Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
»Ich hab es euch schon gesagt, es gibt kein Pensum. Nehmt die Barke auseinander und geht heim. Anfangen!«
Sie machten sich endlich an die Arbeit, aber matt, lustlos und unzufrieden. Es war sogar ärgerlich, diesen Trupp kräftiger Arbeiter anzuschauen, die gar nicht zu wissen schienen, wie die Sache anzupacken. Kaum hatten sie angefangen, den ersten, kleinsten Querbalken herauszunehmen, als es sich zeigte, daß er brach, »ganz von selbst brach«, wie sie es dem Aufseher zur Rechtfertigung meldeten. Also konnte man auf diese Weise nicht arbeiten und mußte es irgendwie anders anfangen. Nun begann eine lange Unterhaltung darüber, was man jetzt anfangen solle. Natürlich ging die Unterhaltung allmählich in Schimpfereien über und drohte noch eine ganz andere Wendung zu nehmen... Der Aufseher schrie sie wieder an und schwang seinen Stock, aber das Querholz brach wieder. Schließlich stellte es sich heraus, daß man zu wenig Äxte hatte und noch mehr Werkzeuge holen mußte. Sofort wurden zwei Burschen unter Bewachung nach Werkzeugen in die Festung geschickt, die übrigen setzten sich aber in Erwartung ruhig auf die Barke, holten ihre Pfeifen heraus und begannen wieder zu rauchen.
Der Aufseher spuckte endlich aus.
»Ach, vor euch hat die Arbeit wahrhaftig keine Angst! Ach, seid ihr ein Volk!« brummte er böse, winkte dann resigniert mit der Hand und begab sich, sein Stöckchen schwingend, nach der Festung.
Nach einer Stunde kam der Zugführer. Nachdem er die Arrestanten ruhig angehört hatte, erklärte er, er gebe ihnen als Pensum auf, noch vier Querhölzer herauszunehmen, aber so, daß sie nicht mehr brächen, sondern ganz blieben, außerdem einen großen Teil der Barke auseinanderzunehmen; dann dürften sie nach Hause gehen. Das Pensum war groß, aber, mein Gott, mit welchem Eifer machten sie sich an die Arbeit! Wo war jetzt ihre Faulheit geblieben, wo ihre Ungeschicklichkeit! Die Äxte klopften, die Holzstifte wurden herausgedreht. Die übrigen schoben die dicken Stangen unter, stemmten sich mit zwanzig Händen dagegen und brachen die Querhölzer heraus, die sich jetzt zu meinem Erstaunen vollkommen unversehrt herausbrechen ließen. Die Arbeit kochte nur so. Alle schienen plötzlich bedeutend klüger geworden zu sein. Man hörte kein überflüssiges Wort, kein Schimpfen, ein jeder wußte, was er zu tun und zu sagen hatte, wo er sich hinstellen und was er für einen Rat geben sollte. Genau eine halbe Stunde vor dem Trommelsignal war die Arbeit beendet, und die Arrestanten gingen nach Hause, müde, aber höchst zufrieden, obwohl sie nur eine halbe Stunde gegen die vorgeschriebene Zeit gewonnen hatten. In bezug auf mich selbst machte ich aber folgende Beobachtung: wo ich ihnen auch zu helfen versuchte, war ich ihnen immer im Wege, ich störte überall, und sie jagten mich beinahe fluchend fort.
Jeder abgerissene Kerl, der selbst ein schlechter Arbeiter war und vor den anderen Zuchthäuslern, die geschickter und vernünftiger als er waren, nicht mal den Mund aufzutun wagte, hielt sich immer berechtigt, mich anzuschreien, wenn ich mich neben ihn stellte, unter dem Vorwande, daß ich ihn störe. Schließlich sagte mir einer von den geschickten Arbeitern grob ins Gesicht:
»Was drängen Sie sich vor, gehen Sie doch weg! Mischen Sie sich nicht ein, wo man Sie nicht bittet.«
»Da ist er in einen Sack geraten!« fiel ihm ein anderer ins Wort.
»Nimm lieber eine Sammelbüchse,« sagte mir ein Dritter, »und geh, Geld für Kirchenbau und Rauchtabak sammeln, hier hast du aber nichts zu tun.«
So mußte ich abseits stehen. Abseits zu stehen wenn die andern arbeiten, ist irgendwie beschämend. Als ich aber wirklich zur Seite trat und mich an das Ende der Barke stellte, fingen gleich alle zu schreien an:
»Was haben sie uns für Arbeiter gegeben, was ist mit solchen anzufangen? Mit ihnen ist nichts anzufangen!«
Dies alles wurde ja absichtlich gesagt, um die anderen zu amüsieren. Sie mußten doch einen ehemaligen Adligen ihre Gewalt fühlen lassen und freuten sich über diese Gelegenheit.
