperrt. Pierre blieb stehen und drängte sich ganz an den Rand des Hohlweges, der aus dem Berg ausgestochen war. Die Sonne stieg hinter dem Abhang empor, und ihre Strahlen drangen noch nicht bis in die Tiefe des Hohlwegs hinein, wo es noch kalt und feucht war. Doch über Pierres Haupt strahlte ein wolkenloser Augustmorgen, und froh tönte das Glockengeläut durch die klare Luft.

Einer der Wagen mit Verwundeten hielt am Rande des Weges dicht neben Pierre an. Der Fuhrmann lief in seinen Bastschuhen keuchend nach hinten, schob einen Stein unter das nicht geschiente Hinterrad und brachte das Riemenzeug seines nun stillstehenden Pferdchens in Ordnung.

Ein verwundeter alter Soldat, der mit verbundener Hand hinter dem Fuhrwerk hergegangen war, stützte sich mit seinem gesunden Arm auf den Wagen und sah Pierre an.

»Nun, wie steht’s, Landsmann? Wird man uns wohl hier unterbringen können? Was? Oder müssen wir noch bis Moskau?« fragte er.

Pierre war so in Nachdenken versunken, daß er die Frage gar nicht hörte. Er sah bald auf das Kavallerieregiment, das jetzt an dem Verwundetentransport vorüberritt, bald auf jenen Wagen, der vor ihm stand, auf dem zwei Verwundete saßen und einer lag, und ihm schien, als fände er hier, in ihnen, die Lösung jener Frage, die ihn beschäftigte. Der eine der Soldaten, die im Wagen saßen, war anscheinend im Gesicht verwundet. Sein ganzer Kopf war in Lappen eingehüllt, und an der einen Backe hatte er eine Geschwulst, die so groß war wie ein Kinderkopf. Mund und Nase standen ganz schief. Er sah nach der Kirche hinüber und bekreuzigte sich. Der andere, ein junger blonder Rekrut, so bleich, als hätte er keinen Tropfen Blut in seinem feinen Gesicht, blickte Pierre mit gutmütigem Lächeln an. Der dritte Soldat lag auf dem Boden, sein Gesicht war nicht zu sehen.

Die singenden Kavalleristen zogen dicht neben dem Wagen vorbei.

»Ach, verloren, verloren … Mit geschorenem Kopf … Weil ich fern von der Heimat …«

sangen sie ein Soldatenlied.

Wie zur Begleitung mischten sich von oben her ebenso heiter, jedoch in anderer Art, die metallischen Töne des Glockengeläuts in ihren Gesang. Und wieder in einer anderen Art Fröhlichkeit beleuchteten die warmen Sonnenstrahlen den Gipfel des gegenüberliegenden Hügels. Aber hier am Abhang, bei dem Wagen mit den Verwundeten, neben dem keuchenden Pferdchen, wo Pierre stand, war es feucht, düster und trübselig.

Der Soldat mit der geschwollenen Backe blickte ärgerlich auf die singenden Kavalleristen.

»Ach, diese Laffen!« brummte er vorwurfsvoll.

»Heute habe ich nicht nur Soldaten, sondern auch Bauern ausrücken sehen. Nun müssen sogar schon die Bauern ran«, sagte der Soldat, der hinter dem Wagen stand, mit trübem Lächeln zu Pierre. »Jetzt wird nicht mehr viel Federlesens gemacht … Mit dem ganzen Volk fällt man über sie her. Und alles wegen des einen Wortes: Moskau. Man will nun ein Ende machen.«

Obgleich die Worte des Soldaten nicht ganz klar waren, verstand Pierre doch alles, was dieser sagen wollte, und nickte zustimmend.

Der Weg wurde nun wieder frei; Pierre stieg den Berg hinab und fuhr weiter.

Während er seine Fahrt fortsetzte, sah er sich zu beiden Seiten des Weges um und suchte bekannte Gesichter, erblickte aber überall nur fremde Soldaten und Offiziere der verschiedensten Truppengattungen, die alle mit derselben Verwunderung seinen weißen Hut und grünen Frack anstaunten.

Nachdem er so ungefähr vier Werst gefahren war, stieß er auf den ersten Bekannten und wandte sich erfreut ihm zu. Es war dies einer der Oberärzte aus der Armee. Er kam in seiner Britschka, in der neben ihm noch ein zweiter, jüngerer Kollege saß, Pierre entgegen, und als er diesen erkannte, befahl er dem Kosaken, der statt eines Kutschers auf dem Bock saß, anzuhalten.

»Graf! Euer Erlaucht! Was machen Sie denn hier?« fragte der Arzt.

»Ach, ich will mir das bloß mal ansehen …«

»Ja, ja, es gibt schon was zu sehen …«

Pierre ließ halten, stieg aus und unterhielt sich mit dem Doktor, der ebenfalls aus seinem Wagen gestiegen war. Pierre erzählte ihm, daß er die Absicht habe, an der Schlacht teilzunehmen.

