Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Ich besinne mich auf alles bis zur letzten Kleinigkeit. Unterwegs begegnete uns ein Kleinbürger mit einem Bärtchen; er blieb stehen und steckte die Hand in die Tasche. Von unserer Gruppe löste sich sofort ein Arrestant, zog die Mütze, nahm das Almosen, es waren fünf Kopeken, und kehrte schnell zu den übrigen zurück. Der Kleinbürger bekreuzigte sich und zog seinen Weg weiter. Diese fünf Kopeken wurden am gleichen Morgen in Semmeln angelegt, die unter der ganzen Gruppe zu gleichen Teilen verteilt wurden.
In unserer Gruppe waren die einen Arrestanten wie gewöhnlich mürrisch und wortkarg, die andern gleichgültig, und matt, während andere wieder träge miteinander plauderten. Einer war aus irgendeinem Grunde furchtbar froh und lustig; er sang und tanzte sogar fast unterwegs, bei jedem Sprunge mit den Ketten klirrend. Es war derselbe kleingewachsene, kräftige Arrestant, der sich am ersten Morgen meines Zuchthauslebens mit einem anderen beim Waschen am Wassereimer gezankt hatte, weil jener es wagte, von sich dummerweise zu behaupten, daß er ein Enterich sei. Dieser lustige Bursche hieß Skuratow. schließlich stimmte er ein flottes Lied an, von dem ich noch den Refrain in Erinnerung habe:
Als man meine Hochzeit machte,
War ich selbst gar nicht dabei.
Es fehlte nur noch eine Balalaika.
Seine ungewöhnlich lustige Gemütsverfassung erregte natürlich sofort bei Einigen in unserer Gruppe Entrüstung und wurde fast als eine Beleidigung aufgefaßt.
»Da heult er schon wieder!« versetzte vorwurfsvoll ein Arrestant, den die Sache übrigens gar nicht anging.
»Der Wolf hat nur ein einziges Lied gekannt, und das hast du ihm gestohlen, du Tula'er!« bemerkte ein anderer von den mürrischen Gesellen mit kleinrussischer Aussprache.
»Mag ich ein Tula'er sein,« entgegnete Skuratow auf der Stelle, »aber euch in Poltawa ist ein Mehlkloß im Halse stecken geblieben.«
»Lüge nur! Und was hast du selbst gegessen? Hast mit dem Bastschuh Kohlsuppe gelöffelt.«
»Und jetzt füttert ihn der Teufel mit Kanonenkugeln,« setzte ein dritter hinzu.
»Ich bin in der Tat ein verzärtelter Mensch, Brüder,« antwortete Skuratow mit einem leichten Seufzer, als bedauerte er selbst seine Verzärtelung, sich an alle zusammen und an keinen einzelnen wendend. »Ich bin von Kind auf mit Backpflaumen und preußischen Semmeln großgezogen worden. Meine leiblichen Brüder in Moskau haben auch heute noch einen Laden in der Luftstraße, sie handeln mit Winden und sind reiche Kaufleute.«
»Womit hast aber du gehandelt?«
»Ich habe verschiedenes versucht. Damals bekam ich, Brüder, die ersten zweihundert...«
»Rubel?« fiel ihm ein Neugieriger ins Wort, der sogar zusammenfuhr, als er von einem solchen Betrag hörte.
»Nein, lieber Freund, nicht Rubel, sondern Ruten. Luka, du, Luka!«
»Für manchen heiße ich Luka, aber für dich Luka Kusmitsch,« erwiderte verdrießlich ein kleiner, schmächtiger Arrestant mit einem spitzen Näschen.
