Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Und in der Tat: wollte die Genossenschaft in einer solchen Sache auch nur ein einziges Mal Nachsicht üben, so würde die ganze Einrichtung des Namentausches ein Ende nehmen. Wenn man sein Versprechen auch nicht halten und das Geschäft, nachdem man das Geld angenommen, rückgängig machen kann, wer wird dann noch seine Verpflichtung erfüllen? Es steht, mit einem Worte, das Interesse der ganzen Genossenschaft auf dem Spiele, und darum ist der Trupp in solchen Dingen sehr streng. Ssuschilow sieht endlich ein, daß er sich nicht mehr losbeten kann, und entschließt sich, auf alles einzugehen. Dies wird dem ganzen Trupp mitgeteilt; wenn es notwendig ist, wird noch mancher andere Arrestant beschenkt und traktiert. Dem andern ist es natürlich ganz gleich, ob Ssuschilow oder Michailow zum Teufel geht; außerdem ist der Branntwein ausgetrunken, also wird er schweigen. Auf der nächsten Etappe wird ein Namensappell vorgenommen; die Reihe kommt auf Michailow: »Michailow!« Ssuschilow antwortet: »Hier!« – »Ssuschilow!« Michailow schreit: »Hier!«, und sie wandern weiter. Niemand spricht mehr darüber. In Tobolsk werden die zur Ansiedlung Verschickten abgesondert. Der »Michailow« kommt zur Ansiedlung, und »Ssuschilow« wird unter verstärkter Eskorte nach der »Besonderen Abteilung« transportiert. Jetzt ist keinerlei Protest mehr möglich; wie sollte man es auch beweisen? Wieviel Jahre wird sich so eine Sache hinziehen? Was für eine Strafe riskiert man dafür? Und wo sind schließlich die Zeugen? Selbst wenn solche vorhanden sind, werden sie alles leugnen. Und so bleibt als Resultat, daß Ssuschilow für einen Silberrubel und ein rotes Hemd in die »Besondere Abteilung« gekommen ist.
Die Arrestanten machten sich über Ssuschilow lustig, nicht weil er getauscht hatte (obwohl man diejenigen, die eine leichtere Arbeit für eine schwerere eingetauscht haben, im allgemeinen als hereingefallene Dummköpfe verachtete), sondern weil er sich mit einem roten Hemd und einem Silberrubel, also einen allzu geringen Lohn, begnügt hatte. Gewöhnlich wird solch ein Tausch für hohe, natürlich nur eine verhältnismäßig hohe Bezahlung vorgenommen. Es werden dafür sogar zwanzig und mehr Rubel bezahlt. Aber Ssuschilow war so widerstandlos, so unpersönlich und in aller Augen so unbedeutend, daß man über ihn eigentlich nicht einmal lachen sollte.
Schon lange, seit mehreren Jahren, lebte ich mit Ssuschilow zusammen. Er schloß sich mir allmählich außerordentlich an; ich mußte es sehen, da auch ich mich an ihn gewöhnt hatte. Aber einmal, – ich werde es mir niemals verzeihen – traf es sich, daß er einen meiner Aufträge, für den er schon das Geld bekommen hatte, nicht ausführte und ich die Grausamkeit hatte, ihm zu sagen: »Sehen Sie, Ssuschilow, Sie nehmen das Geld, tun aber Ihre Pflicht nicht.« Ssuschilow erwiderte darauf nichts, besorgte schnell meinen Auftrag, wurde aber plötzlich auffallend traurig. Es vergingen zwei Tage. Ich dachte mir: es kann doch nicht sein, daß meine Worte auf ihn solchen Eindruck gemacht haben. Ich wußte, daß ein anderer Arrestant, ein gewisser Anton Wassiljew von ihm mit großer Hartnäckigkeit eine Schuld von wenigen Kopeken mahnte. Also hat er wohl kein Geld und traut sich nicht, mich um welches zu bitten. Am dritten Tage sage ich zu ihm: »Ssuschilow, ich glaube, Sie wollten mich um Geld für Anton Wassiljew bitten? Hier haben Sie es.