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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Sind Sie der Oberst?« schrie der Stabsoffizier mit deutschem Akzent und einer Stimme, die dem Fürsten Andrej bekannt war. »In Ihrer Gegenwart werden Häuser angezündet, und Sie stehen dabei? Was soll das heißen? Sie werden sich dafür zu verantworten haben!« schrie Berg, der die Stellung eines Gehilfen des Stabschefs des obersten Befehlshabers am linken Flügel der Infanterietruppen der ersten Armee innehatte, ein recht angenehmer Posten, wo man zur Geltung kommt, wie Berg selber sagte.

Fürst Andrej warf ihm einen Blick zu und fuhr dann, ohne ihm eine Antwort zu geben, an Alpatytsch gewandt, fort: »Bestelle also, daß ich bis zum zehnten auf Antwort warten werde. Wenn ich bis zum zehnten keine Nachricht erhalten habe, werde ich alles stehen und liegen lassen und selber nach Lysyja-Gory kommen.«

»Ich habe Ihnen das nur deshalb gesagt, Fürst«, fing Berg an, nachdem er den Fürsten Andrej erkannt hatte, »weil ich meinen Befehl ausführen mußte, dem ich immer aufs genaueste nachkomme. Entschuldigen Sie, bitte …« suchte sich Berg zu rechtfertigen.

Da prasselte etwas ins Feuer. Die Flammen legten sich einen Augenblick; schräge Dampf Schwaden drangen unter dem Dach hervor. Dann fing es noch ärger zu prasseln an, und etwas Gewaltiges stürzte herab.

»Uh-u-u-uuh!« brüllte die Menge und begleitete damit das Krachen des einstürzenden Speicherdaches. Das verbrennende Getreide roch wie frischgebackene Pfannkuchen. Die Flamme züngelte wieder auf und beleuchtete die freudig erregten und erschöpften Gesichter der Leute, die das Feuer umstanden.

Der Mann im Friesmantel hob die Hände hoch und schrie: »Großartig! Das Feuer greift um sich! Recht so, Kinder!«

»Das ist der Besitzer selber«, hörte man aus der Menge.

»Also höre«, sagte Fürst Andrej zu Alpatytsch gewandt, »bestelle alles, wie ich es dir gesagt habe!« Und ohne Berg eine Antwort zu geben, der schweigend neben ihm wartete, spornte er sein Pferd und ritt eine Quergasse hinunter.

5

Von Smolensk aus wichen unsere Truppen immer weiter zurück. Der Feind setzte ihnen nach. Am 10. August kam das Regiment, das Fürst Andrej kommandierte, auf seinem Marsch die große Straße entlang an dem Seitenweg vorbei, der nach Lysyja-Gory führte.

Über drei Wochen herrschte nun schon Hitze und Trockenheit. Jeden Tag zeigten sich am Himmel krause Wolken, die ab und zu die Sonne verdeckten, aber gegen Abend wurde es dann immer wieder klar, und in rotbraunem Dunst ging die Sonne unter. Nur der starke Tau nachts erfrischte die Erde. Das nicht abgeerntete Getreide verdorrte und verlor seine Körner. Die Sümpfe trockneten aus. Das Vieh brüllte vor Hunger, da es auf den von der Sonne versengten Wiesen kein Futter fand. Nur nachts und in den Wäldern, solange der Tau noch haftete, war es kühl. Aber auf der Straße, auf der großen Landstraße, auf der die Truppen marschierten, war weder des Nachts noch in den Wäldern etwas von dieser Frische zu bemerken. In dem Sand und Staub, der fußhoch den Weg bedeckte, war nichts von Tau zu spüren.

Sobald es morgens nur zu dämmern anfing, setzte sich alles in Bewegung. Lautlos rollte der Train und die Artillerie, bis an die Naben der Räder einsinkend, weiter, während die Infanterie bis an die Knöchel durch den weichen, heißen Staub watete, der sich auch über Nacht nicht abgekühlt hatte und den Atem benahm. Teilweise wurde dieser sandige Staub von den Füßen und Rädern festgestampft, teilweise aber auch aufgewirbelt, lagerte nun in dichten Wolken über den Truppen und setzte sich in die Augen, in die Haare, in die Ohren, in die Nasen und vor allem in die Lungen der Menschen und Tiere, die auf diesem Weg entlang zogen. Je höher die Sonne stieg, um so höher wurden auch die Staubwolken, und durch diesen feinen heißen Staub konnte man mit bloßem Auge in die Sonne sehen, auch wenn sie nicht von Wolken verhüllt war. Sie sah aus wie ein großer purpurner Ball. Kein Lüftchen regte sich; die Leute erstickten fast in dieser schwülen Luft. Alle hatten sich auf dem Marsch Nase und Mund mit Tüchern zugebunden. Kam man in ein Dorf, so stürzte alles an den Brunnen. Man schlug sich um das Wasser und trank es bis zum Schlamm aus.

