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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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Sie verbarg ihr tränenüberströmtes Gesicht und sagte schluchzend: «Ich weine, und du freust dich!»

«So meine ich das doch nicht», sagte Giovanni, dem auf einmal die Worte zuströmten. «Ich freue mich, daß du hier bist. Wirklich, Giannina. Ich dachte nur, daß es dir hier nicht mehr so richtig gefällt… Nun komm nur. Da habe ich doch einfach mein Werkzeug ins Gras geworfen. Wenn das Meister Benedetto wüßte!»

Er nahm ihre Hände vom Gesicht. «Lachst ja schon wieder», sagte er froh.

SALZ

FAST ZUR GLEICHEN STUNDE, DA DER DOGE Reniero Zeno nach fast sechzehnjähriger Regierungszeit eines natürlichen Todes starb, war die Amtsperiode Pietro Boccos als Patrone dell'Arsenale abgelaufen. Er war zweiunddreißig Monate, wie das Gesetz es vorschrieb, im Amt gewesen und am 17. Juli 1268 abgelöst worden.

Messer Pietro Bocco wohnte nun nicht mehr in der «Hölle», dem düsteren Palast innerhalb der dicken Mauern des Arsenals, sondern hatte sein Haus an einem Nebenarm des Canal Grande bezogen. Er fühlte sich wieder freier und begann seine Kräfte zu regen. Der Tod der Signora Polo und seine Einsetzung als Vormund und Vermögensverwalter waren ihm sehr gelegen gekommen.

Er hatte den Schreiber Luigi Farino, der ihm mit unbequemen Worten auf den Leib gerückt war, beseitigen lassen und war auch fernerhin bereit, alle Hindernisse mit List und Gewalt aus dem Wege zu räumen. Seinen Neffen Marco Polo glaubte er beim Bruder Lorenzo in den richtigen Händen.

Er hatte die Absicht, sich demnächst Paolo näher anzusehen, der nach seiner Ansicht zu vertrauten Umgang mit dem Knaben hatte. Der Diener gefiel ihm nicht. Zwar besaß Pietro Bocco keinen Beweis, der seinen unbestimmten Verdacht, den er gegen Paolo hegte, bestätigte, aber rein aus dem Gefühl heraus spürte er, daß der Diener mehr wußte, als ihm zuträglich war. Im Augenblick jedoch beschäftigte ihn eine andere Sache so stark, daß alles, was nicht unmittelbar damit verbunden war, dahinter zurücktrat.

Pietro Bocco hatte eben seinen Secretario, der eine Liste eingekaufter Waren vorgelegt hatte, weggeschickt und ging nun im Zimmer auf und ab. In seinem langschädeligen Kopf arbeiteten die Gedanken. Unmerklich bewegten sich die Falten auf seiner hohen Stirn, und die zusammengezogenen Augenbrauen wölbten sich wie ein gewitterdrohendes Wolkendach über der senkrechten Nasenkerbe. Er dachte an die fünfzehn prall gefüllten Salzsäcke, die in seinem Lager ruhten, und an eine mit verwegenen Männern besetzte Barke, die nachts ungesehen den Ring der Schergenboote passierte.

Ein gefährliches Unternehmen, das Gefängnis und Verbannung, aber auch tausend Dukaten Gewinn einbringen konnte.

Der weiche Teppich mit dem orientalischen Muster schluckte den Laut der Schritte des rastlos auf und ab gehenden Mannes.

Furcht, Pietro Bocco? fragte er sich. Sein Mund verzog sich zu einem verächtlich-spöttischen Lachen. Die Furcht wäre ein schlechter Berater für seine hochfliegenden Pläne. Aber sie war doch vorhanden, auch wenn er sie vor sich selbst verbarg. Wie ein kleines Raubtier hockte sie in einer Gedankenhöhle und versuchte seine Kräfte zu lähmen. Oder war es sein Gewissen, das an verschlossene Türen klopfte?

Wieder erschien auf dem Gesicht des Mannes das lautlose Lachen und entstellte seine regelmäßigen Züge.

Gewissen? Was taugte in dieser Zeit, wo der Dukatenstrom die Herzen verschloß, das Gewissen?

Verbannung und Gefängnis drohten, wenn das Unternehmen mißglückte.

Tausend Dukaten lockten!

Pietro Bocco war sich längst darüber klar, daß er sich dieses Geschäft nicht entgehen lassen würde. Ein Narr wäre er!

Gewaltsam befreite er sich von den unbequemen Gedanken. Er besaß neben seinem ungebärdigen Ehrgeiz eine reiche Vorstellungskraft, die ihm schon oft über kleinmütige Augenblicke hinweggeholfen hatte.

