Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Am 24. August klärte sich das Wetter wieder auf, nachdem es lange trübe gewesen war, und an diesem Tag fuhr Pierre nach Tisch aus Moskau ab. Während er nachts in Perchuschkowo die Pferde wechselte, erfuhr er, daß am Abend eine große Schlacht stattgefunden hatte. Man erzählte ihm, hier, in Perchuschkowo, habe die Erde von Kanonenschüssen gezittert. Auf Pierres Frage, wer denn gesiegt habe, konnte ihm keiner antworten. Es war dies das Gefecht am 24. August bei Schewardino gewesen.
Als der Morgen dämmerte, kam Pierre in Moshaisk an. Alle Häuser der Stadt waren mit Truppen belegt, und in der Herberge, wo Pierre seinen Bereiter und seinen Kutscher traf, war kein Zimmer mehr zu haben, überall waren Offiziere einquartiert.
In Moshaisk und um die Stadt herum standen und bewegten sich überall Truppen. Kosaken, Infanterie, Reiterei, Train, Munitionswagen, Kanonen waren nach allen Seiten hin zu sehen. Pierre beeilte sich, so schnell wie möglich vorwärts zu kommen, und je weiter er sich von Moskau entfernte, je tiefer er sich in dieses Meer von Truppen versenkte, um so mehr bemächtigten sich seiner Aufregung und Unruhe und ein noch nie empfundenes, neues Gefühl der Freude.
Es war dies ein ähnliches Gefühl, wie er es im Slobodskijpalast bei der Ankunft des Kaisers empfunden hatte, das Gefühl, daß er nicht anders konnte, als irgend etwas unternehmen und irgend etwas zum Opfer bringen. Er hatte jetzt die wohlige Empfindung, erkannt zu haben, daß alles, was das Glück der Menschen ausmacht: Behaglichkeit, Reichtum, ja das Leben selber, wertloser Plunder ist, den man getrost wegwerfen kann, im Vergleich mit … Womit, darüber konnte sich Pierre keine Rechenschaft geben und vermochte auch gar nicht, sich darüber klar zu werden, für wen und wofür es ihm als ein so großes Glück erschien, alles zum Opfer zu bringen. Ihn kümmerte nicht, wofür er das Opfer bringen wollte, sondern schon das Opfern an sich weckte in ihm dieses neue, freudige Gefühl.
19
Am 24. August hatte das Gefecht an der Schanze von Schewardino stattgefunden, am 25. fiel weder von der einen, noch von der anderen Seite auch nur ein einziger Schuß, und am 26. kam es zur Schlacht bei Borodino.
Wie und aus welchen Gründen wurden die Schlachten bei Schewardino und Borodino angeboten und angenommen? Warum wurde die Schlacht bei Borodino geschlagen? Weder für die Franzosen noch für die Russen hatte sie irgendwelchen Sinn. Die nächste Folge war und mußte sein: für die Russen, daß sie der Preisgabe Moskaus einen Schritt näher kamen, was sie doch um alles in der Welt nicht wollten, für die Franzosen, daß sie den Untergang ihrer Armee beschleunigten, was sie ebenfalls mehr als alles auf der Welt fürchteten. Dieses Ergebnis war schon damals ganz augenscheinlich, und doch eröffnete Napoleon die Schlacht, und Kutusow nahm sie an.
Wenn sich die Feldherren von vernünftigen Gründen hätten leiten lassen, so hätte sich, sollte man meinen, Napoleon damals schon darüber klar sein müssen, daß er sich in sicheres Verderben stürzte, wenn er, nachdem er zweitausend Werst marschiert war, nun eine Schlacht annahm, in der er aller Wahrscheinlichkeit nach den vierten Teil seiner Armee verlieren mußte. Und andererseits hätte sich auch Kutusow darüber klar sein müssen, daß er durch die Annahme einer Schlacht ebenfalls ein Viertel seiner Armee aufs Spiel setzte und dadurch ganz sicher Moskau verlieren mußte. Für Kutusow war das mathematisch so gewiß, wie es beim Damespiel ganz sicher ist, daß derjenige, der einen Stein weniger hat als der Gegner und mit Tauschen beginnt, verlieren muß, und eben deshalb nicht tauschen darf. Wenn der eine sechzehn Steine hat und der andere vierzehn, so ist dieser zweite nur um ein Achtel schwächer, ertauscht sich der erste aber dreizehn Steine, so ist er dreimal so stark wie der andere.