Jetzt ist es wohl verständlich, warum ich mich, wie ich schon sagte, bei meinem Eintritt ins Zuchthaus zu allererst fragte: wie soll ich mich benehmen und wie mich zu diesen Menschen stellen? Ich ahnte schon, daß ich mit ihnen bei der Arbeit noch oft solche Zusammenstöße erleben werde. Aber trotz aller Zusammenstöße entschloß ich mich, meinen Plan, den ich mir zum Teil schon zurechtgelegt hatte, nicht zu ändern; ich wußte, daß er der vernünftigste war. Ich hatte mich nämlich entschlossen, mich so einfach und unabhängig wie nur möglich zu geben, keinerlei besonderes Verlangen nach einer Annäherung mit ihnen zu zeigen und so zu tun, als merkte ich nichts, ihnen in gewissen Punkten in keiner Weise näher zu kommen und gewisse ihrer Gewohnheiten und Sitten durchaus nicht als selbstverständlich hinzunehmen, mit einem Worte, ihnen nicht als Kamerad näherzutreten. Ich erriet schon auf den ersten Blick, daß sie mich wegen solcher Annäherungsversuche selbst verachten würden. Und doch mußte ich nach ihren Begriffen (wie ich es später mit Gewißheit erfuhr), ihnen gegenüber meine adlige Abstammung betonen, d. h. einen verzärtelten und verwöhnten Menschen spielen, sie von oben herab ansehen und über sie lachen. So faßten sie eben das Wesen des Adels auf. Sie würden mich deswegen natürlich beschimpfen, aber dennoch in ihren Herzen achten. Eine solche Rolle entsprach mir aber nicht. Ich bin niemals ein Adliger, wie sie sich einen vorstellten, gewesen; dafür gab ich mir das Wort, meiner Bildung und Gesinnung durch keinerlei Konzessionen ihnen gegenüber etwas zu vergeben. Hätte ich ihnen zu Gefallen angefangen, mich bei ihnen einzuschmeicheln, ihnen in allen Dingen recht zu geben, mich auf einen vertrauten Fuß mit ihnen zu stellen und ihre Sitten anzunehmen, um ihre Zuneigung zu gewinnen, so hätten sie sofort geglaubt, daß ich es aus Furcht und Feigheit tue, und mich mit Verachtung behandelt. A–ow konnte nicht als Beispiel gelten: er verkehrte doch beim Major, und sie fürchteten ihn selbst. Andererseits wollte ich mich auch nicht in eine kalte und unnahbare Höflichkeit hüllen, wie es die Polen machten. Ich sah jetzt sehr gut, daß sie mich deswegen verachteten, weil ich genau so wie sie arbeiten wollte, weil ich nicht den Verwöhnten spielte und sie nicht meine Überlegenheit fühlen ließ; obwohl ich genau wußte, daß sie später ihre Meinung von mir würden ändern müssen, war mir der Gedanke, daß sie gleichsam ein Recht haben, mich zu verachten, in der Annahme, ich wollte mich bei der Arbeit bei ihnen einschmeicheln, dennoch sehr peinlich.
Als ich am Abend nach Beendigung der Nachmittagsarbeit müde und erschöpft ins Zuchthaus zurückkehrte, überkam mich ein drückendes Unlustgefühl. »Wie viele Tausende solcher Tage habe ich noch vor mir,« dachte ich mir, »immer die gleichen Tage!« In der Abenddämmerung trieb ich mich schweigend und allein längs des Zaunes hinter den Kasernen herum und erblickte plötzlich unsern Scharik, der auf mich zugelaufen kam. Scharik war unser Zuchthaushund, wie es ja auch Kompagniehunde, Batteriehunde und Schwadronshunde gibt. Er lebte im Zuchthause seit undenklichen Zeiten, gehörte niemand, hielt alle für seine Herren und nährte sich von den Küchenabfällen. Es war ein ziemlich großer Hofhund, schwarz mit weißen Flecken, nicht sehr alt, mit klugen Augen und einem buschigen Schweif. Niemand streichelte ihn, niemand schenkte ihm je Beachtung. Ich aber streichelte ihn gleich am ersten Tag und gab ihm ein Stück Brot aus der Hand. Als ich ihn streichelte, stand er still da, sah mich freundlich an und wedelte aus Freude leise mit dem Schwanze. Wenn er mich nun längere Zeit nicht sah, – den ersten Menschen, dem es seit so vielen Jahren eingefallen war, ihn zu streicheln, – lief er überall herum und suchte mich unter allen Arrestanten; wenn er mich hinter den Kasernen fand, rannte er mir winselnd entgegen. Ich weiß selbst nicht, wie mir geschah: ich umarmte seinen Kopf und begann ihn zu küssen; er legte mir die Vorderpfoten auf die Schultern und leckte mir das Gesicht. »Das ist also der Freund, den mir das Schicksal schickt!« sagte ich mir und ging später, in der ersten schweren Zeit, sobald ich von der Arbeit zurückkehrte, sofort hinter die Kaserne mit dem vor mir rennenden und vor Freude winselnden Scharik, umarmte seinen Kopf und küßte ihn, wobei mir ein süßes und zugleich qualvoll bitteres Gefühl das Herz beklemmte. Ich erinnere mich, wie angenehm es mir war, mir zu denken, als prahlte ich vor mir selbst mit meiner Qual, daß ich in der ganzen Welt nur noch ein einziges, mich liebendes, an mir hängendes Wesen habe, meinen Freund, meinen einzigen Freund, meinen treuen Hund Scharik.