Die Sonne warf den Schatten des Fensterkreuzes auf Tisch und Teppich.

Pietro Bocco bemerkte es nicht.

Der Wind strich heulend an den Mauern vorbei, das gewohnte Geräusch kleiner Wellen und menschlicher Rufe tönte in den Ohren. Pietro Bocco hörte es nicht.

Messer Pietro Bocco träumte davon, zum höchsten Amt, das die Republik an einen Mann von bürgerlicher Herkunft zu vergeben hatte, aufzusteigen.

Er geht in Purpur gekleidet, wie der Doge und seine Räte, und genießt alle Vorrechte des Adels. Die goldene Stola hebt sich prächtig von seinem Gewand ab, Himmel und Wasser vereinen sich zu einer Symphonie von Farbe und Licht, blumengeschmückte Boote schwimmen auf den Kanälen, die Piazza ist von festlich gekleideten Menschen belebt — ein buntes, lärmendes Gewimmel, übertönt vom Klang der Glocken auf dem Campanile!

Rufe kommen aus der vieltausendköpfigen Menge: «Es lebe Pietro Bocco!»

«Es lebe der Großkanzler Pietro Bocco!»

Er ist auf Lebenszeit gewählt und Kavalier von San Marco geworden. Er bekommt den Titel Exzellenz und hat den Vortritt vor allen Senatoren und Gerichtsbeamten der Stadt, ausgenommen die Räte des Dogen und die Prokuratoren von San Marco. Er ist im Besitz des großen Siegels der Republik und hat teil an allen Staatsgeheimnissen. Er — er — er! Der Großkanzler Pietro Bocco! «Seht, wie stolz er schreitet!» «Wirkt er nicht vornehmer als selbst der Doge?» Die Flagge der Republik mit dem goldenen Löwen weht am Dogenpalast und an den anderen öffentlichen Gebäuden.

Dieses ist die höchste Stufe, die ein Sterblicher vom Stande Pietro Boccos erklimmen kann. Sein Amt ist das einträglichste in der ganzen Republik von San Marco. Der Senat setzt ihm neben laufenden Einkünften von 9000 bis 10 000 Dukaten noch eine Besoldung von 3000 Dukaten aus.

Pietro Bocco fuhr sich mit einer abwesenden Handbewegung über die Stirn und hielt in seiner Wanderung inne. Ein Klopfen hatte ihn aus seinen Träumen gerissen. In seine Augen trat ein kalter Glanz, als die Tür geöffnet wurde und ein Diener den Besuch des Barkenführers Matteo, der sich stolz Kapitän nannte, meldete.

«Sag, er solle warten!» befahl Pietro Bocco und setzte seine Wanderung fort.

Mit wachen Sinnen überlegte er weiter. Der Zukunftstraum schien ihn verjüngt zu haben. Überhaupt fühlte er sich frischer und unternehmungslustiger, seitdem er nicht mehr im Arsenal vergraben, den strengen, eintönigen Dienst zu leisten brauchte. Wenn er zurückdachte, wie grau und ermüdend die zweiunddreißig Monate gewesen waren, befiel ihn noch heute ein kalter Schauer.

Und er hatte sogar daran gedacht, weitere zweiunddreißig Monate im Amt zu bleiben.

Aber die Zeit war doch nicht verloren gewesen, sondern hatte mancherlei nützliche Bekanntschaften und Verbindungen gebracht. Er hatte auf diese Weise auch den Barkenbesitzer Matteo kennengelernt und von ihm schon einige nützliche Dienste erfahren. Matteo, der auf die Anrede Kapitän großen Wert legte, war ein verwegener Bursche, der die Lagune und die Castellos wie seine Handteller kannte und auf den Segelregatten, die jedes Jahr durchgeführt wurden, die ersten Preise holte. Man sagte scherzhaft von ihm, daß er mit den Windgeistern einen Kontrakt geschlossen hätte. Irgendwie erwischte er selbst bei Flaute noch ein Zipfelchen Wind, das gerade genügte, um ihn zu seinem Bestimmungsort zu bringen. Man flüsterte sich aber auch andere Bemerkungen über Kapitän Matteo zu.

Pietro Bocco öffnete die Tür und rief den Diener. «Kapitän Matteo soll kommen!»

Mit den breiten, wiegenden Schritten des Seemannes trat der untersetzte, etwa fünfzigjährige Matteo ein. Er hielt die Mütze in der Hand und blinzelte gegen die Sonne, die voll auf sein Gesicht schien. «Ihr wünscht mich zu sprechen, Messer Bocco?»

Pietro Bocco begrüßte ihn herzlich. «Willkommen in meinem Hause, Kapitän Matteo.» Er klatschte in die Hände. Der Diener erschien in der Tür.

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