« Ich saß auf der Pritsche; Ssuschilow stand vor mir. Er war wohl sehr verblüfft, daß ich ihm selbst Geld anbot und an seine schwierige Lage dachte, um so mehr, als er in der letzten Zeit, wie er glaubte, gar zu viel Geld von mir genommen hatte und folglich gar nicht zu hoffen wagte, daß ich ihm noch mehr gebe. Er sah erst das Geld, dann mich an, wandte sich um und ging hinaus. Dies versetzte mich in Erstaunen. Ich folgte ihm und fand ihn hinter den Kasernen. Er stand am Palisadenzaune, das Gesicht zum Zaune gewandt und sich mit der Hand gegen die Palisaden stützend. »Ssuschilow, was haben Sie?« fragte ich ihn. Er sah mich nicht an, und ich merkte zu meinem größten Erstaunen, daß er nahe daran war, in Tränen auszubrechen. »Alexander Petrowitsch... Sie glauben...« begann er mit stockender Stimme und bemühte sich, zur Seite zu blicken, »daß ich Ihnen... des Geldes wegen... aber ich... ich... ach!« Er wandte sich wieder zum Palisadenzaun um, so daß er sogar mit der Stirn an ihn stieß, und fing plötzlich zu schluchzen an!... Es war das erstemal, daß ich im Zuchthause einen Menschen weinen sah. Ich tröstete ihn mit großer Mühe, aber obwohl er mir von nun an womöglich noch eifriger diente und um mich sorgte, sah ich ihm doch an einigen, kaum merklichen Anzeichen an, daß sein Herz mir meinen Vorwurf niemals zu verzeihen vermochte. Die andern machten sich aber über ihn lustig, kränkten ihn bei jeder Gelegenheit, schimpften auf ihn zuweilen kräftig, und doch lebte er mit ihnen in Freundschaft und nahm ihnen nichts übel. Ja, es ist zuweilen sehr schwer, einen Menschen genau kennenzulernen, selbst wenn man schon viele Jahre mit ihm verkehrt!
Darum konnte ich auch nicht auf den ersten Blick den wahren Eindruck vom Zuchthause bekommen, den ich erst später gewann. Darum sagte ich auch, daß ich, obwohl ich alles mit einer so gierigen und intensiven Aufmerksamkeit beobachtete, dennoch vieles nicht sehen konnte, was ich dicht vor meiner Nase hatte. Natürlich frappierten mich zuerst die besonders auffallenden Erscheinungen, aber auch diese faßte ich vielleicht falsch auf, so daß sie in meiner Seele nur einen schweren, trostlos traurigen Eindruck hinterließen. Sehr viel trug dazu meine Begegnung mit dem Arrestanten A–ow bei, der kurz vor mir ins Zuchthaus gekommen war und der auf mich gleich in den ersten Tagen einen besonders qualvollen Eindruck machte. Ich hatte übrigens schon vor meiner Ankunft im Zuchthause gewußt, daß ich da den A–ow treffen würde. Er vergiftete mir die erste schwere Zeit und vergrößerte meine Seelenqualen. Ich kann ihn nicht mit Schweigen übergehen.
Er stellte das abstoßendste Beispiel dafür dar, bis zu welchem Grade ein Mensch sinken und herunterkommen und in sich jedes sittliche Gefühl ohne Mühe und ohne Reue ertöten kann. A–ow war der junge Mann adliger Abstammung, von dem ich schon sagte, daß er unserm Platzmajor alles hinterbrachte, was im Zuchthause geschah, und mit dessen Burschen Fedjka befreundet war. Hier ist seine kurze Geschichte. Ohne irgendeine Schule absolviert zu haben, kam er nach einem Zank mit seinen Angehörigen in Moskau, die er durch seinen lasterhaften Lebenswandel erschreckt hatte, nach Petersburg und ließ sich hier, um Geld zu beschaffen, zu einer gemeinen Denunziation herbei, d.h. er entschloß sich, das Blut von zehn Menschen zu verkaufen, um seinen unstillbaren Durst nach den rohesten und gemeinsten Genüssen sofort befriedigen zu können; Petersburg hatte ihn mit seinen Konditoreien und verrufenen Straßen dermaßen verdorben und in ihm eine solche Gier nach derartigen Genüssen geweckt, daß er, obwohl er sonst gar nicht dumm war, eine wahnsinnige Sache riskierte. Er wurde bald überführt; er verwickelte in seine Denunziation völlig unschuldige Menschen, betrog die andern und wurde