Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
«Iß nur, damit du stark wirst und große Schiffe bauen kannst.» Er griff unter die Bank und warf einen Holzkloben ins Feuer. Gierig beleckten ihn die Flammen. Das Wasser in den Poren verdampfte und sprengte knisternd die engen Hüllen.
«Ihr kommt doch mit, Papa?» fragte Giovanni, mit vollen Backen kauend. «Wie gut die Wurst schmeckt! Wenn ich erst Geld verdiene, werden wir oft Wurst essen…»
«Ich will noch ein wenig allein sein. Geh nur, mein Junge!»
Der Herbststurm tobte die ganze Nacht hindurch. Am anderen Morgen aber brach die Sonne durch das graue Gewölk und schmückte den Himmel in den schönsten Farben.
Marco hatte bei Giovanni geschlafen, lange hatten sich die Freunde noch unterhalten. Es war so schön, im Bett zu liegen, wenn der Wind ums Haus heulte und an den Fensterläden rüttelte.
Nun lag die Insel still im ersten Morgenschein und hielt stumme Zwiesprache mit den flüsternden Wellen.
Ernesto, der seit seinem Unfall wenig Schlaf fand, war schon aufgestanden und hantierte in der Küche. Er machte Feuer an und hängte den mit Wasser gefüllten Kupferkessel über die Flammen. Bald kam Paolo aus dem Nachbarhaus, um Marco zu wecken. Sie wollten so früh wie möglich zurückfahren, damit Pietro Bocco von dem nächtlichen Ausbleiben nichts merkte. «Ich komme bald wieder», sagte Marco zum Abschied.
Giovanni blickte den beiden nach. Marco, schlank und biegsam, war nur einen halben Kopf kleiner als der Diener.
Auch Giannina war früh aufgestanden. Sie blieb noch einen Tag in Murano, um ihrer Mutter, die sich nicht wohl fühlte, bei der Wäsche zu helfen. Als sie in den Garten hinausging, sah sie in der Ferne den Freund mit dem Diener.
«Ihr geht schon», rief sie ihnen nach, «und habt euch noch nicht einmal verabschiedet?»
Marco winkte und schrie etwas, seine Worte waren nicht mehr zu verstehen.
Weiße Wolkenberge umgaben in einem Halbkreis schützend die Sonne. Giannina stützte sich mit den Händen auf einen Holzpfosten, legte das Kinn darauf und sah, ein wenig verträumt, den Freunden nach.
Giovanni stand unbemerkt an der Gartentür. Er wollte rufen, brachte aber kein Wort heraus.
Wie lange hatte er Giannina nicht gesehen? Vier Wochen waren es wohl gewesen. Im hellen Licht des Morgens bemerkte er plötzlich, daß sie sich irgendwie verändert hatte. Ihr Gesicht schien neue Linien und Farben bekommen zu haben. Es war ganz ungewöhnlich, die lebhafte Giannina so still und versonnen zu sehen. Woran dachte sie?
Ein feiner Schmerz, dessen Ursache er nicht deuten konnte, kündigte sich an.
Marco und Paolo waren längst nicht mehr zu sehen. Gianninas Gesicht war weich und träumerisch, vor ihren Augen schimmerte ein goldener Sonnenschleier. Eine angenehme Müdigkeit breitete sich über ihren Körper aus.
Sie glaubt ihn noch immer zu sehen, dachte Giovanni. Wie kann es auch anders sein? Er ist schlank und trägt schöne Kleider…
Wagenräder drehten sich über Sand und Steine. Das Geräusch näherte sich. Rufe tönten durch den Morgen. Giovanni wandte den Kopf.
«Lauf, mein Böckchen, lauf!» Der alte Francesco kam und trieb mit munteren Rufen den Ziegenbock an, den er wie ein Pferdchen vor seinen Handwagen gespannt hatte. «Lauf, mein Böckchen, lauf!» Das Böckchen senkte den Kopf und legte sich in die Zügel.
Giannina erwachte aus ihren Träumen, lief grüßend an Francesco vorbei und stand nun unerwartet vor Giovanni.
«Ach, Giovanni», sagte sie und breitete die Arme aus, «ich bin ja so froh, daß ich hier bin!»
«Marco ist nun weg», erwiderte er mit abwesendem Gesichtsausdruck. Er konnte die träumerisch in die Ferne gerichteten Augen Gianninas, die ihn jetzt lebhaft und forschend ansahen, nicht vergessen.
«Ich muß zum Meister Benedetto», sagte er und wollte ins Haus hineingehen. Doch Giannina hielt ihn zurück. «Was hast du nur, Giovanni?» fragte sie.
