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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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Die andere Arbeit, die ich zu tun hatte, war, in der Tischlerwerkstätte das Rad an der Drehbank in Bewegung zu setzen. Das Rad war groß und schwer. Es war gar nicht leicht, es zu drehen, besonders wenn der Drechsler (einer von den Ingenieurhandwerkern) etwas wie eine Säule zu einem Treppengeländer oder ein Bein zu einem großen Tisch herstellte, einem ärarischen Möbelstück für irgendeinen Beamten, das fast einen ganzen Balken erforderte. In solchen Fällen hatte ein einzelner Mann nicht die Kraft, das Rad zu drehen, und zu dieser Arbeit wurden zwei kommandiert: ich und ein anderer Adliger, B. So blieb diese Arbeit mehrere Jahre hintereinander für uns reserviert, sooft es etwas zu drechseln gab. B. war ein schwächlicher, schmächtiger Mensch, noch jung, aber brustkrank. Er war ins Zuchthaus ein Jahr vor mir mit zwei seiner Genossen gekommen; der eine von diesen war ein alter Mann, der während seines ganzen Zuchthauslebens Tag und Nacht zu Gott betete (aus welchem Grunde ihn die anderen Arrestanten sehr achteten) und der zu meiner Zeit starb; der andere war aber noch sehr jung, frisch, rotbackig, stark und tapfer: dieser hatte auf dem Wege nach Sibirien den schon nach der halben Etappe erschöpften B. siebenhundert Werst weit getragen. Man muß gesehen haben, wie innig sie befreundet waren. B. war ein hochgebildeter Mensch, von einem edlen und schönen Charakter, der aber durch die Krankheit etwas verdorben und reizbar geworden war. Die Arbeit am Rade bewältigten wir zusammen, und sie amüsierte uns sogar. Für mich bedeutete sie eine vorzügliche Bewegung.

Besonders gern schaufelte ich Schnee. Das war gewöhnlich nach den Schneestürmen, die im Winter recht oft vorkamen. Nach so einem Schneesturm, der vierundzwanzig Stunden lang gewütet hatte, war manches Haus bis zur halben Fensterhöhe verweht und manches fast ganz eingeschneit. Wenn dann der Schneesturm aufhörte und die Sonne sich zeigte, wurden wir in großen Gruppen, manchmal sogar alle Insassen des Zuchthauses auf einmal hinausgetrieben, um die ärarischen Gebäude vom Schnee zu befreien. Ein jeder bekam eine Schaufel, allen zusammen wurde ein Pensum vorgeschrieben, das zuweilen so groß war, daß man sich wundern mußte, wie man es überhaupt erledigen konnte, und alle machten sich in schönster Eintracht an die Arbeit. Der lockere, frisch gefallene und oben leicht angefrorene Schnee ließ sich leicht in großen Stücken mit der Schaufel abheben und fortschleudern, wobei er sich noch in der Luft in glitzernden Staub verwandelte. Die Schaufel schnitt sich leicht in die weiße in der Sonne glänzende Masse ein. Den Arrestanten machte diese Arbeit fast immer Freude. Die frische Winterluft und die Bewegung erwärmten sie. Alle waren lustiger; man hörte Lachen, Schreien, Scherzen. Man begann sich mit Schneebällen zu bewerfen, was natürlich stets die Folge hatte, daß eine Minute darauf die Vernünftigen, die sich über jedes Lachen und jede Heiterkeit entrüsteten, zu schreien anfingen, und die allgemeine Fröhlichkeit endete gewöhnlich mit einer Schimpferei.

Allmählich begann sich der Kreis meiner Bekanntschaften zu erweitern. Übrigens ging ich damals neuen Bekanntschaften gar nicht nach: ich war noch unruhig, düster und mißtrauisch. Meine Bekanntschaften entstanden ganz von selbst. Unter den Ersten besuchte mich der Arrestant Petrow. Ich sage »besuchte« und betone dieses Wort ganz besonders. Petrow wohnte in der Besonderen Abteilung in der von mir am weitesten entfernten Kaserne. Anscheinend hatte es doch zwischen uns keinerlei Verbindung geben können; wir hatten nichts Gemeinsames und konnten auch nichts gemein haben. Dennoch hielt es Petrow in dieser ersten Zeit gleichsam für seine Pflicht, fast jeden Tag zu mir in die Kaserne zu kommen oder mich in der arbeitsfreien Zeit, wenn ich möglichst weit von aller Augen hinter den Kasernen herumging, anzusprechen. Anfangs war es mir unangenehm. Er verstand es aber so zu machen, daß seine Besuche mich sogar zerstreuten, obwohl er durchaus kein besonders mitteilsamer oder gesprächiger Mensch war. Was sein Äußeres betrifft, so war er klein gewachsen, kräftig gebaut, gewandt und behend, hatte ein recht angenehmes blasses Gesicht mit breiten Backenknochen und weißen, kleinen, dicht beieinanderstehenden Zähnen und hielt stets eine Prise geriebenen Tabak hinter der Unterlippe. Tabak hinter der Lippe zu haben, war bei vielen Zuchthäuslern Sitte. Er sah jünger aus, als er in Wirklichkeit war. Er war an die vierzig Jahre alt, sah aber dreißigjährig aus. Er sprach mit mir immer höchst ungezwungen und benahm sich mir gegenüber so, als ob er auf der gleichen Stufe wie ich stünde, d.h. außerordentlich anständig und taktvoll. Wenn er z.B. merkte, daß ich allein sein wollte, so sprach er mit mir nur an die zwei Minuten und verließ mich dann sofort; jedesmal dankte er mir für meine Aufmerksamkeit, was er natürlich sonst bei keinem anderen Menschen im Zuchthause tat. Es ist interessant, daß dieses Verhältnis zwischen uns nicht nur in den ersten Tagen bestand, sondern mehrere Jahre lang dauerte und fast niemals zu einem intimeren wurde, obwohl er tatsächlich an mir hing. Ich weiß auch jetzt nicht zu sagen, was er von mir eigentlich wollte und warum er jeden Tag zu mir kam. Er bestahl mich zwar später ab und zu, tat es aber immer irgendwie »zufällig«; um Geld bat er mich fast nie, folglich kam er zu mir nicht des Geldes oder irgendwelcher persönlichen Vorteile wegen.

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