Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Das Geld hatte, wie ich schon sagte, im Zuchthause eine große Bedeutung und stellte eine Macht dar. Man darf positiv sagen, daß ein Arrestant, der im Zuchthause auch nur etwas Geld besaß, zehnmal weniger zu leiden hatte, als einer, der nichts besaß, obwohl der letztere ja auch mit Kommißsachen versorgt wurde. Was braucht er also Geld? – sagten sich unsere Vorgesetzten. Ich aber sage wieder, daß die Arrestanten, wenn sie keine Möglichkeit hätten, eigenes Geld zu besitzen, entweder verrückt geworden oder wie die Fliegen gestorben wären (obwohl sie mit allem Notwendigen versorgt waren) oder schließlich unerhörte Verbrechen begangen hätten, – die einen einfach aus Langeweile, die andern, um so schnell wie möglich hingerichtet und vernichtet zu werden oder irgendwie »sein Schicksal zu verändern« (so lautete der technische Ausdruck. Daß der Arrestant, der mit blutigem Schweiße jede Kopeke verdient oder sich des Gelderwerbes wegen auf allerlei Listen einläßt, die oft mit Diebstahl und Betrug verbunden sind, dieses Geld mit einem so kindlichen Leichtsinn ausgibt, ist gar kein Beweis dafür, daß er das Geld nicht schätzt, selbst wenn es auf den ersten Blick so erscheinen mag. Die Geldgier eines Arrestanten ist direkt krankhaft und grenzt an Wahnsinn, und selbst wenn er es wie Hobelspäne um sich wirft, so gibt er es doch für etwas aus, was er um eine Stufe höher stellt als das Geld. Was ist aber für den Arrestanten höher als Geld? Die Freiheit oder der Traum von der Freiheit. Die Arrestanten sind große Träumer. Darüber werde ich noch später sprechen, jetzt will ich aber nur noch eines erwähnen: wird es mir jemand glauben wollen, daß ich unter den für zwanzig Jahre Verschickten solche sah, die mir vollkommen ruhig sagten: »Warte nur, so Gott will, sitze ich meine Zeit ab, und dann...« Das Wort »Arrestant« bedeutet ja einen Menschen ohne Willen, wenn er aber Geld ausgibt, handelt er schon nach eigenem Willen. Trotz aller Brandmale, Ketten und der verhaßten Palisaden des Zuchthauses, die vor ihm die Welt Gottes verdecken und ihn wie ein wildes Tier im Käfig einschließen, kann er sich doch Branntwein kaufen, der einen streng verbotenen Genuß bedeutet, er kann sich auch mit dem schönen Geschlecht einlassen, kann sogar manchmal (wenn auch nicht immer) seine unmittelbaren Vorgesetzten, die Invaliden und selbst den Unteroffizier bestechen, die dann ein Auge zudrücken, wenn er die Vorschriften und die Disziplin verletzt; er kann sogar obendrein so tun, als fürchte er sie nicht: das tut aber ein Arrestant furchtbar gern, d.h. er kann vor seinen Kameraden damit prahlen und es sogar sich selbst, wenigstens für einige Zeit, einreden, daß er unvergleichlich mehr eigenen Willen und Macht habe, als es scheine; mit einem Worte, er kann prassen, Skandal machen, einen andern auf die gemeinste Weise behandeln und ihm beweisen, daß er dies alles dürfe, daß er die Gewalt dazu habe, d.h. sich selbst etwas einzureden, woran der arme Teufel nicht mal zu denken wagt. Das ist übrigens vielleicht der Grund dafür, daß die Arrestanten, selbst wenn sie nüchtern sind, allgemein eine Neigung zum Prahlen und zu einer komischen und naiven, völlig unbegründeten Selbstüberhebung zeigen. Schließlich ist jede Ausschweifung immer mit einem Risiko verbunden, also erinnert das alles wenigstens entfernt an das freie Leben. Was gibt aber der Mensch für seine Freiheit nicht alles her? Welcher Millionär, dem man die Kehle mit einer Schlinge zuschnürte, würde nicht alle seine Millionen für einen einzigen Atemzug hergeben?
Die Vorgesetzten wundern sich manchmal, daß ein Arrestant, der einige Jahre so friedlich und musterhaft gelebt und den man wegen seines guten Betragens zu einem Aufseher gemacht hat, plötzlich so mir nichts, dir nichts, als wäre in ihn der Teufel gefahren, über die Schnur haut, Radau macht, um sich schlägt und zuweilen sogar ein Kriminalverbrechen riskiert: entweder sich offen der Obrigkeit widersetzt, oder jemand ermordet oder vergewaltigt usw. Sie wundern sich alle darüber. Dabei ist aber dieser plötzliche Ausbruch in dem Menschen, von dem man es am allerwenigsten erwartet hätte, nur eine krampfhafte Behauptung seiner Persönlichkeit, eine instinktive Sehnsucht nach einem eigenen Ich, der Wunsch, sich irgendwie zu äußern und seine unterdrückte Individualität zu zeigen, ein Drang, der sich bis zur Wut, bis zur Raserei, bis zum Wahnsinn, bis zu einem Krampfe steigern kann. So klopft vielleicht ein lebendig Begrabener, wenn er im Sarge erwacht, gegen den Sargdeckel und bemüht sich, ihn aufzuheben, obwohl die Vernunft ihm sagen müßte, daß alle seine Bemühungen vergeblich sein würden. Aber das ist es eben, daß die Vernunft hier nicht mitzureden hat: es ist ein krampfhafter Anfall. Wir müssen ferner bedenken, daß fast jede willkürliche Äußerung seiner Persönlichkeit bei einem Arrestanten als ein Verbrechen angesehen wird; darum macht er natürlich keinen Unterschied zwischen einer großen oder kleinen Äußerung. Wenn er schon prassen will, dann auch ordentlich, wenn er etwas riskiert, dann gleich alles, selbst einen Mord. Es genügt ja schon der Anfang: der Mensch gerät dann in einen Rausch und läßt sich nicht mehr zurückhalten! Darum wäre es unbedingt besser, ihn nicht soweit kommen zu lassen. Dann hätten alle mehr Ruhe.
