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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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VII

Neue Bekanntschaften – Petrow

Aber die Zeit verging, und ich lebte mich allmählich ein. Mit jedem neuen Tag erschienen mir die gewöhnlichsten Erscheinungen meines neuen Lebens immer weniger befremdlich. Die Ereignisse, die Umgebung, die Menschen, alles kam mir schon irgendwie gewohnt vor. Mich mit diesem Leben zu versöhnen, war natürlich unmöglich, aber es als eine gegebene Tatsache anzuerkennen, war doch schon Zeit. Alle Zweifel, die in mir noch blieben, verbarg ich tief in mir. Ich trieb mich nicht mehr wie ein Verlorener im Zuchthause umher und ließ nichts von meinem Gram durchblicken. Die neugierigen Blicke der Arrestanten blieben nicht mehr so oft an mir haften, sie verfolgten mich nicht mehr mit einer so betonten Frechheit. Auch sie hatten sich wohl an meinen Anblick gewöhnt, worüber ich mich sehr freute. Ich bewegte mich im Zuchthause wie bei mir zu Hausse, kannte meinen Platz auf der Pritsche und hatte mich anscheinend sogar an solche Dinge gewöhnt, von denen ich nie erwartet hätte, daß man sich an sie gewöhnen kann. Regelmäßig einmal in der Woche ging ich hin, um mir den halben Kopf rasieren zu lassen. Jeden Sonnabend nach Feierabend rief man uns zu diesem Zweck einen nach dem andern aus dem Zuchthause auf die Hauptwache (wer sich nicht rasieren ließ, war dafür selbst verantwortlich), wo uns die Bataillonsbarbiere die Köpfe mit kaltem Schaum einseiften und erbarmungslos mit unglaublich stumpfen Rasiermessern schabten, so daß es mich auch jetzt noch bei der Erinnerung an diese Folter kalt überläuft. Bald fand sich übrigens eine Rettung: Akim Akimytsch empfahl mir einen Arrestanten aus der Militärabteilung, der für eine Kopeke jedermann mit seinem eigenen Messer rasierte, was sein Beruf war. Viele von den Zuchthäuslern gingen zu ihm, um dem amtlichen Barbier zu entrinnen, dabei war aber dieses Volk gar nicht verzärtelt. Den Arrestanten, der bei uns das Barbierhandwerk ausübte, nannte man »Major«, ich weiß selbst nicht warum und kann auch nicht sagen, was an ihm an einen Major erinnerte. Jetzt, wo ich dieses schreibe, sehe ich den Major lebhaft vor Augen: es war ein langer, hagerer, schweigsamer Bursche, ziemlich dumm, ewig in seine Beschäftigung vertieft und stets mit einem Riemen in der Hand, auf den er Tag und Nacht sein ungewöhnlich abgewetztes Messer strich; er ging in seiner Tätigkeit ganz auf und hielt sie offenbar für seinen Lebenszweck. Er war in der Tat äußerst zufrieden, wenn das Messer gut war und sich jemand von ihm rasieren ließ; sein Seifenschaum war warm, seine Hand leicht und sein Rasieren wie Samt. Er fand in seiner Tätigkeit offensichtlich Genuß und war auf seine Kunst stolz; die Kopeke nahm er gleichgültig in Empfang, als wäre für ihn die Hauptsache seine Kunst und nicht die Kopeke. A–ow erlebte einmal von unserm Platzmajor ein ordentliches Donnerwetter, als er bei einer seiner Denunziationen unsern Zuchthausbarbier erwähnte und ihn aus Versehen »Major« nannte. Der Platzmajor geriet in höchste Wut und war äußerst gekränkt. »Weißt du auch, Schurke, was ein Major ist!« schrie er mit Schaum vor dem Munde, während er A–ow auf gewohnte Weise verprügelte. »Verstehst du überhaupt, was ein Major ist! Du wagst noch, einen Zuchthäusler vor meinen Augen, in meiner Gegenwart einen Major zu nennen!...« Nur A–ow brachte es fertig, sich mit einem solchen Menschen zu vertragen.