deswegen für zehn Jahre nach Sibirien in unser Zuchthaus geschickt. Er war noch sehr jung, sein Leben fing erst eben an. Man sollte doch annehmen, daß diese schreckliche Wendung in seinem Schicksale auf ihn einen starken Eindruck machen und in seiner Natur irgendeine Reaktion wecken müßte. Er nahm aber sein neues Schicksal ohne jede Erschütterung, sogar ohne jeden Abscheu hin, empfand vor ihm keinerlei sittliche Empörung und erschrak vor nichts, höchstens vor der Notwendigkeit, zu arbeiten und den Konditoreien und den verrufenen Straßen Lebewohl sagen zu müssen. Es schien ihm sogar, daß seine Stellung eines Zuchthäuslers ihm die Freiheit gab, noch größere Gemeinheiten zu begehen. »Ein Zuchthäusler ist eben ein Zuchthäusler; und wenn man ein Zuchthäusler ist, so darf man jede Gemeinheit tun und braucht sich nicht zu schämen.« Das war buchstäblich seine Ansicht. Ich denke an dieses widerliche Geschöpf als an ein seltenes Phänomen zurück. Ich habe mehrere Jahre unter Mördern, Wüstlingen und den schlimmsten Verbrechern zugebracht, behaupte aber mit aller Entschiedenheit, noch nie im Leben eine so völlige sittliche Verkommenheit und eine so freche Niedrigkeit gesehen zu haben wie bei diesem A–ow. Wir hatten einen andern Adligen, der seinen Vater ermordet hatte; ich habe ihn schon erwähnt; aber viele Züge und Tatsachen überzeugten mich, daß sogar er unvergleichlich edler und menschlicher war als dieser A–ow. Während meines ganzen Aufenthaltes im Zuchthause war A–ow für mein Gefühl nur ein Stück Fleisch mit Zähnen und einem Magen und einem unstillbaren Durst nach den rohesten, tierischsten körperlichen Genüssen; um sich auch den geringsten dieser Genüsse zu verschaffen, war er imstande, vollkommen kaltblütig einen Mord und jedes Verbrechen zu begehen, wenn nur die Sache verborgen bliebe. Ich übertreibe nicht; ich habe diesen A–ow gut kennengelernt. Er lieferte ein Beispiel dafür, welches Übergewicht das Fleischliche am Menschen erhalten kann, wenn es durch keinerlei Norm oder Gesetz gebunden ist. So ekelhaft war mir sein ewiges spöttisches Lächeln. Er war ein Monstrum, ein moralischer Quasimodo. Man stelle sich dabei vor, daß er verschlagen und klug, auch hübsch war und sogar über einige Bildung und gute Fähigkeiten verfügte. Nein, besser ist schon eine Feuersbrunst, eine Seuche und eine Hungersnot als solch ein Mensch in der Gesellschaft. Ich sagte schon, daß im Zuchthause alle so tief gesunken waren, daß Spionage und Denunziation in hoher Blüte standen und keinen Protest erregten. Im Gegenteil, alle verkehrten mit A–ow sehr freundschaftlich und behandelten ihn viel freundlicher als uns. Die Gunst, die ihm unser versoffener Major erwies, verlieh ihm in den Augen der andern eine besondere Bedeutung und ein hohes Gewicht. Unter anderem redete er dem Major ein, daß er Porträts zu malen verstünde (den Arrestanten erzählte er dagegen, daß er ein Gardeleutnant gewesen sei), und der Major befahl, daß man ihn zur Arbeit zu ihm ins Haus schicke, natürlich, um ein Porträt des Majors selbst zu malen. Bei dieser Gelegenheit lernte A–ow den Burschen Fedjka kennen, der auf seinen Herrn und folglich auf alles und alle im Zuchthause einen außerordentlichen Einfluß hatte. A–ow spionierte auf Befehl des Majors bei uns, aber dieser ohrfeigte ihn, wenn er betrunken war, oder schimpfte ihn einen Spion und einen Angeber. Es kam vor, und sogar sehr oft, daß der Major, nachdem er ihn verprügelt, sich sofort auf einen Stuhl setzte und dem A–ow befahl, an seinem Porträt weiter zu malen. Unser Major glaubte anscheinend wirklich, daß A–ow ein hervorragender Künstler sei, fast ein Brjullow, von dem er gehört hatte; aber er hielt sich dennoch für berechtigt, ihn mit Ohrfeigen zu traktieren: »Du bist zwar ein Künstler, aber doch ein Zuchthäusler, und wenn du auch ein Erzbrjullow bist, so bin ich jedenfalls dein Vorgesetzter und kann mit dir alles tun, was mir paßt.