Ja, aber wie das machen?
VI
Der erste Monat
Bei meinem Eintritt ins Zuchthaus besaß ich einiges Geld; in der Tasche hatte ich nur wenig, aus Furcht, daß es mir weggenommen werden könnte, aber ich hatte mir für jeden Fall in den Einbanddeckel des Neuen Testaments, das ich ins Zuchthaus mitnehmen durfte, einige Rubel versteckt, d.h. eingeklebt. Dieses Buch mit dem in seinem Einbande eingeklebten Gelde hatten mir zu Tobolsk gewisse PersonenDostojewskij bekam zu Tobolsk von den Frauen der »Dekabristen«, die ihren 1825 verbannten Männern freiwillig nach Sibirien gefolgt waren, ein Neues Testament geschenkt. Anm. d. Ü. geschenkt, die gleich mir in der Verbannung schmachteten, die ihre Zeit schon nach Jahrzehnten zahlten und darum schon längst gewohnt waren, in jedem Unglücklichen einen Bruder zu sehen. Es gibt in Sibirien stets einzelne Personen, die es sich zum Lebensziel gemacht haben, die »Unglücklichen« brüderlich zu behandeln und um sie völlig uneigennützig wie um leibliche Kinder zu sorgen. Ich kann nicht umhin, hier ganz kurz eine Begegnung dieser Art zu schildern. In der Stadt, in der sich unser Zuchthaus befand, lebte eine Witwe namens Nastasja Iwanowna. Natürlich konnte während unseres Aufenthaltes im Zuchthaus niemand von uns ihre persönliche Bekanntschaft machen. Sie hatte es sich anscheinend zur Lebensaufgabe gemacht, den Verbannten zu helfen, für uns sorgte sie aber mehr als für die andern. Ich weiß nicht, ob nicht auch in ihrer eigenen Familie ein ähnliches Unglück passiert war, oder ob jemand von den ihr teueren und nahestehenden Menschen wegen eines ähnlichen Vergehens verurteilt worden war, aber sie hielt es jedenfalls für ein besonderes Glück, für uns alles zu tun, was sie nur konnte. Viel konnte sie natürlich nicht machen; sie war sehr arm. Aber wir fühlten dennoch, solange wir im Zuchthause saßen, daß wir außerhalb des Zuchthauses einen uns ergebenen Freund hatten. Unter anderm übermittelte sie uns oft Nachrichten, nach denen wir uns sehr sehnten. Als ich das Zuchthaus verließ, suchte ich sie, vor der Übersiedlung in eine andere Stadt, auf und machte ihre persönliche Bekanntschaft. Sie lebte in der Vorstadt bei ihren nahen Verwandten. Sie war weder alt noch jung, weder hübsch noch häßlich; man konnte sogar schwer feststellen, ob sie klug und gebildet war. Man merkte an ihr nur eine grenzenlose Güte, ein unüberwindliches Verlangen, das Schicksal der anderen zu erleichtern und ihnen etwas Angenehmes zu tun. Dies alles konnte man in ihren stillen, guten Blicken lesen. Ich verbrachte bei ihr mit einem ehemaligen Zuchthausgenossen einen ganzen Abend. Sie blickte uns immer in die Augen, lachte, wenn wir lachten, stimmte eiligst allem bei, was wir sagten, und gab sich die größte Mühe, uns auf jede Weise zu bewirten. Sie traktierte uns mit Tee, kaltem Imbiß und Süßigkeiten, und wenn sie Tausende hätte, so würden sie ihr, wie ich glaube, nur darum Freude machen, weil sie uns dann noch mehr Gefälligkeiten erweisen und das Los unserer im Zuchthause zurückgebliebenen Genossen noch mehr erleichtern könnte. Beim Abschied gab sie einem jeden von uns ein Zigarettenetui zum Andenken. Diese Etuis hatte sie für uns eigenhändig aus Karton angefertigt (über die Güte der Arbeit will ich nichts sagen), und mit buntem Papier beklebt, mit dem gleichen Papier, in das gewöhnlich die Rechenbücher für die Volksschulen gebunden werden (vielleicht hatte sie für die Etuis tatsächlich so ein Rechenbuch verwendet). Beide Etuis waren ringsherum mit einer schmalen Borte aus Goldpapier verziert, das sie vielleicht eigens zu diesem Zwecke in einem Laden gekauft hatte. »Sie rauchen ja Zigaretten, vielleicht werden Sie die Etuis brauchen können,« sagte sie schüchtern, als wollte sie sich wegen des Geschenks entschuldigen... Manche sagen (ich habe es gehört und auch gelesen), daß die höchste Nächstenliebe zugleich den größten Egoismus bedeute. Worin aber hier der Egoismus stecken soll, kann ich unmöglich begreifen.