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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Im Gegenteil, es scheint jetzt alles vortrefflich zu stehen, ma cousine«, sagte Pierre in dem gewohnten scherzhaften Ton, den er sich im Verkehr mit der Prinzessin zu eigen gemacht hatte, da ihn die Rolle eines Wohltäters, die er ihr gegenüber spielen mußte, immer etwas in Verlegenheit setzte.

»Ja, vortrefflich! … Schön, vortrefflich! Heute erst hat mir Warwara Iwanowna erzählt, wie sich unsere Truppen auszeichnen. Auf die Ehre kann man sich wirklich etwas einbilden! Und das Volk ist in hellem Aufruhr, es gehorcht nicht mehr. Sogar mein Mädchen fängt schon an, grob zu werden. Bald werden wir noch Prügel bekommen. Kaum daß man noch über die Straße gehen kann. Aber die Hauptsache ist, von heute auf morgen können die Franzosen hier sein. Auf was warten wir also noch? Ich bitte Sie nur um eines, mon cousin«, sagte die Prinzessin, »ordnen Sie an, daß ich nach Petersburg gebracht werde. Wie immer ich auch sein mag, aber unter der Herrschaft Bonapartes leben – das kann ich nicht.«

»Aber hören Sie doch auf, ma cousine, woher schöpfen Sie denn Ihre Nachrichten? Ganz im Gegenteil …«

»Ich werde mich Ihrem Napoleon nicht unterordnen. Andere mögen tun, was sie wollen … Wenn Sie nicht den Befehl geben wollen …«

»Aber gewiß doch! Gleich werde ich es anordnen.«

Sichtlich tat es der Prinzessin nun wieder leid, daß sie sich über niemanden mehr zu ärgern hatte. Sie zischte etwas vor sich hin und setzte sich auf einen Stuhl.

»Man hat Ihnen ganz falsche Nachrichten zugetragen«, sagte Pierre. »In der Stadt ist alles ganz ruhig und von einer Gefahr gar keine Rede. Hier habe ich soeben gelesen …« Pierre zeigte der Prinzessin die Flugblätter. »Der Graf schreibt, er stehe mit seinem Leben dafür ein, daß der Feind nicht nach Moskau kommen werde.«

»Ach, Ihr Graf, Ihr Graf!« fing die Prinzessin feindselig an. »Dieser Heuchler, dieser Bösewicht, der das Volk selber zum Aufruhr verleitet hat! Hat er nicht auch in diesen läppischen Flugblättern geschrieben, man solle jeden, wer es auch sei, beim Schopf nach der Polizei schleppen? Wie albern das ist! ›Wer mir einen bringt‹, so schreibt er, ›dem wird Ruhm und Ehre zuteil werden.‹ Soweit hat er es nun mit seiner Liebenswürdigkeit gebracht. Warwara Iwanowna sagte, sie sei beinahe vom Volk gelyncht worden, nur deswegen, weil sie französisch gesprochen habe, sie sagte …«

»Aber es ist wirklich so … Sie nehmen sich alles zu sehr zu Herzen«, versetzte Pierre und fing an, seine Patience zu legen.

Obgleich die Patience aufging, trat Pierre doch nicht bei der Armee ein, sondern blieb ebenso aufgeregt und unentschieden und wartete voll Angst, dabei aber doch mit einer gewissen Freude auf irgend etwas Furchtbares in dem immer leerer werdenden Moskau.

Am nächsten Tag gegen Abend fuhr die Prinzessin ab. Pierres Oberverwalter ließ sich bei ihm melden und brachte ihm die Nachricht, daß das für die Equipierung seines Regimentes von ihm angeforderte Geld nicht zu beschaffen sei, wenn nicht ein Gut verkauft werde. Der Oberverwalter äußerte sich Pierre gegenüber dahin, daß der ganze Aufwand für dieses Regiment ihn notwendigerweise zugrunde richten müsse. Pierre konnte nur mit Mühe ein Lächeln unterdrücken, als er diese Worte hörte.

»Na, so verkauf es doch«, sagte er. »Was soll ich denn machen, ich kann doch jetzt nicht mehr zurück.«

Je schlimmer alles und insbesondere seine eignen Angelegenheiten standen, um so angenehmer empfand es Pierre, denn um so augenscheinlicher war es, daß die Katastrophe, auf die er wartete, herannahte. Schon war von Pierres Freunden fast niemand mehr in der Stadt. Julie war abgereist, Prinzessin Marja ebenfalls. Von seinen näheren Bekannten waren nur noch die Rostows da, aber zu denen ging ja Pierre nicht hin.