Gleich am ersten Tage meines Zuchthauslebens fing ich an, von der Freiheit zu träumen. Die Berechnung, wann meine Zuchthausjahre ein Ende nehmen, wurde in tausenderlei Variationen und Anwendungen zu meiner Lieblingsbeschäftigung. Ich konnte sogar an nichts anderes denken, und bin überzeugt, daß es so einem jeden Menschen geht, der für einige Zeit der Freiheit beraubt ist. Ich weiß nicht, ob die andern Zuchthäusler die gleichen Berechnungen anstellten wie ich, aber der ungewöhnliche Leichtsinn ihrer Hoffnungen fiel mir gleich am ersten Tage auf. Die Hoffnung eines eingekerkerten, der Freiheit beraubten Menschen ist von ganz anderer Art als die eines in Freiheit lebenden. Der freie Mensch hofft natürlich auch (z.B. auf eine Wendung in seinem Schicksale, auf den Erfolg irgendeines Unternehmens), aber er lebt und handelt; das echte Leben zieht ihn stets in seinen Strudel hinein. Anders verhält es sich mit einem Eingekerkerten. Es ist allerdings auch ein Leben, ein Zuchthausleben; aber was für ein Mensch der Zuchthäusler auch sei und wie lange er auch im Zuchthause bleiben müsse, kann er instinktiv doch nie sein Schicksal als etwas Gegebenes, Endgültiges, als einen Teil des wirklichen Lebens hinnehmen. Jeder Zuchthäusler fühlt sich nicht »wie zu Hause«, sondern gleichsam zu Besuch. Zwanzig Jahre betrachtet er wie zwei Jahre und ist vollkommen überzeugt, daß er mit fünfundfünfzig Jahren beim Verlassen des Zuchthauses der gleiche forsche Kerl sein wird, wie er es jetzt mit fünfunddreißig ist. »Wir werden ja noch leben!« denkt er sich und vertreibt hartnäckig alle Zweifel und sonstige ärgerliche Gedanken. Selbst die auf Lebenszeit Verbannten, die Insassen der Besonderen Abteilung, glaubten manchmal, daß plötzlich ein Befehl aus Petersburg kommen würde, sie auf das Bergwerk von Nertschinsk zu versetzen und ihnen eine Frist zu bestimmen. Das wäre so schön: erstens dauert der Marsch nach Nertschinsk fast ein halbes Jahr, und auf so einer Wanderung hat man es viel besser als im Zuchthause! Zweitens wird die Frist in Nertschinsk einmal ein Ende nehmen, und dann... In solchen Hoffnungen wiegt sich aber manchmal ein Mann mit einem grauen Kopf!

In Tobolsk sah ich Leute, die an die Mauer angeschmiedet waren. So einer sitzt an einer etwa klafterlangen Kette und hat auch sein Lager in der Nähe. Man hat ihn an die Mauer geschmiedet, weil er schon in Sibirien irgendein außerordentliches Verbrechen begangen hat. So sitzen sie fünf Jahre an der Kette, auch zehn Jahre. Zum größten Teil sind es Raubmörder. Nur einen sah ich darunter, der aus besserem Stande zu stammen schien; er hatte irgendeinmal irgendwo gedient. Er sprach still, im Flüsterton, mit einem süßlichen Lächeln. Er zeigte uns seine Kette und erklärte uns, wie man sich mit ihr am bequemsten auf sein Lager legen könne. Wird wohl ein netter Vogel gewesen sein! Sie alle führen sich im allgemeinen ruhig auf und scheinen zufrieden, aber ein jeder sehnt sich danach, seine Frist abzusitzen. Was winkt ihm denn dann? Er wird dann das stickige Zimmer mit den stinkenden Wänden und der niederen Ziegeldecke verlassen und einmal durch den Zuchthaushof gehen, und das ist alles. Aus dem Zuchthause selbst wird er aber niemals herauskommen. Er weiß es und will doch furchtbar gern seine Kettenfrist bis an ihr Ende in Fesseln im Zuchthause bleiben müssen. Er weiß es und doch will er furchtbar gern seine Kettenfrist absitzen. Könnte er denn ohne diese Sehnsucht die fünf oder sechs Jahre an der Kette sitzen, ohne daran zu sterben oder verrückt zu werden? Würde er überhaupt noch sitzen?