Er senkte die Augen und empfand mit einemmal ein unbehagliches Schuldgefühl. «Ich wollte dich nicht stören», begann er stockend. Er hätte sich selbst ohrfeigen können über diese Worte, die gegen seinen Willen über die Lippen geschlüpft waren.
«Ich verstehe dich nicht», rief Giannina aus. «Du stehst da, steif wie ein Stock, und redest so merkwürdig.»
Der Ärger in Gianninas Stimme steigerte seine Verwirrung, so daß er keinen Rat mehr wußte, als sich umzudrehen und schweigend ins Haus zu gehen.
Nach einer Weile kam er mit einem Bündel, in dem sich sein Werkzeug befand, wieder heraus. Seine Hoffnung, Giannina im Garten zu treffen, erfüllte sich nicht. Er wußte wohl, daß er sich wie ein Esel benommen hatte, brachte es aber nicht fertig, einfach in das Nachbarhaus zu gehen, um mit einigen Worten das herzliche Verhältnis wiederherzustellen.
Der Weg führte einen Hügel hinan. Von der Anhöhe hatte man einen weiten Blick auf die silbern schimmernde Lagune. Giovanni sah das Wasser, ohne von seiner Schönheit berührt zu werden.
Zwei schlanke Pappeln standen vor der kleinen Brücke, die über einen schmalen Nebenarm des Kanals führte. Das Laub zitterte. Zwischen den hohen Bäumen, mitten auf dem Weg, wartete Giannina. Sie war nachdenklich vorausgegangen. Erst hatte sie ins Haus gehen wollen, aber dann war ihr mit einemmal klargeworden, daß sie Giovanni nicht böse sein durfte.
Als er jetzt auf sie zukam, klopfte ihr Herz; es war, als dringe die Sonne in ihre Gedanken und Gefühle ein. Sie stand zwischen den Pappeln, das Gesicht dem Freund zugewandt, der nur noch wenige Schritte entfernt war.
Giovanni blickte auf und blieb überrascht stehen. Er nahm sein Bündel von einer Hand in die andere und beobachtete einen Spatz, der wie ein Federball auf dem Brückengeländer herumhüpfte. Vor ihm stand Giannina und sagte:
«Ich stehe hier schon eine ganze Weile und warte auf dich. Wenn du willst, begleite ich dich ein wenig.»
Der Spatz flog auf und verschwand im Laub der Pappeln. «Vorhin habe ich daran gedacht, wie schön es wäre, wenn ich immer hierbleiben könnte», sagte Giannina.
Giovannis Gesicht war brennend rot geworden. Er sah an Giannina vorbei und prägte sich, ohne daß er es wollte, nebensächliche Einzelheiten ein: Das Geländer der Brücke war an einer Stelle beschädigt, der Pfahl, der es stützte, hing schräg über dem Wasser und spiegelte sich darin. Ein Fisch sprang plätschernd über die Oberfläche und verursachte kreisförmige Kringel, die über das Wasser huschten und wie eine sterbende Melodie verebbten.
Giovanni hüstelte.
«Der Wind ist ja nun vorbei», sagte er endlich.
Das Mädchen beugte sich nieder und pflückte eine rote Herbstblume. «Meister Benedetto wird warten», sagte sie.
Giovanni spürte am Klang ihrer Stimme die leise Ungeduld und suchte angestrengt nach den richtigen Worten, um die aufsteigende Verstimmung zu verscheuchen. Das Nachdenken fältelte seine Stirn und gab dem Gesicht ein ernstes Aussehen.
Giannina hatte sich die Begegnung mit dem Freund anders vorgestellt. Sie glaubte Kälte und Abweisung in seinen Zügen zu lesen. Was war nur in den vergangenen vier Wochen geschehen? Warum hatte Giovanni sich so verändert? Angst, Scham, ein feiner, ziehender Schmerz und Zorn kämpften in ihr und drängten die Worte auf ihre Lippen:
«Ich werde dich nicht länger stören. Kannst es mir ja sagen, wenn du nichts mehr von mir wissen willst!»
Plötzlich traten ihr die Tränen in die Augen. Doch Giovanni sollte ihren Schmerz nicht sehen. Sie drehte sich um und lief davon, als verfolge sie ein böser Geist.
«Giannina!» rief Giovanni mit angsterfüllter Stimme. «Warte doch!» Er warf sein Werkzeugbündel ins Gras und jagte hinter dem Mädchen her. Alle Unsicherheit war mit einemmal verschwunden; während er rannte, kamen ihm schon die ersten Worte in den Sinn. Und als er Giannina eingeholt hatte und am Arm festhielt, sagte er, noch ganz außer Atem: «Das ist doch alles ganz anders, Giannina. Ich freue mich so!»