Fürst Andrej kommandierte ein Regiment, und wurde durch die Leitung, die Sorge für das Wohlergehen seiner Mannschaften sowie durch die Notwendigkeit, Befehle zu empfangen und zu erteilen, gänzlich in Anspruch genommen. Der Brand von Smolensk und die Preisgabe der Stadt waren für den Fürsten Andrej zu einem entscheidenden Ereignis geworden. Ein neues Gefühl der Erbitterung gegen den Feind machte ihn seinen eignen Kummer vergessen. Er gab sich ganz den Angelegenheiten seines Regimentes hin, sorgte für seine Leute und Offiziere und behandelte sie freundlich. Man nannte ihn ›unser Fürst‹ im Regiment, war stolz auf ihn und hatte ihn gern. Aber sanft und gut war er nur gegen die Leute seines Regiments, gegen Timochin und seinesgleichen, gegen alle, die ihm fremd waren, seinen Kreisen fernstanden und von seiner Vergangenheit nichts wissen und begreifen konnten. Sobald er aber mit einem seiner früheren Bekannten, einem Kameraden vom Stab, zusammentraf, zeigte er sich widerborstig, boshaft, spöttisch und verächtlich. Alles, was mit der Erinnerung an seine Vergangenheit zusammenhing, stieß ihn ab, und er mußte sich Gewalt antun, den Beziehungen zu dieser früheren Welt gerecht zu werden und seine Pflichten gegen sie zu erfüllen.

Überhaupt erschien dem Fürsten Andrej alles in düstrem, trübem Licht, besonders seit jenem 6. August, an dem man Smolensk geräumt hatte, das seiner Ansicht nach hätte gehalten werden können und müssen, nachdem sein kranker Vater genötigt gewesen war, nach Moskau zu fliehen und sein so sehr geliebtes Lysyja-Gory, das er selber erbaut und besiedelt hatte, der Plünderung preiszugeben. Aber trotz alledem konnte Fürst Andrej doch noch an etwas anderes denken, was mit diesen allgemeinen Fragen gar nicht in Zusammenhang stand: an sein Regiment.

Am 10. August kam die Abteilung, zu der sein Regiment gehörte, in der Nähe von Lysyja-Gory vorüber. Zwei Tage vorher hatte Fürst Andrej die Nachricht erhalten, daß sein Vater, sein Sohn und seine Schwester nach Moskau abgefahren seien. Obgleich somit Fürst Andrej in Lysyja-Gory gar nichts zu tun hatte, entschloß er sich, da er nun einmal dazu neigte, in seinem Schmerz zu wühlen, dennoch nach Lysyja-Gory hinüberzureiten.

Er ließ sich ein Pferd satteln und ritt, von der Marschroute seitwärts abbiegend, zu dem väterlichen Gute hinüber, wo er geboren war und seine Kindheit verlebt hatte. Als er an dem Teich vorbeiritt, wo sonst immer Dutzende von Weibern unter eifrigem Schwatzen ihre Wäsche mit Waschhölzern schlugen und dann spülten, bemerkte er, daß der Teich ganz verlassen dalag und das losgerissene Floß, halb vom Wasser überschwemmt, seitlich auf der Mitte des Teiches trieb.

Fürst Andrej ritt am Wächterhäuschen vorbei. Am steinernen Eingangstor war kein Mensch und die Tür stand offen. Die Wege im Garten waren schon verwachsen, und Kälber und Pferde weideten im englischen Park. Fürst Andrej ritt an die Gewächshäuser heran: die Scheiben waren eingeschlagen, einige von den Bäumen in den Kübeln umgeworfen, andere vertrocknet.

Er rief nach Taras, dem Gärtner. Niemand antwortete ihm. Als er dann um die Treibhäuser herum zu den Obstanpflanzungen kam, sah er, daß der Bretterzaun am Boden lag und die Pflaumen mit den Zweigen abgerissen waren.

Ein alter Bauer – Fürst Andrej hatte ihn in seiner Kindheit oft am Tor gesehen – saß auf der grünen Bank und flocht Bastschuhe. Da er taub war, hatte er das Heranreiten des Fürsten Andrej nicht gehört. Er saß auf jener Bank, auf der der alte Fürst immer gern gesessen hatte, und neben ihm hing der Bast auf den Zweigen einer abgebrochenen, verdorrten Magnolie.

Fürst Andrej ritt vor das Herrenhaus. Ein paar Linden im alten Garten waren umgehauen, und eine Mutterstute mit ihrem Füllen spazierte dicht vor dem Haus durch die Rosenbeete. Alle Läden waren geschlossen; nur im Erdgeschoß stand ein Fenster offen. Ein Hofjunge rannte ins Haus, als er den Fürsten Andrej bemerkte.

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