Ich fühlte, daß die Arbeit mich retten, meine Gesundheit und meinen Körper stärken könnte. Die ewige seelische Unruhe, die gereizten Nerven, die muffige Luft der Kaserne könnten mich vollständig umbringen. So oft wie möglich in der freien Luft sein, jeden Tag müde werden, sich gewöhnen, Lasten zu schleppen, – wenn ich das könnte, wäre ich gerettet, – sagte ich mir, – so kräftige ich meine Gesundheit und verlasse das Zuchthaus gesund, rüstig, stark und nicht gealtert. Ich hatte mich nicht geirrt: die Arbeit und die Bewegung waren mir äußerst nützlich. Mit Entsetzen beobachtete ich einen meiner Genossen (adliger Abstammung), der im Zuchthause wie ein Licht erlosch. Er hatte es zugleich mit mir, noch jung, schön und rüstig, betreten, verließ es aber halb gebrochen, ergraut, unfähig zu gehen und von Atemnot geplagt. »Nein,« sagte ich mir, wenn ich ihn ansah, »ich will leben und werde leben.« Dafür hatte ich in der ersten Zeit wegen meiner Liebe zur Arbeit von den andern Arrestanten genug auszustehen, und sie verfolgten mich lange mit Verachtung und Spott. Aber ich schenkte niemand Beachtung und ging rüstig zu jeder Arbeit, z. B. zum Brennen und Zerstoßen von Alabaster; das war eine der ersten Arbeiten, die ich kennenlernte. Diese Arbeit ist leicht. Die Ingenieurbehörde ist immer geneigt, den Arrestanten adliger Abstammung die Arbeit nach Möglichkeit zu erleichtern, was aber durchaus keine Milde, sondern nur Gerechtigkeit bedeutet. Es wäre doch sonderbar, von einem Menschen, der nur halb so stark ist wie die andern und nie im Leben gearbeitet hat, die gleiche Leistung zu verlangen, wie sie von einem richtigen Arbeiter verlangt wird. Aber diese »Milde« wurde nicht immer geübt, und wenn sie geübt wurde, so heimlich: die anderen Arrestanten paßten ja scharf auf. Es kam recht oft vor, daß ich eine schwere Arbeit zu machen hatte, die für die Arrestanten adliger Abstammung eine doppelte Last bedeutete als für die übrigen. Zum Alabasterbrennen wurden gewöhnlich drei oder vier Mann geschickt, alte oder schwache Menschen, darunter natürlich auch wir; außerdem wurde uns ein Arbeiter, der die Sache verstand, mitgegeben. Mehrere Jahre hintereinander war es der gleiche Arrestant, namens Almasow, ein düsterer, hagerer, schon bejahrter Mensch von dunkler Gesichtsfarbe, wenig mitteilsam und ziemlich unfreundlich. Er verachtete uns tief. Im übrigen war er wortkarg und sogar zu faul, auf uns zu schimpfen. Der Schuppen, in dem der Alabaster gebrannt und gestoßen wurde, stand ebenfalls auf dem öden und steilen Flußufer. Im Winter, besonders an trüben Tagen, war der Anblick des Flusses und des fernen gegenüberliegenden Ufers äußerst langweilig. In dieser wilden, öden Landschaft lag etwas Trauriges und Herzbeklemmendes. Der Anblick war vielleicht noch unerträglicher, wenn auf die grenzenlose weiße Schneedecke grell die Sonne schien; dann hatte man den Wunsch, in diese Steppe davonzufliegen, die am andern Ufer begann und sich als ununterbrochene Fläche etwa anderthalb Tausend Werst weit gegen Süden hinzog. Almasow machte sich gewöhnlich schweigsam und mürrisch an die Arbeit; wir fühlten uns gleichsam beschämt, weil wir ihm nicht ordentlich helfen konnten, er aber machte absichtlich alles allein und verlangte von uns keinerlei Hilfe, als wollte er, daß wir unsere Schuld ihm gegenüber fühlten und unsere eigene Unfähigkeit bereuten. Es galt übrigens nur den Ofen einzuheizen, um den Alabaster, den wir selbst hineingetan hatten, zu brennen. Am anderen Tage, wenn der Alabaster gargebrannt war, wurde er aus dem Ofen herausgenommen. Ein jeder von uns nahm einen schweren Holzhammer, füllte eine eigene Kiste mit Alabaster und begann ihn zu zerkleinern. Das war eine höchst angenehme Arbeit. Der spröde Alabaster verwandelte sich schnell in glänzenden weißen Staub und ließ sich so schön und leicht zerstoßen. Wir schwangen die schweren Hämmer und machten einen solchen Lärm, daß es uns selbst eine Freude war. Zuletzt wurden wir müde, fühlten uns aber zugleich erleichtert; die Wangen röteten sich, das Blut zirkulierte schneller in den Adern. Nun fing auch Almasow an, uns mit einer gewissen Herablassung zu behandeln, wie man eben kleine Kinder behandelt; er rauchte herablassend sein Pfeifchen, konnte aber doch nicht umhin, zu brummen, wenn er etwas sagen mußte. Übrigens benahm er sich so allen Leuten gegenüber und war wohl im Grunde ein guter Mensch.

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