»Gut, von mir aus Luka Kusmitsch, hol dich der Teufel.«
»Für manche heiße ich Luka Kusmitsch, aber für dich Onkelchen.«
»Na, hol dich der Teufel mitsamt dem Onkelchen, es lohnt sich gar nicht, mit dir zu reden! Aber ich wollte dir etwas Schönes sagen. So kam es also, Brüder, daß ich nur kurze Zeit in Moskau blieb; man gab mir zum Abschied fünfzehn Knutenhiebe und schickte mich her. So bin ich hier...«
»Warum hat man dich denn hergeschickt?« unterbrach ihn einer, der der Erzählung aufmerksam gelauscht hatte.
»Man soll eben nicht in die Quarantäne gehen, man soll nicht aus dem Faß saufen, man soll nicht Billard spielen. So hatte ich in Moskau nicht Zeit gehabt, Brüder, richtig, reich zu werden. Ich wollte aber so gern reich werden. So sehr wollte ich es, daß ich es gar nicht sagen kann.«
Viele lachten. Skuratow gehörte offenbar zu den freiwilligen Spaßmachern oder, richtiger gesagt, Hanswursten, die es sich zur Pflicht machten, ihre mürrischen Kameraden zu erheitern und dafür natürlich nichts außer Flüchen ernteten. Er gehörte zu einem besonderen, interessanten Typus, von dem ich vielleicht später noch zu reden haben werde.
»Man könnte dich ja jetzt schon statt eines Zobels totschlagen,« bemerkte Luka Kusmitsch. »Deine Kleider allein haben einen Wert von hundert Rubeln.«
Skuratow trug einen sehr alten und abgetragenen Schafpelz, der über und über mit Flicken bedeckt war. Er betrachtete ihn ziemlich gleichgültig, aber aufmerksam von oben bis unten.
»Dafür ist mein Kopf viel wert, Brüder, mein Kopf!« antwortete er. »Als ich mich von Moskau verabschiedete, war mein einziger Trost, daß ich meinen Kopf mitnehmen durfte. Leb wohl, Moskau, ich danke dir für das Dampfbad und für die freie Luft, schön haben sie mich dort zugerichtet! Meinen Pelz brauchst du aber nicht anzuschauen, lieber Freund...«
»Soll ich etwa deinen Kopf anschauen?«
»Auch sein Kopf gehört ihm nicht, den hat man ihm als Almosen geschenkt,« mischte sich wieder Luka ein. »Man hat ihn ihm unterwegs in Tjumenj im Namen Christi geschenkt.«
»Du hast wohl irgendein Handwerk gehabt, Skuratow?«
»Was für ein Handwerk! Ein Blindenführer ist er gewesen, hat seinen Blinden die Kieselsteine, die man ihnen statt eines Almosens gab, gestohlen,« bemerkte einer von den Mürrischen: »Das ist sein ganzes Handwerk.«
»Ich habe wirklich versucht, Stiefel zu nähen,« entgegnete Skuratow, der die beißende Bemerkung gar nicht beachtete, »aber ich habe bisher nur ein Paar fertiggebracht.«
»Nun, hat man es dir abgekauft?«
»Ja, es fand sich solch ein Mann, hat keine Gottesfurcht im Herzen gehabt, hat Vater und Mutter nicht geehrt; Gott hat ihn dafür gestraft, und er hat mir die Stiefel abgekauft.«
Alle um Skuratow herum wälzten sich vor Lachen.
»Dann habe ich noch einmal gearbeitet, das war schon hier,« fuhr Skuratow außerordentlich kaltblütig fort. »Ich habe dem Herrn Leutnant Stepan Fjodorytsch Pomorzew ein Paar Stiefel mit Kappen versehen.«
»Nun, war er zufrieden?«
»Nein, Brüder, unzufrieden. Er hat auf mich geschimpft, daß es für tausend Jahre langt, und mir außerdem einen Fußtritt gegeben. Er war schon sehr zornig. Ach, betrogen hat mich mein Leben, dieses Zuchthausleben!
Etwas später, etwas später,
Kam Akuljkas Mann ins Haus...«
Er fing plötzlich wieder zu singen an und dazu mit den Füßen zu stampfen.