Um sich etwas zu zerstreuen, fuhr er an diesem Tag nach dem Dorf Woronzowo, um dort den großen Luftballon zu sehen, den Leppich zum Verderben des Feindes gebaut hatte[165], sowie den Probeballon, der am folgenden Tag aufsteigen sollte. Der Ballon war noch nicht fertig, aber er wurde, wie Pierre erfuhr, auf Wunsch des Kaisers hergestellt. Der Kaiser hatte an den Grafen Rastoptschin folgendes über diesen Ballon geschrieben:

»Sobald Leppich fertig ist, stellen Sie ihm eine Mannschaft von sicheren und klugen Leuten für seine Gondel zusammen und schicken schleunigst einen Kurier an den General Kutusow, um ihn davon in Kenntnis zu setzen. Ich habe ihm schon von der Sache geschrieben. Schärfen Sie, bitte, Leppich ein, daß er den Ort, wo er zum erstenmal landet, mit größter Vorsicht wählt, damit er sich nicht täuscht und nicht in die Hände der Feinde fällt. Es ist unbedingt notwendig, daß er sich bei seinen Bewegungen mit dem General en chef verständigt.«

Als Pierre von Woronzowo nach Hause zurückkehrte, über den Bolotnajaplatz[166] fuhr und vor der Richtstätte[167] einen Haufen Menschen stehen sah, ließ er halten und stieg aus. Man hatte einen französischen Koch, der der Spionage beschuldigt war, ausgepeitscht. Die Strafe selber war soeben vollzogen worden, und der Exekutor band einen jammervoll stöhnenden dicken Mann mit rotem Backenbart, blauen Strümpfen und grünem Kamisol von der Bank los. Ein zweiter Verbrecher, ein magerer, bleicher Mensch, stand neben ihm. Nach ihren Gesichtern zu urteilen, waren beide Franzosen. Mit schmerzlich erschrockener Miene, ähnlich der, die der hagere Franzose zur Schau trug, drängte sich Pierre durch die Menge.

»Was ist los? Wer ist das? Warum?« fragte er.

Aber die Aufmerksamkeit der Menge – Beamte, Kleinbürger, Kaufleute, Bauern und Frauen in Saloppen und Pelzen – war mit solcher Gier auf das gespannt, was auf der Richtstätte vor sich ging, daß niemand ihm eine Antwort gab.

Der Dicke erhob sich, machte ein finsteres Gesicht, zog die Schultern hoch, stand in dem sichtlichen Bemühen, seine Standhaftigkeit zu beweisen, auf und zog, ohne sich umzusehen, sein Wams an. Plötzlich aber lief ein Zucken über seine Lippen und er fing zu weinen an, halb ärgerlich über sich selbst, wie erwachsene Sanguiniker zu weinen pflegen. Die Menge begann laut zu reden, um, wie es Pierre schien, in sich selber das Gefühl des Mitleids zu übertönen.

»Der Koch irgendeines Fürsten …«

»Na, Musjö, nun siehst du wohl, daß die russische Soße den Franzosen sauer aufstößt … Hast wohl nun genug daran geschleckt?« sagte ein runzliger Schreiber, gerade als der Franzose zu weinen anfing, und blickte sich rings um, sichtlich auf Beifall für seinen Scherz wartend. Einige lachten, andere fuhren fort, erschrocken dem Scharfrichter zuzusehen, der jetzt den zweiten Franzosen auszog.

Pierre schnaufte, machte ein finsteres Gesicht, wandte sich jäh um und eilte zu seinem Wagen zurück, wobei er, während er zurücklief und sich in den Wagen setzte, ununterbrochen etwas vor sich hinmurmelte. Unterwegs fuhr er ein paarmal zusammen und rief so laut etwas vor sich hin, daß der Kutscher ihn fragte: »Der Herr befehlen?«

»Wohin fährst du denn?« schrie ihn Pierre an, als dieser auf die Lubjanka hinausbog.

»Zum Oberkommandierenden, wie befohlen«, erwiderte der Kutscher.

»Du Esel! Du Rindvieh!« schrie ihn Pierre an, obgleich es bei ihm selten vorkam, daß er auf seinen Kutscher schimpfte. »Nach Hause zu fahren habe ich befohlen, aber schneller, du Querkopf!«

Heute noch muß ich fort, murmelte Pierre vor sich hin.

Beim Anblick der bestraften Franzosen und der die Richtstätte umlagernden Menge hatte Pierre so endgültig den Entschluß gefaßt, daß er nicht länger in Moskau bleiben könne und noch heute bei der Armee eintreten müsse, daß es ihm schien, als habe er es entweder dem Kutscher gesagt oder als müsse es dieser von selber wissen.

Nach Hause zurückgekehrt, befahl er seinem allwissenden, alles vermögenden und in ganz Moskau bekannten Oberkutscher Ewstafjewitsch, seine Reitpferde nach Moshaisk zu bringen, da er noch heute nacht dorthin zur Armee abreisen werde. Doch konnte dies alles nicht mehr am selben Tag erledigt werden, und so sah sich Pierre auf die Vorstellungen Ewstafjewitschs hin genötigt, seine Abreise bis auf den nächsten Tag zu verschieben, um Ersatzpferde vorausschicken zu können.

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165

den großen Luftballon, den Leppich: 1812 baute Franz Leppich, ein Bauer aus Holland, auf russische Staatskosten einen Luftballon »um die Armee Napoleons aus der Luft zu vernichten«. Ein Jahr zuvor hatte er seine Dienste bereits Napoleon angeboten, der ihn aber aus Frankreich ausweisen ließ. Im November war der Ballon fertig, konnte aber nicht aufsteigen, weil die Hülle undicht war – Leppich verschwand spurlos.

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166

Bolotnajaplatz: Platz auf der Moskwa-Insel.

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167

vor der Richtstätte: dem Lobnoje Mesto auf dem Roten Platz.

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