Vor der Schlacht bei Borodino verhielten sich unsere Streitkräfte gegen die französischen annähernd wie fünf zu sechs, nach der Schlacht aber wie eins zu zwei, das heißt: vor der Schlacht kamen auf hunderttausend Mann hundertzwanzigtausend, nach der Schlacht auf fünfzigtausend hunderttausend. Trotzdem nahm der kluge und erfahrene Kutusow die Schlacht an. Und auch Napoleon, das sogenannte Feldherrngenie, eröffnete hiermit eine Schlacht, bei der er den vierten Teil seiner Armee verlor und seine Operationslinie noch mehr auseinanderzog. Wenn behauptet wird, Napoleon habe geglaubt, durch die Einnahme Moskaus den Feldzug zu Ende zu führen wie seinerzeit durch die Einnahme Wiens, so stellen sich dem viele Beweise entgegen. Die Geschichtsschreiber Napoleons berichten selber, daß er schon bei Smolensk habe haltmachen wollen, daß er die Gefahr seiner ausgedehnten Stellung erkannt und gewußt habe, daß durch die Einnahme Moskaus der Feldzug nicht beendet sein werde, denn er hatte schon in Smolensk gesehen, in welchem Zustand man ihm russische Städte überließ, und auf seinen mehrmals geäußerten Wunsch, in Unterhandlungen zu treten, keinerlei Antwort erhalten.
Kutusow und Napoleon, von denen der eine die Schlacht bei Borodino anbot und der andere sie annahm, handelten beide nicht aus eignem Antrieb, beide ohne Sinn und Verstand. Die Historiker aber schieben den vollendeten Tatsachen nachträglich schlau ersonnene Beweise für die Umsicht und Genialität ihrer Feldherren unter, die doch von all den mechanischen Handlangern geschichtlicher Ereignisse die sklavisch willenlosesten waren.
Die Alten haben uns klassische Heldengedichte hinterlassen, in denen die Helden das ganze weltgeschichtliche Interesse für sich allein beanspruchen, und wir alle können uns noch nicht daran gewöhnen, daß für unsere Zeit der Menschheitsgeschichte eine solche Auffassung keinen Sinn mehr hat.
Was nun die andere Frage betrifft, wie es zur Schlacht bei Borodino und dem ihr vorangehenden Gefecht bei Schewardino kam, so ist darüber eine ebenso bestimmte, allen bekannte, aber vollkommen falsche Vorstellung verbreitet. Alle Historiker beschreiben die Dinge in folgender Weise:
Die russische Armee habe bei ihrem Rückzug von Smolensk nach der vorteilhaftesten Position für eine Generalschlacht gesucht und eine solche Position bei Borodino gefunden.
Die Russen hätten diese Stellung zuvor befestigt, links des Weges von Moskau nach Smolensk, fast im rechten Winkel zu ihm, von Borodino bis Utiza, also an derselben Stelle, wo dann die Schlacht stattgefunden habe.
Vor dieser Stellung habe man zur Beobachtung des Feindes auf dem Hügel bei Schewardino eine befestigte Vorpostenstation angelegt. Diese habe Napoleon am 24. August angegriffen und genommen und am 26. die Offensive gegen die ganze russische Armee begonnen, die in ihrer Position auf dem Gelände von Borodino gestanden habe.
So heißt es in den geschichtlichen Darstellungen, doch all dies ist gänzlich unrichtig, wovon sich jeder leicht überzeugen kann, der nur der Sache auf den Grund gehen will.
Die Russen haben gar nicht nach einer guten Stellung gesucht, im Gegenteil, sie sind auf ihrem Rückzug an vielen Stellen vorbeigekommen, die besser gewesen wären als die bei Borodino. Sie haben auf keiner dieser Positionen haltgemacht, weil Kutusow keine Stellung einnehmen wollte, die er nicht selbst ausgesucht hatte, und weil das Verlangen nach einer Völkerschlacht noch nicht stark genug zutage trat, weil Miloradowitsch mit der Landwehr noch nicht eingetroffen war, und noch aus anderen Gründen, deren Zahl unendlich ist. Tatsache ist, daß die früheren Stellungen weit stärker waren, und daß die Position bei Borodino, in der dann die Schlacht wirklich geschlagen wurde, nicht nur durchaus nicht stark, sondern überhaupt nicht mehr und nicht weniger eine Position war als irgendein anderer Fleck im russischen Reich, den man zufällig mit der Stecknadel auf der Landkarte bezeichnet hätte.