Der Oberarzt riet Besuchow, sich direkt an den Durchlauchtigen zu wenden. »Warum wollen Sie sich während der Schlacht in Gott weiß was für einem Winkel herumdrücken?« sagte er, nachdem er mit seinem jungen Kollegen einen Blick gewechselt hatte. »Der Durchlauchtige kennt Sie doch immerhin und wird Sie schon in Gnaden aufnehmen. Machen Sie es nur so, lieber Freund«, sagte der Oberarzt. Er machte einen abgespannten Eindruck und schien es sehr eilig zu haben.

»So meinen Sie also … Aber eines wollte ich Sie doch noch fragen: wo ist eigentlich unsere Position?« fragte Pierre.

»Unsere Position?« wiederholte der Arzt. »Das ist nicht mein Ressort. Fahren Sie nach Tatarinowa, da wird tüchtig an irgend etwas gegraben. Dort steigen Sie auf die Anhöhe, da können Sie alles sehen«, riet ihm der Arzt.

»Von dort aus kann ich alles sehen? … Könnten Sie mich nicht …«

Der Arzt unterbrach ihn und wandte sich wieder zu seiner Britschka.

»Ich würde Sie gern hinbegleiten, aber bei Gott, ich stecke drin bis an den Hals.« Er zeigte auf seine Kehle. »Jetzt muß ich in aller Eile zum Korpskommandeur. Sie wissen gar nicht, wie es bei uns zugeht … Bedenken Sie, Graf, morgen ist die Schlacht; auf hunderttausend Mann muß man wenigstens zwanzigtausend Verwundete rechnen. Dabei haben wir nicht einmal für sechstausend Tragbahren, Betten, Feldscherer und Ärzte. Bauernwagen sind ja an die zehntausend da, aber man braucht doch noch anderes. Wenn man das alles noch beschaffen will, muß man sich tüchtig sputen.«

Pierre schauderte bei dem sonderbaren Gedanken, daß von jenen vielen alten und jungen Leuten, die eben noch frisch und gesund mit so munterer Verwunderung seinen Hut angestaunt hatten, Tausende der Verwundung und dem Tode geweiht sein sollten, und womöglich gerade die, die er soeben gesehen hatte.

Sie werden vielleicht morgen sterben, warum denken sie da noch an etwas anderes als an den Tod? Und durch irgendeine geheime Gedankenverbindung trat ihm plötzlich jener Abhang des Berges bei Moshaisk mit den Verwundeten in den Bauernwagen, dem Glockengeläut, den trägen Strahlen der Sonne und dem Gesang der Kavalleristen wieder lebhaft vor Augen.

Die Kavalleristen ziehen in die Schlacht, treffen Verwundete und denken nicht einen Augenblick daran, was ihrer harrt, sondern reiten vorbei und blinzeln den Verwundeten zu. Von ihnen allen sind zwanzigtausend dem Tod geweiht, sie aber staunen über meinen Hut. Seltsam! dachte Pierre und setzte seinen Weg in der Richtung nach Tatarinowa fort.

Vor dem Haus eines Gutsbesitzers, links der Straße, standen die Kutschen, Packwagen, eine Wache und ein Haufe Offiziersburschen. Hier lag der Durchlauchtige im Quartier. Aber er war nicht anwesend, als Pierre ankam, ebenso fast keiner der Stabsoffiziere. Sie wohnten alle einem Bittgottesdienst bei. So fuhr Pierre weiter nach Gorki.

Als er den Berg hinaufgefahren und in die kleine Dorfstraße eingebogen war, erblickte er zum erstenmal Bauernlandwehr mit Kreuzen an den Mützen und weißen Hemden, die unter lautem Schwatzen und Lachen rechts vom Weg auf einer großen, mit Gras bewachsenen Anhöhe munter und schwitzend irgendeine Arbeit ausführten.

Die einen stachen mit Grabscheiten Erde vom Hügel ab, andere fuhren diese Erde in Schubkarren auf Brettern fort, und wieder andere standen dabei, ohne etwas zu tun. Auf der Anhöhe hielten zwei Offiziere, die ihnen Befehle erteilten.

Als Pierre diese Bauern erblickte, denen der neue Soldatenstand offenbar noch sehr viel Spaß machte, mußte er wieder an die Verwundeten bei Moshaisk denken, und begriff jetzt, was der Soldat gemeint hatte, als er sagte, man wolle »mit dem ganzen Volk über sie herfallen«. Der Anblick dieser auf dem Schlachtfeld arbeitenden bärtigen Bauern mit ihren sonderbar plumpen Stiefeln, ihren schweißigen Hälsen, wo man bei einigen von ihnen aus dem aufgeknöpften schrägen Halskragen die braune Haut über den Schlüsselbeinen sah – dieser Anblick überzeugte Pierre wirksamer als alles, was er bisher gesehen und gehört hatte, von der feierlichen Bedeutung des gegenwärtigen Augenblicks.

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