« Unter anderm zwang er A–ow, ihm die Stiefel auszuziehen und aus seinem Schlafzimmer gewisse Gefäße hinauszutragen, konnte aber dabei doch lange nicht den Gedanken loswerden, daß A–ow ein großer Künstler sei. Das Malen des Porträts dauerte unendlich lange, fast ein ganzes Jahr. Der Major kam endlich dahinter, daß man ihn zum besten hielt und daß das Porträt nicht nur nicht vollendet, sondern von Tag zu Tag unähnlicher wurde. Er geriet in Wut, verprügelte den Künstler und schickte ihn zur Strafe ins Zuchthaus zu der schmutzigsten Arbeit. A–ow bedauerte sichtbar diese Wendung, und es war ihm schwer, auf die arbeitsfreien Tage, auf die Bissen vom Tische des Majors, auf die Freundschaft mit Fedjka und auf alle die Genüsse zu verzichten, die er mit dem letzteren in der Küche des Majors zu erfinden pflegte. Nach der Absetzung des A–ow hörte der Major jedenfalls auf, den Arrestanten M. zu verfolgen, den A–ow bei ihm fortwährend denunzierte, und zwar aus folgendem Grunde: Als A–ow ins Zuchthaus kam, war M. ganz allein, litt sehr unter der Einsamkeit, hatte keinen Verkehr mit den übrigen Arrestanten, blickte auf sie mit Entsetzen und Abscheu und übersah an ihnen das, was ihn mit ihnen hätte versöhnen können. Sie zahlten es ihm mit ihrem Haß. Überhaupt ist die Lage solcher Menschen wie M. im Zuchthause entsetzlich. Der Grund, weshalb man A–ow ins Zuchthaus verschickt hatte, war dem M. unbekannt. Als aber A–ow sah, was für einen Menschen er vor sich hatte, redete er ihm ein, daß man ihn wegen einer Sache verschickt habe, die einer Denunziation gerade entgegengesetzt sei, fast wegen des gleichen Vergehens wie den M. selbst, und M. war froh, einen Freund und Genossen gefunden zu haben. Er bemutterte und tröstete ihn in den ersten Tagen seines Zuchthauslebens, da er annahm, daß er entsetzlich leiden müsse, gab ihm sein letztes Geld, gab ihm zu essen und teilte mit ihm seine notwendigsten Sachen. Aber A–ow fing ihn gleich zu hassen an, nur weil M. ein anständiger Mensch war, weil er sich über jede Gemeinheit so entsetzte, weil er eben ganz anders war als er, A–ow; alles, was ihm M. in den früheren Gesprächen über das Zuchthaus und den Major gesagt hatte, hinterbrachte A–ow bei der ersten passenden Gelegenheit diesem letzteren. Der Major bekam eine entsetzliche Wut auf M., verfolgte ihn grausam und hätte ihn, wenn der Einfluß des Kommandanten nicht wäre, sicher zugrunde gerichtet. Als M. später von dieser Gemeinheit erfuhr, machte es auf A–ow nicht nur keinen Eindruck, sondern es freute ihn sogar, ihm spöttisch ins Gesicht zu schauen. Das verschaffte ihm sichtbaren Genuß. M. selbst machte mich darauf einigemal aufmerksam. Diese niederträchtige Kreatur entfloh später mit einem anderen Arrestanten und einem Begleitsoldaten, aber von dieser Flucht will ich ein anderes Mal erzählen. Anfangs umschmeichelte er auch mich, da er glaubte, daß ich von seiner Geschichte nichts wisse. Ich sage es noch einmaclass="underline" er vergiftete mir die ersten Tage meines Zuchthauslebens und verschärfte meine seelischen Qualen. Ich entsetzte mich vor dieser schrecklichen Niedertracht und Gemeinheit, in die ich hineingeraten war. Ich glaubte, daß hier alles so niederträchtig und gemein sei. Aber ich irrte mich, denn ich hatte alle nach diesem A–ow beurteilt.